J. Großmann u.a. (Hrsg.): Deutschland, Frankreich und die USA

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Title
Deutschland, Frankreich und die USA in den 'langen' 1960er Jahren. Ein transatlantisches Dreiecksverhältnis


Editor(s)
Großmann, Johannes; Hélène Miard-Delacroix
Published
Stuttgart 2018: Franz Steiner Verlag
Extent
245 S.
Price
€ 49,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Raphael Brüne, Leipzig

Die 1960er-Jahre werden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und den USA als eine Phase des gesellschaftlichen Umbruchs erlebt (vgl. S. 15ff.). In dieser „Wendezeit“ stehen kulturelle Reformen neben politischer Revolte, erhitzte innenpolitische Debatten neben geopolitischer Entspannung und wachsende Verflechtungen zwischen den Ländern führen zu einer Multipolarisierung und räumlichen Erweiterung des außenpolitischen Horizonts (vgl. S. 17). „Politik – und mit ihr Außenpolitik – wurden alltäglicher, während der Alltag politischer wurde“ (S. 23). Diese fundamentale Transformation von Außenpolitik und seine spezifischen Momente stehen im Zentrum des hier rezensierten Sammelbandes.

Der vorliegende Band ist das sehr zur Lektüre empfohlene Resultat einer internationalen und interdisziplinären Tagung, die im Jahr 2013 an der Universität des Saarlandes stattgefunden hat. Insgesamt 13 Beiträge, deren methodische Zugänge und wissenschaftliche Perspektiven divers und dennoch komplementär sind, sich zuweilen aber auch widersprechen, sind in diesem Band versammelt und werfen Schlaglichter auf die westdeutsch-französisch-US-amerikanischen Beziehungen in den ‚langen‘ 1960er-Jahren. Dreh- und Angelpunkt dieser Publikation ist der Élysée-Vertrag, der von den Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Blickrichtungen kausal und zeitlich eingeordnet wird.

Das Foto auf dem Einschlag des Sammelbandes illustriert sehr einprägsam, gerade weil es politische Persönlichkeiten in den Vordergrund rückt, die bisweilen komplizierten transatlantischen Beziehungen zwischen Westdeutschland, Frankreich und den USA ebenjener Dekade. Die Herausgeber verstehen diese Beziehungen als ein Dreiecksverhältnis, in dem vielschichtige Annäherungs- und Abgrenzungsprozesse zwischen den Ländern verwoben sind. Die variable Geometrie dieses Dreiecks verdeutlicht, dass eine solche Konstellation nicht als reine Addition bilateraler Beziehungen zu verstehen ist. Es handelt sich um ein Dreieck, dessen Seiten miteinander verbunden sind, die gleichzeitig aufeinander reagieren und nicht unabhängig voneinander gedacht werden können. Auch wenn die mathematische Metaphorik ansprechend ist, birgt sie die Gefahr einer Reduktion der komplexen historischen Kontexte und Beziehungen. Während einige Beiträge alle Seiten des Dreiecks in ihre Analysen mit einbeziehen, verweisen andere Artikel nur sehr indirekt darauf.

Eine Stärke dieser Publikation ist ihre Mehrsprachigkeit und so sind neben deutschen und englischen auch französische Beiträge zu lesen. Nachwuchswissenschaftler wie Andreas Lutsch stehen mit etablierten und renommierten Historikern wie Hartmut Kaelble in einem Dialog und diskutieren einzelne Aspekte der umrissenen Problematik.

Das historische Einstiegsfenster der hier vorliegenden Aufsätze ist ein bilateraler Vertrag, der Traité de l’Élysée, der am 22. Januar 1963 in Paris zwischen Westdeutschland und Frankreich geschlossen wurde. Dieses Vertragswerk legte den Grundstein für eine intensive deutsch-französische Partnerschaft, trieb die Entwicklung der Europäischen Integration in intergouvernementaler Manier voran und sorgte im Vor- und Nachgang für mehr als „unruhiges Fahrwasser“ in den transatlantischen Beziehungen. Die Beiträge des Sammelbandes thematisieren diesen historischen Kontext sehr facettenreich und sind in vier unterschiedliche Analyseebenen gegliedert.

