T. Strobel: Transnationale Wissenschafts- und Verhandlungskultur

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Title
Transnationale Wissenschafts- und Verhandlungskultur. Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission 1972–1990


Author(s)
Strobel, Thomas
Published on
Göttingen 2015: V&R unipress
Extent
378 S.
Price
€ 45,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Friedhelm Boll, Bonn

Die Schulbuchrevision mit Polen ist seit der Gründung der deutsch-polnischen Schulbuchkommission im Jahre 1972 eine bekannte zeitgeschichtliche Einrichtung, über die in der Presse wie auch in einschlägigen zeitgeschichtlichen und pädagogischen Zeitschriften immer wieder berichtet wurde. Trotz der Fülle der gedruckten Materialien (Empfehlungen, Tagungsbände, Aufsätze von Beteiligten) liegen nur wenige, partielle historiografische Arbeiten vor. Thomas Strobel hat nun eine Studie verfasst, in der die volle Breite der deutschen wie auch der polnischen Quellen dieser Einrichtung einschließlich erreichbarer Nachlässe, persönlicher Dokumentenbestände, Institutsüberlieferungen, staatlichen Archivalien der beiden Außen- bzw. Bildungsministerien, der Kultusministerkonferenz wie auch der Geheimdienste und 27 Interviews mit den wichtigsten Mitgliedern oder Kritikern ausgewertet werden. Schon allein dadurch ist dies eine einzigartige Untersuchung, die erstmals Entstehungsgeschichte und Institutionalisierung von den ersten Anfängen aus den 1950er-Jahren bis zur deutschen Vereinigung von 1990 umfasst. Die doppelte Sprachkompetenz des Autors wie auch die Fragestellung der Untersuchung machen diese Dissertation zu einer außergewöhnlichen Studie, der in zentralen Teilen Vorbildcharakter zukommt.

Nach dem ersten mit ausführlichen Methodenfragen angereicherten Einleitungskapitel folgen die Hauptkapitel. Im zweiten Kapitel werden die internationale Schulbuchrevision seit den 1920er-Jahren sowie die generelle Entwicklung der deutsch-polnischen Wissenschaftskontakte bis 1972 erläutert. Danach folgt ein Kapitel, das eine genaue Darstellung des politischen Rahmens der Wissenschaftskontakte enthält und in dem die institutionellen Grundlagen sowie die zeithistorischen Hintergründe wie auch die Hauptergebnisse (die so genannten Empfehlungen) beschrieben werden, bevor im letzten, umfangreichsten Kapitel die eigentlichen Verhandlungen mit Blick auf die autonom entwickelte Verfasstheit der Kommission, ihr bis heute gültiger Name (Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission), ihre Verfahrensnormen wie auch ihre Kommunikationskultur dargestellt werden. Bereits der Titel der Studie, „Transnationale Wissenschafts- und Verhandlungskultur“, verweist darauf, dass es dem Autor neben den Ergebnissen insbesondere darum ging, die Binnenprozesse der Kommission sowie ihre Verhandlungsprinzipien und ihre Kommunikationskultur (einschließlich von Störungen und Konflikten) darzustellen. Das Interessante an dieser Art der Untersuchung liegt in der Tatsache begründet, dass die in der Zeit der Ost-West-Konfrontation entstandene Institution wichtige Ergebnisse vorlegen und eine feste sowie gleichzeitig flexible Stabilität entwickeln konnte. Zweifellos hat die Weiterexistenz der Kommission nach 1990 viel mit der vorausgegangenen erfolgreichen Arbeit, aber auch mit den ungelösten Problemen zu tun. Es dürfte die einzige binationale Schulbuchkommission sein, die sich einen eigenen Namen und eine Homepage gab.[1]

In den beiden ersten Kapiteln legt der Autor neben methodischen, etwas zu ausführlichen Überlegungen zur Institutionensoziologie eine weite historische Strecke zurück, indem er ausgehend vom 19. Jahrhundert mit der engen Verzahnung von Nationalstaatsbildungen und Vermittlung nationalistischer Inhalte ausführlich die Schulbuchrevisionen der Zwischenkriegszeit behandelt. Neben den bilateralen Erfolgen in Skandinavien und Lateinamerika skizziert er die geringen Erfolge im deutsch-französischen und die Misserfolge im deutsch-polnischen Fall. Bei den deutsch-polnischen Gesprächen der 1930er-Jahre konnten immerhin gegensätzlichen Positionen sowie krasse wechselseitige Verzerrungen benannt werden.

