I. Porciani u.a. (Hrsg.): Setting the Standards

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Title
Setting the Standards. Institutions, Networks and Communities of National Historiography


Editor(s)
Porciani, Ilaria; Tollebeek, Jo
Series
Writing the Nation
Published
Basingstoke 2012: Palgrave Macmillan
Extent
436 S.
Price
€ 80,56
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Matthias Berg, Humboldt-Universität zu Berlin

Fachhistorische Reflexionen begleiten die Geschichtswissenschaft, im nationalen wie internationalen Rahmen, seit ihrer disziplinären Genese, sie sind jenseits aller wechselnden Forschungskonjunkturen fester Bestandteil fachlicher Selbstvergewisserung und können zugleich im Umkehrschluss als ein wesentlicher Ausweis einer erfolgreichen disziplinären Institutionalisierung gelesen werden. Entsprechend soll in „Setting the Standards“, herausgegeben von Ilaria Porciani (Universität Bologna) und Jo Tollebeek (Universität Leuven), die „Infrastruktur der Geschichtsschreibung“ in den Blick genommen und in ihrer fachhistorischen Entwicklung nachgezeichnet werden. Institutionen, Netzwerke und „Gemeinschaften“ haben, so der Ausgangspunkt des Bandes, die Geschichtswissenschaft als wissenschaftliche Disziplin wie Berufsstand im 19. und 20. Jahrhundert „standardisiert“. Während institutionsgeschichtliche Perspektiven und auch die Netzwerkforschung bereits in verschiedener Hinsicht Aufmerksamkeit erfahren haben [1], macht vor allem der dritte, nach den Herausgebern Maßstäbe setzende Bereich der „communities“ neugierig.

Der regionale Fokus der Sammlung ist auf die europäischen „Geschichtsschreibungen“ gerichtet; erschienen ist sie in der bereits einige interessante wie ertragreiche Bände vereinenden Reihe „Writing the Nation: National Historiographies and the Making of Nation States in 19th and 20th Century Europe“. Entsprechend legen die Herausgeber in ihrer Einleitung besonderen Wert auf diese europäische Perspektive. Ausgehend von einem „age of history“ – „There was not a single field in which the historical perspective now seemed dispensable“ (S. 5) – habe sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts aus durchaus heterogenen Ursprüngen eine professionelle Geschichtsschreibung entwickelt, die sich in Institutionen, Netzwerken sowie Gemeinschaften organisierte und wirkte. Doch verschweigen die Herausgeber auch die Unwägbarkeiten und Diskontinuitäten dieser „Meistererzählung“ der geschichtswissenschaftlichen Institutionalisierung keineswegs, die zudem ihren Preis hatte: „The community was also homogeneous because it was a closed community.“ (S. 12).

Der Band ist in drei Hauptabschnitte unterteilt; die Beiträge des ersten widmen sich vor allem den „Orten“ geschichtswissenschaftlicher Forschung respektive ihrer Entstehung und Entwicklung: den Nationalarchiven (Tom Verschaffel) und Quelleneditionen (Daniela Saxer), den historischen Journalen (Claus Møller Jørgensen) und biographischen Sammlungen (Marcello Verga) sowie den historischen Museen (Ilaria Porciani). Der Beitrag Jo Tollebeeks zeichnet zudem „The Great Syntheses of National History“ nach, Nation und Nationalgeschichte(n) jedoch sind die Leitkategorien aller Beiträge dieses Abschnittes. Die Autoren des Bandes blicken aus europäischer Perspektive, vergleichend, auf ihre Untersuchungsgegenstände, die jedoch ausdrücklich national orientiert sind. Ein Spannungsverhältnis, das auch eine wesentliche historiographiegeschichtliche Diskontinuität zur Gegenwart zu markieren scheint und nach der Persistenz von „Standards“ fragen lässt, die sich von ihrem ursprünglichen Erklärungsanspruch und Deutungsrahmen zunehmend emanzipieren. Die einst unauflösbare Verbindung von Nationsbildung und nationaler Geschichtsschreibung, findet sie im vermeintlich postnationalen Zeitalter ihre Entsprechung in einer übernationalen historiographischen Perspektive? Eine Entwicklung, die angesichts der für die gegenwärtige Geschichtsschreibung fortgesetzt gültigen „Standards“ offenbar allenfalls am Anfang steht.

