S. Hahn: Migration – Arbeit – Geschlecht

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Title
Migration – Arbeit – Geschlecht. Arbeitsmigration in Mitteleuropa vom 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts


Author(s)
Hahn, Sylvia
Series
Transkulturelle Perspektiven 5
Published
Göttingen 2008: V&R unipress
Extent
282 S.
Price
€ 34,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Mathias Mesenhöller, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig

Sylvia Hahns Studie über Arbeitsmigration in Mitteleuropa – um genau zu sein: in der Habsburgermonarchie, mit einem Schwerpunkt auf Wien und Niederösterreich – zerfällt in drei Teile.

Der erste, „Zur Geschichte der Migrationsgeschichte“, bietet einen Abriss der deutschsprachigen Auseinandersetzung mit dem Phänomen seit dem 19. Jahrhundert, hinsichtlich obrigkeitlicher Registraturen der Bevölkerung seit der Frühen Neuzeit. Primär ein nützliches Resümee, gewinnt der Text Reiz, wo Hahn ihren Sinn für kritische Reflektion ausspielt – etwa wenn sie diskutiert, wie und mit welchen ideologischen Implikationen sich im Kontext der Bevölkerungswissenschaft die Vorstellung von Sesshaftigkeit als Norm etablierte. Ein Exkurs über die US-amerikanische Historiographie zum Gegenstand liefert den notwendigen Hintergrund; ein abschließender Abschnitt skizziert gesondert, wie sich die Forschung gegenüber der Kategorie Geschlecht verhielt, hier übersetzt in die Frage, wann, wo und wie die Frauen in den Blick rückten.

Der zweite Teil „Die Stadt, der Staat und die Fremden“ gibt einen Überblick über das Fremdenwesen zwischen frühneuzeitlicher Stadt und dem integrierten Flächenstaat des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das Augenmerk gilt Sicherungs- und Kontrollregimen, deren langfristigem Trend zu Ausdifferenzierung und Intensivierung einerseits, der Konstruktion und Erfahrung von „Fremdheit“ andererseits. Zumal für die Frühneuzeit bietet Hahns Zusammenschau der Literatur eine plastische, detailreiche Lektüre. Indes scheint bei der Betrachtung des Übergangs „von der guten Policey zur Geheimpolizei“ (S. 118, 121) sowie der Implementierung und Folgen des „Heimatrechts“ in der Habsburgermonarchie manche Einzelheit verzichtbar, bedürfte es einer deutlicheren Linienführung, die den jeweiligen argumentativen Status eines Befundes auswiese.

Der abschließende Teil greift den Titel „Migration – Arbeit – Geschlecht“ wieder auf. Dieses letzte Drittel des Bandes verwendet denn auch außer älterer und neuerer Literatur in erkennbarem Maße Quellenmaterial, namentlich die 1986 gemeinsam mit Gerald Sprengnagel aus den Volkszählungslisten von 1859, 1869 und 1890 für Wiener Neustadt und Felixdorf erstellte Datenbank „Wiener Neustadt im Industriezeitalter“ (S. 18). Anhand dieser Daten kann Hahn eine erhebliche grenzüberschreitende Arbeitskräftemobilität zeigen (oder eben die stark zu relativierende Bedeutung politischer Grenzziehungen; S. 157) – wie freilich schon Jan Lucassen [1] oder Leslie P. Moch [2] eine (markt-) regionale Perspektive stark gemacht haben. Der Schwerpunkt liegt auf Interdependenzen von Produktionsweisen und Brancheneigenheiten mit differenziert betrachteten Migrationen, Erfahrungen von „Fremdheit“, Familien- oder Einzelwanderung, geschlechtsspezifischer Erfahrung und variablen Optionen, Netzwerken, Berufskarrieren.

Sylvia Hahns aus ihrer Wiener Habilitationsschrift hervorgegangene Studie ist kenntnisreich, in den quantifizierenden Passagen solide Sozialgeschichte, immer wieder einsichtsvoll – etwa in ihrer Problematisierung des „Fremden“.

Gleichwohl überwiegen die Einwände. Das beginnt damit, dass dem Buch schlicht ein Lektorat fehlt. Die Sprache ist phrasenhaft, Formulierungen geraten schief, die Druckfehler übersteigen das Maß. Der Satz – das richtet sich nicht an die Autorin, sondern an den Verlag; gerade deshalb muss es gesagt sein – ist schlechterdings indiskutabel.
Es setzt sich fort über das letztlich unergiebige Zusammentragen von Bekanntem, das Wiederauffinden einschlägiger Muster im konkreten Untersuchungsfall, eine gewisse analytische Abstinenz und Deutungsscheu, die manche Einzelschicksals-Illustration des statistischen Materials ohne erkennbaren Mehrwert lässt.
Vor allem jedoch ist die oben gewählte Formulierung „zerfällt“ in drei Teile mit Bedacht gewählt. Der Band bleibt unfokussiert. Jeder Teil für sich ließe sich ausbauen: zu einem umfassenden, kritischen Forschungsbericht; zu einem einführenden Handbuch; zu einer mikrogeschichtlichen Fallstudie. So aber stehen drei Torsi nebeneinander.

Entsprechend geht es im titelgebenden dritten Teil um Migration, im Kern um Arbeitsmigration, der Anteil von Frauen daran wird adäquat berücksichtigt – doch bleibt es weitgehend bei der Präsentation von Befunden, abermals eingebettet in die Wiedergabe der Forschung. Am Ende ist „Migration“ nicht mehr als eine Annahme, bleibt „Arbeit“ ahistorisch, unproblematisiert und meint „Geschlecht“ keine orts- und zeitgebundene, Produktionslogiken reflektierende Konstruktion, sondern das Anliegen, auch einmal von Frauen zu handeln.

So stellt sich der Leseeindruck einer Kumulation ein – einer im wesentlichen den Riten akademischer Qualifikationsverfahren geschuldeten Publikation. Eine Pflichtschrift. Verschenktes Potential.

Anmerkungen:
[1] Jan Lucassen, Migrant Labour in Europe 1600–1900. The Drift to the North Sea, London 1987.
[2] Leslie P. Moch, Paths to the City. Regional Migration in Nineteenth-Century France, Beverly Hills 1983; dies., Moving Europeans. Migration in Western Europe since 1650, Bloomington und Indianapolis, 2. Aufl. 2003.

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Published on
07.01.2011
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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