Weltstädte, Metropolen, Megastädte. Dynamiken von Stadt und Raum von der Antike bis zur Gegenwart. 54. Arbeitstagung des SWAK

Place
Zürich
Host/Organizer
Historisches Seminar, Universität Zürich; MAS „Applied History“; Südwestdeutscher Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung e.V. (SWAK)
Date
27.11.2015 - 29.11.2015
By
Stephan Sander, Historisches Seminar, Universität Zürich

Die jährliche Arbeitstagung des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung e.V. (SWAK) fand 2015 auf ‚fremdem’ aber wohl vertrautem Boden statt: In den Räumlichkeiten des Historischen Seminars der Universität Zürich versuchte die Tagung – erstmals im deutschsprachigen Raum –, einen diachronen Zugriff auf die konzeptionelle Trias „Weltstädte, Metropolen, Megastädte“. Insgesamt 15 Vortragende widmeten sich in einem von der klassischen Antike bis zur Gegenwart erstreckenden Bogen diesem Spannungsfeld: Sektion I thematisierte Weltstädte in Antike und Frühmittelalter; Sektion II näherte sich Mittelalter und Frühneuzeit sowohl in Europa als auch in Lateinamerika bzw. Fernost an; Sektion III stellte das transformative 19. Jahrhundert unter den Schlagworten „Industrialisierung und moderne Urbanisierung“ in den Fokus; in Sektion IV standen schließlich vor allem das 20. und das frühe 21. Jahrhundert im Mittelpunkt.

Am Anfang der Konferenz stand der programmatische Vortrag von CLEMENS ZIMMERMANN (Saarbrücken), der einerseits das Tagungsthema umriss und andererseits die Definitionsproblematik – was ist ‚Stadt’ (nicht)? – besprach. Große Städte seien multifunktionale, epochenübergreifende Räume, die dementsprechend auch in der longue durée unter Verweis auf minimalistische Züge tragende Definitionen vergleichbar erscheinen. Auch modellhafte Momentaufnahmen ermöglichen so einen universalistischen Analyserahmen mit Wiedererkennungspotentialen: ‚Weltstädte’ seien demnach Akteure in großen Interaktionsräumen, insbesondere in der klassischen Antike, die aber auch über epochenübergreifende Aspekte verfügen. ‚Metropolen’ wiederum waren durch ihre erhöhte Urbanität und besondere kulturelle Ausstrahlung gekennzeichnet, jedoch ein mehrheitlich europäisch-neuzeitliches Phänomen. ‚Megastädte’ wiederum zeichnen sich durch übergroße Netzwerke und ihre raumbeherrschenden Charakteristika ab. Keine der drei Typen aber schließt sich prinzipiell wechselseitig aus.

Den Auftakt machte STEFAN PFEIFFER (Halle) mit seinem Vortrag über Alexandria, eine mehrfache ‚Mutterstadt’ und ihre verschiedenen Rollen in der hellenistisch-römischen Antike. Der Verweis auf letzteres, also die Übertragung der Rolle der Metropole auf Rom, stand im Fokus des Beitrags von RALF BEHRWALD (Bayreuth), der den multikulturellen und polyreligiösen Charakter der Ewigen Stadt betonte. Dies wiederum würde gleichzeitig Fragen nach den Wechselwirkungen von Zuwanderung und deren historiographisch-analytischer Kategorisierbarkeit nahelegen; gerade Rom stelle ein besonderes Beispiel kultureller Koexistenz und von Zuwanderung und Tradition dar. ALBRECHT BERGER (München) rundete die Sektion mit seinem Beitrag zur Weltstadt Konstantinopel ab, wiewohl diese Zuschreibung lediglich auf die Periode Justinians um die Mitte des 6. Jahrhunderts zutreffe: Weder davor noch zu späteren Zeiten war die Stadt am Bosporus ein unumstrittener Zentralraum des östlichen Mittelmeerraums.

