C. R. Unger: Entwicklungspfade in Indien

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Title
Entwicklungspfade in Indien. Eine internationale Geschichte 1947–1980


Author(s)
Unger, Corinna R.
Published
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Extent
319 S.
Price
€ 34,90
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Alexander Benatar, Humboldt-Universität zu Berlin

Mit „Entwicklungspfade in Indien: Eine internationale Geschichte 1947–1980“ legt Corinna Unger ihr zweites Buch vor. Während sie sich in ihrer Dissertation noch mit dem recht deutschen Thema der Ostforschung in der Bundesrepublik befasste, betritt Unger mit ihrer nun veröffentlichten Studie eindeutig die Arena der internationalen Geschichtswissenschaft. Von der Warte der Entwicklung nimmt Unger Indiens Zeitgeschichte in den ersten Jahrzehnten seiner Unabhängigkeit in den Blick. Erstmalig arbeitet nun Ungers Studie anhand mehrerer Fallbeispiele die praktische Bedeutung dieser unterschiedlichen indischen Entwicklungskonzepte heraus und reicht in ihrem Untersuchungszeitraum über Nehrus Tod 1964 hinaus. Sie geht dabei der Frage nach, warum man in Indien „bestimmte Entwicklungspfade und die mit ihnen verbundenen Modelle privilegierte und andere verwarf, einige ausprobierte und andere ignorierte“ (S. 11).

Entwicklung will die Autorin hierbei als zentral für die indischen Prozesse der Dekolonisierung, Modernisierung und der Herausbildung einer nationalen Identität verstanden wissen (S. 8). Entwicklung diente dem jungen Staat also nicht nur zur Überwindung äußerer kolonialer Herrschaftsstrukturen, sondern auch seiner inneren Einigung. Mit Entwicklungspfaden wiederum sind die unterschiedlichen Konzepte gemeint, das junge Indien zu entwickeln. Vielleicht wichtigste Prämisse Ungers in ihrer Studie ist die unbedingte Verquickung von Wissenspolitik und Entwicklungspolitik. Über die Erkenntnis, dass Entwicklung nur durch Wissen möglich ist, eröffnet sich zudem die internationale Perspektive der Entwicklungspolitik. Denn woher sollte das zu entwickelnde Indien das zu seiner Entwicklung notwendige Wissen erhalten?

Wenngleich diese Dimension nicht im eigentlichen Fokus der Untersuchung steht, ist doch vor allem die Entwicklungshilfe an Indien von außen stets durch das Prisma des Kalten Krieges zu betrachten und sind die unterschiedlichen Blockinteressen der jeweiligen Geberländer zu berücksichtigen: „Gerade im Kalten Krieg diente Entwicklungspolitik häufig als Mittel, um außenpolitische Interessen in Regionen durchzusetzen, denen geopolitische oder sonstige strategische Relevanz beigemessen wurde.“ (S. 9) Zweifellos wurde Indien als dem größten nichtkommunistischen Entwicklungsland eine solche Relevanz beigemessen und entwicklungsrelevantes Wissen durchaus als harte Währung verstanden, um wirtschaftlichen Einfluss auf das junge Indien auszuüben. Die Autorin erweitert damit den in der neueren Forschung zum Kalten Krieg vermehrt anzutreffenden Blick auf scheinbar schwache Akteure an der Peripherie des Ost-West-Konflikts um gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Aspekte.

Unger bleibt jedoch nicht bei der Perspektive potenziell hegemonial auftretender „Wissensgeber“, sondern denkt ihre Beobachtungen zu deren Einfluss noch einen Schritt weiter, indem sie fragt: „Wie entwickelte sich das entwicklungsrelevante Wissen vor Ort weiter, und inwiefern wich es von den ursprünglich beabsichtigten Zielen ab?“ (S. 12) Denn so zentral Wissen für gesellschaftliche Entwicklung allgemein ist, stellt sich im Zusammenhang mit der Entwicklungspolitik zusätzlich die Frage nach seinem Transfer und seiner Weiterentwicklung. Im Fokus steht für Unger also der „Nexus von Wissen und Macht, der den Wissenstransfer begleitet“ (S. 18).

