U. van der Heyden u.a. (Hrsg): Mauritius in deutschsprachigen Texten

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Title
Die Entdeckung und Beschreibung der Insel Mauritius in deutschsprachigen Texten, 17. bis 19. Jahrhundert.


Editor(s)
Beyer, Cornelia
Series
Cognoscere Historias 24
Published
Extent
204 S.
Price
€ 36,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Uwe Pfullmann, Gornsdorf

„Bei der Erarbeitung eines Buches über den deutschen Naturwissenschaftler und Gründungsdirektor des Naturkundemuseums in Berlin, Karl August Möbius, und seine Reisen zu den ostafrikanischen Inseln im Indischen Ozean in den 1870er Jahren hat sich die vor einigen Jahren geäußerte Vermutung eines Verlegers aus Mauritius bestätigt, dass zur Geschichte der europäischen Entdeckung der ostafrikanischen Inselwelt eine ganze Reihe von beeindruckenden Büchern in Englisch, Französisch, Niederländisch und Portugiesisch existiert – aber kaum eines in deutscher Sprache.“ (S. 11)

Der Venustransit 1874 war damals Anlass für Karl Möbius, einen Reisekostenzuschuss bei den preußischen Behörden zu beantragen. Hatte der von U. van der Heyden, M. Glaubrecht und U. Pfullmann edierte Band Die Reise des Naturforschers Karl August Möbius nach Mauritius und zu den Seychellen 1874/75 (Wiesbaden 2012) bereits mehrere deutschsprachige Texte anderer Autoren aufgenommen, so haben die beiden Herausgeber des vorliegenden Buches die Bandbreite deutscher Quellen noch einmal beträchtlich erweitert. Die Herausgeber ziehen folgendes Fazit: „Als Ergebnis unserer Recherchen kann angesehen werden, dass nicht viele, aber immerhin eine nicht unbeträchtliche Anzahl von schriftlichen historischen Dokumenten existiert, die über die damaligen geografischen, klimatischen, kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Maskarenen berichten.“ (12)

So erstatten deutsche und österreichische Gelehrte auch über die anderen Maskarenen-Inseln La Réunion und Rodriguez Bericht, die letztgenannte war bereits im 18. Jahrhundert (1761) für Alexandre-Gui Pingré Ziel für die Beobachtung eines Venustransits. Van der Heyden und Beyer finden deutliche Worte und Zitate für die Missachtung deutschsprachiger Quellen in der Geschichtsschreibung Afrikas im Allgemeinen und die der ostafrikanischen Inseln im Besonderen. In dem als Vorwort dienenden Beitrag „Zur Geschichte der europäischen Entdeckung und Besiedlung der Insel Mauritius“ skizziert U. van der Heyden die geografische und vorkoloniale Situation der Insel, gibt einen Überblick über die ersten Entdecker der Insel wie Fernandez Pereira, und schildert die europäische Besiedlung. Er konstatiert: „Wenngleich die niederländischen Seefahrer die Insel wie schon ihre Vorgänger aus Portugal zunächst lediglich als zeitweiligen Erholungsort nutzten, siedelten sich hier mit den Jahren immer mehr europäische Kolonisten an, denn Portugal erhob ihnen gegenüber keine Besitzansprüche. Das fand zu einer Zeit statt, in der Engländer und Dänen immer weiter in den Indischen Ozean vordrangen und auch auf den Maskarenen landeten. Unter den Seefahrern, die Mauritius anliefen, befand sich 1642 auch der berühmte Erforscher Australiens Abel Tasman.“ (S. 22)

Der Mitherausgeber schildert einprägsam und gut verständlich die niederländische Landnahme, aber auch die klimatischen Unwägbarkeiten und Widrigkeiten der Kolonisierung. Die im Auftrag der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) agierenden Gouverneure waren es auch, die auf Mauritius die ersten madagassischen Sklaven für die Plantagen holen ließen. Doch auch eine noch so intensive Personal-Rochade bei den obersten Verwaltern vermochte nicht das Ende der niederländischen Herrschaft aufzuhalten. 1658 verließen fast alle europäischen Siedler Mauritius. Währenddessen hatte Frankreich 1638 begonnen, die Nachbarinseln Bourbon (La Réunion) und Rodriguez zu besiedeln. Wie attraktiv Mauritius trotz Raubbaus an Holz und der weitgehenden Ausrottung der endemischen Fauna (Dodo) dennoch für viele Besucher war, musste 1801 der französische Kapitän Baudin erfahren: Er „verlor auf dem Eiland zehn Naturforscher und Zeichner, weil sie sich hier im Garten Eden wohlfühlten, dass sie die weitere Expedition verließen.“ (S. 23) Der Abzug der Niederländer hatte ein Machtvakuum hinterlassen, das Piraten schnell zu ihren Zwecken nutzten, die gemeinsam mit den entlaufenen Sklaven eine "Republik" schufen, in der es keine Sklaverei mehr gab. Das immer dreistere Agieren der Seeräuber rief alsbald die französische Kolonialmacht auf den Plan, der es nach einigen Jahren gelang, die Seeräuber aus den Gewässern der Maskarenen zu vertreiben. Es folgte nun die große Zeit des französischen Gouverneurs Mahé de Labourdonnais, der von 1734 bis 1846 die Île de France, wie Mauritius unter französischer Herrschaft hieß, verwaltete und voranbrachte. Doch die nachfolgenden Gouverneure verfügten nicht über die Energie von Labordonnais, so dass während des Siebenjährigen Krieges 1756-1763 „die Verwaltung des Eilandes zusammenbrach und die französische Krone... die Insel“ (übernehmen musste). (S. 29)

