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Title
Höllensturz. Europa 1914 bis 1949


Author(s)
Kershaw, Ian
Published on
Extent
764 S.
Price
€ 34,99
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Bernard Wiaderny, Freie Universität Berlin

Bei dem hier besprochenen Werk handelt es sich um einen Versuch einer Synthese der Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verfasst durch den bekannten und ‒ mit Recht ‒ anerkannten britischen Historikers Ian Kershaw. Das Werk ist ursprünglich im Rahmen der Reihe Penguin History of Europe erschienen. Es ist den Vorgaben dieser Reihe geschuldet, dass ein Anmerkungsapparat nicht berücksichtigt und im Inhaltsverzeichnis nur dessen grobe Struktur widergegeben wird. Dadurch wird es aber schwieriger, insbesondere für einen nicht professionellen Leser, an den sich die Reihe eigentlich richtet, den Gedanken des Autors zu folgen und die ihn interessierenden Themen zu vertiefen.

Die Darstellung beginnt am Vorabend des Ersten Weltkrieges und endet nicht, wie zu erwarten wäre, mit der Niederlage des „Dritten Reiches“ 1945, sondern im Jahr 1949. Kershaw begründet diese Festlegung damit, dass erst um diese Zeit die Umrisse des neuen Europa sichtbar geworden sind (S. 11). Ein jeweils einzelnes Kapitel schildert den Verlauf des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Ein separates Kapitel („Lautlose Übergänge in dunklen Jahrzehnten“) widmet sich der Sozial- und Kulturgeschichte. Allerdings werden in ihm die einzelnen Themen, zu denen u.a. die gesellschaftlichen Veränderungen, die christlichen Kirchen, die Intellektuellen und die Populärkultur gehören, eher nacheinander abgehandelt, als mit der übrigen Darstellung verknüpft. Dabei folgt der Autor thematischen und territorialen Präferenzen, die unschwer zu erkennen sind: den großen Teil des Buches macht die Geschichte Deutschlands und die der faschistischen Strömungen in Europa aus, also Bereiche, mit denen Kershaw sich seit Jahrzehnten auseinandergesetzt hatte. Die Osthälfte des Kontinents ist dagegen weniger präsent und deren Darstellung lässt ‒ mehr darüber unten ‒ zu wünschen übrig.

Bei der Schilderung des Ersten Weltkrieges distanziert sich Kershaw von der stark rezipierten These Christopher Clarks (ohne den Namen zu nennen) vom „Hineinschlittern“ der europäischen Regierungen in den Krieg und weist auf die besondere Verantwortung Deutschlands hin. Dieses habe durch seine bedingungslose Unterstützung Österreich-Ungarns das Land zu einer Zuspitzung des Konflikts mit Serbien ermuntert. Sowohl bei der Beschreibung dieses als auch des darauffolgenden Weltkrieges stellt der Autor ‒ getreu seiner langen Beschäftigung mit der Alltagsgeschichte ‒ die Motive der einfachen Menschen dar, sei es an der Front, sei es in der Heimat. Dabei ist ihm aber bewusst, dass solche impressionistische Darbietung persönlich bleibt und nicht repräsentativ sein kann (S. 9, 97 ff., 508 ff.).

Kershaw verklammert die beiden militärischen Auseinandersetzungen, indem er die These vom „Dreißigjährigen Krieg“ des 20. Jahrhunderts aufgreift, wodurch jedoch die unterschiedlichen Entwicklungen in den jeweiligen Teilen des Kontinents zu stark eingeebnet werden. Es ist dem Autor aber zuzustimmen, wenn er hervorhebt, dass die beiden Weltkriege nicht nur als militärische Ereignisse zu betrachten sind. Ebenfalls wirkten sie als Beschleuniger für viele gesellschaftliche Prozesse, wie zum Beispiel Demokratisierung, oder sie weckten Erwartungen, dass es zu solchen Prozessen kommen würde (S. 178, 522). Die Bilanz von Kriegen war nicht nur negativ: Sie brachten auch wirtschaftliches Wachstum und technischen Fortschritt.

Fraglich und territorial zu breit gegriffen ist aber seine These, dass in Mittel- und Osteuropa gegen Ende des Ersten Weltkrieges der Klassenkonflikt ethnische Animositäten überlagerte (S. 136). Gerade am Beispiel der baltischen Republiken, Polen und den Ländern der ehemaligen k.u.k.-Monarchie lässt sich das Gegenteil gut beweisen.

Den roten Faden des Werkes bildet, wie gesagt, die Schilderung der faschistischen Bewegungen, die aus dem Ersten Weltkrieg erwuchsen und in den Zweiten Weltkrieg führten. Die Darstellung dieses Phänomens ist hervorragend geschrieben und ihre Lektüre kann jedem empfohlen werden. Dabei umschifft der Autor zuerst elegant eine Definierung des Faschismus ‒ dies hätte für ihn „etwas vom Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln“ gehabt ‒, um im Folgendem die besonderen Merkmale dieser Bewegungen doch herauszupräparieren (S. 320 ff., vgl. auch S. 426).

Die Ursachen für die Entstehung des Faschismus sieht Kershaw in vier ineinandergreifenden Faktoren. Dies war erstens ein ethnisch-rassistischer Nationalismus, zweitens territoriale Revisionsforderungen, drittens akute Klassenkonflikte und viertens die Krise des kapitalistischen Systems. (S. 14) Das Zusammenwirken dieser Elemente führte zu einer im öffentlichen Leben immer stärker präsenten Gewalt und diese wiederum zu einem erneuten Krieg. Gerade in Deutschland waren diese vier Komponenten in ihren extremen Ausprägungen vorhanden.

