K. Manjapra: Age of Entanglement

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Title
Age of Entanglement. German and Indian Intellectuals Across Empire


Author(s)
Manjapra, Kris
Series
Harvard Historical Studies 183
Published
Extent
454 S.
Price
€ 39,37
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Daniel Timothy Goering, Ruhr-Universität Bochum

Als Hermann Graf Keyserling in den Jahren 1911–12 eine Reise um die Welt unternahm, verbrachte er auch einige Zeit in Indien, wo er den späteren Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore traf. „Rabindranath, der Poet,“ schrieb er in seinem berühmten Reisetagebuch, „beeindruckte mich gar wie ein Gast aus einer höheren, geistigeren Welt. Nie vielleicht habe ich so viel vergeistigte Seelensubstanz in einem Manne verdichtet gesehen.“[1] Zehn Jahre später immer noch im Banne des Inders glückte es dem deutschen Tagebuchphilosophen, Tagore in Deutschland in seiner berühmten „Schule der Weisheit“ zu empfangen. Dort trug der Literaturnobelpreisträger seine bedachtsame Zivilisationskritik dem Darmstädter Publikum vor, das sich zur „Tagore-Woche“ versammelt hatte und das über Parallelen zu seiner eigenen anti-bürgerlichen Kritik staunte. Unter den Zuhörern waren viele bekannte Gesichter, wie zum Beispiel Martin Buber, Rudolf Otto, Leopold Ziegler und Paul Natorp.

Eine transnationale Seelenverwandtschaft zwischen Deutschen und Indern schien im Medium der Vorträge erkennbar zu werden. Es gäbe hunderte vergleichbare Beispiele von gegenseitiger Faszination, von Verflechtungen und Instrumentalisierungen zwischen Indern und Deutschen dieser Zeit.[2] Und das ist kein Zufall, meint Kris Manjapra. Denn gerade zu der Zeit als Deutschland sich um 1880 zum enthemmten Konkurrenten von England erhob und das europäische Konzert der Großmächte in Frage stellte, formierten sich indische Kreise und Gruppen zu einer anti-kolonialen Macht, welche die britische Herrschaft in Frage stellte. In dieser Doppelsituation wuchsen daher naturgemäß starke „constellations of dialogic interdepedence” (S. 291) zwischen Deutschen und Indern, die Manjapra in einer beeindruckend dichten und kompakten Untersuchung aufzuzeigen und zu rekonstruieren versucht.

Die Untersuchung fällt in zwei Teile. (I) Zuerst erfolgt ein chronologisch strukturierter Teil, der kulturelle, politische und ideengeschichtliche Austauschprozesse und Verflechtungen vom frühen 19. Jahrhundert bis in die 1940er-Jahre zwischen Indien und Deutschland offenlegt. Im 19. Jahrhundert waren, wie Manjapra demonstriert, deutsche Indologen wie Franz Bopp (1791–1867) oder Friedrich Max Müller (1823–1900) und deutsche Sozialreformprogramme wichtige Bestandteile der britischen Macht in Indien. „German institutions across Central Europe”, schreibt Manjapra, „supplied salient knowledge to Britons to enhance and expand the colonial project” (S. 22). Deutsche standen somit während des 19. Jahrhunderts weitestgehend zu Diensten der Briten und stellten entscheidende Arbeitskräfte für das „empire-building“ bereit.