Die britische Besetzung der Insel 1810 während der Napoleonischen Kriege leitete die letzte Etappe der Kolonialgeschichte von Mauritius ein. 1968 erlangte Mauritius zusammen mit der östlichen Nachbarinsel Rodriguez die staatliche Unabhängigkeit, während La Réunion französisches Überseedepartment blieb.

Zu den frühen deutschsprachigen Quellen über Mauritius gehören J. F. Wurfbains Reise nach den Molukken und Vorder-Indien 1632-1646 und Johann Jacob Saars Reise nach Java, Banda, Ceylon und Persien, 1644-1660 sowie die Reisebeschreibungen von Johann Albrecht von Mandelslo und Olfert Dapper, deren detailreichen Buchtitel hier nicht ausgeführt werden. Ergiebiger in Aussagekraft und Lebendigkeit der Schilderung als die erstgenannten Quellen ist das Werk von Johann Christian Hoffmann, der nicht nur die endemische Fauna, sondern auch die Urgewalt der Zyklone beschreibt, wie man die tropischen Wirbelstürme im Indischen Ozean nennt: „Ein solcher Orkan überfiel uns am 11 Februarij 1674 da dann der auß allen 4 Ecken der Welt auf einmal herfür brausende Wind mit solchem erschrecklichen Ungestüm sich erhübe, daß nit nur durch dessen durchdringliche Gewalt, unterschiedliche Gebäue (in deren Zahl auch unsere vor kurzer Zeit aufgebauete Kirche begriffen) zu boden gewurffen, sondern auch die Wälder so laubloß gemacht wurden, daß sie es in viel monaten nicht überwinden konten. Ja er bließ so kräfftig niederwärts, alß ob er von dem himmerl herab käme, sonst wehrete er ungefehr sechs Stunden lang.“ (S. 49)

Weitere Reisende dieser Epoche sind Christoph Schweitzer und Martin Wintergerst.
Für eine lange Zeit, fast 150 Jahre, verstummen die deutschsprachigen Quellen über Mauritius. Es sind dann kurze Mitteilungen aus Zeitschriften für das Bildungsbürgertum wie Das Ausland oder Globus. Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde und Missionsberichte evangelischer Missionare, die den Lesern des Deutschen Bundes Wissenswertes über Mauritius - von der Rumproduktion bis hin zum Fund von Dodo-Knochen - vermitteln. Von besonderem Interesse sind die Berichte von Wilhelm Heine (Reise um die Erde nach Japan an Bord der Expeditions-Escadre unter commodore M. C. Perry in den Jahren 1853, 1854 und 1855...) und Ida Pfeiffer (Reise nach Madagaskar).

Eine der wenigen deutschsprachigen weiblichen Reisenden teilt nicht nur Wissenswertes über die Anwerbung indischer Arbeitskräfte für die Plantagen mit, sondern gibt auch Einblicke in das tägliche Leben der Privilegierten, die nicht auf den Plantagen arbeiten: „Die Lebensweise der Europäer und Kreolen (unter letzteren versteht man die von weißen Eltern auf der Insel Geborenen) ist ungefähr dieselbe wie in Britisch oder Holländisch-Indien. Mit Sonnen-Aufgang erquickt man sich an einer Tasse Milchkaffee, welche in das Schlafzimmer gebracht wird, zwischen 9 und 10 Uhr ruft die Glocke zum Frühstück, das aus Reis und Curey und einigen warmen Gerichten besteht und um 1 oder 2 Uhr genießt man Früchte oder Brod und Käse. Das Hauptmahl findet Abends statt, und zwar gewöhnlich erst nach 7 Uhr. Das Leben ist sehr theuer.“ (S. 69)

Weitere bedeutende Quellen sind Karl August Möbius (Beiträge zur Meeresfauna der Insel Mauritius und der Seychellen) und Richard Freiherr Drasche von Wartinsberg (Die Insel Réunion (Bourbon)im Indischen Ozean. Eine geologisch-petrographische Studie mit einem Anhange über die Insel Mauritius), worin der Verfasser die einheimische Fauna und den vulkanischen Charakter des im Zentrum von Mauritius gelegene Grand Basin ausführlich beschreibt. Die erläuternden Fußnoten der Herausgeber sind präzise und verdienen
Anerkennung. Ein Anhang mit einem Quellen- und Abbildungsverzeichnis schließen sich an.

Die liebevoll ausgewählten Illustrationen vermitteln ein anschauliches und vielfältiges Bild dieser ostafrikanischen Insel. Den Herausgebern und dem Verlag gebühren Dank für diese wirklich gelungene, gediegene Edition deutschsprachiger Quellen zur Geschichte, Kultur und Ethnologie von Mauritius.

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05.02.2016
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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