A. Sartori: Bengal in Global Concept History

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Title
Bengal in Global Concept History. Culturalism in the Age of Capital


Author(s)
Sartori, Andrew
Published
Extent
288 S.
Price
$ 55.00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Margrit Pernau, Max Planck Institut für Bildungsforschung, Berlin

War die Begriffsgeschichte in ihrer Anfangsphase primär national und monolingual ausgerichtet, so hat sie sich seit einigen Jahren transnationalen Fragestellungen geöffnet, zunächst auf europäischer, dann aber auch auf globaler Ebene. Untersuchungen zu Grundbegriffen des kolonialen Indien gibt es noch kaum. Würde jemand dieses Projekt in Angriff nehmen, so läge es vermutlich nahe, entweder nach dem Einfluss und der transformierenden Wirkung des kolonialen Diskurses zu fragen und die Aufmerksamkeit hybriden Sprachformationen zu widmen, oder komparativ vorzugehen und Begriffe in verschiedenen indischen Sprachen mit der europäischen Entwicklung oder auch den Entwicklungen in anderen Kolonien zu vergleichen. Andrew Sartori hingegen wählt einen völlig anderen Zugang. Seine zentrale Frage ist, warum der Kulturbegriff in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weltweit eine ähnliche Entwicklung durchläuft und warum ein Begriff, der seine Wurzeln im Westen hat, auch in Indien, Japan und China begeistert aufgenommen wurde und dort in der politischen Debatte eine vergleichbar bedeutende Rolle spielte.

Das Gleichgewicht zwischen Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte, das Koselleck nicht müde wurde anzumahnen, hat sich nicht zuletzt durch die Einflüsse des linguistic turns und der Diskursanalyse, in den letzten Jahren immer mehr in Richtung auf eine Betonung der prägenden, wirklichkeitsschaffenden Kraft der Sprache verschoben. Wie sprachlich figuriertes koloniales Wissen zum Aufbau und Erhalt der britischen Herrschaft in Indien beigetragen hat, ist denn auch seit der Rezeption von Edward Said immer wieder gründlich untersucht worden. Sartori hält dem entgegen, dass die Ähnlichkeiten nicht in machtgestützten Kulturtransfers ihre Ursache hätten, sondern in den global wirkenden Strukturen des Kapitalismus, die in verschiedenen Weltregionen durchaus vergleichbare Wirkungen zeitigten. Sprache, und mit ihr Übersetzungen, Adaptationen und das Schul- und Hochschulwesen werden demgegenüber zwar nicht belanglos, rücken aber doch deutlich in das zweite Glied. Universale Begriffe, die für Koselleck noch in der Utopie einer Metasprache verortet waren, liegen hierbei nicht länger in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit; sie ergeben sich nicht aus der Zusammenführung einer Vielzahl partikularer Erfahrungen, sondern sind bereits vorhanden.

Dass Sartoris Dissertation am Lehrstuhl von Dipesh Chakrabarty entstanden ist, verleiht dieser Argumentation ein zusätzliches Interesse, denn hier zeichnet sich möglicherweise eine tief greifende Neubewertung von Sprache, Fragmentierung und Partikularismus ab: „The history of the culture concept in Bengal can be treated neither as a local deviation from nor as a late reiteration of an essentially Western intellectual form, but will rather be investigated as a spatially and temporally specific moment in the global history of the culture concept.“ (S. 5) Nicht mehr der Kolonialismus übt die Macht aus, die Sprache und Diskurse formt, sondern die „fundamental structures of social practice” (S. 18). Dies erlaubt es Sartori, die Dichotomie zwischen Kolonisierer und Kolonisierten zu überwinden, die immer wieder dazu führte, dass der Universalismus im Westen, der Partikularismus im Orient verankert wurde. Stattdessen ist der Westen, ebenso wie Indien oder Japan, nur eine partikulare Ausprägung einer globalen Entwicklung. Das Lokale existiert zwar noch in seiner Partikularität, wird aber von den globalen Strukturen in einem Maße durchdrungen, dass seine Transformation von größerer Bedeutung ist als die traditionalen Überreste. Für die Begriffsgeschichte bedeutet dies die Vorstellung eines „historically specific yet universal concept – a concept that emerges in the modern epoch, yet which transcends the boundaries of linguistic and cultural specificity to achieve global plausibility as a means of construing the world. Culture will therefore be understood in terms of a historically specific form that at once reconstitutes the precondition for the continuance of everyday life, and yet exceeds the institutional and conventional limits of any one locality.” (S. 47)

