C. Goer u.a. (Hrsg.): Bilder des Orients

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Title
Der Deutschen Morgenland. Bilder des Orients in der deutschen Literatur und Kultur von 1770 bis 1850


Editor(s)
Goer, Charis; Hofmann, Michael
Published
Paderborn 2007: Wilhelm Fink Verlag
Extent
263 S.
Price
€ 34,90
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Barbara Stambolis, Universität Paderborn/Technische Universität Darmstadt

Deutsche Sichtweisen des Orients in der Zeit zwischen 1770 und 1850 sind Gegenstand eines Sammelbandes, den die Literaturwissenschaftler Michael Hofmann und Charis Goer vorgelegt haben. Er geht auf eine interdisziplinäre und internationale Tagung des Jahres 2006 an der Universität Paderborn zurück. Die Veranstaltungsorte – neben der Universität waren es die Westfälischen Kammerspiele und das Schloss Corvey, das eine herausragende Bibliothek populärer Lesestoffe beherbergt – zeigten, dass die Organisatoren sich der öffentlichen Resonanz ebenso bewusst waren wie der Tatsache, dass Theater und Literatur neben der bildenden Kunst die Medien sind, über die Bilder eines wie auch immer gearteten, gedachten und weniger realen Morgenlandes verbreitet wurden, die die Phantasie gebildeter Zeitgenossen beschäftigten.

Der Leser mag sich aufgefordert sehen, einen umfangreichen Ausstellungskatalog zu einem Großprojekt des Jahres 1989 zur Hand zu nehmen: „Europa und der Orient: 800 – 1900“, in dem ein zeitlich weiter Bogen geschlagen wird. Zurecht heißt es in der Einleitung: „Wie ‚Europa’ eher ein Konstrukt aus den Werkstätten der Philologen und Politiker ist, so muss ‚der Orient’ … auch ein Amalgam aus Urteilen und Vorurteilen, als ideeller Gesamtentwurf aus den Laboren europäischer Wissenschaftler und Künstler, Politiker und Theologen gesehen werden, in dem sich eher europäisches Denken denn orientalische Realität zeigt“.[1]

Das vorliegende Buch fügt sich ein in eine Reihe neuerer und neuester Veröffentlichungen zu den Themen Orient und Orientalismus.[2] Es geht darum, Desiderate aufzuzeigen und sich kritisch mit Forschungsansätzen auseinanderzusetzen, insbesondere mit dem einflussreichen Ansatz Edward Saids[3], demzufolge europäische und somit auch deutsche Orientdiskurse einer „Bestätigung der europäischen Überlegenheit und letztlich zur Rechtfertigung der Kolonialisierung“ dienten (Einleitung der Herausgeber S. 8). Die Geschichte von Entdeckung, Eroberung und Unterwerfung ist sicher auch eine Geschichte geistiger Orientaneignung in Europa. Dabei dürfte keineswegs grundsätzlich die Tatsache in Frage gestellt sein, dass eurozentrische Entwürfe fremder, manchmal nur als exotisch und fremdländisch erscheinender Welten europäisches Denken beeinflusst haben.

Weniger ein reales Morgenland als vielmehr imaginäre Orte sind es, die die Autoren des Buches im Blick haben. Die Beiträge gliedern sich in drei Blöcke: zum einen geht es um allgemeinere Aspekte deutscher Orientbilder zwischen Aufklärung, Klassik, Romantik und Vormärz. Des Weiteren findet der Leser Exemplarisches zu einzelnen Autoren und Texten des genannten Zeitraums. Schließlich geht es um wissenschaftsgeschichtliche Paradigmenwechsel in der akademischen Beschäftigung mit dem Orient.

Deutschland war für den Zeitraum, der in den Beiträgen zur Untersuchung ansteht, keine Kolonialmacht und zu erwarten ist deshalb ein mehr oder weniger deutlicher Nachweis, dass sich deutsche Orientbilder von englischen und französischen wohl unterschieden haben müssen. Sicher gilt für viele der Beispiele, die hier nachzulesen sind, dass bei deutschen Literaten, Philosophen und Künstlern der Orient positiv imaginiert und als Impulsgeber für die eigene Kultur verstanden und die Wahrnehmung dieser fremden Welten, als die das Morgenland durchaus zu bezeichnen ist, von Neugier und Achtung bestimmt war.

