D. Brunner u.a. (Hrsg.): Asymmetrisch verflochten?

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Title
Asymmetrisch verflochten?. Neue Forschungen zur gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte


Editor(s)
Brunner, Detlev; Grashoff, Udo; Kötzing, Andreas
Series
Forschungen zur DDR-Gesellschaft
Published
Extent
234 S.
Price
€ 29,90
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Beatrix Bouvier, Bonn

Die Geschichte der untergegangenen DDR hat immer wieder zu Debatten um den Platz der deutschen Teilung in einer gesamtdeutschen Historiografie geführt. Schon die Masse der zur Verfügung stehenden Quellen hatte eine große Anziehungskraft auf Forscherinnen und Forscher – und zwar weit über den Kreis der vormaligen „DDR-Forschung“ hinaus. Ab 1990 setzten recht bald Überlegungen ein, dass Fragen der „DDR-Forschung“ vielleicht nicht mehr ausreichten, dass vor allem die vorherrschende Praxis der getrennten Perspektive auf die Geschichte der Bundesrepublik und die Geschichte der DDR nicht fortgesetzt werden sollte. Im Rahmen dieser Debatten entwickelte Christoph Kleßmann bereits in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre einen Ansatz, der als „asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte“ aufgegriffen, diskutiert, entfaltet wurde und wird.[1] Kleßmanns Perspektive gilt unstrittig als anregend; gleichwohl muss eingeräumt werden, dass sich daran orientierende empirische Projekte eher rar sind.[2] Das bedeutet Kleinteiligkeit oder – anders formuliert von Günther Heydemann in dem hier vorzustellenden Band – das Überwiegen von „mikrohistorischen Studien“ (S. 10), was angesichts der historiografischen Schwierigkeiten, die Verflechtungsproblematik adäquat und detailliert herauszuarbeiten, verständlich sei.

Der vorliegende Tagungsband enthält in den 12 Beiträgen die Ergebnisse eines Workshops, den der Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte der Universität Leipzig im Februar 2012 veranstaltet hat.[3] Dessen Ziel war es, ein Forum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu bieten, die ihre empirischen Studien unter dem Aspekt der Verflochtenheit beider deutscher Staaten und Gesellschaften erarbeitet haben oder gerade dabei sind, dies zu tun. Und vor allem sollten die Möglichkeiten des integrierten Forschungsansatzes diskutiert werden (Einleitung der Herausgeber, S. 13). Detlev Brunner, Udo Grashoff und Andreas Kötzing greifen Kleßmanns Ansatz auf und benennen dessen Für und Wider bzw. die in der Wissenschaft formulierten Einwände, was auch bedeutet, dass es wohl schwerlich einen historiografischen „Königsweg“ (S. 13) für die Darstellung der komplexen deutschen Nachkriegsgeschichte gibt. Als Konsens gilt den Herausgebern aber, dass es nicht sinnvoll sei, die Geschichte der beiden deutschen Staaten jeweils isoliert zu schreiben. Die Betonung liegt auf einem gemeinsamen „Handlungs- und Erfahrungsraum“, der die getrennten Staaten, Gesellschaften und Kulturen umfasste, wie dies Andreas Wirsching schon an anderer Stelle formuliert hatte (vgl. S. 13, Anm. 8). Trennendes und Gemeinsames seien „zwei Seiten einer Medaille in einem widersprüchlichen Ganzen“, so andere Historiker in diesem Kontext (vgl. S. 13). Es liegt in der Natur der Sache, dass in einem solchen Konzept nicht nur Chancen stecken, sondern dass es auch auf Grenzen stößt. Dass die vorgestellten Forschungen sich nicht im klassischen Politikbereich wie der Außenpolitik bewegen und auch das internationale, ökonomische Feld oder die wirtschaftliche Integration nicht berühren, erleichtert in gewisser Weise die Anlehnung an den verflechtungsgeschichtlichen Ansatz.

