Zeitschrift für Weltgeschichte 13 (2012), 2

Title
Zeitschrift für Weltgeschichte 13 (2012), 2.
Other Titles
Nachholende Entwicklung


Ed.
Prof. Dr. Andrea Komlosy Verein für Geschichte des Weltsystems e.V.
Issue(s)
02
Published on
Frankfurt a. M. 2012: Peter Lang/Frankfurt am Main
Extent
201 S.
Price
Jahrespreis € 49,90 ; Einzelpreis € 29,90
Herausgeber d. Zeitschrift
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte Verein für Geschichte des Weltsystems e.V.
Erscheinungsweise
zweimal jährlich
Kontakt
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte Bullerbachstr.12 D-30890 Barsinghausen Tel +49 5105 64 332

Nachholende Entwicklung ist so alt wie Entwicklung selbst, denn die Unterschiede zwischen Gemeinwesen geben Anlass über die Ursachen von Differenz, über Ungleichheit und Möglichkeiten ihrer Überwindung nachzudenken. Dabei stellt sich immer auch die Frage nach den Entwicklungszielen, Modellen, Mitteln und Instrumenten nachholender Entwicklung: Wer hat sie betrieben und umgesetzt, welche Alternativen waren zum gegebenen Zeitpunkt denkbar und wer vertrat sie? Worin bestanden Erfolge, wovon hingen sie ab, was war der Preis dafür.

Nachholende Entwicklung ist ein Versuch, mittels politischer Instrumente in ökonomische Strukturen einzugreifen, was handlungsfähige politische Akteure voraussetzt. Lange Zeit wurde nachholende Entwicklung als Form staatlicher Wirtschafts- bzw. Entwicklungspolitik aufgefasst. Mit dem Abschied vom Ziel ausgleichender staatlicher Intervention unter neoliberaler Ägide und der Verlagerung von Entscheidungskompetenz in inter- bzw. supranationale Institutionen, haben sich die Bedingungen für staatliche Eingriffe geändert.

Der Zusammenbruch des realen Sozialismus und des Sowjetblocks bot einen Anstoß zur Neuaufnahme der Debatte um nachholende Entwicklung. Mit dem Ende des politischen Primats sowie des Gegenhegemons zu den westlichen Wirtschafts- und Militärbündnissen entfiel eine wesentliche Voraussetzung nachholende Entwicklung. Daraus ergibt sich eine Reihe von Fragen, z. B.: Sind mit Aufsplitterung der Produktion über eine Vielzahl von Standorten, der Globalisierung der Güterketten und der Herausbildung transnationaler Produktionsnetzwerke auch Kapital und Arbeiterklasse als Interessenträger im Entwicklungsprozess verschwunden? Wer repräsentiert eigentlich den herrschenden Sachzwang? Ist nachholende Entwicklung nach dem Ende des realen Sozialismus als politisches Projekt noch praktisch durchsetzbar? Ist sie unter den Umständen der Akkumulation im Weltmaßstab sachlich und inhaltlich machbar? Welche Optionen gibt es neben der bedingungslosen Weltmarktöffnung?

Diese Fragen waren Gegenstand eines Workshops, zu dem der Verein für Geschichte des Weltsystems (VGWS) im Juni 2011 am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien eingeladen hatte. Die Vorträge wurden für das vorliegende Heft schriftlich ausgearbeitet. Um die lebhafte Diskussion zumindest teilweise einzufangen, wurden auch die KommentatorInnen um eine schriftliche Fassung ihrer Stellungnahmen gebeten. Die Kommentare von Joachim Becker (zu Krasilshchikov und Nolte) und Hannnes Hofbauer (zu Adamczyk) sind in diesem Heft abgedruckt. Diejenigen von Imre Levai und Peter Szamari (zu Komlosy) und Susan Zimmerman (zu Boatcă) erscheinen in Heft 14.1

