Die Tradition der „Area Studies“ und die Perspektiven neuer Formen transnationaler, transkultureller, postkolonialer und globaler Geschichtsschreibung

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Jochen Meissner, Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig

Macht man sich die Mühe, die bisher bei geschichte.transnational veröffentlichten Forumsbeiträge unter der Fragestellung durchzugehen, ob sich dabei ein Profil für das Projekt herausschält, fällt auf, wie facettenreich nicht nur die Begründungen, sondern auch die Gegenstandsbestimmungen und die Modellzeichnungen ausfallen. Homogen ist daran so gut wie gar nichts, auch wenn z.T. ein paar überraschende Gleichklänge festzustellen sind. Darauf komme ich noch. Mindestens ebenso auffällig sind die vorgeschlagenen Abgrenzungen, die sich z.T. gegenseitig ausschließen. Das ist, wenn man nach einer handlichen Antwort auf die Frage sucht, was denn wohl unter dem Label „Geschichte transnational“ verstanden werden solle, zugegebenermaßen manchmal etwas unbefriedigend. – Wie gerne würde man das neue Markenzeichen doch in eine schon bereitstehende Schublade entsorgen! – Aber an sich ist das natürlich ein gutes Zeichen. Weist es doch darauf hin, dass hier nicht ein kleiner Kader gleich gesinnter (oder gleichaltriger) Historiker/innen versucht, seinen Generationenanspruch mit einer thematischen Neuorientierung zu verbinden, sondern dass eher ein breites Panorama von Teilnehmer/innen darüber nachdenkt, wie ein neues Feld ausgestaltet werden kann, das Themenbereiche abdeckt, die man bisher als eher randständig betrachtet hat, die aber z.T. durch innerwissenschaftliche, z.T. aber auch durch außerwissenschaftliche Prozesse an Bedeutung zu gewinnen scheinen bzw. längst gewonnen haben. Außerdem spricht diese Vielfalt dafür, dass der Ansatz als eine Querschnittsaufgabe von Historiker/innen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen aufgegriffen wird. Einige Konfliktlinien zeichnen sich dabei allerdings schon deutlich ab, was ja der Entfaltung eines konstruktiven Dialoges nur zu Gute kommen kann. Ich will zwei davon im Lichte meines eigenen Arbeitsfeldes, nämlich in erster Linie der lateinamerikanischen Geschichte, hierüber vermittelt aber auch der weiteren Felder der so genannten „außereuropäischen“ Geschichte, ansprechen.

Offensichtlich sind einige der Debattenbeiträge bemüht, die z.B. von Middell hervorgehobene Frontstellung der Transnationalen Geschichte gegen eine Beschränkung auf nationalisierte Kulturen zu relativieren, wenn etwa Patel davon ausgeht, dass die Nationalgeschichte weiterhin eine bedeutsame, ja definierende Rolle spielen wird, und auch Siegrist prophezeit, dass das Ende des Zeitalters der Nation nicht wirklich in Sicht sei. Dass, wie Patel richtig betont, die „Nation“ in dem Kompositum „Trans-National“ zentral bleibt, begründet eine Skepsis, dass der neue Ansatz wirklich zur Überwindung „nationalisierter“ Geschichtsschreibung beitrage. Denn es geht bei diesem Problem ja weniger darum, ob man bereit ist, „Nationen“ und „Nationalismus“ als historisch bedeutsame Analyseeinheiten bzw. Begriffe auch weiterhin zu akzeptieren, sondern viel grundlegender darum, inwieweit eine so nachhaltig von den Epistemen der Nationalgeschichte durchgeprägte Fachkultur wie die der Historiker/innen zu einer Öffnung hin zu z.B. globalgeschichtlichen Problemstellungen, bzw. auch nur bescheidener zu kulturell anders geprägten Erfahrungswelten, überhaupt in der Lage ist. Etwas konstruktiver ließe sich dies auch zu der Frage umformen, was die Bedingungen der Möglichkeit für eine solche Verschiebung des Fachhorizontes wären.

