T. Burnard: The Routledge History of Slavery

Cover
Title
The Routledge History of Slavery.


Editor(s)
Burnard, Trevor; Heuman, Gad
Published
London 2011: Routledge
Extent
358 S.
Price
£ 100.00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Ulrike Schmieder, Universität Hannover

Bei dieser Geschichte der Sklaverei mit dem Schwerpunkt „Sklaverei in den Amerikas“ handelt es sich nicht um eine durchgehende „Meistererzählung”, wie sie z.B. Christopher Delacampagnes „Histoire de l´Esclavage“ darstellt, sondern um eine kollektive Unternehmung renommierter Sklavereihistoriker/innen englischer, US-amerikanischer und kanadischer Universitäten.

Bereits in der Einleitung (Gad Heumann/ Trevor Burnard) werden die wesentlichen Forschungsprobleme der Sklavereigeschichte prägnant und nachvollziehbar dargestellt. Die Autoren bekräftigen, dass Sklaverei gleichzeitig als Institution und ausgehandelte soziale Beziehung verstanden werden muss und dass die amerikanischen Sklavereigesellschaften durch die Kulturen der Herkunftsregionen wie der Aufnahmeländer der afrikanischen Sklav/innen geprägt wurden. Sie definieren Sklaverei als wirtschaftliches Ausbeutungsverhältnis, das von physischem Zwang und psychologischen Herrschaftsmechanismen geprägt ist. Sie stellen dabei die Definitionen von Orlando Patterson (Sklaverei als social death), Igor Kopytoff/ Suzanne Miers versus Claude Meillasoux (Sklaverei in Afrika als marginality oder alienation, ausführlicher dazu: Paul Lovejoy in diesem Buch) und ihre Infragestellungen durch rezente Forschungen dar. Sie heben die Rolle von race in der amerikanischen Sklaverei als entscheidenden Unterschied zur Sklaverei im Raum des Indischen Ozeans hervor. Heumann und Burnard betonen die regionale Differenzierung und wie Ira Berlin die Historizität der Sklaverei. Sklavenwiderstandsformen unterscheiden sie nach solchen, die sich gegen besonders schlimme Missbräuche der Sklavenhalter richteten und solchen, der die Sklaverei als Institution abschaffen wollten (z.B. die Christmas Rebellion 1831 in Jamaika) bzw. tatsächlich abschafften (Haitianische Revolution 1791-1804). Sie weisen auch auf die neueren Forschungen zu Sklaverei und Geschlechterverhältnissen hin und darauf, dass Sklavinnen als Arbeitskräfte und Sexualobjekte behandelt wurden, während auf Mutterschaft keine Rücksicht genommen wurde. Außerdem führen sie kurz in die Debatte um die Destruktion (E. Franklin Frazier) oder Kontinuität (Melville Herkovits) afrikanischer Kulturen und die Kreolisierungsprozesse während der middle passage und in den Amerikas (Sydney Mintz und Richard Price) ein.

Neben den Beiträgen, die sich auf die Sklaverei in den Amerikas beziehen, gibt es unter dem Titel „Slavery as global institution“ Beiträge zur Sklaverei in der Antike (Niall McKeown), Afrika (Paul E. Lovejoy) und einen Exkurs zur Sklaverei in der Gegenwart, vor allem in Entwicklungsländern (Joell Quirk). In einem Beitrag zur Sklaverei im Indischen Ozean unterstreicht Gwyn Campbell, dass die atlantische Sklaverei nicht normativ für deren Darstellung sein kann. Hier wurden nicht als minderwertig betrachtete Schwarze an Weiße zur ökonomischen Ausbeutung auf Plantagen verkauft, sondern Menschen sehr unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft in sehr verschiedenen Aufnahmegesellschaften vor allem für Tätigkeiten in der Konsumtionssphäre verwendet. In diesem Buchabschnitt rekapituliert Trevor Burnard die neuesten Forschungsergebnisse zu Umfang und Distribution im transatlantischen Sklavenhandel, zur agency afrikanischer Eliten in diesem Handel und beschreibt Alltag und Widerstand auf der middle passage. Betty Wood beschreibt die – gegenüber der Sklaverei des 19. Jahrhunderts meist vernachlässigten – Ursprünge der Sklaverei in der Neuen Welt.

