A. Bauerkämper u.a. (Hrsg.): Fascism Without Borders

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Title
Fascism Without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945


Ed.
Bauerkämper, Arnd; Rossoliński-Liebe, Grzegorz
Published on
New York 2017: Berghahn Books
Extent
X, 373 S.
Price
$ 130.00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Jobst Paul, Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung

In seinem Editorial „Studying Fascism in a Postfascist Age. From New Consensus to New Wave?“, mit dem er im Jahr 2012 die neue Zeitschrift „Fascism“ eröffnete, beschreibt Roger Griffin den steinigen Weg bis zur Etablierung einer vergleichenden Faschismus-Forschung, die sich aus den nationalen Kontexten Europas heraus der transnationalen und schließlich internationalen Dimension des – ultranationalistischen – Faschismus bis 1945 zuwendet, freilich mit Blick auf seine Kontinuitäten weit darüber hinaus.

Als wichtigen Durchbruch wertet Griffin sein bereits 1998 erschienenes Übersichtswerks „International Fascism – Theories, Causes and the New Consensus“. Aber massive Widerstände blieben, besonders aus der deutschen historischen und soziologischen Forschung. Angesichts ihrer Fixierung auf den deutschen Nazismus und ihrer Ausblendung der diskursiven Unter-Ströme des europäischen Faschismus hatte Griffin sie 2004 aufgefordert, „to take a greater account of Anglophone scholarship in their investigation of Nazism’s uniqueness and of the comparative dimension of fascist studies“.[1]

Die von vielen deutschen Referent/innen getragene Konferenz „The Fascist Challenge. Networks, Promises for the Future and Cultures of Violence in Europe, 1922–1945“ (Juni 2012)[2] stand bereits für eine Neuorientierung in der deutschen Forschungslandschaft, ebenso die internationale Tagung „Revolution and Eternity. Fascism's Temporality“, die im März 2013 von Fernando Esposito (Tübingen) und Sven Reichardt (Konstanz) am deutsch-italienischen Zentrum Villa Vigoni in Loveno di Menaggio ausgerichtet wurde.[3] Demgegenüber war die Konferenz der Teesside University (Darlington) „Fascist Ideologues. Past and Present“ (Juli 2013)[4], auch wenn sie sich schwerpunktmäßig mit Ausprägungen des Nazismus beschäftigte, ohne deutsche Beteiligung geblieben.[5]

Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von Arnd Bauerkämper und Grzegorz Rossoliński-Liebe (beide Friedrich-Meinecke-Institut, Berlin), erscheint nun als Versuch, deutsche Zentren der Geschichtsschreibung mit der internationalen vergleichenden Faschismus-Forschung noch weiter zu verzahnen. So haben die Herausgeber über ein Dutzend junger, engagierter Historiker/innen mit ihren Forschungsvorhaben aus ganz Europa zusammengeführt, „(to) address the major levels of transnational fascism as well as negative reactions to fascism, known as antifascism“, so Bauerkämper/Rossoliński-Liebe in ihrer Einführung (S. 18).

Dabei hält das Forschungsgebiet für die Forscher/innen besondere Anforderungen bereit, darunter die Beherrschung mehrerer Sprachen und die Fähigkeit, eine Vielzahl von verschränkten Ebenen, Akteuren und Machtpotenzialen abzubilden. Zugleich muss der Widerspruch zwischen nationalen ‚Faschismen‘ und einem (gedacht) idealtypischen Faschismus, aber auch die Unterscheidung zwischen revolutionär-faschistischen und autoritären Regimen und Bewegungen bewältigt werden, ohne die „Definitionsfrage“ zu überhöhen oder zu vernachlässigen.

Die Beiträger des Bandes sahen sich jedoch nach wie vor dem Problem gegenüber, den Fokus zwar auf einen transnationalen europäischen Faschismus richten zu wollen, gleichwohl aber vordringlich aus historischer Perspektive die Prädominanz des NS-Regimes und erst danach den ideologischen Einfluss des italienischen Faschismus aufzuarbeiten.