Dass die überkommenen Traditionen z.B. auch in dieser Debatte über die Formen eines neuen Ansatzes wirken, lässt sich besonders plastisch an den vorgeschlagenen chronologischen Eingrenzungen verdeutlichen. Fast alle Debattenbeiträge plädieren entweder explizit für eine chronologische Begrenzung auf die Zeit „seit dem 18. Jahrhundert“ (Patel) bzw. das 19. und 20. Jahrhundert (Nützenadel) oder widersprechen diesen Vorschlägen zumindest nicht. Das klingt zunächst einmal nach nicht mehr als einer pragmatischen Konvention unter Historiker/innen, die selbst vor allem aus diesem Feld kommen. Die Bezüge werden deutlicher, wenn z.B. Patel diese chronologische Begrenzung eben damit begründet, dass dies eben die Zeit sei, „in der ein modernes Nationsverständnis strukturell und im Denken und Handeln der Akteure zu einem bedeutsamen Faktor wurde“. Da ist sie wieder die Nation, auch wenn sie nicht explizit ausgesprochen, sondern implizit in die begrenzenden Jahresdaten des neuen Feldes gesteckt wird. Ob das vielleicht mehr mit der überkommenen institutionellen Verhärtung einer Fachstruktur zu tun hat, die es gewohnt ist, sich nach Epochengrenzen zu organisieren, die die Neuzeit eben in frühe und „späte“ (Patel) spalten, als mit den inhärenten Begründungszusammenhängen des neu abzusteckenden Feldes? Das einzige nicht national begründende und deswegen gewichtige Argument für eine solche chronologische Begrenzung liefert Nützenadel, in dem er auf die empirischen Befunde der Wirtschaftshistoriker O’Rourke und Williamson bzw. des Ökonomen Thompson und des Soziologen Hirst verweist. Nun muss man gar nicht in die Mottenkiste von Transition-Debate und Weltsystemtheorie greifen, sondern kann auch aktuellere Beispiele dafür nennen, dass sich andere chronologische Zugriffe ebenfalls wirtschaftshistorisch-empirisch begründen lassen. Ich würde dem prinzipiellen Argument eines qualitativen Sprungs der globalen Verflechtung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber auch gar nicht widersprechen wollen. Entscheidend aber scheint mir zu sein, dass sich dieser Sprung in dieser Zeit nicht „von Null auf Hundert“ vollzog, sondern die Vernetzungen mindestens seit dem 16. Jahrhundert zur zwingenden Voraussetzung hatte. Für die lateinamerikanische Geschichte dürfte dies, um ebenfalls ein Argument aus der Debatte zu paraphrasieren, „unmittelbar einleuchten“. Es würde auf diesem Feld einfach keinen Sinn machen, in die Fehler der Vergangenheit zu verfallen und die Prozesse des „Nation-Building“ auf diesem Kontinent von der kolonialen Vorgeschichte abtrennen zu wollen. Man muss nur auf das seit dem 16. Jahrhundert tatsächlich weltumspannende Netzwerk der Katholischen Kirche oder konkreter z.B. des Jesuitenordens verweisen, um die Vorstellung zu relativieren, dass „wirkliche“ Globalisierung erst mit transnational agierenden Wirtschaftsunternehmungen seit dem 19. Jahrhundert oder internationalen Organisationen des 20. Jahrhunderts in die Welt gekommen sei. Vielleicht lassen sich in der Tat mehr Perspektiven für die aktuelle Situation aus dem Rückgriff auf die Imperiums- und Empire-Debatten ziehen, als aus den, zumindest aus meiner Sicht, sich endgültig in ein Zeitalter des Ancien Regime verlierenden Debatten um die „Nation“.

Irritierend an der bisherigen Debatte scheint mir zweitens ein Aspekt, der in letzter Konsequenz vermutlich ebenso auf die institutionellen Vorprägungen des Faches verweist: Offensichtlich denkt sich zumindest ein Teil der Debattenbeiträge (explizite Ausnahme hier allerdings Sachsenmaier) das joint venture u.a. von Transnationaler Geschichte und Globalgeschichte nicht als zur Revision der Anforderungen des Faches herausfordernd, sondern als deren additive Erweiterung. Es kann einem da schon schwindlig werden, wenn etwa Hannes Siegrist formuliert: „Solide Kenntnisse der klassischen und der neueren Theorien, der Narrative und Methoden der Sozial-, Kultur- und Geschichtswissenschaften sind für die transnationale Geschichtsschreibung genau so unerlässlich wie für die Nationalhistoriografie. Der Wechsel von der Einzelfall-Geschichte, zum Beispiel von der Lokal- und Nationalgeschichte, zur transnationalen Geschichte ist für viele traditionell ausgebildete Historiker/innen allerdings mehr als ein bloßer Wechsel des Untersuchungsgegenstandes. Mit der steigenden Zahl der Fälle, der Vervielfachung der Beziehungen und der Ausdehnung der räumlichen Dimension nimmt die Komplexität exponential zu; deshalb ändern sich auch die Anforderungen an die kognitiven Kompetenzen und wissenschaftlichen Methoden der Forschung und Darstellung.“ Nicht, dass ich nicht alle genannten Einzelkompetenzen ebenfalls für hoch wichtig und letztlich unterschreibungswürdig halten würde, aber ich möchte doch vorsichtig zurückfragen, ob all das nicht schon sehr stark an die Quadratur des Kreises erinnert. Auf jeden Fall ist es nicht gerade eine Einladung an „Otto-Normal-Historiker/innen“ (wie Sie und mich), sich an dem Projekt zu beteiligen, denn wer könnte schon von sich behaupten all diese Anforderungen erfüllen zu können. Da die Gentechnik doch noch sehr in den Kinderschuhen steckt, ist auf absehbare Zeit auch nicht zu erwarten, dass sich das kognitive Potential künftiger Historiker/innen auf ein „exponentiales Wachstum“ stützen kann. Wahrscheinlicher ist, dass auch eine Global History sich auf die gleichen, zugegebenermaßen unterschiedlich verteilten (aber die Berufungspraxis sorgt schon für Angleichung), aber auf jeden Fall endlichen kognitiven Fähigkeiten wird stützen müssen, die schon vor 200 Jahren auf dem Markt waren.

