U. Ufer: Welthandelszentrum Amsterdam

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Title
Welthandelszentrum Amsterdam. Globale Dynamik und modernes Leben im 17. Jahrhundert


Author(s)
Ufer, Ulrich
Series
Stuttgarter Historische Forschungen 8
Published
Köln 2008: Böhlau Verlag
Extent
371 S.
Price
€ 52,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Jürgen G. Nagel, FernUniversität Hagen

Im 17. Jahrhundert etablierte sich Amsterdam endgültig als führende europäische Handelsmetropole. Die Stadt löste Antwerpen ab und konnte sich bis zum unaufhaltsamen Aufstieg Londons sogar für etliche Jahrzehnte in der führenden Position unter Europas Seehäfen behaupten. Und auch danach, zumindest bis zum Untergang der niederländischen Ostindien-Kompanie, auf deren Erfolg ein guter Teil der Entwicklung beruht, blieb sie ein Zentrum des Welthandels. Das Attribut "Welthandelszentrum" verleiht auch Ulrich Ufer der Hafenstadt in seiner Stuttgarter Dissertation. Der umfangreichen Literatur zu Amsterdam, deren Quantität und Qualität angesichts der Bedeutung dieser Stadt niemanden verwundern dürfte, will er eine neue Perspektive hinzufügen. Dabei betont Ufer vehement, dass er eine Kombination aus Sozialgeschichte und Kulturanthropologie anstrebt, in der er einen Brückenschlag und eine neue interdisziplinäre Qualität sieht. Die nicht unberechtigte Frage, was hierbei über die "gängige" historische Forschung hinausgeht, wird in der ausführlichen Einleitung leider nicht mit letzter Klarheit beantwortet. Auch eine Erläuterung, was nun ganz konkret untersucht werden soll, springt nicht unmittelbar ins Auge. Der Leser muss sich also überraschen lassen.

Zunächst steckt der Autor den wirtschaftlichen Rahmen seines Untersuchungsgegenstandes ab, sowohl global wie regional. Er orientiert sich dabei eng an den Kategorien Immanuel Wallersteins – ein nahe liegender Einstieg, da Amsterdam im Wallerstein'schen Zentrum-Peripherie-Schema der Weltsystemtheorie für das 17. Jahrhundert das Zentrum schlechthin darstellt. Die Orientierung an Wallerstein prägt im Folgenden die Begrifflichkeit, so weit es sich um Handelszusammenhänge dreht. Dies ist als Ausgangspunkt der Überlegungen sicherlich sinnvoll, doch entsteht dabei streckenweise mehr glänzende Oberfläche als eine tiefenscharfe Darlegung der entscheidenden Rahmenbedingungen. Gerade die Schilderung der ostindischen Handelskontakte, die für das frühneuzeitliche Amsterdam von entscheidender Bedeutung waren, erweist sich nicht unbedingt als sattelfest. Die Rekrutierung ausländischen, in großer Zahl deutschen Personals als Anwerbung von Lumpenproletariat über "Seelenverkäufer", als eine Form moderner Sklaverei zu interpretieren, entspringt eher einem Klischee als einer Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Arbeitsmarktverhältnissen in den Niederlanden. Angesichts der sehr unterschiedlichen Personenkreise, die sich von der VOC angezogen fühlten, kann diese kaum nur die letzte Alternative für Verzweifelte gewesen sein. Die Aufzählung offenbar niedriger Saläre reicht dafür nicht, zumal die Durchlässigkeit der VOC-Hierarchie zumindest in den ersten Jahrzehnten höher war als von Ufer behauptet – wie könnte es auch anders sein angesichts der ebenfalls betonten hohen Verlustraten der Kompanie. Auch Bezeichnungen wie "koloniale Eliten" für die VOC-Kaufleute wirken leicht aus der Zeit gefallen. Alles in allem bleibt die Beschreibung dieses Kontextes, der konstitutiv für die urbane Gesellschaft und damit von immenser Bedeutung für die nachfolgenden Analysen sein dürfte, doch etwas schematisch. Bei näherem Hinsehen überrascht dies letztendlich wenig: Die verwendeten Literatur besteht weitestgehend aus Überblicksdarstellungen, die zudem nicht selten inzwischen veraltet sind.

Hier liegt überhaupt ein grundsätzliches Problem der Studie. Die Literaturauswahl ignoriert so manche aktuelle Studie, ganz gleich, ob von den wirtschaftlichen Entwicklungen oder von den gesellschaftlichen Strukturen die Rede ist. Gerade dank der Rolle als "Welthandelszentrum" ist die Stadt Amsterdam stets im Fokus der historischen Forschung geblieben, ganz gleich, welcher "turn" gerade die gängigen Paradigmen durcheinander wirbelte. So sind auch in den letzten Jahren einschlägige Studien erschienen – verwiesen sei nur auf Clé Lesgers Monographie 'The Rise of the Amsterdam Market and Information Exchange. Merchants, Commercial Expansion and Change in the Spatial Economy of the Low Countries' aus dem Jahr 2006. Ulrich Ufer hält sich jedoch vielfach an Jahrzehnte alten Titeln fest. Zudem wird die getroffene Quellenauswahl nur marginal begründet. Sie konzentriert sich ganz auf die zeitgenössische, zweifelsohne äußerst ergiebige Publizistik. Dadurch nimmt die gesamte Studie eine sehr spezifische Perspektive ein, worüber einleitend durchaus umfangreicher hätte reflektiert werden können, wenn nicht müssen. Ein wenig lässt der Autor bei der Vorstellung seiner Materialien und Methoden den Eindruck entstehen, als wäre gerade dies nun der entscheidende Blick darauf, "wie es wirklich gewesen". Es bliebt jedoch unwidersprochen, dass eine solche Perspektive sehr interessant sein kann. Und als Leser steht man zu diesem Zeitpunkt ja noch relativ am Anfang und kann weiterhin gespannt auf die folgenden Kapitel sein.