MARTIN SCHEUTZ (Wien) eröffnete Sektion II mit seinem Vortrag zum frühneuzeitlichen Wien, deren multiple Bezugspunkte (Kaiserhof; Nähe zum Osmanischen Reich; Konkurrenz zu Frankreich) nahelegten, die Donaumetropole als mehrfachen Zentralort und Nachrichtenzentrale zu kategorisieren. Daran schloss der Beitrag von UWE ISRAEL (Dresden) an, der – ähnlich wie sein Vorredner – auf die Mehrfachbedeutungen Venedigs seit dem Mittelalter hinwies: Die Lagunenmetropole war der Hauptort des Dogado, ab dem 11. Jahrhundert die Zentrale großer Überseebesitzungen sowie ab dem 15. Jahrhundert Herrin über weite Teile Oberitaliens. Gleichsam als verbindendes Element dieser beiden Beiträge zu SURAYA FAROQHIs (Istanbul/München) Referat über Istanbul ist vor allem die kontinuierliche Einwanderung anzuführen. Allen drei vormodernen Metropolen gleich waren die daraus resultierenden polykonfessionellen und multikulturellen Gemeinwesen, die, wiewohl unterschiedlicher Natur, ähnliche Probleme zur Folge hatten. Der zweite Teil der Sektion wandte sich mit CHRISTIAN BÜSCHGEs (Bern) Beitrag zur Silberstadt Potosí im bolivianischen Altiplano außereuropäischen Kontexten zu. Auch hierbei wurde ersichtlich, dass die Zentralräumlichkeit der Lage, die vielfachen transatlantischen wie pazifischen Verflechtungen Potosís zu einem überaus hohen Maß an Hybridität und Transkulturation geführt hat. Deutlich unterschiedlich hierzu gestaltete sich die Metropolentwicklung in China, wie MARC WINTER (Zürich) in seinem Vortrag zu Xi'an darlegte, wobei die multiplen Funktionen und die überregionale Ausstrahlung der Stadt wiederum Anknüpfungspunkte an die eingangs skizzierten Typologien ermöglichen.

Daran anschließend eröffnete DIRK SCHUBERT (Hamburg) Sektion III, in der er am Beispiel Hamburgs und Londons die moderne Urbanisierung aus dem Blickwinkel der Überseehäfen thematisierte. Jenseits der Unterschiede in Größe und Bedeutung der Hafenanlagen suchte man in Hamburg ähnlichen sozialen Problemen wie in London vor allem durch kommunal und nicht durch Privatinitiativen, wie in den Docklands, organisierte Stadtentwicklung beizukommen. In seinem Beitrag zu Paris in der Sattelzeit griff RAINER BABEL (Paris) die bereits zuvor angesprochene Chronologie- und Definitionsproblematik auf: Die französische Hauptstadt war nämlich sowohl Weltstadt als auch Metropole, wiewohl die massive Urbanisierung erst verhältnismäßig spät im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts unter Napoléon III. und Georges-Eugène Haussmann einsetzte. DIETER SCHOTT (Darmstadt) erweiterte die oftmals exklusiv menschliche Züge tragende Debatte der industriellen Stadtentwicklung um die Faktoren Tier und Maschine: Am Beispiel der großen europäischen Metropolen um 1900 (London, Paris, Wien, Budapest) wies er darauf hin, dass die Urbanisierung die rasant wachsenden Städte vor erhebliche Mobilitätsprobleme stellte, die zunächst durch Pferde und in weiterer Folge durch Straßenbahnen (und nach dem Ersten Weltkrieg sukzessive auch durch Automobile) ersetzt wurden.

