Peripherie, Ausgabe 165: "Möglichkeiten und Grenzen der Weltsystemtheorie zum Verständnis globaler Ungleichheiten"

Peripherie Ausgabe 165: "Möglichkeiten und Grenzen der Weltsystemtheorie zum Verständnis globaler Ungleichheiten"

Organizer
Zeitschrift Peripherie
Location
Münster
Country
Germany
From - Until
01.04.2022 -
Deadline
24.08.2021
By
Connections Redaktion, Leipzig Research Centre Global Dynamics, Universität Leipzig

Wir möchten im Schwerpunktheft Beiträge sammeln, die sich kritisch mit Grundannahmen der Weltsystemtheorien sowie mit deren Weiterentwicklungen beschäftigen, sowohl auf theoretisch-konzeptioneller als auch auf empirischer und methodologischer Ebene.

Peripherie Ausgabe 165: "Möglichkeiten und Grenzen der Weltsystemtheorie zum Verständnis globaler Ungleichheiten"

Weltsystemansätze nehmen eine historische Perspektive auf globale Ungleichheits- und Abhängigkeitsverhältnisse im Kapitalismus ein; ihre Perspektive ist aus der Entwicklungstheorie und der soziologischen globalen Ungleichheitsforschung nicht mehr wegzudenken. Wichtige Varianten gehen neben Immanuel Wallerstein auch auf André Gunder Frank, Giovanni Arrighi, Samir Amin, Maria Mies und Joan Smith zurück. Der gemeinsame Ausgangspunkt ihrer divergierenden Konzepte ist neben ihrer historischen Herangehensweise die Einnahme einer globalen Perspektive mit dem expliziten Ziel, den methodologischen Nationalismus zu vermeiden, der für die Sozialwissenschaften ganz überwiegend bestimmend ist. Ferner gehen sie davon aus, dass der Kapitalismus aus Fernhandel und Kolonialismus entstanden und im globalen Kontext ungleich strukturiert ist. Die hierarchischen Beziehungen verschiedener Regionen beschreiben sie mit ihrem berühmten Drei-Zonen-Modell – Zentrum/Semiperipherie/Peripherie. Diese Zonen seien durch ungleichen Tausch konstituiert und, auch wenn das globale Weltsystem nicht statisch, sondern krisenanfällig ist, sei ein Aufstieg von Ländern aus den Semi-/Peripherien ins Zentrum eher als Ausnahme zu betrachten.

Gleichzeitig waren die Weltsystemansätze von Anfang an umstritten. Zentrale Kritikpunkte betrafen bereits in den 1970er Jahren das Kapitalismusverständnis insbesondere von Wallerstein und Frank, die mit ihrer Fokussierung auf Handelsbeziehungen die entscheidende Bedeutung der Produktion für die Durchsetzung des Kapitalismus vernachlässigen. Kritisiert wurde auch ihr Staatszentrismus sowie die geringe Berücksichtigung von Handlungsspielräumen von Akteuren innerhalb des Weltsystems. Schließlich wurde hinterfragt, ob es tatsächlich gelingt, mit dieser starken Konzentration auf Nationalstaaten im Weltsystem den methodologischen Nationalismus zu überwinden.

Nichtsdestotrotz liefern Weltsystemansätze wichtige Anknüpfungspunkte zur Analyse globaler Ungleichheiten im weitesten Sinne, weshalb sich die Forschung, die sich ausdrücklich in ihnen verortet oder von ihnen inspiriert ist und sie weiterentwickelt, mittlerweile weit aufgefächert hat: vom Dekolonisierungs-Kollektiv Modernidad/Colonialidad über die Forschung zu Globalisierungsprozessen (z.B. transnationale Konzerne und deren Einfl uss/corporate power, transnationale globalisierungskritische Bewegungen), die global labour studies, die globalen Ungleichheitsforschung bis hin zur Umweltgeschichte und den Studien zum ungleichen ökologischen Tausch.

Wir möchten im Schwerpunktheft Beiträge sammeln, die sich kritisch mit Grundannahmen der Weltsystemtheorien sowie mit deren Weiterentwicklungen beschäftigen, sowohl auf theoretisch-konzeptioneller als auch auf empirischer und methodologischer Ebene. Dabei soll es u.a. insbesondere um folgende Fragen gehen:

- Inwieweit haben sich die Weltsystemtheorien durch die in den 1970er Jahren geäußerte Kritik weiterentwickelt, und welche Kritikpunkte werden immer noch vorgebracht?
- Inwieweit greift die Kritik am methodologischen Nationalismus nach wie vor? Wie kann er in der Forschung gerade aus einer Perspektive der Weltsystemtheorien überwunden werden, wenn Statistiken und andere Datensätze immer noch mehrheitlich für Nationalstaaten
erhoben werden und der Staat ein zentraler Akteur ist?
- Welchen Beitrag leisten Weltsystemtheorien für die Analyse der globalen sozial-ökologischen Krise, von Migrationsdynamiken, globalen Ungleichheiten und Machtasymmetrien zwischen Akteuren (z.B. transnationale Konzerne versus soziale Bewegungen) oder für Fragen rund um globale Arbeitsverhältnisse (etwa care-chains oder transnationale Arbeitskämpfe)?
- Welche Weiterentwicklungen der Ansätze gab es in den letzten Jahrzehnten vor allem durch postkoloniale und feministische Forschungen und Debatten und durch Autor*innen des Globalen Südens?
- Welche Konsequenzen haben zirkulationistisch oder produktivistisch orientierte Konzeptionen von Kapitalismus auf die theoretische Darstellung des Weltsystems und die Periodisierung seiner Geschichte – damit auch für eine darauf basierende Zeitdiagnose?
- Welche Vorstellungen von „System“ liegen unterschiedlichen Weltsystemtheorien zugrunde, und welche Konsequenzen hat dies für die konkrete Analyse?

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Editors Information
Published on
19.02.2021