Gerade weil dieser Ansatz nicht für jede Fragestellung gleichermaßen geeignet ist, sei Kleßmanns Plädoyer für eine „asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte“ vorweg noch einmal kurz zusammengefasst. Ohne dass er den diktatorischen Charakter der DDR und die sonstigen Systemdivergenzen verkennen oder herunterspielen würde, sieht Kleßmann doch Gemeinsamkeiten: die Geschichte vor 1945/49 und auch die Erfahrung des Zusammenbruchs mit der Ausgangslage am Ende des Zweiten Weltkrieges. Gemeinsamkeiten seien zudem durch die systemübergreifenden Herausforderungen gegeben, vor die sich die Industriegesellschaften gestellt sahen. Hinzu kommen weltwirtschaftliche Zusammenhänge. Generell ist der wechselseitige Bezug zu nennen – auch als bewusste Abgrenzung vom jeweils anderen Modell –, ebenso wie Verflechtungen im Alltag und im Privaten, sei es durch die gemeinsame Sprache, durch kulturelle Kontakte, Lebensstile und Lebensstandard und auch die Orientierung am Konsum. Dass die Bundesrepublik für die DDR die wichtigste Referenzgesellschaft war und blieb, sollte immer wieder betont werden, weil dies nicht nur im Sinne des Vorbilds einer entfalteten Konsumgesellschaft gilt, sondern auch für sub- und andere kulturelle Kontakte sowie darüber hinaus für die Systemkonkurrenz der politischen Führungen.

Neben Vorwort und Einleitung mit Hinweisen auf Kleßmanns Ansatz stellen die Beiträge dann die Verflechtungsproblematik heraus und erkunden sie für ausgewählte Gegenstandsbereiche. Die Kapitel oder Gruppen, denen die Aufsätze zugeordnet sind, tragen folgende Überschriften: „Geschichte, Erinnerung, Kultur“ (vier Beiträge), „Von Deutschland nach Deutschland (und zurück)“ (zwei Beiträge), „Zwei deutsche Körper?“ (drei Beiträge) sowie „Wahrnehmung und Raum“ (drei Beiträge). Das ist allgemein genug, um Unterschiedliches zu subsumieren, und die übliche Tagungspraxis. Etwas aus dem Rahmen fällt Michael Rucks Beitrag über westdeutsche Ansichten zur Planwirtschaft in der DDR, wobei er vor allem „Fehlwahrnehmungen“ (S. 214) der westdeutschen Wirtschaftspresse in den Fokus nimmt und dies in die Entwicklung des westdeutschen Planungsdenkens einbettet. Der Beitrag war in etwas anderer Form bereits zuvor veröffentlicht worden und erwähnt möglicherweise deswegen den Kleßmann’schen Ansatz nicht. Die übrigen Beiträge tun dies, ohne dass es nun für jeden einzelnen hier angeführt oder dekliniert werden kann.

Die Aufsätze in „Geschichte, Erinnerung und Kultur“ haben inhaltlich nicht viel miteinander zu tun. Von anhaltendem Interesse – auch mit Blick auf die Verflechtungsproblematik – ist der deutsch-deutsche Umgang mit Geschichte, wobei Museen bzw. museale Aufbereitungen von Geschichte sich als Gegenstand der Forschung zunehmender Beliebtheit erfreuen (Beitrag von Andrea Brait zu historischen Nationalmuseen in Ost und West). Auch der Beitrag über das Luther-Jubiläum von 1983 (Jan Scheunemann) unterstreicht, welche große Bedeutung der Geschichte im Kontext der Systemkonkurrenz zukam. Während Kleßmann in seinem Ansatz zu einer integrierten Nachkriegsgeschichte auf 1945 als „Chance zum Neubeginn“ verweist, zeigten sich bald divergierende Erinnerungspolitiken, die Instrumentalisierung von Erinnerung und Abgrenzungsstrategien. In seinem Beitrag „Verflechtung und selektive Erinnerung“ arbeitet Arnd Bauerkämper am Beispiel von Veteranenverbänden heraus, dass sich nicht nur die Verdrängungsstrategien in der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in beiden deutschen Gesellschaften ähnelten, sondern dass auch ähnliche Prozesse zur Eingliederung früherer Wehrmachtssoldaten und Nationalsozialisten erkennbar sind.