So verweist Aristotle Kallis (Keele) einerseits zwar allgemein auf den Konnex zwischen faschistischen Vorstellungen einer ‚neuen Ordnung‘ und des ‚neuen Menschen‘ und der Fixierung auf eine ‚kreative Zerstörung‘ der dekadenten alten Welt. Andererseits setzte erst die Radikalität der Nürnberger Gesetze einen Maßstab, ohne den die antisemitischen und Gewaltregime in der Slowakei, in Ungarn und Kroatien kaum denkbar gewesen seien. Zugleich aber löste diese Radikalität dort bereits bestehende Erwartungen ein und führte zu einer in ihren Ausmaßen kaum vorstellbaren Zuarbeit für den nazistischen Terror.

Diese Prozesse erläutert Goran Miljan (Uppsala) anhand der Eigendynamik der slowakischen (Hlinka) und kroatischen (Ustaša) Jugendorganisationen. Cláudia Ninhos (Lissabon) zeigt darüber hinaus, dass sich selbst im portugiesischen Salazar-Regime, das sich vom Nationalsozialismus absetzen wollte, bürgerliche Organisationsstrukturen formierten, die dem deutschen Vorbild nacheiferten und Portugal deutschen strategischen Absichten öffneten.

In umfassenderem Ausmaß geschah dies, so Grzegorz Rossoliński-Liebe, im Fall von Österreich, Rumänien und der Ukraine. Merleen Rensen (Amsterdam) führt konkret in die Biographie des jungen französischen Faschisten Robert Brasillach ein, für den der Nürnberger Parteitag von 1937 zum Auslöser einer intensiven Kollaboration wurde. Die Massivität der Machtwirkungen des NS führt Johannes Dafinger (Klagenfurt) auf die nationalsozialistische Konzeption eines ‚völkischen‘ und darin ‚deutschen‘ Europas zurück.

Matteo Pasetti (Bologna), Monica Fioravanzo (Padua) und Anna Lena Kocks (Berlin) stellen dem – die davon zunächst unabhängigen – ständischen Vorstellungen und die Europa-Konzepte des italienischen Faschismus gegenüber, die bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme außerordentlich großen Einfluss auf die sozialpolitischen Debatten in Europa hatten. Insbesondere Monica Fioravanzo schildert den Niedergang dieses Einflusses im Prozess der NS-Kriegspolitik (1936–1945).

Was der europäische Faschismus angerichtet hat, ist unermesslich. Seiner Opfer zu gedenken, die vielfältigen Formen, aber auch die ideologischen Kurzschlüsse des antifaschistischen Widerstands aufzuarbeiten, wäre daher ehrenwert. Aber dies könnte nicht am Rande abgehandelt werden. Entsprechend bleibt offen, in welcher Weise die im Schlussteil des Bandes abgedruckten drei Beiträge zum Antifaschismus konzeptionell in der Anlage des Bands verankert sein könnten.

Offenbar war allein der Vernetzungscharakter des europäischen Faschismus Anlass, nun eben auch den europäischen Anti-Faschismus in seiner ‚Vernetzung‘ zu zeigen. Freilich könnten die zwei Beiträge von Silvia Madotto (Berlin) zur Biographie des Antifaschisten Silvio Trentin und von Francesco Di Palma (Berlin) zur antifaschistischen Arbeit deutscher und italienischer Sozialisten auch ganz ohne eine solche oberflächliche Zuordnung als verdienstvolle Fallstudien zum europäischen Antifaschismus[6] bestehen.

Demgegenüber beschreibt Kasper Braskén (Turku) den kommunistischen Anti-Faschismus letztlich als alter ego des Faschismus, wobei die realpolitische Komponente des sowjetischen, bzw. stalinistischen Verhältnisses zum europäischen Faschismus komplizierend hinzutritt. Der Beitrag geht offenbar von der Evidenz dieser weitreichenden These aus und untermauert sie daher nur historiographisch. Eine selbstkritische Sicht auf ihre relativierenden, einebnenden Effekte entfällt daher leider ebenso wie die Erarbeitung nachvollziehbarer Merkmale reziproker ideologischer Prozesse und ihrer konzeptionellen, kulturellen Tiefenschichten. So bleibt es bei einer eher polemisch unterlegten Darstellung.

