SET Rezension zu: F. Schürmann: Der graue Unterstrom | Connections

F. Schürmann: Der graue Unterstrom

Cover
Title
Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas (1770-1920)


Author(s)
Schürmann, Felix
Published on
Frankfurt am Main 2017: Campus Verlag
Extent
680 S.
Price
€ 59,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Ingo Heidbrink, Old Dominion University, Norfolk, VA Email:

Die große Mehrheit historischer Publikationen zum Thema Walfang der Neuzeit befasst sich entweder mit dem US-amerikanischen Walfang des 19. Jahrhunderts im Pazifik oder dem internationalen Walfang der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Bereich der Antarktis. Afrika und andere Regionen der Erde wurden von der bisherigen Forschung weitgehend vernachlässigt und somit stellt Felix Schürmanns Buch eine bedeutende und höchst willkommene Ergänzung zur bisherigen Forschung dar.

Amerikanische und europäische Walfänger liefen im 18. und 19. Jahrhundert auf dem Weg zu ihren Fangplätzen regelmäßig afrikanische Häfen an, um Proviant und Trinkwasser aufzunehmen oder auch um kleinere Reparaturen auszuführen. Dies führte zwangsläufig zu verschiedensten Interaktionen zwischen den Walfängern und der jeweiligen Küstenbevölkerung, die in ihren Auswirkungen von Schürmann erstmalig umfassend analysiert werden. Anhand von acht regionalen Fallstudien zeigt Schürmann eindrucksvoll auf, dass die Interaktionen zwischen Walfängern und lokaler Bevölkerung bzw. Gesellschaft keinesfalls auf im engeren Sinne mit dem Walfang verbundene Phänomene beschränkt blieben, sondern dass es sich bei den Aufenthalten europaeischer und amerikanischer Walfänger in afrikanischen Küstenregionen um weitaus komplexere Phänomene handelte, die im Sinne einer Geschichte der Globalisierung beschrieben werden müssen. Konsequenterweise steht bei den von Schürmann gewählten Beispielen auch weniger die Geschichte der Walfangaktivitäten im Mittelpunkt der Analyse, sondern die als „Unterstrom“ der Geschichte beschriebenen indirekten Auswirkungen. Für das Gebiet des heutigen Namibia wird beispielsweise beschrieben, wie die Besuche der Walfänger dazu führten, dass die lokale Bevölkerung in die Netzwerke der atlantischen Welt integriert wurden, während sich in Madagaskar die Bevölkerung der Küstenregionen mittels der Walfänger moderne Waffen beschafften und sich somit gegen aus dem Landesinneren an die Küste drängende Bevölkerungsgruppen behaupten konnte. Für die Kapverdischen Inseln hingegen boten die Walfänger die Chance, dass große Zahlen der von Hunger betroffenen Inselbevölkerung nach Nordamerika abwandern konnten.

Für den primär an der Geschichte des Walfangs interessierten Leser mögen diese von Schürmann beschriebenen historischen Phänomene weitgehend Nebenschauplätze sein, aber genau hier liegt auch die eigentliche Stärke der Arbeit. Anstatt einer klassischen Geschichte des Walfangs in einer bestimmten Region der Erde handelt es sich um eine sorgfältig erarbeitete Studie, die sich primär mit nichtintendierten Phänomenen auseinandersetzt und damit einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte der Globalisierung leistet indem sie aufzeigt, wie gerade solche Phänomene häufig größere Auswirkungen auf die Entwicklung einzelner Regionen hatte, als die eigentliche Aktivität selbst. Hinzu kommt, dass strukturell vergleichbare Aktivitäten, d.h. der vorübergehende Aufenthalt von Walfängern in afrikanischen Küstenregionen keinesfalls dieselben Auswirkungen auf sämtliche Küstenregionen des Kontinents hatten, sondern sich diese extrem voneinander unterschieden. Damit zeigt Schürmann zugleich auf, dass die Geschichte der (frühen) Globalisierung keinesfalls simplizistisch global bearbeitet und verstanden werden darf, sondern nur dann zu einem wirklichen Erkenntnisgewinn führen kann, wenn sie auf der präzisen Analytik auf einem regionalen Niveau aufbaut.