Die Folie, vor deren Hintergrund Sartori die Entwicklung des Kulturbegriffs verfolgt, ist der Bengali-Liberalismus des frühen 19. Jahrhunderts, wie er vor allem durch Rammohan Roy vertreten wurde, Gründer der Reformbewegung des Brahmo Samaj, aber auch unermüdlicher Vorkämpfer sozialer und politischer Reformen, vom Verbot der Witwenverbrennung bis zur Pressefreiheit. Sartori argumentiert, dass der Monotheismus und Egalitarismus des Brahmo Samaj, die Möglichkeit jedes Menschen unabhängig von Kastenstatus Gott zu erkennen und sich ihm zu nähern, die religiöse Grundlage für das „individual right to pursue rational self-interest“ (S. 82) dargestellt habe. Die Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen in Bengalen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert stellte so die Grundlage dar für eine Entwicklung, in der religiöse Gleichheit Hand in Hand ging mit der Verteidigung eines individuellen Eigentumsrechts und dem politischen Individualismus einer liberalen Zivilgesellschaft.

Die Finanzkrise der späten 1840er-Jahre entzog dieser Entwicklung den Boden, denn in ihrer Folge kam es zu einer Spaltung der Wirtschaft: während die Bengalen Kapital vorwiegend in Grundbesitz investierten, wurden Handel und Industrie zu einer ausschließlich kolonialen Domäne. „Commercial society“ und einheimische soziale Institutionen drifteten auseinander. Erst damit aber wurde der Kapitalismus zu dem Fremden, dem die Kultur als das Eigene entgegengestellt werden konnte.

Die frühen Vertreter dieser neuen Kulturdebatte, exemplifiziert vor allem im Werk des Schriftstellers Bankimchandra Chatterjee, in der Generation darauf durch Aurobindo, den politischen Führer der Swadeshi Bewegung und späteren Guru von Auroville, übersetzten Kultur als anushilan, ein Begriff der dem lateinischen cultura nahe kam und die Verbindung zu repetitiver Praxis betonte. Zentral für die Argumentation wurde die Gegenüberstellung von materialistischem Westen und dem spiritualistischen, ewigen Indien, das sein wahres Wesen und die Grundlage der Nation im Hinduismus fand, der Religion und Kultur zugleich war: „The fraternity that was to underpin the new nationalism of the second half of the 19th century could not be imagined on a Lockean model, as constituted by the coming together in civil society of brothers whose equality was guaranteed by the destruction of paternal authority. Rather, the common, loving submission of all the sons of the parental authority of the Mother [= Mother Goddess], whose kindly nature maintained harmony within the family, guaranteed the internal unity and integrity of the nation as a superfamilial entity.” (S. 124)

Dem gegenüber bevorzugte der Dichter und Nobelpreisträger Tagore, dessen Werk bis in die Gegenwart einen prägenden Einfluss auf die Bengali Sprache hat, für Kultur die Übersetzung sanskriti. Dies war eine folgenschwere Entscheidung, so Sartori, denn im Gegensatz zu anushilan fehlt sanskriti die Verbindung zum Alltagsleben. Vielmehr konstituiert es sich geradezu im Gegensatz zu Arbeit und Alltag als ein Reinigungsprozess der Seele, der durch die Begegnung mit den Erzeugnissen einer ästhetischen Hochkultur, mit Kunst, Musik und Dichtung. Damit verliert Kultur zugleich ihre integrative Kraft und zersplittert in eine Vielzahl von konkurrierenden Bewegungen und wird nicht zuletzt zur Grundlage für den Antagonismus zwischen den Religionsgemeinschaften (wobei es fraglich ist, ob sich nicht auch sprachlich mehr Gemeinsamkeiten zwischen dem militanten Bankim und dem Hindukommunalismus finden lassen als zwischen dem letzteren und dem Werk des kosmopolitischen Tagore).

Nicht ganz überzeugend begründet Sartori seine Auswahl der Quellen. Auch wenn es sicherlich stimmt, dass die Geistesgrößen, die er zu Wort kommen lässt, die Problemlagen besonders klar zum Ausdruck bringen, hätte es doch gerade unter dem Gesichtspunkt einer Fundierung der Untersuchung in den Strukturen sozialer Praxis nahe gelegen, der Rezeption auf breiterer Ebene nachzugehen. Gerade Bengalen bietet dafür mit einem früh ausgeprägten Zeitschriften- und Zeitungsmarkt, sowie einer umfangreichen Pamphletkultur eine verhältnismäßig gute Quellengrundlage.

Insgesamt handelt es sich um eine hervorragende Untersuchung, die sowohl durch die Arbeit im Detail wie auch durch das durchgehaltene hohe Reflexionsniveau Standards setzt. Die Begriffsgeschichte wird sich mit diesem Ansatz intensiv auseinandersetzen müssen – ob er sich gerade in der europäischen Tradition wird durchsetzen können, bleibt abzuwarten.

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19.11.2009
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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