F. Krobb u.a. (Hrsg.): Weimar Colonialism

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Title
Weimar Colonialism. Discourses and Legacies of Post-Imperialism in Germany after 1918


Editor(s)
Krobb, Florian; Martin, Elaine
Series
Postkoloniale Studien in der Germanistik 6
Published
Bielefeld 2014: Aisthesis Verlag
Extent
258 S.
Price
€ 34,80
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Nathanael Kuck, Universität Leipzig

Im Vergleich zur ausgedehnten Kolonialgeschichte anderer europäischer Staaten nehmen sich die 35 Jahre, die das deutsche Kolonialreich währte, als vergleichbar kurzer Zeitraum aus. Trotzdem erfuhr die Kolonialgeschichtsschreibung in den letzten zwei Jahrzehnten auch hierzulande einen Bedeutungszuwachs. Begründen lässt sich dies auch und gerade mit einem von postkolonialen Ansätzen inspirierten, erweiterten Verständnis von Kolonialität, das kolonialen Denk- und Handlungsweisen auch jenseits verfestigter politischer Herrschaft nachspürt. Dieser diskursgeschichtlichen Herangehensweise hat sich auch der Sammelband „Weimar Colonialism“ verschrieben. So sollen die zehn hier versammelten Beiträge zeigen, dass „literary and other cultural objects, as by-products of the imagination of a nation imagining empire, pave a more illuminating pathway into the psyche of the former metropole in the aftermath of empire than could ever be achieved by historiographical enquiry alone“ (S. 11). In ihrer äußerst lesenswerten Einführung versuchen die Herausgeber, die Weimarer Zeit in die Geschichte der überseeischen Beziehungen Deutschlands einzuordnen – eine Geschichte, die von ersten privaten Initiativen in der Frühen Neuzeit, über die Entstehung des deutschen Kolonialreichs und der nationalsozialistischen Expansion bis zu den aktuellen Auseinandersetzungen um die deutsche Kolonialgeschichte und die neue Rolle Deutschlands in einer multipolaren Welt reicht (S. 40f.).

Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf der Auseinandersetzung mit literarischen und journalistischen Quellen, den Anfang macht jedoch Heidrun Kämpers Analyse parteipolitischer Texte von Kolonialbefürwortern wie -gegnern in den frühen Jahren der Weimarer Republik. Den Revanchismus, der die Rückgabe der ehemaligen deutschen Kolonien einforderte, sieht Kämper zum einen als Abwehrreaktion gegen den Ausschluss Deutschlands aus dem Kreis der Kolonialmächte und als Selbstaffirmation einer zivilisierenden Nation, die nahtlos an die pro-imperialistischen Argumente aus der Kaiserzeit anschloss. Interessant ist im Weiteren auch Kämpers Gegenüberstellung revanchistischer und antikolonialer Gemeinschaftskonzeptionen. Während erstere die Zugehörigkeit zu einem nationalen Kollektiv vor allem vor dem Hintergrund innenpolitischer Debatten herstellten, leiteten letztere ihre Subjektivitätsvorstellungen im Rahmen eines internationalen, oppositionellen Diskurses her, der sich um Begriffe wie „Kapitalismus“, „Imperialismus“, „Ausbeutung“ und „Befreiung“ gruppierte.

Nationale Subjektivitätsvorstellungen thematisiert im Anschluss auch die Mitherausgeberin Elaine Martin. Sie betont in ihrer Untersuchung der Kampagne gegen die „Schwarze Schande“ im Zuge der französischen Rheinlandbesetzung einerseits die vielen diskursiven Kontinuitäten in der Charakterisierung und Herabsetzung des kolonialen „Anderen“. Gleichzeitig richtet sie den Blick jedoch auch auf die veränderten Konsequenzen, die sich aus den neuen historischen Umständen ergaben: Die Negativfolie der „Schwarzen Schande“ diente der Herabsetzung Frankreichs und war ein sehr öffentlichkeitswirksamer Teil im Prozess der Biologisierung nationaler Zugehörigkeit hin zur rassischen „Volksgemeinschaft“.