Alle Beiträge verstehen sich als Teil einer Geschichte von Verflechtung und Abgrenzung. Der Ansatz wird auf die eine oder andere Weise aufgegriffen, sei es im Beitrag über die Filmfestivals von Oberhausen und Leipzig, sei es in den Beiträgen zum Gesundheitswesen oder zu Straßen und Verkehrswegen – die Transitstrecken eingeschlossen, dargestellt am Beispiel der A 24 zwischen Hamburg und Berlin in den 1980er-Jahren. Auch der städtische „Verflechtungsraum“ wird an zwei Fallbeispielen untersucht – den „Kreuzberger Grenzkinos“ in den 1950er-Jahren und der Friedrichshainer „Kommune 1 Ost“. Die Wanderungsbewegungen zwischen den beiden deutschen Staaten sind fast naturgemäß Bestandteil einer Verflechtungsgeschichte, wobei bekanntlich mehr Menschen den Weg Richtung Westen gewählt haben. Eine der ersten Stationen im „Westen“ war das Notaufnahmelager Gießen. Die Frage, ob es sich dabei um einen „Seismografen der deutsch-deutschen Beziehungen“ handelte, beantwortet Jeannette van Laak mit Skepsis, indem sie auf weitere Faktoren verweist. Natürlich war das Auf und Ab der Flüchtlingszahlen ein Seismograf der deutsch-deutschen Gesamtsituation. Doch unter Einbeziehung von konkreten Reaktionen und politischen Entscheidungsprozessen in und um das Lager kommen nach Ansicht der Autorin zusätzliche Entwicklungen in den Blick, etwa Änderungen des Notaufnahmegesetzes oder die ablehnende Haltung der Stadtverwaltung gegenüber dem Lager. Eine ganz eigene Wanderungsgeschichte, geschildert von Ines Langelüddecke, ist diejenige eines adeligen Gutsbesitzers, der nach der Bodenreform in den Westen floh und über Jahre hinweg mit seinen früheren Angestellten in der DDR einen Briefwechsel unterhielt. Es geht dabei um das Verhältnis zwischen beiden Seiten in den Jahren der Teilung. Auf die Ergebnisse des darüber hinausführenden Dissertationsprojekts zur „Auseinandersetzung um Eigentum und Herrschaft zwischen rückkehrenden Gutsbesitzern und ortsansässiger Bevölkerung im ländlichen Ostdeutschland“ darf man gespannt sein.

So wird insgesamt eine ganze Reihe interessanter Forschungsprojekte vorgestellt, die zeigen, dass es nicht einfach ist, eine „asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte“ zu schreiben. Insgesamt wird man jedoch noch die Ergebnisse abwarten müssen, sofern es sich um größere Projekte bzw. um Qualifikationsarbeiten handelt. Es sind sicher weitere Bausteine für eine umfassendere Gesamtschau, die vielleicht durch andere – europäische – Bezugsgrößen erweitert werden sollte.

Anmerkungen:
[1] Ausführlich Christoph Kleßmann, Spaltung und Verflechtung. Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990, in: ders. / Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Problem, Bonn 2005, S. 20–37.
[2] Siehe aber z.B. auch Udo Wengst / Hermann Wentker (Hrsg.), Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Berlin 2008, und Frank Möller / Ulrich Mählert (Hrsg.), Abgrenzung und Verflechtung. Das geteilte Deutschland in der zeithistorischen Debatte, Berlin 2008; beides zusammen rezensiert von Dorothee Wierling, in: H-Soz-u-Kult, 27.5.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-143> (26.1.2014).
[3] Siehe auch den Bericht von Madlen Benthin, in: H-Soz-u-Kult, 30.3.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4176> (26.1.2014).