Besonders anregend ist zweifellos der Beitrag von Andrea Polaschegg. Sie beschreibt „Orientalismus“ als eine Faszinationsgeschichte. Sie kontrastiert Begriffe wie islamisches Morgenland (Morgenland in Deutschland/Orient in anderen europäischen Ländern!) – christliches Abendland, gibt literarisch-historische Beispiele für die Gegenwart des Orients im Abendland; sie dürfte nicht zuletzt mit ihrem fundierten Aufsatz bei Historikern in anregender Weise Fragen auslösen: Das Stichwort der „imaginären Landkarte“ mag für weitere Diskussionen ebenso wichtig sein wie das der „Erinnerungsorte.“ (S. 16f.) Sie sei mit einem Satz zitiert, der auch die Faszination des Forschungsgegenstandes erkennen lässt: „Angetrieben von der unbändigen Lust an der Differenz, bringt das 18. Jahrhundert einen Orientalismus hervor, welcher das Potential der morgenländischen Parallelkultur bis zur Neige ausschöpft: Mit allen zu Gebote stehenden künstlerischen Mitteln wird hier zwischen westlicher und östlicher Welt hin und her gespiegelt, gekippt und projiziert und der Orient als literarisches Instrument benutzt, um Gesellschafts-, Kultur- und Religionsfragen der eigenen Zivilisation zu verhandeln.“ (S. 23)

Als fremder Spiegel des Eigenen, manchmal durchaus spielerisch, erscheint das Morgenland als Möglichkeit, um kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der westlichen Welt und dem Orient auszuloten. Als Beispiel zu erwarten ist die Beschäftigung mit Goethes Orientvorstellungen; sie werden ebenso einer Deutung unterzogen wie Dichtungen Heinrich Heines, Jean Paul Ludwig Richters, Achim von Arnims, Annette von Droste-Hülshoffs und Hermann Fürst von Pückler-Muskaus; sie stehen für die Vielfalt der deutschen Orientrezeption.

Der Beitrag zu Gustav Flaubert bietet in diesem zweiten Teil des Sammelbandes die Möglichkeit, als interessierter Leser, der die europäische Perspektive im Sinn behält, einen ersten Ansatz des Vergleichs zu suchen und eine Frage zu stellen, die zentral erscheint: Worin unterschied sich denn die deutsche von der englischen und französischen Orientwahrnehmung und Rezeption zwischen 1770 und 1850? Was bedeutete es möglicherweise für einen Unterschied, als deutscher, französischer oder englischer Schriftsteller orientbegeistert zu sein? Und damit: als Angehöriger einer Kolonialmacht vom Morgenland fasziniert zu sein oder eines Landes, das – wie bekannt ist – erst spät im 19. Jahrhundert ‚einen Platz an der Sonne’ suchte und doch intensiv die Weltmachtbestrebungen und kolonialen Eroberungen anderer Nationen wahrnahm? Das Buch verspricht keine vergleichenden Perspektiven, dass es solche Fragen auslöst, erscheint legitim.

Zu fragen wäre – auch das geht über das Ziel des Buches hinaus: Was veränderte sich in der deutschen Imagerie des Orients in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Stimmt es, was in dem bereits genannten Katalog des Jahres 1989 gleichsam als These formuliert wurde: dass „die literarischen Ansprüche und die ästhetische Adaption der Orientbilder … vom europäischen Geschmack und kulturellen Auffassungen abhängiger als von tatsächlichen Kulturkontakten“ waren?[4]

Der dritte Teil macht deutlich, dass es keine wissenschaftliche Wahrnehmung außerhalb der Zeit gibt, in der Wissenschaftler sich selbst verorten müssen, einer jeweiligen Gegenwart, die stets auch aktuelle Fragen und Interessen hat. Und das Titelbild, Carl Blechens orientalisch gekleidete Frauen im Palmenhaus auf der Pfaueninsel bei Potsdam aus dem Jahre 1934 deutet an, dass Vorstellungen und Wahrnehmungen offenbar wirkmächtig und nachhaltig folgenreich sind. Es eignet sich auch rund 150 Jahre später noch, um Morgenlandassoziationen auszulösen. Dem Buch sind vergleichende Untersuchungen und Studien, die größere Zeiträume in den Blick nehmen, an die Seite zu stellen. Dass die Interdisziplinarität für einen solchen Gegenstand ebenfalls zu erweitern wäre, schmälert nicht die Leseempfehlung für den hier vorgestellten Sammelband.

Anmerkungen:
[1] Sievenich, Gereon; Budde, Hendrik (Hrsg.), Europa und der Orient 800 – 1900. Eine Ausstellung des 4. Festivals der Weltkulturen Horizonte ‚89 in Berlin, veranstaltet von der Berliner Festspiele GmbH, Katalog Gütersloh, München 1989.
[2] Bogdal, Klaus-Michael (Hrsg.), Orientdskurse in der deutschen Literatur, Bielefeld 2007; Polaschegg, Andrea, Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert, New York 2005.
[3] Said, Edward, Orientalism. Western Conceptions of the Orient. With a New Afterword, London 1995 (zuerst 1978).
[4] Sievenich, Budde (Hrsg.), Europa und der Orient 800 – 1900, S. 341.