H. Fischer-Tiné: Low and Licentious Europeans

Title
Low and Licentious Europeans. Race, Class and ‚White Subalternity‘ in Colonial India


Author(s)
Fischer-Tiné, Harald
Series
New Perspectives in South Asian History
Published
New Delhi 2009: Orient Blackswan
Extent
437 S.
Price
Rs. 695.00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Sebastian Conrad, European University Institute, Florenz

Für die koloniale Verwaltung in Britisch-Indien waren die „Weißen Subalternen“ – arbeitslose Seeleute, Kriminelle, „Vagabunden und Landstreicher“, Prostituierte – ein ständiges Problem. Zwar nicht so sehr in quantitativer Hinsicht, umso mehr aber im Hinblick auf das Selbstverständnis der Kolonisierer: Die Präsenz europäischer Unterschichten drohte, die eindeutige, auf Unterschieden der Rasse basierende Trennung zwischen Kolonialherren und Kolonisierten zu unterminieren. Daher wurde ein erhöhter administrativer (und diskursiver) Aufwand getrieben, um diese Randexistenzen der kolonialen Ordnung aus dem Stadtbild von Bombay, Delhi und Madras zu entfernen – und aus dem Bewusstsein der Zeitgenossen.

Harald Fischer-Tiné, Professor für die Geschichte der Modernen Welt an der ETH in Zürich, hat ein Buch vorgelegt, das beispielhaft und auf hohem Niveau zeigt, wie komplex und vielschichtig koloniale Herrschaft in der Praxis war. Seine Untersuchung wendet sich gegen ein zu dichotomisch angelegtes Verständnis der kolonialen Situation. Partha Chatterjee beispielsweise hatte am Beispiel des britischen Empire in Südasien den einflussreichen Begriff der „rule of colonial difference“ geprägt. Damit beschrieb er die ideologische und auch ganz praktische Bedeutung der Vorstellung einer fundamentalen Dichotomie zwischen Kolonialherren und (minderwertiger) kolonisierter Bevölkerung für die Realität kolonialer Herrschaft, die ideologisch durch den Rassendiskurs gestützt und getragen wurde.[1] Fischer-Tiné hingegen, im Anschluss an Arbeiten von Frederick Cooper, Ann Laura Stoler, Laura Tabili oder Philippa Levine [2], hinterfragt diese Annahme und interessiert sich statt dessen für die Strategien und Praktiken, durch die nicht nur koloniale Herrschaft, sondern auch die Grenzziehung zwischen Kolonialherren und Kolonisierten stets neu justiert und ausgehandelt wurden. Im Vordergrund stehen, mit anderen Worten, nicht so sehr die Effekte einer angenommen Differenz, sondern die Praktiken und eine Politik der Differenzierung.

Denn tatsächlich waren die Kategorien der Kolonisierer und der Kolonisierten nicht so trennscharf von einander geschieden, wie der koloniale Diskurs es suggerierte. In fünf großen, materialreichen und spannend geschriebenen Fallstudien zeigt Fischer-Tiné, wie ambivalent und umstritten die Pyramide sozialen Prestiges und gesellschaftlicher Macht unter kolonialen Bedingungen sein konnte. Darin geht es um entlassene (und randalierende) Seeleute in Kalkutta, denen die lokale Verwaltung mit ähnlichen Maßnahmen begegnete wie der kolonisierten Bevölkerung auch; um „Vagabunden“ und „Landstreicher“, die – ähnlich wie zeitgleich in Europa – in Arbeitshäuser gesperrt wurden, um dort gebessert und „gehoben“ zu werden; um europäische Prostituierte, häufig jüdische Frauen aus Osteuropa, die im Rahmen des zeitgenössisch so genannten „weißen Sklavenhandels“ in die Hafenstädte des indischen Ozeans geschickt wurden; um Kriminelle, von denen einige in spezifisch für europäische Straffällige errichteten Gefängnissen einsaßen; und um die Aktivitäten der Heilsarmee, die in Großbritannien und Indien zugleich den jeweiligen „Wilden und Heiden“ die Segnungen ihrer Zivilisierungsmission zukommen ließen.

Fischer-Tiné erzählt auf diese Weise die Geschichte des britischen Raj „von unten“; er stellt den Vizekönigen, Generälen, Orientwissenschaftlern und Missionaren die Biographien von marginalisierten Personen an die Seite. Dabei geht es nicht darum, die „weißen Subalternen“ mit den kolonisierten Unterschichten einfach gleichzusetzen. Fischer-Tiné spricht von der „racial dividend“, von der selbst die inhaftierten europäischen Straftäter im Vergleich zu ihren indischen Mithäftlingen profitieren konnten. Aber die Untersuchung macht sehr deutlich, dass die Kategorie der vom Rassediskurs postulierten Unterschiede nicht ausreicht, um die Realität vor Ort zu verstehen. Fischer-Tiné stellt daher die Intersektionalität verschiedener Kategorien der Differenz – race, class, gender – ins Zentrum seiner Untersuchung und trägt so auch zu einem Verständnis von Whiteness unter kolonialen Bedingungen bei. Vor allem soziale Unterschiede spielten für die Handlungsspielräume marginalisierter Europäer häufig eine zentrale Rolle – und nur in Situationen hoher Visibilität waren Loyalitäten der Hautfarbe in der Regel dominant.

Low and Licentious Europeans ist nah an den archivalischen und publizierten Quellen geschrieben, mit anschaulichen Beispielen aus einer Welt, die in der bisherigen Kolonialgeschichtsschreibung stark vernachlässigt wurde. Zugleich stehen alle Kapitel im Dialog mit der internationalen Forschungsdebatte und sind Musterbeispiele der Verbindung von Mikro- und Makroperspektive und analytischem Zugang. Sie haben ihren Schwerpunkt eindeutig im kolonialen Indien, sind aber stets transnational eingebettet, mit Rückbezug nach Großbritannien und das britische Empire und einer Anbindung an globale Strukturen. Das Buch von Fischer-Tiné gehört ohne Zweifel zu den eindrucksvollsten Beiträgen zur Geschichte des Kolonialismus, die auf Deutsch in den letzten Jahren entstanden sind.

Anmerkungen:
[1] Vgl. vor allem Partha Chatterjee, The Nation and Its Fragments. Colonial and Postcolonial Histories, Princeton 1993, S. 16-34.
[2] Frederick Cooper / Ann Laura Stoler, Between Metropole and Colony. Rethinking a Research Agenda, in: dies. (Hrsg.), Tensions of Empire. Colonial Cultures in a Bourgeois World, Berkeley 1997, S. 1-56; Ann Laura Stoler, Carnal Knowledge and Imperial Power. Race and the Intimate in Colonial Rule, Berkeley 2002; Laura Tabili, „We Ask for British Justice“. Workers and Racial Difference in Late Imperial Britain, Ithaca 1994; Philippa Levine, Prostitution, Race and Politics. Policing Venereal Disease in the British Empire, London 2003.

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Published on
31.03.2010
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