Die unterschiedlichen Entwicklungskonzepte in Indien werden in zwei Hauptteilen des Buches unter dem Rubrum „Ländliche Entwicklung“ bzw. „Industrialisierung und Urbanisierung“ in mehreren Fallbeispielen herausgearbeitet. Erstere war vor allem auf eine landwirtschaftliche Produktionssteigerung ausgerichtet, waren doch vier von fünf Indern im primären Sektor beschäftigt und die Überwindung der Nahrungsmittelknappheit ein wichtiger Schritt, unabhängig von ausländischer Hilfe zu werden. Hierzu musste die Landwirtschaft modernisiert werden, ohne das vielbeschworene „Indian Village“ – die Vorstellung ländlicher Siedlungsstrukturen als Nukleus der indischen Gesellschaft – zu verlieren.

Zwei verschiedene Strategien sollten diesem Ziel dienen: bereits in der Kolonialzeit war der Versuch unternommen worden, das Genossenschaftswesen auf den indischen Subkontinent zu übertragen. Detailliert zeichnet die Autorin hier nach, wie europäische Erfahrungen des ländlichen Kreditwesens mit der indischen Tradition dörflicher Selbstverwaltung, den sogenannten panchayats, korrespondierten. Angesichts ungleich verteilten Grundbesitzes und starker Opposition gegen notwendige umfangreiche Landreformen, mussten die Versuche, landwirtschaftliche Kooperativen in Indien zu etablieren, jedoch scheitern. Auch dem später von der indischen Regierung initiierten Ansatz des Community Development Programme (CDP), einer umfangreichen und flächendeckende Kampagne zur ländlichen Entwicklung, mangelte es an der notwendigen Rückbindung an die ländliche Wirklichkeit. Nehrus Tod, mehrere Dürren und kriegsbedingte Sanktionen ebneten Mitte der 1960er-Jahre den Weg für die zweite Strategie zur Modernisierung der indischen Landwirtschaft: nun nahm man westliche Angebote zur Unterstützung eines Intensive Agricultural District Programme (IADP) an, das mit neuer Agrartechnologie und neuem Saatgut die Entwicklung ausgewählter Distrikte vor allem in Nordindien bewirken und als „Grüne Revolution“ bekannt werden sollte. Insgesamt bewertet Unger das IADP trotz entstandener Ungleichheiten als effektiver zur Linderung der indischen Nahrungsmittelknappheit als Nehrus CDP, wenngleich Letzteres den Vorteil geringeren technologischen Anspruchs und damit einer breiteren Einsetzbarkeit mit sich brachte.

Ähnlich wie die Modernisierung der Landwirtschaft reichten auch die Pläne zur Industrialisierung Indiens bis in die Kolonialzeit zurück. Mehr noch als die Entwicklung im ländlichen Bereich allerdings, war die industrielle Entwicklung von externem Wissen abhängig. Sie wurde dadurch willkommenes Einfallstor für ausländische Investoren und Exporteure. Mit der indischen Industrialisierung ging notwendigerweise auch eine Urbanisierung einher, die jedoch erst in den 1960er-Jahren stadtplanerische Aufmerksamkeit erhielt. Die Autorin untersucht hierzu neben den Planstädten Chandigarh und Rourkela die Modernisierung von Kalkutta, um auch die Entwicklung einer etablierten Umgebung zu illustrieren. Die drei Projekte waren unterschiedlich motiviert: während Chandigarh den indischen Gegenentwurf einer Hauptstadt des wichtigen, aber zwischen Indien und Pakistan geteilten Bundesstaates Punjab zum an den Nachbarn „verlorenen“ Lahore darstellte, war Rourkela von Anfang an als funktionale Arbeiterstadt geplant. Das rasant wachsende Kalkutta wiederum sollte nach dem Ausbruch einer schweren Choleraepedemie 1958 eine moderne Infrastruktur und vor allem Kanalisation erhalten. In allen drei Städten griff Indien auf ausländisches Wissen zurück; so entstammt Chandigarh der Feder des Stadtarchitekten Le Corbusier.

In der Praxis zeigte sich jedoch, dass etwa die Industrialisierung Indiens durch Import-Substitution nicht gelingen konnte, sondern anhaltende Importe die indische Zahlungsbilanz vielmehr nachhaltig belasteten. Als Beispiel für einen gescheiterten Wissenstransfer wiederum begreift Unger das von der Bundesrepublik initiierte Stahlwerk von Rourkela, dessen Errichtung im ostindischen Bundesstaat Orissa überdies medienwirksam zur Zwangsumsiedlung Zehntausender Adivasi (indischer Ureinwoner) sowie ethnischen und religiösen Konflikten in der Belegschaft führte. Indische Bürokratie und unqualifizierte Arbeiter sorgten dafür, dass sich westliche Industrialisierungsefahrungen nicht ohne Weiteres auf den Subkontinent übertragen ließen. Ähnlich scheiterten auch die Ford Foundation und die Weltbank in ihrem Bemühen, gemeinsam mit der indischen Calcutta Metropolitan Development Authority (CMDA) Kalkutta zu modernisieren, am mangelnden Wissen über Bürokratie und Verwaltung vor Ort.