Im Mittelpunkt der nun folgenden Ausführungen stehen die verschiedenen Erscheinungsformen frühneuzeitlichen Konsums und die damit eng korrelierten Fragen der Identität und Distinktion, aber auch der sozialen Schichtung. Unter diesem Leitstern verfolgt der Autor verschiedene Lebensbereiche der Amsterdamer Kaufmannschaft und schreitet dabei vom Großen zum Kleinen fort. Die Kommerzialisierung des städtischen Lebens als Ganzes wird in den Blick genommen, das Phänomen der Freizeit als Konsumzeit interpretiert und schließlich dem Alltagskonsum von prestigeträchtigen Waren nachgegangen. Auch eine topographische Verortung der so beleuchteten Bevölkerungsschichte wird versucht. Die Darlegungen münden in einer Einzelfallstudie von knappen 20 Seiten über den Kaufmann Benjamin Burlamacchi, der 1664 von Genf nach Amsterdam migrierte und dort 1691 in den Dienst der VOC trat. An seinem Beispiel lässt sich dank seines Nachlasses im Stadtarchiv Amsterdam – den einzigen Archivalien, auf die Ufer zurückgreift – ohne Zweifel einiges des vorher Gesagten veranschaulichen. Ein repräsentativer Fall ist dieser Kaufmann allerdings kaum, schon allein weil er als zugezogener Italiener und Konvertit in der urbanen Oberschicht einen Sonderfall darstellt. Auch sein Wechsel in ein Amt der VOC ist nicht repräsentativ. Vom Investor zum Oberkaufmann – ein Posten, der nun einmal nicht zur allerersten Reihe in Übersee zählte – war ein seltener Schritt, der eher für einen sozialen Abstieg spricht, wenn dieser auch in den Quellen nicht festzumachen ist.

Überhaupt tritt fast ausschließlich die kaufmännische Elite Amsterdams in Erscheinung. Eine Studie darüber lässt sich zweifelsohne rechtfertigen, wäre in Anspruch und Umfang viel versprechend genug. Wenn allerdings im Untertitel ausdrücklich "urbanes Leben" angekündigt wird, fehlt doch ein Großteil der Gesellschaft, die ein solches erst in ihrer Gesamtheit ausmacht. Mit der Erläuterung, dass die Mehrheit der städtischen Bevölkerung nicht vom Reichtum durch Welthandel profitierte, wird diese Majorität von vornherein aus der Studie ausgeklammert. Es entsteht ein Oberschichtenportrait, aber keine anthropologische, kultursoziologische oder sozialhistorische Studie über eine städtische Gesellschaft.

Die Schilderungen und Quellenauswertungen sind ausgesprochen detailliert, aber auch eklektizistisch und assoziativ ausgefallen. Eine stringente, womöglich gar formale Methode wird nicht vorgestellt. In einigen Zusammenhängen wird eine solche nicht übermäßig vermisst, in anderen hingegen, wenn beispielsweise der Versuch einer Sozialtopographie unternommen wird, um so schmerzlicher. Lebendig ist das Bild, das so entsteht, allemal. Die verallgemeinernde Passagen, auf die jedes einzelne Kapitel ausgerichtet ist, sollte der Leser allerdings nicht als unumstößliche historische Erkenntnis nehmen. Dafür beruht zu viel nur auf einem einzigen Abschnitt aus einem Traktat, aus einem Theaterstück oder einer anderen zeitgenössische Publikation. Eine ungebrochene Realitätswidergabe ist von solchen Materialien, das muss eigentlich nicht sonderlich betont werden, nicht zu erwarten. Um so erstaunlicher ist es, dass für eine konsequente Analyse der Quellen in ihrem Kontext die Quellenkritik doch etwas zu kurz gekommen ist. Der Autor beschränkt sich allzu häufig darauf, die einzelnen Quellen als Beleg für ebenfalls einzelne Gegebenheiten zu nutzen. Für eine umfassende Analyse stößt eine solche Vorgehensweise an etliche Grenzen, kann aber durchaus lesenswerte Einblicke vermitteln, wenn das so gewonnene Mosaik am Ende ein Bild ergibt.

Glücklicherweise muss ein Rezensent kein Dissertationsgutachten erstellen. Aus einer solchen Perspektive fiele das Urteil wahrscheinlich ungünstiger aus. So kann das Buch durchaus zur Lektüre empfohlen werden, insbesondere dann, wenn der Leser vor allem an einem Portrait einer kaufmännisch geprägten Oberschicht interessiert ist. Um sich ein Bild der gesamtweltwirtschaftlichen Situation zu machen, in der sich diese Schicht im 18. Jahrhundert bewegte, oder um ein generelles Bild eines Welthandelszentrums zu erhalten, bietet das Buch einen interessanten Beitrag, sollte dann allerdings nicht allein gelesen werden.

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17.09.2010
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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