Rassische Stereotypisierung untersucht auch Stefan Hermes am Beispiel von Hans Grimms Novelle „Der Pavian“. In Hermes’ Lesart legitimierte Grimm, die deutsche Zivilisierungsmission mit der Technik der umgekehrten literarischen Mimikry: In diesem Fall bedeutete dies, dass ein deutscher Autor mittels der Fokussierung auf afrikanische Hauptprotagonisten, deren Unfähigkeit zu fortschrittlicher Entwicklung und damit die Notwendigkeit kolonialer Intervention zu belegen versuchte.

In ihrem Beitrag „‚Back to the wild‘“ geht Catherine Repussard ausgehend von einer an die deutsche Jugend gerichteten Publikation auf die Ambivalenzen des kolonialen Diskurses ein. Die koloniale Welt und insbesondere Afrika erschienen darin als naturnaher Raum, in dem die Kolonisierer zu einem ursprünglichen Deutschtum zurückkehren konnten. Gleichzeitig waren diese Vorstellungen von Ursprünglichkeit stets mit dem ordnend-zivilisierenden Eingriff der europäischen Zivilisationsbringer verknüpft – eine Ambivalenz, die auch an anderer Stelle im Band aufgegriffen wird.

Zwei Beiträge widmen sich der fotografischen Vermittlung kolonialen Denkens. Brett M. Van Hoesen untersucht Fotomontagen in der illustrierten Presse und damit ein in diesem Kontext noch wenig untersuchtes Medium. Von einer avantgardistischen Ausdrucksform zu Beginn des 20. Jahrhunderts trug die Montage im massenmedialen Kontext zu einem kollektiven Vergessen von Deutschlands kolonialer Vergangenheit bei. Insbesondere die Darstellung der Herero lässt Van Hoesen zu dem Schluss kommen, dass „Germany’s human rights atrocities were overwritten, restaged and ultimately erased at the victim’s expense, alleviating Weimar readers of the war and colonial guilt that was pervasive in inter-war, international politics of the mid-1920s“ (S. 141).

Hinnerk Onken beschäftigt sich hingegen mit fotografischen Repräsentationen Südamerikas in Hand- und Reisebüchern der Weimarer Zeit, die den Anspruch einer objektiven, authentischen Abbildung der lokalen Realitäten hatten. Diese Publikationen waren nach Onken geprägt von einer auffallenden thematischen und argumentativen Kontinuität gegenüber den ambivalenten Diskursen aus der Zeit des deutschen Kolonialismus: So fungierten Bilder einer als wild und ursprünglich konzipierten Natur – wie schon im Beitrag von Repussard – als Kulisse für die Selbstfindung potenzieller Kolonisten. Zu dieser Ursprünglichkeit gehörte auch eine indigene Bevölkerung, die aufgrund ihrer angeblichen rassischen Unterlegenheit dem Untergang geweiht war und zwar durch genau die Kräfte rational-moderner Naturbeherrschung und gesellschaftlicher Entwicklung, die in den Fotoreportagen der Darstellung von Ursprünglichkeit gegenüberstanden.

Florian Krobb überträgt die Analyse kolonialer Diskursmuster mit dem Osmanischen Reich auf einen Raum, der in der Zwischenkriegszeit gemeinhin nicht zur kolonialen Sphäre gerechnet wurde. Er analysiert die Kriegsmemoiren ehemaliger deutscher Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs an der „Orientalischen Front“ dienten. Während das allgemeine Interesse an der Region in Deutschland während der Weimarer Zeit stark abnahm, arbeitet Krobb anhand dieser Publikationsnische Kontinuitätslinien eines orientalistischen Diskurses heraus: Die Faszination mit einem andersartigen Orient, der durch den transformativen Eingriff Deutschlands aber gleichzeitig de-orientalisiert werden sollte. Eine Instrumentalisierung dieser Erinnerungen im Dienste des Kolonialrevisionismus fand jedoch nicht statt, vielmehr scheinen die Memoiren das Bedürfnis nach nostalgischer Rückbesinnung auf eine Zeit globaler deutscher Aspirationen erfüllt zu haben (S. 186f).

