M. Honeck u.a. (Hrsg.): Germany and the Black Diaspora

Cover
Title
Germany and the Black Diaspora. Points of Contact, 1250–1914


Editor(s)
Honeck, Mischa; Klimke, Martin; Kuhlmann, Anne
Series
Studies in German History 15
Published
New York 2013: Berghahn Books
Extent
X, 260 S.
Price
€ 82,33
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Paul Münch, Universität Duisburg-Essen

Aus Konferenzen am German Historical Institute Washington hervorgegangen und in dessen Publikationsreihe erschienen, tritt dieser Sammelband mit großem Anspruch auf. Elf Beiträge spüren in einem breiten Kontext und über einen Zeitraum von 800 Jahren Begegnungen „schwarzer“ Menschen mit „weißen“ Deutschen nach.[1]

Die Einleitung steckt den zeitlichen, inhaltlichen und methodologischen Rahmen des Buches ab. Vom Hohen Mittelalter bis zum Ende des Ersten Weltkrieges kam es in unterschiedlichen deutschen Zusammenhängen zu vielen Kontakten mit Menschen „schwarzer“ Hautfarbe. Deutsche trafen schon vor dem kolonialen Zeitalter als Händler, Kaufleute, Matrosen oder Missionare auf Menschen dunklerer Pigmentierung aus Afrika, der Karibik oder den USA, waren also geographisch, sozial und kulturell vielfach in weitreichende, mitunter sogar globale Bezüge eingebunden. Diese direkten oder indirekten Kontakte hinterließen Spuren in Kunst, Literatur, in „wissenschaftlichen“ Rassenlehren und populären rassistischen Stereotypen, die zunächst vielgestaltig waren, sich schließlich aber in pseudowissenschaftlichen Rassenhierarchien negativ verfestigten. Im Unterschied zur Vormoderne, die „Schwarze“ in verschiedenen Kontexten gesellschaftlich akzeptierte, verdunkelte sich im Kontext kolonialer Expansion das Bild und führte schließlich zur rigiden rassistischen Exklusion der „Neger“. Zur angemessenen Bewältigung dieser weit gespannten Thematik empfehlen die Herausgeber interdisziplinäre, transkulturelle und transnationale Zugriffe. Als hilfreich soll sich auch die modifizierte Übernahme des in anderen Kontexten bewährten Diaspora-Konzepts erweisen.

Der erste Teil vereint unter der Überschrift „Saints and Slaves, Moors and Hessians“ fünf Themen aus dem langen Zeitraum vom 12. bis zum 18. Jahrhundert. Der Kunsthistoriker Paul Kaplan geht am Beispiel des dreiflügeligen Calenberg Altars aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, der den hl. Mauritius mit seinen Gefährten und ein dunkelhäutiges Hoffräulein darstellt, der Frage nach, ob die künstlerische Repräsentation „schwarzer“ Menschen im religiösen Kontext an reale Begegnungen erinnere, höfische Maskierungen spiegle oder vielleicht nur exotisches Beiwerk sei.[2] Der folgende Rundumblick der englischen Historikerin Kate Lowe auf die „schwarze“ Diaspora in Europa während des 15. und 16. Jahrhunderts versucht, mit den Kategorien „real“, „begrifflich“ und „fiktiv“ Ordnung in die Vielfalt „schwarzer“ Repräsentationen während der Renaissancezeit zu bringen. Während die historisch bezeugte „reale“ Präsenz von „Schwarzen“ zu gesellschaftlichen Einordnungs- und Abgrenzungsversuchen führt, deuten wappenartige Darstellungen von Mohrenköpfen auf die „begriffliche“, „schwarze“ Figuren bei karnevalesken Maskeraden, höfischen Aufzügen oder in Bühnenstücken ähnlich wie in Südeuropa auf „fiktive“ Repräsentationen des Fremden im Eigenen. Die Historikerin Anne Kuhlmann kann mit der vergleichenden Darstellung unterschiedlicher Kammermohr-Karrieren an Adelshöfen überzeugend nachweisen, dass manche „Schwarze“, sofern ihre Herren oder Herrinnen ihnen dazu Raum ließen, durchaus nicht marginalisiert sein mussten. Diesen Befund bestätigt der Musikwissenschaftler Rashid S. Pegah. „Schwarzen“ Menschen an Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts, die als Schauspieler oder Sänger in die farbenprächtige Fest-, Theater- und Opernkultur adliger Divertissements eingebunden waren, gelang es, mitunter gar einen prominenten Status zu erringen; jedenfalls mussten sie im Ansehen nicht hinter den „weißen“ Mitakteuren zurückstehen, während sie in anderen gesellschaftlichen Kontexten zunehmend diskreditiert und ausgegrenzt wurden. Die Münsteraner Amerikanistin Maria Diedrich beschließt den ersten Teil mit einem Blick auf die merkwürdige Geschichte der so genannten Kasseler Mohren während der amerikanischen Revolutionskriege. Es gelingt ihr die Schicksale dieser dem Sklavendasein entronnenen und in hessischen Diensten stehenden „schwarzen“ Soldaten in ihren unterschiedlichen Lebenswegen und vielfältigen kommunikativen Kontexten zu rekonstruieren.

