S. Manz: Constructing a German Diaspora

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Title
Constructing a German Diaspora. The 'Greater German Empire', 1871-1918


Author(s)
Manz, Stefan
Series
Routledge Studies in Modern European History
Published
Oxford 2013: Routledge
Extent
360 S.
Price
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Klaus Dittrich, Hong Kong Institute of Education

Nach der Lektüre des vorliegenden Bandes sah sich der Rezensent an seine eigene Forschung und speziell einen alten koreanischen Zeitungsartikel erinnert: In der koreanischen Hafenstadt Jemulpo, die zwei Jahrzehnte vorher für den internationalen Handel geöffnet worden war, lebten im Jahre 1897 sechzehn Deutsche. Die meisten von ihnen waren bei dem Handelshaus Meyer & Co. beschäftigt, welches im Import- und Exportgeschäft eine bedeutende Stellung einnahm. Als im Juli jenes Jahres die deutsche Ostasienflotte Jemulpo besuchte, entfaltete sich ein Panorama deutscher Festkultur. Die Militärband spielte auf, bei einem Empfang mit lokalen Würdenträgern wurde auf den deutschen Kaiser getoastet, eine deutsche Familie ließ ihre neugeborenen Zwillinge vom Schiffspastor taufen.[1]

Stefan Manz, der an der Aston University in Birmingham lehrt, bietet mit seiner Studie Anknüpfungspunkte dafür, solche und ähnliche Episoden, von denen er zahlreiche in verschiedenen Kontexten rund um den Globus auf gefestigter Quellenbasis zusammengetragen hat, sinnvoll in einen globalen Kontext einzuordnen. Dazu dient ihm das Konzept der Diaspora, in einem konsequent konstruktivistischen Verständnis, für die Epoche von Imperialismus und Globalisierung. Manz geht davon aus, dass in der Zeit zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg im Ausland lebende Deutsche zunehmend als Ressource für die Nation gesehen wurden. Aus heterogenen und regional verstreuten Gemeinschaften wurden „Auslandsdeutsche“.

Das erste Kapitel bildet die Grundlage des Bandes und gibt einen prägnanten Überblick über die maßgeblichen Migrationsbewegungen und -muster aus den deutschen Ländern seit dem späten Mittelalter mit einer Zuspitzung auf die Zeit um 1900. Zunächst bespricht Manz die ostwärts gerichteten Migrationsströme, in deren Folge sich die Deutschen in weiten Teilen eines heterogenen und hybriden Ost- und Südosteuropa als eine Akteursgruppe unter vielen etablierten. Für Russland unterscheidet er zwischen den Baltendeutsche einerseits sowie den Wolga- und Schwarzmeerdeutsche andererseits. Danach wendet er sich den Bevölkerungsbewegungen gen Westen zu. Bekanntermaßen gab es eine starke transatlantische Migration. Aber auch innerhalb Westeuropas ließen sich in den urbanen Zentren vor allem in Handels- und Handwerkerberufen tätige Deutsche nieder. Mit der imperialen Expansion des späten 19. Jahrhunderts erlangten weitere Destinationen an Bedeutung, wie Australien und Neuseeland, aber auch die deutschen kolonialen Gebiete in China und Afrika.

Auf dieser Grundlage wendet sich Manz dem Aufbau diasporischer Verbundenheit aus der Perspektive der Metropole zu. Auf der Basis zeitgenössischer Publizistik zeigt er zunächst, wie nationaler Zusammenhalt und Heimatliebe über Grenzen hinweg diskursiv konstruiert wurden. Quasi-koloniale Diskurse betonten in der Regel einen schroffen Gegensatz zur lokalen Bevölkerung. Selbst in den Vereinigten Staaten sah man die Deutschen als Kulturbringer, wenn man auch bedauerte, dass die Migranten dort ihre deutsche Kultur nicht bewahrten und stattdessen lediglich als „Völkerdünger“ für die amerikanische Nation dienten. Darüberhinaus versprach man sich wirtschaftliche Chancen durch den Absatz deutscher Industrieprodukte, welcher, so die Annahme, von den Auswanderern gefördert werde. Ab den 1880er Jahren waren rechtslastige Agitationsverbände aktiv, wie beispielsweise die Deutsche Kolonialgesellschaft und der Alldeutsche Verband, welche deutsche Bevölkerungsgruppen in Vorstellungen imperialer Vorherrschaft einzuspannen versuchten. Manz spricht auch die rechtlichen Implikationen der Diasporakonstruktion an. So behielten mit dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1913 Deutsche im Ausland und ihre Kinder die ursprüngliche Nationalität.

Im folgenden Kapitel kehrt Manz die Perspektive um. Nun untersucht er, wie Deutsche im Ausland aktiv an der Konstruktion einer Diaspora mitwirkten bzw. wie diese sich zu den vom Zentrum ausgehenden und weitgehend bürgerlich geprägten Bestrebungen positionierten. Die Marine und deutsche Kriegsschiffe galten als Symbole nationaler Einheit über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg. Weit über 100 Vereine weltweit waren im Hauptverband deutscher Flottenvereine im Auslande zusammengeschlossen. Eine ihrer Aktivitäten war das Sammeln von Spenden zur Unterstützung ausgewählter Flottenprojekte. Der finanzielle Nutzen für die Marine war gewiss gering, die Gaben hatten jedoch einen hohen symbolischen Wert. Nicht alle unterstützten jedoch eine deutschnationale Rhetorik, die oft am lautesten von Neuankömmlingen aus dem Reich postuliert wurde, welche von schon länger ansässigen Deutschen wiederum oft als Störenfriede angesehen wurden, die das lokale Gleichgewicht durcheinander brachten. Manz versammelt mehrere Fallstudien um den unterschiedlichen Positionierungen zu Deutschland und den Gastländern um den Globus herum gerecht zu werden, von besonderem Interesse scheinen mir dabei seine Ausführungen zu deutschen Akademikern in Großbritannien.