Während man in den Memoiren zum Osmanischen Raum ein lediglich nostalgisches Nachklingen vergangener Erfahrungen sehen kann, ist „Der Drang nach Osten“, mit dem sich Kristin Kopp auseinandersetzt, ein Thema, das in den nachfolgenden Jahren ins Zentrum des deutschen Expansionsbestrebens rücken sollte. In ihrer sehr anregenden Untersuchung deutscher Zwischenkriegsliteratur zu Polen belegt sie anhand zahlreicher Quellen die Vorstellung eines überlegenen, schaffenden deutschen Selbst, das sich den osteuropäischen Raum und seine Völker legitimerweise unterzuordnen hat. Anders als in vielen revanchistischen Beiträgen kommt hier nicht ein renitenter Phantomschmerz zum Ausdruck, sondern kündigt sich in der Literatur das künftige Ausgreifen nach kontinentaler Hegemonie an.

Die beiden letzten Beiträge schließlich untersuchen Weimarer Kolonialität anhand ihrer Aufarbeitung in der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Jason Verber beschäftigt sich mit der Erinnerungskultur an die deutsche Kolonialzeit im Westdeutschland der Nachkriegszeit und fokussiert dabei im Gegensatz zu den anderen Beiträgen nicht auf die Weimarer Zeit. Einerseits verfestigte sich nach Verber ein mythologisierendes Bild der Kolonialzeit, seiner zentralen Protagonisten und der angeblich vorbildlichen Beziehungen zu den Kolonisierten. Dabei ging es nicht um eine Geltendmachung eines erneuten Anspruchs auf die ehemaligen Überseebesitzungen, sondern darum, Deutschlands Ruf als ideale Kolonialmacht zu wahren (S. 220). Gleichzeitig formierte sich eine von Verber nur kurz angedeutete kritische Perspektive, die in der Gewalt und dem systematischen Rassismus der Kolonialzeit einen direkten Vorläufer des Nationalsozialismus sahen.

Die Frage nach eben dieser Kontinuität von überseeischem Kolonialismus und der kontinentalen Expansion Nazi-Deutschlands ist auch eines der zentralen Themen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die sich mit der Kolonialzeit auseinandersetzen. Dirk Göttsche liefert darüber hinaus eine tour de force durch die jüngere Literatur, die sich mit dem post-imperialen Deutschland anhand von historischen und Familienromanen sowie Biografien auseinandersetzt. Die Weimarer Zeit nimmt dabei nicht nur eine Brückenfunktion zum Nationalsozialismus sondern auch zur postkolonialen Gegenwart ein. Diese Publikationen interessieren sich, außer in der Auseinandersetzung mit afro-deutschen Protagonist/innen im Deutschland der Zwischenkriegszeit, hauptsächlich für die Schicksale weißer Deutscher.

Die versammelten Beiträge demonstrieren überzeugend die anhaltende Bedeutung kolonialer Diskurse auch nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs und machen Auseinandersetzungen mit Räumen, die bisher noch wenig unter den Vorzeichen kolonialer Wissensproduktion analysiert wurden – Südamerika, das Osmanische Reich, Polen – für eine kolonialgeschichtliche Perspektive fruchtbar. Trotz der abwägenden Einschätzung der Herausgeber, dass das Verhältnis von Kontinuität und Bruch stets sorgfältig ausgelotet werden muss (S. 44), bleibt in der Gesamtschau eine starke Betonung der Kontinuitätslinien. Unberücksichtigt bleibt dabei aber beispielsweise der rapide Bedeutungsschwund zumindest explizit revanchistischer Positionen in der Politik und dem öffentlichen Bewusstsein in den späteren Jahren der Weimarer Republik. Dies schmälert jedoch keineswegs die Verdienste eines sehr lesenswerten Bandes, der zeigt, wie postkoloniale Ansätze sinnvoll in die deutsche (Kultur-)Geschichte der Zwischenkriegszeit integriert werden können.

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09.07.2015
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