Zum Ende des Jahrhunderts setzte dann allerdings ein diplomatischer und kultureller Klimaumschwung ein, der die Machtverhältnisse innerhalb der Dreiecksbeziehung Indien-Deutschland-England grundlegend transformierte. Deutschland geriet zusehends in einen Prozess der „de-Europeanization“ (S. 38), in dem ein wirkungsmächtiger post-Aufklärungsdiskurs („post-Enlightenment discourse“) etabliert wurde. „Europeans often used Orientalist conceptions of Indic Asia in attempts to get away from their own Europeanness, as it had been constructed by Enlightenment discourse over the eighteenth and nineteenth centuries.” (S. 38) Der Prozess der „de-Europeanization“, die Etablierung des post-Aufklärungsdiskurses und der aufkommende deutsche Orientalismus fielen in eine Zeit der zunehmenden Konkurrenzatmosphäre, die zwischen England und Deutschland herrschte. So war ein Raum geschaffen für ein neuartiges Verhältnis zwischen Indien und Deutschland. „By the late nineteenth century,” fasst Manjapra zusammen, „Germanic scholars had split up with their British big brothers and were beginning to find new fictive kin among Indian nationalists. The kinds of entanglements that would arise were more complex than the colonizer/ colonized binary relationship, unsurprising since the relationships of imagined kinship are far more muddy“ (S. 40).

Das „Age of Entanglement“ wurde damit eingeläutet. Eine regelrechte Faszination für alles Indische schlug sich ungefähr ab 1880 beispielsweise in den hohen Auflagen des Eugen Diederichs Verlags, Insel Verlags oder des Reclam Verlags nieder. Auch wenn die Leidenschaft für das Fremde auf deutscher Seite größer zu sein schien als auf der indischen, so gab es dennoch auch in Indien eine große Auseinandersetzung mit Deutschland. Die Universität Calcutta setzte sich zum Beispiel das Ziel, unter Führung von Ashutosh Mukherjee die Universität mehr nach dem humboldtschen Bildungsideal zu reformieren und dafür deutsches Know-How zu importieren. Für ein weiteres Austauschverhältnis spricht auch, so Manjapra, dass nach dem Ersten Weltkrieg viele Inder in der Berliner Diaspora Inspiration für ihre eigenen nationalistischen Ziele fanden. „The biographies of many major Indian nationalist figures of midcentury bear the watermark of German diaspora“, resümierte Manjapra (S. 96).

(II) Nach der Darstellung dieses historischen Rahmens untersucht der zweite Teil der Arbeit sechs Begegnungsfelder („fields of encounter“), die im „Age of Entanglement“ eine besondere Rolle spielten und die „interaction and mutual borrowings, not one-way transmissions” (S. 199) zwischen Indern und Deutschen demonstrieren. Diese Begegnungsfelder, die jeweils ein Kapitel darstellen, sind: theoretische Physik, internationale Wirtschaft, marxistische Kritik, Geopolitik, Psychoanalyse und die Kunststilrichtung des Expressionismus. Diese Felder vergegenständlichen die wichtigsten post-Aufklärungsdiskurse, die sich gegen die drei großen „signifiers of nineteenth-century Western universalism“ stemmten: „Europe, Enlightenment, and Empire“ (S. 9). Manjapra betont mehrmals: „These counterscientific fields were not reactions against positivism, but rather transformations of scientific positivism” (S. 111). Sie entstanden in dem Bestreben, die Welt konzeptionell und wissenschaftlich zu reorganisieren und anders einzuteilen.

Auf jedes Begegnungsfeld kann nicht einzeln eingegangen werden. In Kürze lässt sich nur feststellen, dass Manjapra insgesamt anschaulich demonstriert, dass sich die untersuchten Wissensfelder weder an nationale Grenzen hielten, noch sich in binären Machtstrukturen hineinzwängen ließen. In Bezug auf das Feld der Psychoanalyse beispielsweise beschreibt Manjapra, wie Girindrasekhar Bose sich die freudsche Psychoanalyse nicht nur aneignete, sondern auch im Hinblick auf seine koloniale Situation umformte: „When Girindrasekhar embraced the project of developing categories of psychoanalysis for the Bengali context,“ fasst er zusammen, „he did something more than import or translate 'Western' terms and methods to the Indian frame of reference. Rather, he used the tools of counterscience to disrupt imperial norms” (S. 222f.).

