G. Metzler (Hrsg.): Das Andere denken

Cover
Title
Das Andere denken. Repräsentationen von Migration in Westeuropa und den USA im 20. Jahrhundert


Editor(s)
Metzler, Gabriele
Series
Eigene und fremde Welten 29
Published
Frankfurt am Main 2013: Campus Verlag
Extent
331 S., 2 SW-Abb.
Price
€ 34,90
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Clelia Caruso, German Historical Institute, Washington DC

Der vorliegende Band ist im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“ an der Berliner Humboldt-Universität entstanden. In ihrer Einführung fordert Gabriele Metzler, Migrantinnen und Migranten als Subjekte ernstzunehmen, um „die eminenten Wechselwirkungen zwischen ihnen und der Aufnahmegesellschaft auf vielen unterschiedlichen Ebenen [zu] erkennen – Wechselwirkungen, deren Untersuchung viel zum Verständnis der Zeitgeschichte wie unserer Gegenwart beitragen kann“ (S. 14). Zusammenfassungen zu den einzelnen Beiträgen unterfüttert und rahmt die Herausgeberin mit einigen pointierten Überlegungen zur bisherigen migrationshistorischen Forschung sowie mit knappen Reflexionen zur Repräsentation des Eigenen und des Fremden, auf die der kulturhistorisch orientierte Band fokussiert. Leider wird er nicht von einem auf den Gegenstand angepassten, konsistenten Repräsentationsbegriff getragen. Metzler skizziert aber Leitlinien zur Erforschung der Repräsentation von Migration und ethnischen Minderheiten: Erstens seien zeitgenössische Zuschreibungen und Kategorisierungen im Umgang mit Repräsentationen von Migration zu hinterfragen. Die Idee der Wechselwirkungen zwischen Migrantinnen und Migranten sowie der Aufnahmegesellschaft auf die im Sammelband betrachtete semantische Ebene anwendend (die Ebene der im engeren Sinne politischen Repräsentation kommt nicht vor), plädiert Metzler dann zweitens für ein dynamisches Repräsentationsmodell, demgemäß aus der Migration resultierende Selbst- und Fremdbilder dauerhaft verhandelt werden. Drittens möchte sie die Frage nach (kultureller) Hybridität ins Zentrum migrationshistorischer Studien gerückt sehen. Diesen von der Herausgeberin skizzierten Leitlinien folgend sollen die Einzelbeiträge hier vorgestellt werden.

Indem die Migrationsgeschichte sozialwissenschaftliche Modelle aufgriff sowie vornehmlich politik-, verwaltungs- und rechtshistorische Perspektiven auf Migration wählte, hat die Forschung lange unkritisch Kategorien übernommen, welche die Politik im Allgemeinen, der Gesetzgeber, die Verwaltung und die amtliche Statistik im Besonderen generiert hatten. Drei Beiträge arbeiten sich an dieser Problematik ab. Imke Sturm-Martin zeigt, wie die Geschichte von Migration gemeinhin unter der „Erzählperspektive des Blicks auf ‚die Fremden‘“ (S. 33) gefasst wird. Ob der Bruch mit pauschalisierenden Gruppenkategorisierungen, wie von der Autorin angeregt, tatsächlich über einen Fokus auf die individuellen Migrationserfahrungen allein gelingen kann, ist fraglich. Die Repräsentation von Migrantinnen und Migranten als ‚fremd‘ selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen erscheint allerdings in jedem Fall als lohnend.

Sebastian Berg befasst sich mit der Karriere des Multikulturalismus-Konzepts in seiner Aneignung durch den britischen Gesetzgeber. Als Handreichung für ein regierungspolitisches Projekt einer ‚besseren‘ Gesellschaft unter dem Vorzeichen der Zuwanderung hatte das Konzept (erst) Ende der 1990er-Jahre Konjunktur – und nur für kurze Zeit. Dass der Autor alle vorherigen Formen von durchaus politisch gestütztem Multikulturalismus in Großbritannien als „Proto-Multikulturalismus“ abtut, weil sie durchgängig diskursiv mit anderen Konzepten wie demjenigen der Integration verwoben geblieben seien, kann nicht ganz überzeugen, auch mit Blick auf die Ausführungen Reet Tammes zu Großbritannien im selben Band (siehe unten). Der Analyse politisch instrumentalisierter wissenschaftlicher Kategorien widmet sich Alexander Pinwinkler. Er dekonstruiert die von der österreichischen Volksgruppenforschung in der Zwischenkriegszeit statistisch untermauerte Behauptung der relativen Homogenität der österreichischen Bevölkerung und den gegen das zeitgenössisch neue Postulat des Minderheitenschutzes in Stellung gebrachten, wissenschaftlich untermauerten Volksgruppenbegriff.

