Title
The Japanese New Woman. Images of Gender and Modernity, 1910-1920


Author(s)
Lowy, Dina
Published
Piscataway, NJ 2007: Rutgers University Press
Extent
192 S.
Price
€ 57,38
Reviewed for H-Soz-Kult by
Nadin Hee, SFB 700, Freie Universität Berlin

Seit längerem versuchen kulturgeschichtliche Studien, die sich mit Japans „Moderne“ oder „Modernisierung“ beschäftigen, von modernisierungstheoretischen Ansätzen wegzukommen. 1 Zudem finden alternative Kategorien wie Gender – oft allerdings nach wie vor als Geschlecht „Frau“ verstanden – Berücksichtigung.2 In diese Forschungsrichtungen lässt sich Dina Lowys Buch über die „Neuen Frauen“ in Japan einordnen. Es beruht auf einer 2001 an der Rutgers Universität abgeschlossenen Dissertation.

Das Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan breit diskutierte so genannte „Frauenproblem“ als Ausgangslage nehmend, untersucht die Autorin das Phänomen der „Neuen Frauen“. Dabei geht es ihr um diskursive Bilder sowohl in den Medien und zeitgenössischer Intellektueller als auch um die eigenen Stimmen einer literarischen Gruppe namens Seitôsha. In ihre Studie einfließen lässt sie auch biografische Hintergründe einzelner dieser über ihren teilweise unkonventionellen Lebensstil als typische „Neue Frauen“ eingestuften Frauen. Dabei will sie einen Einblick in die Geschichte der japanischen „Neuen Frauen“ zwischen 1910 und 1920, insbesondere aber deren Koppelung an das Narrativ der japanischen Modernisierung geben.

Diskurs definiert Lowy in Anlehnung an Michel Foucault. Bei Gender zitiert sie Joan Scott und geht nicht von biologischen Geschlechtern, sondern Konstruktion von Geschlecht aus. Sie distanziert sich von Modernisierungstheorien, findet aber die Kategorie Moderne und Modernisierung im Sinne von Sheldon Garon und Tetsuo Najita als Analyseinstrument verwendbar. Im Unterschied zu Garon interessiert sie sich weniger für die Kollaboration zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und deren Interessen an der Idee der Modernisierung Japans, sondern mehr für Konflikt und Widerstand. Unter Widerstand versteht sie Äußerungen der Seitô-Frauen, die sich gegen staatliche unterstützte Meinungen richteten. Lowy möchte dabei untersuchen, wie diese Moderne und gender definierten.

Zu Beginn diskutiert sie, wie nach einer Phase der unkritischen Übernahme westlicher Gedanken und Institutionen in den späten 1880er-Jahren eine Hinwendung zum Shintoismus und zu konfuzianischem Gedankengut zu beobachten war. Dies ging einher mit der Implementierung hierarchisierender patriarchalischer Sozialstrukturen. 1890 wurden beispielsweise politische Versammlungen von Frauen untersagt, 1898 im Zivilgesetz der Frau eine untergeordnete Stellung im Haushaltssystem zugewiesen. Nur Männer waren legale Personen, verheiratete Frauen hatten keinen Besitz, außerehelicher sexueller Verkehr war nur bei Frauen strafbar. In den 1890er-Jahren tauchte zudem die Ideologie der „guten Ehefrau, weisen Mutter“ (ryôsai kenbô) auf, die auf konfuzianischen Ideen basierte, aber auch westliche Ideen inkorporierte. Einige konservative japanische Erzieherinnen sahen darin ein Zeichen für Fortschritt, andere Frauen aber wiederum ein Mittel der Regierung, die Rechte und Rolle der Frauen einzuschränken und auf ihren „Dienst an der Nation“ zu reduzieren. Als repräsentative Gruppe solcher Frauen sieht Lowy die 1911 gegründeten Seitôsha. Diese Gruppe grenzt sie ab von Vorläuferinnen der „Neuen Frauen“ wie zum Beispiel Frauen, die sich im sozialistischen Milieu bewegten. Die Mitglieder der Seitôsha waren die ersten, die als Frauen eine eigene Zeitschrift veröffentlichten und sowohl von anderen als „Neue Frauen“ beschrieben wurden als auch sich selbst so bezeichneten.

Lowy beschreibt, wie in der späten Meiji-Zeit westliche Theaterstücke von Henrik Ibsen, George Bernard Shaw, Hermann Sudermann und anderen eingeführt und als Teil eines neuen modernen Theaters aufgeführt und breit diskutiert wurden. An den weiblichen Protagonisten dieser Stücke, die konventionelle Frauenrollen ablehnten, entzündete sich in Japan die Diskussion über die „Neuen Frauen“. Dabei analysiert Lowy einerseits die Reaktion der Medien, andererseits aber auch die der Seitôsha am Beispiel der Protagonistin Nora aus Ibsens „Ein Puppenheim“. In dieser frühen Phase der Seitô-Frauen unterschieden sich ihre Meinungen oft wenig von denen der männlichen Kritiker. Als zweites Beispiel zieht die Autorin das Stück „Magda“ von Sudermann und diskursive Reaktionen darauf heran. Dabei geht es auch um die Frage der Zensur, da das Stück wegen „Verletzung der öffentlichen Moral“ verboten worden war. Auch eine Ausgabe der Zeitschrift „Seitô“, des Sprachrohrs der Seitôsha, wurde kurz nach der Einstellung des Stücks zensiert.

