An Environmental History of Medieval Europe

Title
An Environmental History of Medieval Europe.


Author(s)
Hoffmann, Richard Charles
Published on
Extent
409 S.
Price
$ 27.99
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Wolfgang Gruber, Universität Wien / Centre for Development Research, University of Natural Resources and Life Sciences Vienna

Richard C. Hoffmann hat ohne Zweifel eine gewissenhafte und höchst fundierte Recherche unternommen und kann auf eine lange einschlägige Publikationsliste im Arbeitsgebiet verweisen. Der Band bringt die Forschung des Autors von mehr als einem Jahrzehnt zur mittelalterlichen europäischen Umweltgeschichte zusammen und versucht die Beziehungen zwischen Menschen und der Umwelt in der westlichen mittelalterlichen Welt zwischen 450 und 1550 zu verstehen.[1] Dieses Buch kann als Beweis dafür gelten, dass Interdisziplinarität nicht nur „mühsam“ ist, sondern hochwertige Ergebnisse und neue Perspektiven liefern kann.

Das Buch bietet der Zielgruppe, den (zukünftigen) HistorikerInnen, eine breite Palette an Vertiefungsmöglichkeiten, ermöglicht aber auch Kollegen aus anderen Fächern einen Einstieg in das Thema.. Der Handapparat von wenigen Fußnoten im Fließtext, aber einer Auswahl von weiterführenden Leseempfehlungen zu den jeweiligen Kapiteln am Ende des Buches ist positiv hervorzuheben, da er den Lesefluß nicht unterbricht. Der Index ist in Bezug auf den Ausweis einzelner Gattungen defizitär, er enthält vor allem Sammelbezeichnungen wie aquatisch-lebende Tiere. Es sind Karten abgedruckt, die auf die verwendeten geographischen Bezeichnungen verweisen, es gibt Abbildungen zur eingänglicheren Erklärung von komplexen Inhalten oder Objekten sowie schwarz-weiss Fotografien von heutigen Örtlichkeiten.

Inhaltlich behandelt Hoffmann in zehn Kapiteln und einer Einleitung, in der er gründlich die theoretische Fundierung seines Buch bespricht, die europäische Umweltgeschichte von zehn Jahrhunderten. Positiv hervorzuheben ist dabei, dass der Autor durchgängig konkrete und originelle Fallbeispiele gibt. Das theoretische Fundament verdient eine Würdigung, da Hoffmann eine Paradigmenerweiterung für die junge Disziplin Umweltgeschichte vorschlägt. Deren Kern ist die dialektische Verzahnung von Kultur und Natur (anschaulich gemacht durch eine Reihe komplexer werdender Venn-Diagramme (S. 7ff.)), mit dem Argument, dass Primärquellen nur in wenigen Fällen ausschließlich über die Umwelt berichten. Hoffmann geht es darum, benachbarte Disziplinen einzubeziehen und einen neuen Blick auf wissenschaftliche Beweise zu legen (S.14f.). Teils unbeabsichtigtes und unbewußtes menschliches Handeln, das die Landschaft veränderte und neue Flora und Fauna einführte, haben das mittelalterliche Europa stark geprägt, wobei dies den zeitgenössischen Quellen naturgemäß nur bedingt bewusst sein konnte, in er Retrospektive jedoch evident ist. Deshalb ist es ratsam, dass zukünftige UmwelthistorikerInnen schriftliche, aber auch andere Quellen und Artefakte mit einer weiter eingestellten Linse untersuchen. Ebenso lenkt Hoffmann das Augenmerk auf die durch den beständigen Klimawandel ausgelösten Veränderungen im Leben der Menschen, und so sieht er Erdbeben und Vulkanausbrüche nicht nur als singuläre Ereignisse, sondern im Zusammenhang mit größeren Prozessen. Dem Autor gelingt es bisher vielzitierte Argumente, wie etwa Lynn White´s Abneigung des Christentums der natürlichen Welt und deren Unterwerfung durch die Menschen [2] oder die These von Garret Hardin zur Tragik der Allmende [3], in Frage zu stellen.

Der Einleitung folgen zwei Kapitel zu den Anfängen des mittelalterlichen Europas, in denen u.a. der Übergang des römischen Reichs und des römischen Klimaoptimums dargelegt sowie die Anpassung der BewohnerInnen an klimatische Veränderungen beleuchtet wird. Als Fallbeispiele wählt Hoffmann dafür Friesland und Venedig, wo beide Kulturen einen überaus produktiven Umgang mit ihrer aquatischen Umgebung gefunden haben (S. 71ff). Im dritten Kapitel geht es um die geistigen Grundlagen der Beziehung von Mensch und Natur und wird besonders die Rolle der Religion des Christentums thematisiert. Im vierten Kapitel werden die beiden größten Veränderungen der mittelalterlichen Landschaft, der verstärkte Anbau von Getreide und die damit verbundenen Rodungen beschrieben. Beide sind neben anderen Einflüßen (wie der muslimisch geprägten „Grünen Revolution“, S.142ff.) Hauptgründe für die Bevölkerungszunahme und die weitere Landnahme in Europa. Im fünften und sechsten Kapitel werden die bestehenden Agrarökosysteme der größten Regionen diskutiert [4] sowie die Interaktionen der Menschen mit ihrer Umgebung, etwa anhand der Stadt-Land-Beziehung (bspw. S. 227ff.). Im Kapitel sieben geht es um die verschiedenen Zugänge zu Eigentum, die im mitttelalterlichen Europa bestanden und hier wird besonders die These der „Tragik der Allmende“ unter die Lupe genommen (S. 242). Kapitel acht gibt Einblicke in das lange Zeit stiefmütterlich behandelte Thema Krankheiten, wobei die Pest als „must have“-Thema jedes Mittelalterbandes behandelt wird, aber auch Lepra oder Malaria. Im vorletzten Kapitel wird der erneute klimatische Umschwung des mittelalterlichen Wärmeoptimums hin zur Kleinen Eiszeit genauer beleuchtet und mit einigen sehr eindrücklichen Fallbeispielen belegt, beispielweise wird der Fall der Wikinger in Grönland untersucht (S. 334). [5] Im letzten Kapitel wird dann der sogenannte Columbian Exchange beschrieben, der unintendiert das Ende des bisherigen europäischen Mittelalters einläutete. Da die Folgen des Columbian Exchange ein gradueller Prozess waren, ist dieses Ende kein unmittelbares, jedoch ein unausweichliches, wobei die gesamte europäische Umwelt einem mehr oder weniger schnellen Transformationsprozess ausgesetzt war.[6]