Der einleitende Beitrag der Herausgeberin stellt nachholende Entwicklung, die sich seit der Industriellen Revolution am Industrialisierungsmodell des Westens orientier, grundsätzlich zur Disposition. Es folgen Fallstudien zu Rumänien (Manuela Boatcă), Polen (Dariusz Adamczyk), der UdSSR (Hans-Heinrich Nolte) sowie Russland und Brasilien (Victor Krasilshchikov). Sämtliche Beispiele sind vor dem Hintergrund des Entwicklungsgefälles zwischen West- und Osteuropa angesiedelt und diskutieren Maßnahmen und Diskurse aus der Perspektive der Peripherie. Krasilshchikov kontrastiert den russischen Fall, wo Privatisierung und Krise der Staatlichkeit Hand in Hand gehen, mit einer sehr optimistischen Einschätzung des brasilianischen Weges unter Cardoso und Lula. Adamczyk analysiert die polnische Entwicklung vor dem Hintergrund unterschiedlicher Globalisierungswellen. Er äußert sich zumindest vorsichtig optimistisch zu den Auswirkungen des EU-Beitritts auf Polens wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Boatcă beschäftigt sich anhand von drei Prototypen aus unterschiedlichen weltanschaulichen Lagern mit der Schwierigkeit, aus rumänisch-peripherer Perspektive eine Position zu einer von den Zentren vorgegebenen Frage- und Zielvorstellung von Entwicklung zu formulieren. Während die Randlage im 19. Jahrhundert zu eigenständigen Sichtweisen führte, die das Modell in seiner Universalität selbst infrage stellten, ist die aktuelle rumänische Politik angesichts des Bekenntniszwangs, den westlichen Entwicklungsweg einschlagen zu wollen, zur Sprachlosigkeit verdammt. Die historische Spurensuche kann hier dazu beitragen, Freiräume zu eröffnen. Nolte beschäftigt sich als Einziger mit einem Fall, der historisch abgeschlossen ist. Sein Augenmerk liegt darauf, wer die Kosten für die Erfolge der nachholenden Entwicklung sowjetischen Typs getragen hat.

Während die Beiträge von Boatcă, Adamczyk und Nolte bestimmte historische Phasen untersuchen und so Bezüge zur aktuellen Entwicklung herstellen, setzt Krasilshchikov an der Gegenwart an, für deren Verständnis er teilweise weit in die Geschichte ausholt.

Die Frage nach nachholender Entwicklung eignet sich als Konzept, um Entwicklungsunterschiede zu diskutieren. Es erlaubt temporäre Erfolge zu erfassen und zeigt gleichzeitig die Grenzen der Umsetzbarkeit in einer von immer neuen Anordnungen und Ausprägungen von Ungleichheit gekennzeichneten Welt auf. Aufgrund der beobachteten Verlagerung der Wachstumsdynamik aus den alten Industriestaaten in die Zentren von morgen werden sich Perspektiven und Prämissen der Debatte allerdings maßgeblich verändern. Die Modelle, Bezugspunkte und Erfolgskriterien, die sich mit der Industriellen Revolution durchgesetzt haben, werden dann Geschichte sein.

Diese Nummer enthält des Weiteren einen Beitrag von Gerhard Schildt, der anhand der Auswertung von Wikipedia-Beiträgen nationale Differenzierung im Hinblick auf Vorreiter und Nachzügler von Entwicklungsimpulsen in Europa vornimmt. Es folgen in bewährter Manier Besprechungen von Bucherscheinungen zu welt und globalgeschichtlichen Themen.

Andrea Komlosy

INHALT

Andrea Komlosy
Konzepte, Beispiele und Kriterien für Erfolg und Scheitern … 11

Manuela Boatcă
Von nachholender Entwicklung zu nachhaltiger Unterentwicklung … 43

Kommentar: Susan Zimmermann … 67

Dariusz Adamczyk
Polen, „nachholende“ Entwicklung und die Rhythmen der Globalisierung im 20. Jahrhundert … 75

Kommentar: Hannnes Hofbauer … 90

Hans-Heinrich Nolte
Kosten nachholender Entwicklung. Der sowjetische Fall … 95

Kommentar: Joachim Becker … 116

Victor Krasilshchikov
Brasilien und Russland: Ähnlichkeiten und Unterschiede der Entwicklungslinien … 123

Kommentar: Joachim Becker … 151

Zur nationalen Differenzierung der neuzeitlichen Dynamik Europas. Eine quantitative Untersuchung … 159

Rezensionen … 191

Demnächst in der ZWG … 201

Citation
Zeitschrift für Weltgeschichte 13 (2012), 2. in: H-Soz-Kult, 12.02.2013, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-7397>.
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12.02.2013
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