In den Beiträgen des zweiten Abschnittes rücken Netzwerke und Vereinigungen geschichtswissenschaftlicher Forschung in den Mittelpunkt, mit allerdings verschiedenen Institutionalisierungsgraden. Zu Institutionen im „klassischen“ Sinne – wie ostmitteleuropäischen Akademieinstituten (Frank Hadler und Attila Pók), außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Emmanuelle Picard und Gabriele Lingelbach) und zeithistorischen Instituten mit politischer oder konfessioneller Ausrichtung (Lutz Raphael) – gesellen sich eher lose verfasste Vereinigungen wie nationale Historikerverbände (hier im Besonderen der deutsche Verband, dargestellt von Gabriele Lingelbach und Michael Vössing) oder nur zeitweise, hauptsächlich zu Tagungen und Forschungstreffen zum Leben erwachende Institutionalisierungen wie das im Internationalen Historikerkongress bzw. Komitee sich organisierende Netzwerk europäischer Historiker (Jan Eivind Myhre). In „Preisausschreiben“ zur Nationalgeschichte (Monika Baár) schließlich wurde die (national gesinnte) Fragestellung selbst zur historiographischen Institutionalisierung. Der Abschnitt ist ebenso vielfältig wie seine Themen, deutlich aber wird ein im Untersuchungszeitraum stetig zunehmender institutioneller Verfestigungsgrad, der in der nach 1945 enorm ausdifferenzierten Zeitgeschichtsforschung seine offenkundigste Ausprägung erfuhr, während die im 19. Jahrhundert noch historiographische Gemeinschaft stiftenden Preisausschreiben der Heterogenität der Geschichtsschreibung(en) weitgehend zum Opfer gefallen sind.

Schließlich rücken im dritten Abschnitt des Buches historiographische Gemeinschaften unterschiedlichsten Zuschnitts in den Mittelpunkt, beginnend mit der „New Community of Scholars“ der Universitätsprofessoren (Mauro Moretti), deren Erfolg im Zuge der Professionalisierung der Geschichtswissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts konkurrierende Gruppen wie geistliche Geschichtsschreiber (Irène Herrmann und Franziska Metzger) oder den Adel (Gabriele B. Clemens) an den Rand drängte. Auch im 20. Jahrhundert bildeten sich Gemeinschaften der historischen Forschung in prekären Lagen, in zwei Beiträgen werden exilierte Historiker (Monika Mandelickova und Idesbald Goddeeris) und die „tiny minority“ weiblicher Populärgeschichtsschreiberinnen (Mary O’Dowd) gewürdigt. Im Gegensatz zu den ersten beiden Abschnitten überwiegen offenkundig Minderheiten. Deren gesonderte Beachtung ist fraglos lobenswert, doch ist eine „Infrastruktur der Geschichtsschreibung“ aus dieser Randperspektive nicht zu zeichnen. Wünschenswert wäre, den Beitrag Morettis aus- und fortführend, eine kollektivbiographische Darstellung der Entwicklung professioneller Universitätshistoriker seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, zudem aus europäischer Perspektive – ein zugegebenermaßen anspruchsvolles Unterfangen.

Die insgesamt 21 Beiträge informieren zuverlässig, und nachdrücklich orientiert an den Prämissen des Bandes, über die Entstehung und Entwicklung historiographischer Maßstäbe im 19. und 20. Jahrhundert. Einzelne Kritikpunkte mögen je nach Forschungsinteresse anzubringen sein: Jørgensens Darstellung zur Entwicklung der „Historischen Zeitschrift“ hätte von der Berücksichtigung neuerer Literatur profitieren können, auch die Abgrenzung von Netzwerk und Gemeinschaft bleibt unklar. Doch haben die Herausgeber von „Setting the Standards“ sich nicht auf eine der üblichen Aufsatzsammlungen beschränken wollen, am formulierten Vorhaben einer Kartierung des historiographischen Feldes aus europäischer Perspektive – konzentriert auf Institutionen, Netzwerke und Gemeinschaften – ist der Band zu messen. Auch in seiner äußeren Form, die Beiträge sind zumeist kurz und präzise gehalten, findet dieser Anspruch eines Handbuches seinen Ausdruck. Ein Anspruch, den der Band einzulösen vermag, insbesondere durch eine konsequente Orientierung am Leitparadigma der europäischen Geschichtswissenschaft(en) des 19. und 20. Jahrhunderts – der Nation und ihrer Geschichte. Ein Leitparadigma jedoch, dass, trotz zeitweiliger Wiederbelebung nach 1989, seinen Zenit fraglos überschritten hat. Aus der Perspektive des Bandes bleibt deshalb abschließend nach den Folgen für die europäischen Historiographie(n) zu fragen, nach der Fortsetzung dieser einstmaligen, doppelten „Erfolgsgeschichte“. Es steht zu vermuten, dass die Beharrungskräfte der Nationalgeschichtsschreibung weitaus stärker sind als die ihres Gegenstandes. Die im vorliegenden Band dargestellten, historiographischen „Standards“ zumindest haben ihre Gültigkeit – noch – nicht eingebüßt.

Anmerkung:
[1] Als Problemaufriss vgl. Matthias Middell / Gabriele Lingelbach / Frank Hadler, Institutionalisierung historischer Forschung und Lehre. Einführende Bemerkungen und Fragen, in: dies. (Hrsg.), Historische Institute im internationalen Vergleich, Leipzig 2001, S. 9-37; zur Netzwerkforschung einführend: Heiner Fangerau / Thorsten Halling (Hrsg.), Netzwerke. Allgemeine Theorie oder Universalmetapher in den Wissenschaften? Ein transdisziplinärer Überblick, Bielefeld 2009.

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31.01.2014
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