Raul Cârstocea‘s (ECMI, Flensburg) detailreicher Beitrag zum Antisemitismus des Aktivisten der rumänischen Iron Guards, Ion I. Moța, soll am Ende der Übersicht stehen. Als einziger Beiträger unterstreicht er, dass die transnationale Faschismusforschung, „could also prove relevant for the analysis of contemporary connections between right groups, organizations, and parties“ (S. 216). Oder umgekehrt: Nazismus und Faschismus allein als historisch ‚abgeschlossene‘ Phänomene zu sehen, bedeutet, sich der Kontinuität faschistischer Geschichtsbilder und Ideologeme nicht stellen zu wollen, und genau hier hakt wohl das Ethos der transnationalen Faschismusforschung ein.

Wie weit es inzwischen trägt, zeigen z.B. Matteo Albanese und Pablo del Hierro in ihrem 2016 erschienenen Band „Transnational Fascism in the Twentieth Century“, in dem sie die diskursiven Spuren des Faschismus bis ins Jahr 1982 verfolgen. David D. Roberts erarbeitet in seinem Band „Fascist Interactions. Proposals for a New Approach to Fascism and Its Era, 1919–1945“[7] Grundlagen für eine erweiterte Perspektive auf Faschismus als einem changierenden gesellschaftlichen Phänomen. Die deutsche Rechtsextremismus-Forschung schreibt diese Perspektive in ihrer Forschungspraxis längst in die unmittelbare Gegenwart fort.[8]

Es ist daher außerordentlich überraschend, dass sich der Bandherausgeber Arnd Bauerkämper in seinem Nachwort auf die gegenläufige Perspektive festlegt: „With the collapse of the Third Reich, European fascism was ultimately doomed.“ (S. 355) Hier scheinen sich nun unversehens alte Konfliktlinien an die Oberfläche zu arbeiten, insbesondere die zu Beginn erwähnte Abgrenzung der deutschen historischen Forschung gegen eine transnational orientierte, vergleichende Faschismus-Forschung, der der Band ja zugleich vorgibt, verpflichtet zu sein.

In der Tat bestätigen sich die Zweifel beim genaueren Blick auf den Hintergrund des Bandes. So ist es ein ungewöhnlicher Vorgang, dass die Herausgeber jeden Hinweis darauf unterdrücken, dass der Band auf eine gleichnamige Berliner Konferenz des Friedrich-Meinecke-Instituts aus dem Juni 2014 zurückgeht.

Der eigene Konferenzbericht des Instituts[9] erhellt sogar, dass weder Roger Griffins Hauptreferat[10] noch ein Beitrag Wolfgang Wippermanns, der unter anderem die Beschränkung der Konferenz-Perspektive bis 1945 kritisiert hatte, in den Band aufgenommen wurden. In der Diskussion antwortete Arnd Bauerkämper laut Konferenzbericht darauf mit der These, dass „der Zivilisationsbruch Auschwitz“ unter den faschistischen Bewegungen schwerwiegende Folgen gezeitigt habe, „so dass 1945 in der Faschismusforschung als Zäsur angesehen werden sollte“.[11] Die widersprüchliche Anlage der Konferenz selbst konnte daher wohl niemandem verborgen bleiben. Demgegenüber wurde der nun erschienene Band von allen Spuren des Konflikts befreit und stillschweigend mit dem Stempel einer konservativen Forschungsposition versehen. Ein solches Vorgehen ist bedauerlich und befremdlich.

