H.-J. Wagener u.a.: Sozialistische Ökonomie im Spannungsfeld der Modernisierung

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Title
Sozialistische Ökonomie im Spannungsfeld der Modernisierung. Ein ideengeschichtlicher Vergleich DDR – Polen


Author(s)
Wagener, Hans-Jürgen; Tymiński, Maciej; Koryś, Piotr
Published
Wiesbaden 2021: Springer
Extent
706 S.
Price
€ 74,99
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Max Trecker, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) Leipzig

Wenn die Wirtschaftsgeschichte im Allgemeinen ein Schattendasein in der historischen Forschungslandschaft führt, so gilt dies für die Wirtschaftsgeschichte des Staatssozialismus im 20. Jahrhundert im Besonderen. Der Siegeszug des Marktliberalismus in den 1990er Jahren ließ den Staatssozialismus rasch als „Fußnote der Geschichte“ und damit auch der Wirtschaftsgeschichte erscheinen, als ein System, bei dem sich professionelle Beobachter im Nachhinein wunderten, wie es überhaupt 40 – sogar 74 Jahre im Falle der Sowjetunion – überdauern konnte. Dabei hatten die 1990er Jahre ihr ideologisches Gegenstück in den 1930er Jahren: Wer die Krisen der 1930er Jahre bewusst erlebt hatte, hatte ähnliche Schwierigkeiten sich der Attraktivität des sozialistischen Systems zu entziehen, wie dies analog in den 1990er Jahren für Beobachter und Betroffene des sozialistischen Systems in Bezug auf den Marktliberalismus der Fall gewesen war. Der von den drei Autoren herausgegebene Band beschäftigt sich mit der Geschichte des ökonomischen Denkens in den staatssozialistischen Ländern DDR und Volksrepublik Polen von ihrer Gründung bis zu ihrer Transformation in marktliberale Demokratien. Im Mittelpunkt stehen Ökonom:innen, die das sozialistische Systemen reformieren und umbauen, aber nicht abschaffen wollten.
Das Buch ist aus dem vom BMBF finanzierten Projekt „Modernisierungsblockaden in Wirtschaft und Wissenschaft der DDR“ hervorgegangen. Die Autoren arbeiten mit dem Konzept der „Modernisierungsblockaden“, wobei sie Modernisierung im Gegensatz zu dem Begriff Moderne als einen dynamischen und nicht als einen statischen Begriff verstehen. Dem ergebnisoffenen liberalen Modernisierungsprojekt wird hierbei das sozialistische entgegengesetzt, in dem das Endergebnis – die Einführung des Kommunismus – bereits im Vorhinein gesetzt gewesen sei. Hieraus folge, dass das liberale Modernisierungsprojekt das Ergebnis einer „säkularen technischen, institutionellen und kulturellen Evolution“ (S. 2) sei, die von spontan auftretenden Innovationen getrieben werde. Das sozialistische Modell hingegen resultiere aus einem ideologisch begründeten, von oben vorgegebenen Plan. Um eine bestimmte Entwicklung als Element der „Modernisierung“ beurteilen zu können, brauche es vorher festgelegte Zielvariable. Als solche definieren die Autoren wissenschaftlich-technischen Fortschritt, Produktivitäts- und Wohlfahrtssteigerung, Entfaltung der Zivilgesellschaft, individuelle Selbstverwirklichung sowie Freiheit. Weiterhin lasse sich der liberal-individualistische vom sozialistisch-kollektivistischen Modernisierungsdiskurs durch die Gegensätze von pluralistischen Interessen und einzig wahrem Klassenstandpunkt sowie dezentralem Wettbewerb und zentralisierter Planung und Leitung abgrenzen. Modernisierungsblockaden ergeben sich für die Autoren überall dort, wo die selbstgesteckten Modernisierungsziele auf Widerstände stoßen oder Konflikte auslösen.
Das Buch gliedert sich in insgesamt fünf Kapitel. Die Einleitung ist in erster Linie der Theorie hinter dem Buchprojekt gewidmet. In ihr wird das Grundverständnis der Autoren von Modernisierung mitsamt deren institutioneller Voraussetzungen und Folgen erklärt. Zudem wird auf die unterschiedlichen sozioökonomischen und politischen Ausgangsbedingungen in Ostdeutschland und Polen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zu Beginn des Kalten Krieges eingegangen. Kapitel zwei behandelt den politischen und institutionellen Rahmen, in dem Ökonom:innen in der Volksrepublik Polen und der DDR tätig waren. Hierbei geht es nicht nur um die Wirtschafts-, sondern auch um die Wissenschaftspolitik. Die Autoren definieren für die DDR drei Generationen von Wissenschaftler:innen: Die Gründergeneration, die Aufbaugeneration sowie die Perestroika-Generation. Erstere – geboren zwischen 1900 und 1920 und vor dem Krieg bereits politisch aktiv – habe in der Politik bis zum Ende der DDR die Macht innegehabt, in den Wirtschaftswissenschaften habe diese Generation aber eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Primär wurde die Entwicklung der Sozialwissenschaften in der DDR – so die Autoren – von der Aufbaugeneration getragen. Diese habe die Wissenschaftslandschaft bis zum Ende der DDR dominiert. Ihre Vertreter