Im folgenden Kapitel vergleicht Manz die Deutschen in den Vereinigten Staaten und Russland. Diese Länder bilden gewissermaßen die Kontrastfolie zu den restlichen Fallstudien, denn hier waren die Deutschen besser in die Strukturen des Gastlandes integriert als anderswo. Trotz einer grundsätzlichen Loyalität zur Gastgesellschaft, betonte man in Amerika und Russland deutsche Eigenheiten und Meinungsmacher legten ein gewisses Gefühl der Überlegenheit an den Tag.

Das folgende Kapitel wendet sich dem engen Verhältnis von Protestantismus und Nationalismus auf globaler Ebene zu. Mit Ausnahme der Vereinigten Staaten und Russland, wo unabhängige Strukturen existierten, gab es praktisch überall dort protestantische Gemeinden, wo sich Deutsche aufhielten. Die Mehrzahl der Gemeinden war mit der preußischen Landeskirche affiliiert. In Fallstudien zu Glasgow, Shanghai und Kairo zeigt Manz, dass die stets bürgerlich geprägten Gemeinden wichtige Soziabilitätszentren vor Ort waren. In nationalistischen Diskursen riefen diese Gemeinden zu Spenden aus der Heimat für den Kirchenbau auf, welche dann tatsächlich flossen und die Unterstützung der Auslandsdeutschen durch metropolitane Bestrebungen sicherten. Der Kaisergeburtstag war in den Gemeinden auf der ganzen Welt ein zentrales Ereignis, um die Zugehörigkeit zur deutschen Nation zur Schau zu stellen.

Zuletzt widmet Manz sich den deutschen Schulen im Ausland, welche für deutsche Kinder eingerichtet wurden, um sie an die Nation zu binden und insbesondere einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der deutschen Sprache zu leisten. Nach der Reichsgründung waren diese dem Außenministerium unterstellt, welches einen Reichsschulfonds einrichtete. Unter Bismarck verfügte dieser nur über geringe Mittel, verzeichnete aber ab den 1890er Jahren massive Zuwächse. Hinzu trat ab 1906 ein Schulreferat, das eine zentrale Rolle für die Standardisierung der Informationserfassung und Förderung sowie die Professionalisierung der Auslandsschulen spielte. Ab 1901 hatten die im Ausland tätigen Pädagogen mit dem Verein Deutscher Lehrer im Ausland ihre eigene Interessenvertretung. Dass die Befürchtungen, die Kinder könnten die deutsche Sprache verlernen, berechtigt war, zeigt Manz am Beispiel England, wo die meisten deutschen Kinder besser Englisch als Deutsch sprachen. Sie hatten diese Sprache von den Dienstmädchen gelernt und verwendeten sie anschließend auch in der Konversation mit ihren Eltern, die darauf hin vermehrt auf Englisch kommunizierten. Anders war es in Shanghai, wo strikt darauf geachtet wurde, dass es zu keinen Vermischungen mit der chinesischen Kultur kam. Dort folgte man einem deutschen Lehrplan und „Eurasier“ (Kinder von Europäern und Chinesen) blieben vom Schulbesuch ausgeschlossen.

Die Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie quellenbasierte Befunde aus verschiedenen Kontexten gekonnt miteinander verbindet. Eine weitere Stärke liegt in ihrer doppelten Perspektive, welche die deutschen Migranten sowohl von der Metropole her als auch von den Communities in der weiten Welt aus erfasst. Manz gelingt es dadurch, die Verwobenheit und gegenseitige Bedingtheit nationaler Diskurse und Akteure in Deutschland selbst und im Ausland herauszuarbeiten. Paradoxerweise bedeutet „transnational“ in Manz’ Studie oft die Verbundenheit Deutscher über Grenzen hinweg. Entsprechend spricht er im Anschluss an Sebastian Conrad von einem „transnationalen Nationalismus“. Gelegentlich hätte man sich zusätzlich noch mehr Vergleiche mit diasporischen Gemeinschaften anderer Nationszugehörigkeit gewünscht, zumal die verschiedenen Diasporakonstruktionen in Konkurrenz zueinander standen. Aber ungeachtet solcher Wünsche, die ein Hinweis darauf sind, wieviel Anregung der Band bereithält, ist die gut lesbare Studie auf absehbare Zeit ein unumgängliches Standardwerk zur deutschen Migration um 1900 und bietet überzeugende Interpretationen, die nun in den verschiedenen behandelten Kontexten ergänzt und überprüft werden können.

Note:
[1] Dongnip sinmun/The Independent, 2, 86, 22 Juli 1897.

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08.04.2016
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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