Dass es sich bei der internationalen Schifffahrtsgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts bzw. auch derjenigen der frühen Dekaden des 20. Jahrhunderts nahezu automatisch um Global- und/oder Weltgeschichte handelt ist ein Statement, das immer wieder von Vertretern beider Disziplinen in den vergangenen Jahrzehnten gemacht worden ist und so weit reicht, dass die beiden Disziplinen regelmäßig als zwei Seiten einer Medaille beschrieben worden sind. Genau so oft blieb dieser theoretische Anspruch uneingelöst und die Unterströme der Globalisierungsgeschichte bestenfalls summarisch in einem Nebensatz erwähnt. Schürmanns Verdienst ist es nicht nur, das Postulat von maritimer Geschichte als Globalgeschichte eingelöst zu haben, sondern darüber hinaus die Falle der Vernachlässigung der regionalen Differenzierung erfolgreich vermieden zu haben.

Aus der Sicht des Schifffahrtshistorikers kommt noch hinzu, dass es sich beim afrikanischen Raum zusätzlich noch um den Kontinent handelt, der von der bisherigen Forschung weitestgehend vernachlässigt worden ist.
Zusammenfassend kann nur festgestellt werden, dass es sich bei Schürmanns Buch um ein Musterbeispiel davon handelt, wie die Geschichte der Globalisierung erfolgreich analysiert und beschrieben werden kann. Zudem zeigt der Autor eindeutig, dass für eine moderne historische Forschung die Aufteilung in die verschiedenen historischen Teildisziplinen nicht nur hinderlich ist, sondern relevante historische Erkenntnissen über Globalisierung verhindern würde. Nur die erfolgreiche Integration verschiedenster historischer Teildisziplinen in ein einzelnes Projekt kann dazu beitragen, das komplexe Gefüge der Wirkungen und Auswirkungen, der intendierten und nicht intendierten Phänomene im Kontext der frühen Phase der Globalisierung zu verstehen.

Schürmanns Buch kann daher nur jedem an der Geschichte des Walfanges, der Geschichte Afrikas, der Geschichte der frühen Globalisierung, der maritimen Umweltgeschichte, der Geschichte internationaler Beziehungen eindringlich empfohlen werden, und selbst demjenigen, der an keinem dieser Themen ein spezielles Interesse hat, ist es zu empfehlen, da es zeigt, wie das Überschreiten teildisziplinärer Grenzen unmittelbar zu neuen Erkenntnissen führen kann.

Dis historische Forschung der vergangenen Jahre ist zu einem nicht unerheblichen Teil von einer immer stärkeren Spezialisierung und Zersplitterung der Disziplin in immer kleinere Subdisziplinen geprägt worden. Angesichts der Vielfalt neuer Forschungsmethoden ist dies nachvollziehbar . Die Studie von Schürmann zeigt aber zugleich, dass eine teildisziplinübergreifende historische Forschung ein Erkenntnispotential besitzt, das weit über das der jeweiligen hochspezialisierten historischen Teildisziplin hinausweist, und dass die Komplexität jedweder Vergangenheit nur dann zu verstehen ist, wenn die jeweilige Vergangenheit in ihrer gesamten Breite analysiert wird. So spezifisch die Erkenntnisse einer historischen Teildisziplin auch sein mögen, so sind sie doch auch oftmals genau das, was dem Erkennen des großen Bildes im Wege steht.

Die für eine wissenschaftliche Untersuchung gute Ausstattung des Buches durch den Campus Verlag mit zahlreichen Abbildungen, Karten, Indizes und einem ausführlichen Quellenverzeichnis runden den insgesamt äußerst positiven Eindruck des Buches ebenso ab wie die Tatsache, dass es von Anfang an parallel als Printausgabe und E-Book erschienen ist. Mit einem Preis von knapp über 50 Euro für die Print und E-Book Ausgabe ist das Buch zudem noch so im Markt platziert, dass die Kosten für die Beschaffung kein wirklicher Hinderungsgrund für seine Verbreitung sein sollten.

Citation
Ingo Heidbrink: Rezension zu: Schürmann, Felix: Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas (1770-1920). Frankfurt am Main 2017 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 15.12.2017, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-28010>.
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Published on
15.12.2017
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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