Dieser zweite Teil der Arbeit endet mit einem etwas disparat wirkenden Abschlusskapitel „New Order“, das die Zeitspanne seit 1945 in den Blick nimmt. Manjapra argumentiert hier, dass die Nachkriegszeit und der Kalte Krieg aus dem Rahmen seiner Arbeit herausfallen. Das „Age of Entanglement“ reicht für ihn nur bis 1945. Obwohl ein kommunistisch angehauchter Orientalismus in der DDR, hauptsächlich von Walter Ruben vorangetrieben, noch einige Zeit gepflegt wurde, so entflechtete sich dennoch das Gros der deutsch-indischen Beziehungen in dieser Periode. „After 1945“, schreibt Manjapra, „Germandom and Mitteleuropa became (and still are) bad words. As its oppositional identity with regards to Western norms died away, so too did 'India' disappear as a focal concept in the German imagination“ (S. 286).

Dieses letzte Kapitel überzeugt nicht immer, sondern regt beim Lesen eher zu Gegenthesen an. Finden sich zum Beispiel in den Wirren der 1960er- und 1970er-Jahre wirklich keine bedeutenden deutsch-indischen Begegnungsfelder? Was ist mit dem bekannten Ashram von Bhagwan Shri Rajneesh (später Osho genannt) im indischen Poona, wo unter anderem auch Peter Sloterdijk von 1978 bis 1980 in die Schule gegangen ist?[3] Das Buch „Ganz entspannt im Hier und Jetzt. Tagebuch über mein Leben mit Bhagwan in Poona“ (1979) vom Stern-Reporter Jörg Andrees Elten, dessen Titel Ähnlichkeiten zu Keyserlings Reisetagebuch aufweist, war ein großer Erfolg in Deutschland. Und die deutschen Bhagwan-Diskos – mit Namen wie „Zorba the Buddha“ – zogen Millionen meditierende Besucher und tanzlustige Jugendliche an.

Auch die sogenannte „Transzendentale Meditation“ von Maharishi Mahesh Yogi, in der man durch viel Hüpfen, und einiger Vorstellungskraft, angeblich minutenlang in der Luft schweben konnte, war eine auffällige Erscheinung in Deutschland und ist im Kollektivgedächtnis geblieben. Das sind nur vereinzelte Beispiele, die die Vermutung nahelegen, dass deutsch-indische Begegnungsfelder vielleicht noch bis in die frühen 1980er-Jahren als post-Aufklärungsdiskurse funktionieren konnten. Das „Entspannen im Hier und Jetzt“ und das hüpfende Schweben zehrten schließlich auch von „counterscientific“ und post-aufklärerischen Ressourcen. Die Periodisierung des „Age of Entanglement“ mit 1945 und nicht mit 1970–80 enden zu lassen, hätte demnach stärker und überzeugender begründet werden können.

Einmal von der Frage der Periodisierung abgesehen muss dennoch ausdrücklich konstatiert werden, dass Manjapra mit seiner Arbeit eine außerordentlich bemerkenswerte Leistung dargeboten hat, die gewürdigt werden muss. Die viele Facetten seiner Untersuchung konnten hier nicht annähernd alle besprochen werden. Manjapra arbeitet unzählige Quellen, reichliches Archivmaterial und diverse Forschungsfelder erschöpfend in eine detaillierte und attraktive Darstellung ein. Die Sprache und der Stil sind glänzend und anregend. Und er kombiniert dazu gekonnt analytische Kategorien und Methoden aus der postkoloniale Theorie, Subaltern Studies, Entangled History und Ideengeschichte.

Anmerkungen:
[1] Hermann Graf Keyserling, Reisetagebuch eines Philosophen, Frankfurt am Main 1980, S. 358f.
[2] Es muss darauf hingewiesen werden, wie weit Kris Manjapra den Begriff „Deutschland“ tatsächlich fasst: „I use the term ‘German intellectuals’ as shorthand to refer to the diverse group of central Europeans Germans, Austrians, Moravians, Swiss, and others trained in German-speaking academia.“ (S. 8)
[3] Siehe: Peter Sloterdijk / Carlos Oliveira, Selbstversuch. Ein Gespräch mit Carlos Oliveira, München 1996, S. 104–107.

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Published on
04.07.2014
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