S. Marung u.a. (Hrsg.): Vergessene Vielfalt

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Title
Vergessene Vielfalt. Territorialität und Internationalisierung in Ostmitteleuropa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts


Editor(s)
Marung, Steffi; Naumann, Katja
Series
Transnationale Geschichte 2
Published
Göttingen 2014: Vandenhoeck & Ruprecht
Extent
256 S.
Price
€ 59,99
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Sabine v. Löwis, Centre Marc Bloch, Berlin

In einer Welt, die geprägt ist von Konflikten hinsichtlich nationalstaatlicher Ordnungen und internationaler Netzwerke, die über nationalstaatliche Grenzen hinweg organisiert und aktiv sind und mitunter die nationalstaatliche Ordnung in Frage stellen oder angreifen, ist die „Vergessene Vielfalt“ ein überaus aktuelles Buchprojekt. Der Konflikt um die östliche Ukraine zwischen Russland, der Ukraine und der EU ist dabei nur ein Beispiel für eine solche Auseinandersetzung, die Ostmitteleuropa als räumlichen Fokus des Sammelbandes mehr als rechtfertigt.

Der Sammelband setzt sich zum Ziel, verschiedene territoriale Projekte in Ostmitteleuropa empirisch und konzeptionell zu erfassen und sie in den Kontext des globalen Wandels politischer Räume seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu stellen. Der Titel „Vergessene Vielfalt“ soll auf die Vielzahl territorialer Konzepte und Projekte in Ostmitteleuropa verweisen; ein Raum, der häufig einseitig wahrgenommen werde. Denn jenseits der Auflösung der Imperien und der Gründung von Nationalstaaten als grundlegendem Veränderungsschema territorialer Organisationsformen in der betrachteten Zeit sei eine Vielzahl weiterer territorialer Organisationsmechanismen sichtbar, die bislang kaum wissenschaftlich berücksichtigt werde. Mehr noch könnten anhand der Untersuchung von räumlicher Organisation von Gesellschaft in Ostmitteleuropa Anregungen für eine konzeptionelle und narrative Neufassung für den Wandel räumlicher Strukturierung von Gesellschaft gewonnen werden.

Im sehr fundierten Einführungskapitel der Herausgeberinnen wird insbesondere auf das Konzept der Territorialisierungsregime eingegangen, mit dem die vielfältigen Prozesse räumlicher Strukturierung in Ostmitteleuropa seit Mitte des 19. Jahrhunderts erfasst werden sollen. Sie nehmen dabei Bezug auf das Konzept von Charles Maier, das von Matthias Middell und Katja Naumann weiterentwickelt wurde.[1] Der wesentliche Unterschied zum Ansatz von Maier besteht darin, dass Middell und Naumann nicht ein Nacheinander territorialer Konzepte sehen, sondern vielmehr ein Nebeneinander und ein Ineinandergreifen, und dass sie über die Territorialisierung hinaus weitere Konzepte der räumlichen Strukturierung von Gesellschaft einbeziehen, wie internationale und transnationale Netzwerke und Organisationen, was vor dem Hintergrund raumwissenschaftlicher Diskussion eine sehr sinnvolle Erweiterung ist. Die Rolle von Netzwerken, seien sie transnational oder international, als eine Herausforderung territorialer Organisation ist eine zentrale Fragestellung der raumwissenschaftlichen Diskussion und wird entweder als Ergänzung oder Konkurrenz zum Territorium angesehen.[2]

Das Anliegen des Bandes ist aus mehreren Perspektiven sehr interessant, insbesondere da er sich im interdisziplinären Feld von Politischer Geographie und transnationaler Geschichte bewegt und konzeptionell aus beiden Disziplinen schöpft. Problematisch ist die synonyme Verwendung bzw. nicht eindeutige Definition von Begrifflichkeiten wie zum Beispiel „Territorialisierung“ und „Verräumlichung“.

„Territorialisierung“ ist der schrittweise Prozess der Herstellung staatlicher Ordnung. Darin einbezogen sind ganz wesentlich machttechnologische Komponenten des Territoriums sowie die innere und äußere territoriale Organisation, das heißt die Gliederung des Territoriums nach innen und die Verbindung/Vernetzung von Territorien im globalen Kontext.[3] „Verräumlichung“ ist ein viel weiter gefasster Begriff, der die Verbindung von unterschiedlichen gesellschaftlichen Aspekten mit räumlichen Konstrukten (unter anderem auch mit Territorium und seiner Gliederung als eine Form räumlicher Konstrukte) umfasst. Soziale gesellschaftliche Gegebenheiten werden in räumlichen Kategorien verstanden. Die Gleichsetzung von „Verräumlichung“ mit „Territorialisierung“ verwischt so die Begrifflichkeiten und verwässert die konzeptionelle Stärke des Konzepts der „Territorialisierung“.