In der letzten Sektion der Tagung ging es um die Megastädte des 20./21. Jahrhunderts, die von ADELHEID VON SALDERN (Hannover) und ihrem Beitrag zu Los Angeles eröffnet wurde. Der „Gegenentwurf“ zu New York führte jedoch aufgrund geringer Planungen zu großer Fragmentierung und starken Flächenwachstum ab den 1920er-Jahren und somit zu einem polyzentrischen Stadt-Land-Hybrid, der wiederum für den asiatisch-pazifischen Raum zum Vorbild wurde. Auf ähnliche Probleme wies auch JAN BEHRENDS (Halle / Potsdam) hin, der sich den Metamorphosen Moskaus im 20. Jahrhundert annäherte. Hierbei wies er auch die ‚getaktete’ Modernisierung von oben ab den 1870er-Jahren bis zum Ende der UdSSR hin; nach 1991 wiederum war aus der ehemaligen sowjetischen Hauptstadt das Zentrum eines Ölstaates geworden. Bis dahin stark westlich geprägt, nehme Moskau seither zunehmend „eurasische“ Züge an. CHRISTOPH BRUMANN (Halle / Leipzig) schloss daran an und besprach in seinem Referat die jüngere Stadtentwicklung Japans am Beispiel Kyoto. Zentral für den massiv urbanisierten Raum Kyoto-Osaka-Kobe sei die Attraktivität der alten Kaiserstadt, die, so Brumanns These, die fortgesetzte Eigenständigkeit Kyotos trotz der Einbettung in diesen megastädtischen Raum überhaupt erst ermöglichte. Den Abschluss der Vorträge markierte schließlich der Leiter der kantonalen Raumplanung ANGELUS EISINGER (Zürich), der in seinem Beitrag nicht nur auf die Entkopplung von Stadtplanung und gelebter Urbanität im 20. Jahrhundert in der Schweiz hinwies, sondern auch einen Blick in die Zukunft wagte: Die „radikale Transformation“ der letzten Jahrzehnte habe zwar zu vermehrter Planung geführt, doch orientiere diese sich nach wie vor an veralteten Strukturen. Konkrete Antworten auf die urbanistischen Probleme des 21. Jahrhunderts fehlten nach wie vor.

Konferenzübersicht:

Begrüßung durch Bernd Roeck (Zürich), Kantonsrätin Sylvie Matter (Zürich)

Clemens Zimmermann (Saarbrücken): „Weltstädte, Metropolen, Megastädte“

Sektion I: Weltstädte in Antike und Frühmittelalter

Stefan Pfeiffer (Halle an der Saale): Erste Stadt der Welt, metropolis und megalopolis. Antike Reflektionen über die Größe und den Wandel Alexandrias in hellenistisch-römischer Zeit

Ralf Behrwald (Bamberg): Längst ergießt sich der syrische Orontes in den Tiber. Die ethnische Vielfalt der Weltstadt Rom in der Kaiserzeit“

Albrecht Berger (München): Konstantinopel als Weltstadt in Spätantike und Frühmittelalter

Sektion II: Weltstädte in Mittelalter und Frühneuzeit

Martin Scheutz (Wien): Residenz, bedrohte Nachrichtenzentale des Osmanenkrieges und eine der Hauptstädte des Heiligen Römischen Reiches – das stark wachsende Wien der Frühen Neuzeit

Uwe Israel (Dresden): Metropole ohne Mauern. Venedig in der Renaissance

Suraiya Faroqhi (München / Istanbul): Das osmanische Istanbul. Eine Stadt der freiwilligen (und unfreiwilligen) Einwanderer

Christian Büschges (Bern): La villa imperial de Potosí – politische, wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen einer frühneuzeitlichen Weltstadt im Hochandenraum (1545–ca. 1650)

Marc Winter (Zürich): Ewiger Friede. Die dreitausendjährige Metropole Xi’an

Sektion III: Industrialisierung und moderne Urbanisierung (19. Jahrhundert)

Dirk Schubert (Hamburg): London und Hamburg – Governancestrukturen und Entwicklungspfade der Stadtentwicklung bis zum Ersten Weltkrieg

Rainer Babel (Paris): Paris in der Sattelzeit

Dieter Schott (Darmstadt): Europäische Metropolen um 1900. Die Bewältigung des Wachstums

Sektion IV: Metropolitane Räume und Perspektiven im 20./21. Jahrhundert

Adelheid von Saldern (Hannover / Göttingen): Los Angeles – Prototyp metropolitaner Entwicklung in den USA

Jan Behrends (Potsdam): Moskau – Metamorphosen einer russischen Metropole (1890–2015)

Christoph Brumann (Halle an der Saale): Selbstbehauptung am Rande der Megastadt. Stadtbild- und Kulturerbepolitik in Kyoto

Angelus Eisinger (Zürich): Die Schweiz als Stadt denken. Denkfiguren und Konzepte von der Moderne bis in die Gegenwart

Citation
Tagungsbericht: Weltstädte, Metropolen, Megastädte. Dynamiken von Stadt und Raum von der Antike bis zur Gegenwart. 54. Arbeitstagung des SWAK, 27.11.2015 – 29.11.2015 Zürich, in: H-Soz-Kult, 13.06.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6551>.
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Published on
13.06.2016
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