Nach den Auseinandersetzungen über die „Neue Frau“ anhand des modernen Theaters fokussierten laut Lowy die männlich dominierte Presse sowie einige Intellektuelle auf den Lebensstil der Seitôsha-Mitglieder, die als Paradebeispiele für die „Neuen Frauen“ und als gefährlich, unseriös und unmoralisch denunziert wurden. Häufige Vorwürfe waren, dass sie an Alkohol, Sex, gleichgeschlechtlicher Liebe, Bordellen und jüngeren Männern interessiert seien.

Im Anschluss daran untersucht Lowy, wie die Seitô-Frauen diesen Definitionen der „Neuen Frau“ eigene entgegenstellten. Diese sich teilweise stark voneinander unterscheidenden, aber meist positiv konnotierten neuen Bilder riefen wiederum eine vielschichtigere Diskussion über die „Neuen Frauen“ hervor, die sich nicht nur auf Aspekte des Lebenswandels beschränkte, sondern häufig um weibliches Selbstverständnis oder Fragen nach legaler Gleichberechtigung drehte. In diesem Kontext – so Lowy – ist auch die Entstehung einer zweiten Gruppe „Neuer Frauen“ zu sehen, der Shinshinfujinkai („Vereinigung der Wahren Neuen Frauen“). Diese Gruppe offerierte eine alternative Vision der „Neuen Frau“ – die der Verheirateten und Mutter. Sie lehnte Japans traditionelle Werte und Moral nicht ab, trat aber doch für Gleichberechtigung in bestimmten Bereichen sowie für Monogamie ein. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Seitôsha und dieser Gruppe wurden von den Medien als Rivalität konstruiert, trugen aber zu einer Erweiterung der Debatte um die „Neuen Frauen“ bei.

Das Buch schließt mit einem kurzen vergleichenden Überblick über das Phänomen der „Neuen Frauen“ in mehreren anderen Ländern. Nach einer Analyse der Attribute und Debatte im euroamerikanischen Kontext streift Lowy Fallbeispiele aus Ägypten, China und Korea. Damit sollen die Effekte der Moderne und die unterschiedlichen Reaktionen auf sie in verschiedenen Ländern gezeigt werden. Im Anschluss daran kommt die Autorin zurück auf die japanischen „Neuen Frauen“ und gibt einen kurzen Ausblick, wie sie sich in den 1920er- und 1930er-Jahren weiterentwickelt hatten.

Dina Lowys gut geschriebenes Buch gibt auf der Grundlage fundierten Quellenmaterials Einblick in vielschichtige Diskurse über die „Neuen Frauen“ Japans zwischen 1910 und 1920. Die Autorin macht klar, dass diese Diskurse nicht losgelöst von Regierungsprogrammen wie „Zivilisierung und Aufklärung“ und Konzepten wie „gute Ehefrau, weise Mutter“ zu denken sind und mehrere oft konkurrierende Vorstellungen von gender-Rollen kursierten. Sie thematisiert damit einen bisher wenig beachteten Aspekt der japanischen Modernisierungsdebatte in den 1910er-Jahren. Problematisch jedoch erscheint ihr teilweise etwas freier Umgang mit Begrifflichkeiten. So erfahren Leserinnen und Leser nichts davon, wie die einzelnen Seitô-Frauen den Begriff „modern“ definierten, was Lowy aber ausdrücklich als Desiderat ihrer Arbeit postuliert. In den zitierten Stellen sprechen diese nie von „modern“, sondern Schlüsselbegriffe in den Quellen sind vielmehr eigenes „Erwachen“ (sameru) oder „selbstbewusst werden“ (jikaku suru) (z.B. S. 32). Genauso wenig lassen sich Aussagen von Lowy zu der von ihr häufig postulierten Dichotomie von „westlich“ und „japanisch“ (z.B. S. 11) in den Quellenzitaten wiederfinden. Dieser Umgang mit Quellen- und Methodenvokabular spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Bibliografie: Eine Aufteilung in Quellen und Sekundärliteratur hätte das Nachschlagen einzelner Titel erleichtert.

Anmerkungen:
1 Siehe zum Beispiel: Hardacre, Helen; Kern, Adam (Hrsg.), New Directions in the Study of Meiji Japan, New York u.a. 1997; Harootunian, Harry, Overcome by Modernity, Priceton 2000; Vlastos, Stephen (Hrsg.), Mirror of Modernity. Invented Traditions of Japan, Berkeley u.a. 1998.
2 Siehe zum Beispiel: Garon, Sheldon, Molding Japanese Minds: the State in Everyday Life, Princeton 1997; Sato, Barbara Hamill, The New Japanese Women: Modernity, Media and Women in Interwar Japan, Durham 2003. Andrea Germer, Ulrike Wöhr und Vera Mackie geben voraussichtlich im Herbst 2007 einen Band mit dem Titel „Gender, Nation State in Modern Japan“ heraus.

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07.09.2007
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