Die folgenden sechs Beiträge werden wegen ihrer thematischen Disparität allein durch zeitliche Grenzen zusammengehalten: „From Enlightenment to Empire“. In diesem Zeitraum kam es durch die mit dem expandierenden Handel verbundenen globalen Migrations- und Kommunikationsströme zu einem wachsenden Interesse an der Verschiedenartigkeit der menschlichen Spezies. Man suchte die Ursachen der „schwarzen“ Hautfarbe zu ergründen und diskutierte die Position der „Schwarzen“ in der Gesellschaft. Dies war ein ambivalenter Prozess. Im Kontext des europäischen Kolonialismus und des transatlantischen Sklavenhandels erodierte die frühere christliche und höfische Hochschätzung „schwarzer“ Menschen und machte zunehmend einer biologisch begründeten, rassistischen Abqualifizierung Platz. Die Erlanger Amerikanistin Heike Paul durchleuchtet deutsche Übersetzungen afrikanischer und afroamerikanischer Literatur des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts und kann nachweisen, dass die Übertragungen den spezifischen Charakter dieser Literatur verändern oder gänzlich auslöschen, mithin die wachsende kulturelle und politische Geringschätzung „schwarzer“ Menschen stützen. Die Historikerin und Ethnologin Jeannette Eileen Jones stellt den fast vergessenen Traktat von Friedrich Tiedemann zur Einschätzung der „Neger“ vor, den er 1836/37 in England und Deutschland publizierte. Der Anatom und Physiologe war aufgrund vergleichender Vermessungen des Hirngewichts, des Schädelinhalts, des Rückenmarks und der Nerven von Negern, Europäern und Orang-Utans zu dem Ergebnis gekommen, dass „Neger“ den Europäern gleichwertig und natürlich nicht in die Nähe von Affen gerückt werden dürften. Tiedemanns Abhandlung war ein beachtlicher deutscher Beitrag zur egalitären Bewegung, und gleichzeitig ein Zeugnis dafür, dass sich auch deutsche Stimmen in die westeuropäische Debatte zur Abschaffung der Sklaverei einreihten.

Der Historiker Mischa Honeck thematisiert die interessanten Europareisen zweier „schwarzer“ Amerikaner. Nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten reflektierten beide ihre Eindrücke, wobei sie die deutschen Verhältnisse zur Vision eines egalitären, nichtrassistischen weltbürgerlichen Nationalismus („cosmopolitan nationalism“) inspirierten, ein romantisches Missverständnis, erwachsen aus ihren Erfahrungen in der heimischen Sklavenhaltergesellschaft. Anhand populärer Artikel, welche die Journalisten und Geographen Friedrich Ratzel und Karl Andree zwischen amerikanischem Bürgerkrieg und deutscher Reichseinigung verfassten, versucht der Historiker Bradley Naranch den in Deutschland kursierenden ambivalenten Auffassungen von Sklaverei, Rasse und freier Arbeit vor dem eigentlichen kolonialen Zeitalter auf die Spur zu kommen, räumt ab er ein, dass die Autoren mit ihren vielfach widersprechenden Kategorien eher Verwirrung als Klarheit stifteten. Zwei Beiträge über Togo und Kamerun beleuchten spezifische Aspekte deutscher Kolonialgeschichte. Kendahl L. Radcliffe, Professorin für African American studies, analysiert die von der deutschen Regierung erbetene und von Booker T. Washington angeregte Gründung einer experimentellen Baumwollfarm in der deutschen Kolonie Togo, ein Beispiel für eine trianguläre atlantische Zusammenarbeit. Sie beleuchtet Probleme und Chancen des Projekts, die aus den unterschiedlichen Voraussetzungen und Methoden amerikanischer, deutscher und togolesischer Arbeits- und Anbautechniken, aber auch aus kulturellen Disparitäten zwischen einer „weißen“ und zwei differierenden „schwarzen“ Kulturen resultieren. Der englische Historiker Robbie Aitken befasst sich mit dem Leben junger Kameruner, die sich zwischen 1884 und 1914 als Schüler oder Lehrlinge in Berlin aufhielten. Manche von ihnen blieben in der Reichshauptstadt, teilweise isoliert und diskriminiert. Wer nach Kamerun zurückkehrte, hatte meist ebenfalls Schwierigkeiten, sich wieder in der heimischen Kolonialgesellschaft mit ihrer strikten Rassentrennung zurechtzufinden. Der Historiker Dirk Hoerder verweist in einem Nachwort darauf, dass die weitere Erforschung afrikanischer Spuren in Europa und die Einbindung „schwarzer“ Deutscher in transeuropäische und transatlantische Zusammenhänge weitere Ergebnisse verspreche. Weil er auch die in verschiedenen Beiträgen nebenbei anklingenden Überlegungen zur vielfachen Bedeutung der Farbe „Schwarz“ im Sprachgebrauch etwas systematischer aufgreift, lassen sich seine Ausführungen auch als Ergänzung des Vorworts lesen.