Einen wichtigen Akzent setzt der Text von Reet Tamme zur Doppelrolle des Institute of Race Relations (IRR) – zum einen bei der Etablierung des britischen Selbstbildes als multiethnischer Gesellschaft, zum anderen bei der Verfestigung von kulturellen Differenzen seit den 1950er-Jahren, die auf unterschiedliche ethnische Zugehörigkeiten zurückgeführt wurden. Tammes Darstellung schon des Vorlaufs zu den ersten Antidiskriminierungsgesetzen von 1965 und 1968 als Geschichte des politischen Einflusses des IRR überzeugt ebenso wie der vorsichtig formulierte Schluss, dass sich in den sozialwissenschaftlich untermauerten Reformbestrebungen „die Anfänge der Idee einer multikulturellen Gesellschaft erkennen“ ließen (S. 152).

Die Entlarvung des Programms des IRR für eine harmonische multiethnische Gesellschaft als paternalistisch zu Beginn der 1970er-Jahre verweist auf einen anderen der von Metzler skizzierten Forschungsbereiche: auf die in der Begegnung zwischen migrantischer und autochthoner Bevölkerung entstandenen oder bekräftigten Selbst- und Fremdbilder. Vier Beiträge lassen sich diesem Themenfeld zuordnen. Johanna Drescher legt das im Umgang mit spanischen Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern bestätigte Selbstverständnis des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der IG Metall als ‚Lehrmeister‘ in Sachen sozialdemokratischer Kampfstrategien offen. Die Wechselwirkung zwischen der gewerkschaftlichen Selbstsicht und ihrer Vorstellung vom politisch unbedarften spanischen Kollegen ist eher angedeutet, ebenso wie die Selbstwahrnehmung der Spanierinnen und Spanier. Grazia Prontera arbeitet auf Basis deutsch- und italienischsprachiger Lokalpresse akribisch das Ausbleiben solcher Wechselwirkungen in Wolfsburg heraus: Die Selbstwahrnehmung von Italienern und Italienerinnen sowie ihre Wahrnehmung durch die veröffentlichte Meinung der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft standen im Untersuchungszeitraum 1962–1975 bestenfalls unverbunden nebeneinander; langfristiges wechselseitiges Unverständnis war die Folge.

Das Zusammenspiel verschiedener Akteursgruppen beleuchtend, widmet sich Claudia Roesch in ihrem analytischen und klar strukturierten Beitrag der Aushandlung von Repräsentationen in der Begegnung zwischen bürgerlich-amerikanischer Mehrheitsgesellschaft und (zugewanderter) mexikanischer Minderheit (Chicanos). Meist dem weißen amerikanischen Mittelstand angehörige Sozialarbeiter und Sozialexperten problematisierten seit den 1940er-Jahren zusammen mit dem ‚mexikanischen‘ Familienmodell den Machismo als Assimilationshindernis, bevor die Chicano-Bürgerrechtsbewegung das dann positiv umgewertete Machokonzept in den 1960er-Jahren umgekehrt zur „Basis der Chicano-Nation“ erklärte. Maren Möhring beschreibt das ausländische Spezialitätenrestaurant in der Bundesrepublik als Ort der Begegnung von Fremden und Autochthonen. Die deutschen Gäste stellten, so argumentiert sie überzeugend, durch die ostentative Einverleibung des so dargebotenen Fremden, durch alternative „Körperpraktiken und Subjektivierungsweisen“ (S. 297) den Verhaltenskodex der Mehrheitsgesellschaft in Frage. Einen durchaus strategischen und ironischen Umgang mit ethnischer Identität pflegend, verfolgten ausländische Gastronomen Strategien von Selbstethnisierung und bedienten etwa über folkloristische Inszenierungen nationale Stereotype und Exotismen, die immer wieder angepasst wurden, so dass auch hybride Identitätsformen entstanden.