Spätestens an diesem Punkt wird ein Dilemma deutlich, das Ansätze der Transnationalen Geschichte und der Global History mit den guten alten Regionalgeschichten teilen. Margrit Pernau hat es so formuliert: „Wollen wir wirklich riskieren, dass sich historische Kausalketten künftig den Sprachkompetenzen der Historiker anpassen müssen?“ und etwas weiter vorne: „Es ist nicht einzusehen, warum für die außereuropäische Geschichte andere Maßstäbe der Professionalität gelten sollen“. Die Frage ist natürlich mehr als berechtigt und der Aussage unmittelbar zuzustimmen. Fragt sich nur noch, in welchem Verhältnis die hier formulierten Normen in der Praxis des Faches eingelöst werden. Denkt man einmal darüber nach, wird unmittelbar einsichtig, dass wir nicht erst künftig riskieren müssen, dass sich historische Kausalketten den Sprachkompetenzen der Historiker/innen anpassen müssen, sondern dass dies längst und lange geübte Praxis ist, die eben historiografiegeschichtlich auf die enge Verflechtung der nationalen Meistererzählung und der Entwicklung der historischen Fachkultur in den meisten europäischen Ländern und darüber hinaus verweist. Und so verhält es sich auch mit den eingeklagten „Maßstäben der Professionalität“. Die viel geringere zeitliche Tiefe ihrer Institutionalisierung und der viel größere Verallgemeinerungsbedarf, um Facetten der außereuropäischen Geschichte z.B. einem deutschsprachigen Fachpublikum verständlich machen zu können, zwingen einfach dazu, auf diesen Feldern kategorial anders zu verfahren, will man nicht früher oder später an den Punkt kommen, an dem das Betreiben lateinamerikanischer, afrikanischer, westasiatischer oder indischer Geschichte in Europa als kategorisch nicht machbar erklärt werden muss. Das hat nichts, wie Pernau schreibt, mit Resignation, sondern mit einer realistischen Einschätzung der Kräfteverhältnisse zwischen den Teilbereichen der Geschichtswissenschaft zu tun.

Worauf will ich damit eigentlich hinaus: Vor allem darauf, für realistische Perspektiven auf den neuen Feldern einzutreten, die forschungsstrategisch in Dissertationen und Forschungsanträgen durch Otto-Normal-Historiker/innen eingelöst werden können und sich dennoch des Ballastes nationalhistoriografischer Kategorisierungen entledigen. Es macht wenig Sinn, diese neuen Felder von vorneherein durch Über-Forderungen schwer zu belasten, die z.B. die real existierende Personalstruktur des Faches außer Acht lassen. Schließlich sollte nicht überschätzt werden, wie nachhaltig die oft nur vordergründigen Diskursverschiebungen bis hierher wirken. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Vertreter des Faches als klug genug erweisen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, „Bekenneranträge“ zu schreiben, um früher oder später doch in die alten Bahnen zurückzufallen. Die Frage ist dabei nicht allein, noch nicht einmal zu einem wesentlich Teil, ob und wie stark außerdeutsche Debatten rezipiert und für deutsche Forschung nutzbar gemacht werden, entscheidend ist vielmehr, ob die verfestigte Wissensordnung des Faches, also z. B. die Epochengliederung zugunsten geografischer Kriterien verschoben wird. Erst wenn die Forderung nach – sagen wir – der Einrichtung einer Professur für Chinesische Geschichte die gleiche Durchsetzungskraft gewonnen hat wie die nach Wiederbesetzung einer Professur für Mittelalterliche Geschichte, kann davon die Rede sein, dass sich eine wirkliche Verschiebung im Interesse der institutionalisierten Geschichtswissenschaft vollzogen hat.

In diesem Sinne wird die außereuropäische Geschichte in ihrer Frontstellung zur deutschen Geschichte auf absehbare Zeit ein sinnvoller Organisationskontext sein, um Interessen zu formulieren, die nach der überkommenen Rasterung nach wie vor durch das Sieb fallen.

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16.03.2005
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Dieser Beitrag enstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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