Hoffmann bietet dankenswerter in diesem Buch keine einseitigen Erklärungsmodelle und bedient sich mehrerer Perpektiven sowie mannigfaltiger Quellen, um ein möglichst konzises Gesamtbild zu bekommen. Für ihn sind die handelnden Akteure des Mittelalters mit ihren jeweiligen Motiven überaus relevant. Ausdrücklich hebt er auch hervor, dass die mittelalterliche europäische Umweltgeschichte keine einzelne Geschichte darstellt, sondern vielmehr verschiedene Erzählstränge für sowohl kleinteilige als auch größere Areale aufweist (S. 372).

Positiv anzumerken ist, dass sich der Autor des Risikos bewußt ist, dass manche Argumentationsmuster in Richtung eines ökologischen Determinismus tendieren (S. 11). Als Wunsch für eine neue erweiterte Auflage darf eine breitere Aufnahme von (auch auch nicht-englischsprachiger) Literatur in den Quellenkorpus formuliert werden. Eine ausführlichere Beschäftigung mit vermeintlichen „Randgebieten“, wie dem muslimischen Spanien, Sizilien, der mediteranen Inselwelt, der orthodoxen Osthälfte Europas, wie Russland, Byzanz, Bulgarien wäre ebenfalls wünschenswert, wobei sich Hoffmann dieser eigenen Unzulänglichkeit des Buches durchaus bewusst ist und dies auch am Anfang erwähnt, dass all diese Gebiete nur sporadisch Erwähnung finden (S. 4). Einblicke in die nahe Peripherie gibt Hoffmann, wenn er die von Arabern ausgelöste „Grünen Revolution“ behandelt, die sich signifikant von der parallel stattfindenden „Getreiderevolution“ des westlichen lateinischen Christentums unterschied (S. 142ff). Eine stärkere globale Einbettung der Umweltgeschichte Europas wäre sinnvoll und ohne größere Schwierigkeiten machbar.[7]

Hoffmann´s „An Environmental of Medieval Europe“ darf zu den Monographien gezählt werden, die Meilensteine in diesem Fachbereich darstellen; es ist zu hoffen, dass ihr eine breite Rezeption zu teil und der Appell zu einer Erweiterung der mediävistischen Forschung Gehör findet: „Medievalists need to open their already multidisciplinary field of study to pervasive aspects of medieval life they have hitherto ignored [...] Medievalists asking new kind of questions and listening to a wider range of researchers in cognate fields will be able to their knowledge of medieval cultural artefacts to issues with wide-ranging resonance among other academics and a broader public.” (S. 377)

Notes:
[1] Curriculum Vitae von Richard Charles Hoffmann, S. 16.
[2] Lynn White, Jr., The Historical Roots of Our Ecological Crisis [with discussion of St Francis; reprint, 1967], S. 3ff.
[3] Garret Hardin, The Tragedy of Commons, in: Science, New Series, Vol. 162, No. 3859, 1968), pp. 1243-1248, here S. 1245.
[4] Zu aquatischen Ressourcen, die Hoffmann durchaus erschöpfender hätte behandeln können, seien folgende Werke angeraten: Jeremy B.C. Jackson / Karen E Alexander / Enric Sala (Hg.), Shifting Baselines. The Past and Future of Ocean Fisheries, Washington 2011; Roberts Callum, The Unnatural History of the Sea, Washington 2007.
[5] Einen neuen Zugang zur Thematik bieten u.a.: Karin M. Frei / Ashley N. Coutu / Konrad Smiarowski, Was it for walrus? Viking Age settlement and medieval walrus ivory trade, in: Iceland and Greenland. World Archaeology 47 (2015) 3, pp. 439-466.
[6] Ein sehr empfehlenswerter Artikel zum Thema Columbian Exchange und dessen Auswirkungen: Nathan Nunn / Nancy Qian, The Columbian Exchange: A History of Disease, Food, and Ideas, in: Journal of Economic Perspectives 24 (2010) 2, pp. 163-188.
[7] Um eine globalumweltgeschichtliche Einbettung bemüht ist beispielsweise: John R. McNeill / William H. McNeill, The Human Web. A Bird´s Eye View of World History, New York 2003.

Citation
Wolfgang Gruber: Rezension zu: Hoffmann, Richard Charles: An Environmental History of Medieval Europe. Cambridge 2014 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 20.10.2017, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-23636>.
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Published on
20.10.2017
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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