Vier Aufsätze schließlich stellen kulturelle Hybridität in den Mittelpunkt. Drei davon siedeln sie analytisch gewinnbringend im Spannungsfeld zwischen einerseits transnationalen oder globalen, andererseits lokalen Identitäten an und fokussieren auf lokal fassbare Hybridisierungseffekte. Konzeptionell überzeugend und empirisch gesättigt behandelt Daniel Tödt transnationale und globalisierte Selbstbilder, wie sie im Marseille der 1990er-Jahre von der Rap-Gruppe IAM propagiert wurden. Diese Selbstbilder oszillieren zwischen unspezifisch globalen Momenten, im Rahmen von Repräsentationsstrategien der Gruppe als Teil einer globalen Hip-Hop-Kultur eingesetzt, und den mit den Migrationskarrieren der Musiker verknüpften konkreten räumlichen Bezügen. Sebastian Klöß und Monika Salzbrunn verfolgen in ihren Texten Strategien der Selbstethnisierung und komplexe Prozesse der identitären Hybridisierung nicht nur räumlich konkret, nämlich jeweils in einem Londoner respektive einem Pariser Stadtviertel. Sie entfalten ihre Analyse auch an wiederkehrenden Ereignissen. Klöß beschreibt, wie sich nach Unruhen im Gefolge des Notting Hill Carnival von 1976 die afro-karibische Gemeinde in ihrer Identität bedroht sah und darauf mit einer gezielten Hybridisierung der Veranstaltung reagierte. Durch den Fokus auf ein jährlich wiederkehrendes Ereignis als Kristallisationspunkt wird die Konzeption ethnischer Identität analytisch greifbar, und einer Essentialisierung der zugeschriebenen ethnischen Merkmale wird vorgebeugt. Wie repräsentativ allerdings die hier von einem bestimmten Akteurskreis präsentierte Identitätskonstruktion für die Großgruppe ist, bleibt unklar. Einen ähnlichen Zugriff wählend, versteht Salzbrunn die von ihr untersuchten Pariser Stadtfeste als „Produktionsfläche von Identität und Alterität“ (S. 158). Auch hier überzeugt der gewählte Zugriff grundsätzlich, doch in der Umsetzung nimmt die spannende Frage nach Selbstbildern der Migrantinnen und Migranten sowie nach deren Selbstinszenierung als Bewohner eines Pariser Stadtviertels nur sehr wenig Raum ein, ebenso wie die Frage nach transnationalen Bezügen.

Im letzten Aufsatz des Bandes arbeitet Inke Du Bois eine ganz andere Form der Hybridisierung heraus: Sie betrachtet das Eindringen von lexikalischem Material aus Ethnolekten über die Jugendsprachen in die Standardsprachen Deutsch und Englisch am Beispiel von Kiez-Sprache und Chicano-Englisch. Das ist zumal für nicht-linguistische Leser/innen sehr informativ und überzeugend dargelegt. Der Mehrwert des Vergleichs leuchtet allerdings nicht ganz ein, zumal der Text dort besonders stark ist, wo die Autorin sich auf eigene Forschungen stützt, nämlich auf diejenigen zur Kiezsprache.

Insgesamt werden in dem Sammelband sehr verschiedene Perspektiven der Beobachtung von Migration thematisiert und überzeugend dekonstruiert – den Anspruch auf ein tieferes Verständnis der Bedeutung von Migration für die Zeitgeschichte teilweise schon einlösend, oder, da die Beiträge zum Teil auf laufenden Forschungsprojekten beruhen, seine Einlösung in Aussicht stellend. Zu monieren ist, dass die Herkunftsgesellschaften und -kulturen der Migrantinnen und Migranten im Band nur wenig Beachtung finden. Der sehr gute Beitrag von Sebastian Klöß sowie die exzellenten Aufsätze von Claudia Roesch und Maren Möhring bilden hier in eingeschränkter Form Ausnahmen. Uneingeschränkt auszunehmen ist der hervorragende Text von Daniel Tödt. In diesen Beiträgen vor allem werden Migrantinnen und Migranten als Produzenten der Repräsentationen von Migration und Fremdheit ernstgenommen. So erweist sich der Fokus auf Repräsentationen als analytisch besonders fruchtbar.