Dass die Perspektive auf Ostmitteleuropa gelenkt wird, ist nicht nur deshalb von Relevanz, weil dieser Raum bisher nicht betrachtet wurde, sondern weil gerade in Ostmitteleuropa verschiedene Konflikte über Raum und Territorium sowie trans- und internationale Netzwerke gerade hochaktuell sind. Und schließlich füllt diese Perspektive auch deshalb eine empfindliche Lücke, weil sich die Politische Geographie, wie offensichtlich auch die Geschichtswissenschaft, bislang vor allem den Staaten der westlichen Moderne zugewendet hat.

Die Fallstudien, sind in zwei Abschnitten geordnet: Neben Studien zu „Vielschichtige(n) Territorialisierungen“ stehen solche unter dem Titel „Vielfältige Internationalisierungsprojekte“. Erstere behandeln Ordnungskonzepte des Territoriums, die im Kontext der Herstellung imperialer oder nationalstaatlicher Ordnung stehen. Unter letzterem Titel werden vor allem Fälle behandelt, in denen transnationale oder internationale Netzwerke in Konkurrenz oder Ergänzung zum Territorium und gleichzeitig im Wechselverhältnis mit diesem stehen.

Die Beiträge von Ulrike Jureit (Deutsches Reich), Jörn Happel (Russland) und Anna Veronika Wendland (Ostmitteleuropäische Städte) stellen verschiedene Ebenen – wie Stadt, räumliche Identität, Raumwahrnehmung, Symbolik und Infrastruktur, Expansion und Schrumpfung des Territoriums – vor und analysieren, welche Rolle diese im Prozess der Entwicklung und Realisierung territorialer Projekte spielen. Deutlich wird in allen diesen Untersuchungen, dass Territorium nicht nach einem gleichbleibenden Muster entsteht, sondern in enger Wechselbeziehung mit lokalen und regionalen Akteuren entwickelt wird. Das Territorium eines Staates oder Imperiums entsteht zudem nicht aus dem Nichts, sondern setzt sich zusammen aus territorialen Ordnungen der Vergangenheit oder baut auf diesen auf.

Es steht zudem in enger Wechselbeziehung mit anderen angrenzenden oder ferner liegenden Projekten der Territorialisierung, wie insbesondere im Beitrag von Frank Hadler zum Neoslawismus im Kontext des von Russland verlorenen Krieges gegen Japan deutlich gemacht wird. Er arbeitet heraus, wie territoriale Konzepte in Abhängigkeit von transnationalen Projekten und Ereignissen stehen oder zumindest maßgeblich durch diese beeinflusst werden. Konsequenz dieser Fallstudien ist, dass die Vielschichtigkeit territorialer Projekte aus einer Auseinandersetzung mit der internen räumlichen Ordnung des Territoriums und seiner historischen Herstellung sowie aus der Beobachtung „extraterritorialer“ Räume und Prozesse entsteht. Hervorzuheben ist auch der Beitrag von Anna Veronika Wendland, in dem methodisch und konzeptionell sehr überzeugend auf unterschiedliche identitäre Raumkonzepte zwischen Region, Nation und Imperium auf städtischer Ebene eingegangen wird.

Die Beiträge im Abschnitt „Vielfältige Internationalisierungsprojekte“ präsentieren verschiedene inter- und transnationale Netzwerke und Organisationen, die unterschiedliche Ziele und Themen (Unterstützung nationaler Projekte, Frauenbewegung, Prohibition) verfolgen. Deutlich wird anhand dieser Beiträge, wie Akteure aus Ostmitteleuropa über die Grenzen des Staates, Imperiums oder ihrer Herkunft hinweg vernetzt waren. Dies führte einerseits zur Repräsentation ihrer Kontexte und Anliegen in transnationalen Wahrnehmungs- und Handlungsräumen (Heléna Tóth zu den Ungarn im Exil), es resultierte aber auch in den jeweiligen Länderkontexten in einer lokalen Aneignung internationaler Themen wie der Frauenbewegung in Ostmitteleuropa (Dietlind Hüchtker) und der Prohibition in Bulgarien und in der polnischen Zweiten Republik (Nikolai Kamenov und Adrian Zandberg). Diese Beispiele sind immer eng mit nationalstaatlichen Bewegungen verbunden, auf die die Netzwerke oder Bewegungen zurückgreifen, um sich gleichsam besser zu präsentieren oder das Konzept des Territoriums zu nutzen, um eigene Ziele realisieren zu können. Gleichwohl verweisen alle Bewegungen in ihrer lokalen Verankerung auf die globale Problematik ihrer Aktivitäten. Besonders deutlich wird dies im Beitrag von Dietlind Hüchtker, wo methodisch überzeugend mit der Figur des cross-mapping argumentiert wird, um das Überlappen von Ideen und Konzepten von Bewegungen zu analysieren, die ihren Ursprung in unterschiedlichen räumlichen Kontexten haben.