Umso wichtiger ist es, davon unabhängig die wissenschaftliche Qualität der Bandbeiträge und ihre sorgfältige Redaktion zu würdigen. Jedem Beitrag folgen Anmerkungen, ein Literaturapparat und eine kurze Vorstellung der Autor/innen. An ihnen geht der Konflikt freilich nicht ganz vorbei: Zu einem gemeinsamen Autor/innen-Verzeichnis am Ende des Bandes konnten die Herausgeber sich nicht durchringen.

Anmerkungen:
[1] Roger Griffin, Fascism’s new faces (and new facelessness) in the ‚post-fascist’ epoch, in: Erwägen-Wissen-Ethik (EWE). Forum für Erwägungskultur (2004), S. 287ff. [Kritiken und Repliken]. Neudruck als: Andreas Umland / Werner Loh / Roger Griffin (Hrsg.), Fascism Past and Present, West and East: An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right. Stuttgart 2006.
[2] In: Fascism 1 (2012), S. 145–154.
[3] Tagungsbericht: Revolution and Eternity. Fascism’s Temporality, 15.03.2013–17.03.2013 Loveno di Menaggio, in: H-Soz-Kult, 27.08.2013, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4985 (14.08.2017).
[4] In: Fascism 2 (2013), S. 263–270.
[5] Vgl. die ausführliche Bibliographie zum Thema von David D. Roberts, The Challenge of Fascism (2013), in: Oxford Bibliographies, http://www.oxfordbibliographies.com/view/document/obo-9780199743292/obo-9780199743292-0158.xml (08.08.2017).
[6] Vgl. Jean Cardoen / Ulrich Schneider, Antifaschistischer Widerstand in Europa 1922–1945, Köln 2015.
[7] David D. Roberts, Fascist Interactions. Proposals for a New Approach to Fascism and Its Era, 1919–1945, New York 2016.
[8] Vgl. u.a. FORENA-Forum, hrsg. vom Forschungsschwerpunkt „Rechtsextremismus und Neonazismus“ (FORENA) der Hochschule Düsseldorf (http://www.forena.de/) (14.08.2017); sowie die Schriften des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) (www.diss-duisburg.de) (14.08.2017).
[9] Die erste (englischsprachige) Fassung des Konferenzberichts (1) erschient im Herbst 2014 in der Zeitschrift Fascism 3 (2014), S. 153–161, verfasst von Alessandro Salvador, Università degli Studi di Trento: http://booksandjournals.brillonline.com/docserver/journals/22116257/3/2/22116257_003_02_S004_text.pdf?expires=1502730087&id=id&accname=guest&checksum=335D8145D5A5FAC7AA562A96E0A2DFAA2A96E0A2DFAA (17.08.2017). Die zweite (deutschsprachige) Fassung des Konferenzberichts (2a), gemeinsam verfasst von Verena Nöthig, Freie Universität Berlin, und Alessandro Salvador, Università degli Studi di Trento, war seit September 2014 zugänglich über: http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/fmi/institut/arbeitsbereiche/ab_bauerkaemper/Fascism---Konferenzbericht-_2-September-2014_.pdf (17.08.2017). Diese Fassung ist identisch mit dem am 20. September 2014 publizierten hsozkult-Report (2b): Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945, 19.06.2014–21.06.2014 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.09.2014, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5563 (17.08.2017). Am 1. Juni 2016, also fast 2 Jahre später und nur wenige Monate vor Drucklegung des vorliegenden Bandes, verlinkte docupedia dieselbe Fassung noch einmal (2c): https://docupedia.de/zg/Fascism_without_Borders._Transnational_Connections_and_Cooperation_between_Movements_and_Regimes_in_Europe_from_1918_to_1945,_Berlin,_19.-21.6.2014(Verena_N%C3%B6thig) (17.08.2017).
[10] Der Beitrag wurde verlesen.
[11] Nöthig (vgl. Anm. 9, Fassung 2a), S. 7.

Citation
Jobst Paul: Rezension zu: Bauerkämper, Arnd; Rossoliński-Liebe, Grzegorz (Hrsg.): Fascism Without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945. New York 2017 , in: H-Soz-Kult, 12.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27857>.
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