Ein Gesamturteil über das Buch fällt schwer. Wer sich von Emil Dörstlings farbenprächtigem Frontispiz „Preußisches Liebesglück“ (1890), das eine „weiße“ Blondine in fröhlicher Umarmung mit einem „schwarzen“ preußischen Soldaten zeigt, zu Kauf und Lektüre des Sammelbandes verführen lässt, könnte enttäuscht werden. Der Preis ist angesichts des überschaubaren Umfangs unangemessen hoch, auch wegen der nur schwarz-weißen Abbildungen im Text. Sie reduzieren dunkel pigmentierte Menschen farbiger Bildvorlagen auf den simplen, allenfalls grau abgetönten Schwarz-Weiß-Gegensatz, unterdrücken mithin die für eine differenzierte Beurteilung wichtigen Abstufungen und Tönungen „schwarzer“ Hautfarbe, bei diesem Thema unverzeihlich. Hinzu kommt, dass der zeitlich und inhaltlich umfassende Titel des Buches eine Gesamtdarstellung des Themas über einen langen Zeitraum verspricht, ein Anspruch, der nicht erreicht wird, und wie die Herausgeber freimütig einräumen, auch nicht intendiert war. Ein solches Vorhaben hätte eine epochenspezifisch stärkere Differenzierung, einen klareren Aufbau und eine durchgängige Fragestellung erfordert, nicht bloß eine Präsentation von (Teil-)Ergebnissen, welche von den Beiträgern in größeren Zusammenhängen gerade bearbeitet werden (Vgl. S. 13).

Ein Problem stellt auch die Rede von „Deutschland“ oder ersatzweise von „deutschsprachigen Ländern“ dar. Was soll man sich darunter für den langen Zeitraum vorstellen? Das Alte Reich war weder politisch, noch kulturell einheitlich, auch nicht einsprachig. Es gab fremdsprachige Enklaven, um von den Dialektregionen zu schweigen, deren Bewohner sich oftmals kaum verständigen konnten. Haben die konfessionelle Spaltung, die ethnische Fragmentierung in deutsche „Stämme“ und die politische Zersplitterung tatsächlich keine regionalen Spuren der Wahrnehmung so genannter Schwarzer hinterlassen? Und natürlich hängt der seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert pseudowissenschaftlich begründete, aber erst im 19. Jahrhundert gesellschaftlich virulent werdende Rassismus auch mit dem verspäteten nationalen Einigungsprozess Deutschlands und seiner spezifischen, hier vernachlässigten konfessionellen und ethnischen Prägung zusammen. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Schwarz-Stigmatisierungen hierzulande keineswegs auf Menschen afrikanischer Herkunft beschränkt blieben, sondern mitunter auch zur Diffamierung von Juden und „Zigeunern“ benutzt wurden. Gebildete, die mit der Humoralpathologie vertraut waren, wussten überdies, dass jeder Mensch entsprechend seinem Temperament zeitweilig auch von „schwarzer“ Komplexion sein konnte. Schließlich ist daran zu erinnern, dass die von Blumenbach entworfene fünfteilige Rassenhierarchie die Bewohner Nordafrikas noch zu den hellhäutigen „Kaukasiern“ der ersten Klasse rechnete. Erst als Rasseforscher ein Jahrhundert später den „Ariern“ die Poleposition zuwiesen, formte sich mit den blonden, blauäugigen Nordleuten jener rein „weiße“ Rassetyp aus, der den kohlschwarzen „Neger“ brauchte, um seinen angemaßten Spitzenplatz uneinholbar zu behaupten.

Gleichwohl präsentieren mehrere Beiträge des Sammelbandes überraschend neue Blicke auf die künstlerischen und literarischen Repräsentationen sowie die historische Rolle „schwarzer“ Menschen in deutschen Kontexten. Die transnationalen und interkulturellen Zugriffe öffnen viele bislang vernachlässigte Perspektiven. Deutlich wird auch, dass „schwarze“ Menschen nicht stets nur Objekte „weißer“ Willkür waren, sie verfügten in manchen Fällen auch über Handlungsmacht; Spuren, die es weiter zu verfolgen gilt.

Anmerkungen:
[1] Die Übersetzungen englischer Hautfarbenbegriffe ins Deutsche unterliegen inzwischen im Deutschen Tabus, denen mit Anführungszeichen Rechnung getragen wird.
[2] Bei den auf dem Mittelstück des Calenberg Altars abgebildeten Stifterfiguren handelt es sich vermutlich nicht, wie von Kaplan angenommen, um Herzog Erich I. von Braunschweig-Lüneburg und seine Gemahlin Katharina von Sachsen, sondern um Herzog Heinrich den Mittleren aus Celle und seine Gemahlin Margarethe von Sachsen. Spezialisten mögen entscheiden, ob und gfs. welche Folgen das für die Interpretation hat.

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19.06.2015
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