Entwicklung „von außen“ war aufgrund der technologischen Komplexität von Projekten wie Rourkela oder landwirtschaftlicher Produktionsmethoden der Grünen Revolution also oft genug Entwicklung „von oben“ und insofern durchaus hegemonial. Selten war dies von Erfolg gekrönt. Festzuhalten bleibt Unger zufolge, dass der Unterschiedlichkeit der untersuchten Modernisierungskonzepte zum Trotz, Wirtschaftswachstum doch stets als universell akzeptiertes Allheilmittel zur raschen Entwicklung Indiens akzeptiert wurde. Diese Doktrin aufzubrechen wird aber vermutlich weniger Historikern als geschichtsaffinen Wirtschaftswissenschaftlern vom Schlage eines Philipp Bagus vorbehalten bleiben.

Insgesamt stellt sich Ungers Fallstudie zur internationalen Entwicklungszusammenarbeit ausgesprochen logisch strukturiert dar: auf eine Einleitung, die Forschungsstand und -lücke aufzeigt sowie die zu untersuchenden Fragen aufwirft, folgen zwei große Abschnitte, die wie die Unterkapitel zu indischen Entwicklungsprojekten jeweils mit einer knappen Bilanz abgeschlossen sind. Dort wie auch im abschließenden Fazit rekurriert die Autorin immer wieder auf die Ausgangsfragestellungen wie auch auf das wissenshistorische methodische Grundgerüst ihrer Arbeit, das sie in den detaillierten Darstellungen ihrer jeweiligen Fallbeispiele mitunter zu verlieren droht. Denn in weiten Teilen bleibt die Monografie doch sehr deskriptiv.

Kurze und prägnante Sätze machen Ungers Studie jedoch sehr gut lesbar. Dies führt allerdings notwendigerweise auch zu Vereinfachungen. Andeutungen der Autorin etwa zur „Parallele zwischen der von Krieg und Faschismus gezeichneten Bundesrepublik und der ehemaligen Kolonie Indien“ (S. 171) hätten womöglich ein wenig mehr Elaboration verdient, ebenso durchaus problematische Thesen wie: „Tatsächlich war es mit dem Selbstverständnis der Mitglieder höherer Kasten vielfach unvereinbar, körperliche Arbeit zu leisten.“ (S. 202) Bereits im vierten Satz der Einleitung wird deutlich, dass ein zweites Buch wie das nun Vorgelegte leider wohl immer auch Stückwerk bleibt – eines von mehreren zeitgleich vorangetriebenen Projekten, zumal über Institutionen und Kontinente hinweg: „Britisch-Indien wurde unter britischer Regie und in größter Eile in zwei Republiken, Indien und Pakistan, aufgeteilt; hinzu kam das an Indiens westlicher (sic!) Grenze gelegene Territorium Ostpakistan (seit 1971 Bangladesch).“ (S. 7) Auch Ungers Bemerkung, Kalkutta sei „eine der ältesten Städte Indiens“ (S. 221), dürfte einer kritischen Prüfung kaum standhalten, erlangte der Ort doch erst unter Ägide der britischen East India Company ab 1690 eine gewisse Bedeutung. Solch vermeidbare Fehler können den positiven Gesamteindruck der Monografie aber keinesfalls nachhaltig trüben.

Beachtenswert an Ungers Studie sind sicherlich ihre Erkenntnisse über die von beiden Seiten wahrgenommenen Unterschiede zwischen dem Entwicklungsland Indien und seinen westlichen Partnern. Offen und ideologiefrei gelingt es der Autorin, die unterschiedlichen Interessen von Entwicklungswissensgebern und -nehmern herauszuarbeiten und damit das Bild von vermeintlich neokolonial agierenden reichen westlichen Ländern weiter zu differenzieren. Denn „die eigentliche Übersetzungsleistung musste von den Menschen erbracht werden, die selbst Objekte der Entwicklungsideen und -projekte waren.“ Und „es wäre unzutreffend, in ‚Entwicklung’ ein Schicksal zu sehen, das passiven Menschen auferlegt worden wäre und das diese hilflos erlitten“ (S. 284). Auch in der Geschichte der Entwicklungspolitik ist ein Denken in Schwarzweiß, den Kategorien gut oder verwerflich demzufolge nicht ausreichend.

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16.09.2016
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