Im Hauptteil des Buches „Character of Slavery“ werden unter anderem Sklavenarbeit (Lorena Walsh mit einem Einblick in die Diskussion um deren Produktivität), Demographie (Follett mit einer sehr differenzierten Darstellung der komplexen Ursachen für die hohe Sterblichkeit der Sklav/innen) und Sklavenkultur (Matt Childs unter Betonung der Kontinuität von afrikanischen Kulturen und Religionen) behandelt. Widerstand, inklusive der Debatten zur Bewertung von maroonage in diesem Zusammenhang und der Problematisierung des resistance paradigm durch Walter Johnson, wird von James Sidbury diskutiert. Afrikanisch und kreolisch geführte Rebellionen werden von Gad Heumann verglichen. Race Relations werden von Timothy James Lockley gut und differenziert zur britischen Karibik und den USA und sehr knapp und oberflächlich im Hinblick auf Lateinamerika betrachtet. Jennifer Morgans Beitrag stellt überzeugend die Interdependenzen der Stereotypen von race und gender und die Konsequenzen für den Umgang mit Sklavinnen dar, lässt das Thema Sklaverei und Männlichkeit aber aus. Einen Artikel über die Pflanzerklasse (Trevor Burnard) aufgenommen zu haben, ist sehr verdienstvoll, weil zu selten gefragt wird, was die Sklaverei mit den Sklavenhaltern machte. Die Sklavenhalterinnen fehlen allerdings.
Schließlich werden in „Changes and Continuities“ die Wege in die Emanzipation von Laurent Dubois, Christopher Brown und Steven Hahn beschrieben. Edward Rugemer behandelt als einziger in dem Band das Thema, wie an Sklaverei erinnert wurde, und zwar anhand der „Emancipation Days“ in der angloamerikanischen Welt.

Abschließend habe ich noch eine durchaus wesentliche Kritik an dem Buch vorzubringen: Von den Autor/innen arbeiten bis auf zwei alle zu den USA oder der anglophonen Karibik (Matt Childs forscht zu Kuba, und Laurent Dubois zur französischen Karibik). Es gibt kaum Hinweise auf die umfangreiche spanisch-, portugiesisch- und französischsprachige Forschungsliteratur zur Sklaverei in Lateinamerika. Das ist sehr bedauerlich, weil es in den letzten zwei Jahrzehnten einen Boom der Sklavereigeschichte Brasiliens und einen deutlichen Aufschwung der Sklavereigeschichte Hispanoamerikas gegeben hat. Dabei werden viele empirisch fundierte Studien publiziert, die auch Input für theoretische Debatten, z. B. um die Häufigkeit, Dauerhaftigkeit, Form und Zusammensetzung von Sklavenfamilien liefern: Herbert Gutman und John Blassingame gingen im Gegensatz zu Patrick Moynihan und gegenwärtig Wilma Dunaway von einer weiten Verbreitung stabiler Kernfamilien in den USA aus, zu Kuba postulieren dies Carmen Barcía, Maria de los Angeles Meriño Fuentes und Aisnara Pérez Díaz gegen die älteren Thesen von Verena Martínez Alier und Manuel Moreno Fraginals.
Thematisch kommen Brasilien, Kuba und Haiti vor, wenn auch nicht in dem Umfang, der ihnen (vor allem Brasilien, in das 45,45 Prozent [1] aller in die Amerikas verschleppten Sklav/innen importiert wurden) bei einer Sklavereigeschichte, die wirklich die Amerikas behandelt, zukommen müsste. Die USA, die in der transatlantischen Sklaverei realgeschichtlich eine marginale Rolle spielten, nehmen einen viel zu großen Raum ein. Die hispanophone Karibik außer Kuba fehlt. Das gesamte Festlands-Spanischamerika wird nur am Rande erwähnt, z.B. in Laurent Dubois‘ Beitrag zur „Sklaverei im Zeitalter der Revolutionen“ und in Silvia Freys Artikel zu afroatlantischen Religionen, aber nirgendwo ins Zentrum gestellt. Kolumbien mit einer Jahrhunderte andauernden Geschichte der Sklaverei in den atlantischen und pazifischen Küstengebieten fehlt ganz. Auch die niederländische und dänische Karibik sowie die französischen Antillen außer Haiti werden nur randständig behandelt. Um eine Sklavereigeschichte der Amerikas handelt es sich folglich nicht und „global“ heißt leider nur „global anglophon“.

Mit dieser Einschränkung bietet das Buch einen thematisch breiten Überblick zur Sklavereigeschichte und einen hilfreichen Einblick in ältere und gegenwärtige Forschungsdebatten, so dass es Studierenden und Kolleg/innen als seriöse Einstiegslektüre in die Thematik empfohlen sei, wenn sie sich bewusst machen, dass es sich um eine sehr gute Geschichte der Sklaverei des anglophonen Amerika mit Exkursen in andere amerikanische Regionen handelt.

Anmerkung:
[1]http://www.slavevoyages.org/tast/assessment/estimates.faces, Zugriff 15.03.2011. Specific Disembarkation Regions: 4.864.374 Sklav/innen von den in den Amerikas angekommenen 10.702.656 Sklav/innen.

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Published on
23.09.2011
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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