Die Fallstudien betrachten politökonomische Ansätze der Konstruktion von Räumen bzw. zur Gewinnung von Kontrolle und Macht über Räume. Sie diskutieren konkurrierende und/oder parallel zueinander existierende territoriale Projekte. Mit dem Fokus auf die bewegte Phase der Auflösung der Imperien und Bildung von Nationalstaaten kennzeichnen die präsentierten Studien verschiedene Ebenen der historischen Herstellung und Veränderung von Territorium und dessen wechselseitige Abhängigkeit von trans- oder internationalen Netzwerken. Es wird deutlich, dass Territorium kein Objekt im Sinne einer mehr oder weniger linearen Entstehung ist, sondern vielmehr als ein Prozess verstanden werden muss, der aktiv und reaktiv ist. Angesichts der theoretischen Diskussion hinsichtlich Territorium, die sich überwiegend auf die Entwicklung des „westlichen“ Nationalstaates bezieht, ist der vorliegende Sammelband ein sehr interessanter Auftakt für einen alternativen oder ergänzenden Zugang zum Territorium. Durch den Fokus auf Ostmitteleuropa bereichert er diese Diskussion auf empirische Weise. Wünschenswert wäre gewesen, wenn die Ergebnisse des Sammelbandes in diesem Sinne ausgewertet worden wären, das heißt abschließend diskutiert worden wäre, wie diese Ergebnisse die Diskussion zu „Territorium“, die im Wesentlichen auf der Untersuchung „westlicher“ Staaten basiert, erweitern können und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.

In einer Diskussion der Herausgeberinnen mit Susan Zimmermann, Marcel van der Linden und Matthias Middell werden die Hauptfragen des Bandes abschließend noch einmal aufgegriffen, insbesondere die nach der Relevanz internationaler Organisationen für territoriale Projekte sowie nach der Bedeutung Ostmitteleuropas für die Untersuchung dieser Frage. Dabei wird – im Gleichklang mit den Fallstudien – auf die Interdependenz von internationalen und transnationalen Netzwerken mit territorialen Projekten hervorgehoben. Hinsichtlich des Untersuchungskontexts Ostmitteleuropa wird deutlich gemacht, wie schwach die Forschung hier methodisch, konzeptionell und empirisch ist und wie wichtig die Aufarbeitung dieser Lücke bleibt.

Mit Blick auf diese Schlussdiskussion kann der besprochene Sammelband als ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung einer solchen Forschungsperspektive angesehen werden, die in enger Verbindung mit derzeitigen Ansätzen in der Politischen Geographie fortgeführt werden sollte. Angesichts der schon erwähnten aktuellen Entwicklungen in Ostmitteleuropa respektive der Ukraine und der Popularität westlicher Klischees und Essentialisierungen in ihrer Wahrnehmung wäre eine zeitgeschichtliche Untersuchung in aktueller Perspektive und im historischen Vergleich von großer Wichtigkeit.

Anmerkungen:
[1] Charles Maier, Transformations of Territoriality 1600–2000, in: Gunilla Budde / Sebastian Conrad / Oliver Janz (Hrsg.), Transnationale Geschichte: Themen, Tendenzen und Theorien, (2. Auflage) Göttingen 2006, S. 32–55; Charles Maier, Consigning the Twentieth Century to history: Alternative narratives for the modern era, in: American Historical Review 105 (2000) 3, S. 807–831; Matthias Middell / Katja Naumann, Global History and the Spatial Turn. From the Impact of Area Studies to the Study of Critical Junctures of Globalisation, in: Journal of Global History 5 (2010) 1, S. 149–170.
[2] Saskia Sassen, Global Networks, Linked Cities, New York 2002; Manuel Castells, Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2001.
[3] Stuart Elden, The Birth of Territory, Chicago 2013; Paul Reuber, Politische Geographie, Paderborn 2012.

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16.10.2015
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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