Für die Zeit nach 1945 kommt der Autor zunächst auf die vorbildhafte, schon 1951 gegründete deutsch-französische Schulbuchkommission zu sprechen, die zwar an die Arbeiten von 1937 anknüpfen, die brisanten Themen wie Zweiter Weltkrieg, Holocaust, deutsche Kriegsverbrechen, Vichy-Regime, Fragen der Nachkriegsordnung und der allgemeinen Zeitgeschichte erst ab 1980 erfolgreich in den Blick nehmen konnte. Seitdem bildete sich ein immer wieder zu beobachtender Ablauf heraus, den Strobel dann auch genau analysiert: Nach einer Grundsatzvereinbarung der Außenministerien über die Zusammenarbeit folgten Austausch und Analyse der Schulbücher und – meist nach Jahren der Verhandlung – gemeinsam verabschiedete Empfehlungen. Nach deren Veröffentlichung wurde die Wirkung in den jeweiligen Schulbüchern beobachtet und analysiert. Man verzichtete auf verpflichtende Einhaltung der Empfehlungen, obwohl die polnische Seite immer wieder darauf bestand. Insgesamt wirkten die Empfehlungen als Reformanstöße für historische Urteilsbildung, welche die bilateralen Kommissionen durch Fachkonferenzen und zum Teil durch eigene Unterrichtsmaterialien vertieften.

Zur Zeit des Kalten Krieges bildete die UNESCO Anstoß und Rahmen für bilaterale und internationale Schulbuchgespräche. Strobel diskutiert den ersten Versuch Enno Meyers von 1954 (47 Thesen), die spärlichen deutsch-polnischen Wissenschaftskontakte sowie die Schulbuchgespräche in der evangelischen Akademie zu Berlin Ende der 1960er-Jahre. Obwohl die polnische Historikerschaft eine gewisse Pluralität aufwies und Freiräume besaß, „die innerhalb des Warschauer Paktes außerordentlich groß waren“ (S. 65), kamen die deutsch-polnischen Gespräche erst mit der beginnenden Entspannungspolitik und dem Warschauer Vertrag von 1970 richtig in Fahrt. Bedeutend war die Initiative der deutschen UNESCO-Kommission, als Georg Eckert, der 1964 Präsident dieser Einrichtung geworden war, erste Sondierungsgespräche in fast allen Ostblockstaaten führte. Auch die polnische UNESCO-Kommission sprach davon, Initiatorin der Verhandlungen gewesen zu sein, was das herausragende polnische Interesse an einer grundlegenden Schulbuchrevision zeigt.

Strobels Darstellung im dritten Kapitel beschreibt differenziert und quellengesättigt die gesamte Zeit bis 1990, schildert die Formulierung der beiden Empfehlungen von 1972 und 1976/77, die Problematik der Umsetzung in Deutschland, wo die beiden Länder Bayern und Baden-Württemberg die Empfehlungen ablehnen, die Konflikte zum Beispiel um die Frage, ob die Verhandlungen mit dem Erlass des Kriegsrechts ausgesetzt werden sollten, sowie die Zeit bis 1990 und die bis dahin erreichten Erfolge. Deutlich wird auch, welche Problemkomplexe nur schwer zu behandeln waren (Bezeichnung der Orts- und Städtenamen, Grenzziehungen bei Geographiebüchern et cetera). Ausführlich werden die Probleme der Umsetzung der Empfehlungen dargestellt, da die deutsche Seite abhängig war von den Bundesländern und der Kultusministerkonferenz. So entstand ein Zankapfel, da die polnische Seite immer wieder die konsequente Umsetzung anmahnte und die Empfehlungen als Druckmittel für den Abschluss eines Kulturabkommens oder des von deutscher Seite immer wieder gewünschten deutsch-polnischen Jugendwerks benutzte.