entstammten häufig einem nicht-akademischen Milieu und verdankten ihren raschen sozialen Aufstieg dem neuen sozialistischen Staat, dem sie auch loyal verbunden blieben. Die Aufbaugeneration trage die intellektuelle Verantwortung für die Wirtschaftsreformen der 1960er Jahre, auch wenn es ihren Vertretern nicht gelang, die Dynamik der 1960er Jahre in die 1970er Jahre zu überführen. Die Perestroika-Generation habe in der Praxis keine Rolle gespielt, da ein großer Generationswechsel erst in den 1990er Jahren hätte stattfinden sollen. Für die Volksrepublik Polen sprechen die Autoren ebenfalls von drei Generationen. In Polen habe die Gründergeneration jedoch eine weit größere Rolle in den Sozialwissenschaften gespielt als in der DDR.
Kapitel drei widmet sich ordnungspolitischen Konzepten der sozialistischen Wirtschaft. Hierbei werden mit den ideologischen Grundlagen, Eigentum als systembestimmender Kategorie sowie Ideen zur Reform der sozialistischen Wirtschaftsordnung insgesamt drei verschiedene Zugänge verfolgt. Die Autoren charakterisieren die DDR hierbei als „Hort der Orthodoxie“, während in der Volksrepublik Polen die ökonomische Forschung bedeutend facettenreicher gewesen sei. Auf die Wirtschaftspolitik der KP Polens hätten diese im Vergleich zur DDR pluralistisch anmutenden Debatten jedoch nur geringen Einfluss ausgeübt. In Polen wurden Wirtschaftsreformen als Reaktion auf gesellschaftliche Proteste eingeführt und führten zu personellen Konsequenzen an der Spitze der KP. Einen direkten Zusammenhang mit Debatten in den polnischen Wirtschaftswissenschaften habe es nicht gegeben. Im Vergleich zur DDR konnten sich polnische Wirtschaftswissenschafler:innen jedoch offen zum Marktsozialismus bekennen. Den marxistischen Grundkonsens durften sie hingegen nicht überschreiten und taten es vor 1989 auch nicht. Dies stellt – so die Autoren – eine Gemeinsamkeit mit den DDR-Wirtschaftswissenschaftlern dar, die sich zwar nicht offen zum Marktsozialismus bekennen konnten, aber bis 1989 an die prinzipielle Überlegenheit des sozialistischen Modells glaubten.
Kapitel vier behandelt die Theorie der zentralen Planung, das Feld der Preis- und Finanzplanung sowie die Rolle der Betriebswirtschaftslehre in den zwei Untersuchungsländern. Interessant ist hierbei vor allem die Feststellung, dass es an einer kohärenten Planungstheorie gemangelt habe, zumindest in der Frühzeit in Polen und der DDR. Dies änderte sich erst langsam. Die Autoren stellen verschiedene Überlegungen von ostdeutschen und polnischen Ökonom:innen in Kapitel vier vor, betonen aber gleichzeitig, dass nur wenige dieser Ideen Eingang in die wirtschaftspolitische Praxis gefunden haben. Der Strukturwandel der zwei Volkswirtschaften sei in den vierzig Jahren kommunistischer Herrschaft primär ad hoc durch die jeweilige politische Führung erfolgt. Im Schlusskapitel, das den Titel „Die verpasste Modernisierung“ trägt, fassen die Autoren ihre Thesen zusammen und setzen sie in Bezug zur Idee der „Modernisierungsblockaden“. Modernisierungsblockaden identifizieren sie unter anderem in der überschätzten Machbarkeit des sozialistischen Modernisierungsprojekts, der fehlenden Freiheit des wissenschaftlich-technischen Austauschs mit dem Rest der Welt sowie der Fokussierung aller gesellschaftlichen Aktivitäten auf das politische Zentrum der Staatspartei.
Die einzeln genannten Faktoren gehören gewiss zu den Gründen für die Selbstauflösung des staatssozialistischen Systems im östlichen Europa. Ob das Konzept der „Modernisierungsblockade“ für die Forschung einen zusätzlichen Mehrwert generiert, sei angesichts der Umstrittenheit der Konzepte „Moderne“ und „Modernisierung“ jedem Leser:in selbst überlassen. Fraglich ist, ob die von den Autoren verwandte Dichotomie zwischen liberalem „westlichen“ und kollektivistisch-sozialistischem „östlichen“ Modernisierungsprojekt tatsächlich stichhaltig ist. Die Autoren müssen das Konzept in ihrem Buch an einigen Stellen durch Verweise auf Entwicklungen in der Volksrepublik China und die zunehmende Verwendung von Planmethoden im Westen nach 1945 selbst einschränken. Das Buch ist überwiegend ohne die Verwendung von Archivquellen entstanden. Sein Wert für die Forschung liegt vor allem im Handbuchcharakter. Es dürfte sich als treuer Begleiter und als Nachschlagewerk für weitergehende archivgestützte Forschungsvorhaben zur Wirtschaftsgeschichte Polens und der DDR im Staatssozialismus etablieren. Das vorliegende Werk ermöglicht es, einzelne Erkenntnisse aus der archivalischen Arbeit in einen größeren Zusammenhang einordnen und sich gleichzeitig kritisch mit den Thesen und Annahmen der Autoren auseinanderzusetzen.

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09.09.2022
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