Bei der Darstellung der 1930er-Jahre geht der Autor auf die zahlreichen diktatorischen Regime dieser Zeit in Europa ein, betont aber, dass drei von ihnen: der Nationalsozialismus in Deutschland, der Faschismus in Italien und der Kommunismus in der Sowjetunion, analytisch gruppiert und gemeinsam untersucht werden müssen. Sie waren sich ähnlich, indem sie ‒ ideologisch geleitet ‒ danach strebten, den Menschen in seiner Totalität zu erfassen und zu verändern. Aus diesem Grund subsumiert Kershaw sie unter dem Begriff „dynamische Diktaturen“ (S. 363). Im Gegensatz dazu hatten die sonstigen diktatorischen Regime keinen ausgeprägten Ehrgeiz, die Gesellschaft zu verändern. Leider ist die Schilderung der „Großen Säuberung“ in der Sowjetunion 1938 korrekturbedürftig. So war es z.B. nicht der NKWD, der sie initiierte (S. 376), sondern der Parteichef Stalin selber.

In Bezug auf die Genese des Zweiten Weltkrieges betont der Autor die Schuld der westeuropäischen Demokratien an der Zerschlagung der ‒ ebenfalls demokratischen ‒ Tschechoslowakei und nennt dies „eine Schande“ (S. 453). Dabei betont er, dass die Befürworter der Appeasement-Policy auf den Umgang mit Hitler, „einem Gangster auf der internationalen Bühne“, völlig unvorbereitet waren. Bei der Präsentation der Kriegshandlungen geht Kershaw auf die Ereignisse in Osteuropa ein, macht aber dabei Fehler oder stellt zweifelhafte Behauptungen auf. So wurden z.B. die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland nicht im April, sondern im Juni 1940 durch die Sowjetunion annektiert (S. 477), der Warschauer Aufstand wurde nicht im August, sondern im Oktober 1944 niedergeschlagen (S. 521) und die polnische Exil-Regierung befand sich in London nicht „seit Kriegsbeginn“ (S. 677), sondern seit Juni 1940 (davor war sie in Frankreich). Vor allem aber verwundert es sehr, wenn Kershaw behauptet, es sei „durchaus kein Zufall“ gewesen, dass Ostmitteleuropa ‒ namentlich nennt er Polen, die Ukraine und Ungarn ‒ zum Schauplatz des Holocaust wurde, weil dort seit jeher ein „eingefleischter Judenhass endemisch“ gewesen sei (S. 37). Bekanntlich wurde der Holocaust in diese Länder hineingetragen; sehr gut lässt sich dies am Beispiel Ungarns illustrieren, wo die Ermordung der Juden auf die Besatzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht im März 1944 folgte.

Bei der Schilderung der wenigen Nachkriegsjahre, die im Band behandelt werden, betont der Autor, dass es müßig sei, danach zu fragen, wer für den Ausbruch des „Kalten Krieges“ verantwortlich war. Er war einfach nicht zu vermeiden (S. 684). Ende der 1940er-Jahre attestiert er sowohl Ost- als auch Westeuropa die Anfänge einer Stabilität und wirtschaftlichen Wachstums, die kurz davor noch unmöglich schienen. Kershaw nennt dafür mehrere Gründe, unter anderem das Ende des deutschen Großmachtstrebens, die Säuberung von Kriegsverbrechen und Kollaborateuren (wodurch die Gewaltpolitik der extremen Rechten kaum mehr Chancen hatte) und die Verfestigung der Teilung Europas. Beim letztgenannten Faktor geht er auf die Rolle der Amerikaner ein und ist der Meinung, dass ihre Präsenz in Westeuropa „bei weitem“ mehr Vorteile als Nachteile mit sich brachte (S. 700). Schließlich nennt er die Angst vor der Selbstzerstörung infolge eines Atomkrieges und sieht darin den wahrscheinlich höchst entscheidenden Faktor für die genannte positive Entwicklung Europas.

In seinem Werk lässt sich Kershaw mehrmals zu Spekulationen hinreißen und fragt nach Möglichkeiten einer alternativen Entwicklung (u.a. auf S. 408 und 432), es lässt sich aber nicht sagen, dass dadurch die Erzählung an Spannung bzw. Tiefe gewinnt. Etwas lasch geht er mit den geographischen Begriffen um. So liegt z.B. Westpreußen (Pommerellen) nicht im Westen, sondern in Norden Polens (S. 490) und die Schweiz kann schwerlich dem Nordwesten Europas zugerechnet werden (S. 343).

Abschließend sei gesagt, dass der Autor sich darauf konzentriert, den Weg vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg zu zeigen und dabei die Rolle der faschistischen Bewegungen hervorzuheben. Die Lektüre dieser Teile des Werkes ist, wie gesagt, empfehlenswert. Handelt es sich aber beim „Höllensturz“ wirklich um die Geschichte Europas? Eher nicht ‒ dafür werden zu viele Themen und Regionen zu fragmentarisch behandelt.

Citation
Bernard Wiaderny: Rezension zu: Kershaw, Ian: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949. München 2016 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 28.04.2017, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-26951>.
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Published on
28.04.2017
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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