Besonders heraus sticht das abschließende und umfangreichste vierte Kapitel, das „Herz“ (S. 179) der Studie, in dem der Autor die Binnenprozesse der Kommission analysiert. Inspiriert durch eine ausführlich dargestellte Organisationssoziologie zu sozialen Praktiken und Verfahrensformen in der (zu langen) Einleitung, sowie zu Ritualen und Symbolen, beschreibt der Autor das Innenleben der Kommission. Mit Hilfe dieser Analyse gelingt es ihm, die erstaunliche Stabilität der Kommission zu erklären, so dass sie inhaltliche und politische Krisen (zum Beispiel Weiterarbeit während des Kriegsrechts in Polen, die plötzliche und unbegründete Ablösung des ersten polnischen Vorsitzenden 1984, die Geographiegrundsätze der KMK von 1981) gut überstand. Die Zusammensetzung der Kommission bildete professorale Umgangsformen aus, was die Wissenschaftlichkeit der Kommunikation stark erleichterte; sie besaß eine zeitlich lang anhaltende Mitgliedschaft ihrer Mitglieder und Vorsitzenden, schuf sich bereits in den ersten Jahren hilfreiche Umgangsformen und Rituale. Dazu gehörten unter anderem: längere Statements oder öffentliche Vorträge der Vorsitzenden zu Beginn jeder Kommissionssitzung und zum Ende über die zu erwartenden bzw. erledigten Aufgaben in ihrer jeweiligen Muttersprache, Übergang zur Arbeitssprache (deutsch) während der Verhandlungen, abwechselnde Sitzungen in Polen oder Deutschland etc. Von Beginn an war es üblich, Schulbücher auszutauschen und ihre Analyse an den Beginn der Verhandlungen zu stellen. Persönliche Angriffe waren trotz gegensätzlicher Anschauungen extrem selten, da sie gut in der Analyse der Schulbücher verpackt und anschließend ausgiebig diskutiert wurden. Derartige Umgangsformen bildeten nicht nur ein stabiles Gerüst der Kommission, sondern schufen im Laufe der Jahre auch eine starke Vertrauensbasis. Strobel wendet sich ausführlich auch dem politischen sowie dem Einfluss der staatlichen Träger zu, der in Polen beachtlich, in Deutschland recht gering war. Ausführlich greift der Autor in diesem letzten Kapitel die ausgeklammerten Probleme auf, um die Leistungen der Kommission aufzuzeigen: Nicht einigen konnte man sich auf Empfehlungen zur Darstellung des Deutschen Ordens („deutscher Drang nach Osten“ oder kulturelle Entwicklung des Landes) und der Zeitgeschichte einschließlich der Bedeutung der Sowjetunion für die Volksrepublik Polen. Einigung wurde erzielt bei der Empfehlung für die Darstellung der „Vertreibung“ der Deutschen nach 1945. Nach subtiler semantischer Untersuchung einigte sich die Kommission auf eine Unterscheidung von vier Phasen: 1. Evakuierung und Flucht, 2. Ausweisung, 3. Zwangsumsiedlung und 4. Übersiedlung und Familienzusammenführung einzelner ab 1948 (S. 278f.).

Das abschließende, gegenüber dem Stand der Forschung weitgehend neue Kapitel, in dem die sozialen Prozesse, die internen Regelsysteme und die Kommunikationsprozesse geschildert werden, ist vorbildhaft geglückt. Äußerst nützlich ist die Auflistung der Namen der Vorsitzenden sowie Orte, Daten und Titel der Kommissions-Tagungen (1972 bis heute).

Anmerkung:
[1] Siehe die Homepage der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission: http://deutsch-polnische.schulbuchkommission.de/home.html (13.02.2017).

Citation
Friedhelm Boll: Rezension zu: Strobel, Thomas: Transnationale Wissenschafts- und Verhandlungskultur. Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission 1972–1990. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 06.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25913>.
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06.03.2017
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