Der Wandel soziokultureller Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen auf politisches Handeln stehen im Zentrum der ersten Analyseebene. Besonders hervorzuheben ist im ersten Kapitel der innovative Beitrag von Jörg Requate, der aus kulturgeschichtlicher Perspektive die Auswirkungen eines modernen politischen Kommunikationsstils aus den USA am Beispiel des Präsidenten Kennedy auf die Wahlkämpfe in Deutschland und Frankreich beschreibt. Requate erläutert, wie die Strategien des The Making of the President als eine Art Blaupause jeweils in Deutschland und Frankreich für den Wahlkampf kulturell adaptiert und mehr oder minder umgesetzt wurden (vgl. S. 83–94).

Politische Konzepte und die sogenannten Grand Designs der Regierungen im Rahmen der Europäischen Integration und des Kalten Krieges werden auf einer zweiten Analyseebene behandelt. Problematisiert werden in den Beiträgen die Folgen der ‚Détente‘, des Entspannungsparadigmas in den Ost-West-Beziehungen und die Rolle der USA in den europapolitischen Konzepten De Gaulles.

Eine dritte Analyseebene befasst sich mit der Rolle von Vermittlern im skizzierten Dreiecksverhältnis und stellt etwaige Interdependenzen heraus. Tim Geiger skizziert in seinem sehr gelungenen Artikel, der ein Kondensat seiner Dissertation ist, wie sich in den 1960er-Jahren die Bereiche der Innen- und Außenpolitik immer stärker verschränkten. Er umreißt die hieraus resultierenden Chancen für eine Erweiterung der Handlungsspielräume deutscher Außenpolitik und das Entstehen neuer politischer Öffentlichkeiten (vgl. S. 163–176).

Ein weiterer innovativer und detailreicher Artikel stammt von Thomas W. Gijswijt. Anhand der Vereinbarung von Nassau, ihrem Entstehungskontext und damit verbundenen wichtigen Personen wie McNamara, Kennedy und De Gaulle zeichnet Gijswijt die Debatten über und Differenzen zu einer multilateralen Nuklearflotte nach. Besonders anschaulich ist dieser Artikel, da er mit Primärquellen in Form von Tagebucheinträgen arbeitet und die These eines Wandels in den außenpolitischen Verhandlungsstrategien und einer wachsenden Rolle informeller diplomatischer Kanäle stark macht (vgl. S. 147–161).

Auch konkrete diplomatische Herausforderungen, wie beispielsweise der Algerien- oder Vietnamkrieg, die das transatlantische Dreiecksverhältnis strapazierten, sowie Strategien zu deren Bewältigung finden auf der vierten Analyseebene dieses Sammelbandes ihren Platz. Die Schreibstile der Autoren und die Verwendung von Primärquellen sind sehr überzeugend, auch wenn die Zuordnung einzelner Beiträge zu den Analyseebenen nicht immer ganz nachvollziehbar erscheint.

Das exzellente Vorwort von Johannes Großmann und Hélène Miard-Delacroix ordnet die Erkenntnisse der Beiträge in Verschiebungen im internationalen Gefüge und in allgemeine historische Zusammenhänge ein. Detailliertere Ausführungen zu den erwähnten Veränderungen und deren argumentative Verbindung mit den eingeführten neuen Konzepten wie ‚Zeitbögen‘ und ‚flows‘ wären wünschenswert gewesen.

Der Sammelband übernimmt Untersuchungsperspektiven aus einem im Jahr 2005 erschienenen Publikationsprojekt[1] und überträgt diese auf die Betrachtungen der transatlantischen Beziehungen im Kontext des Traité de l’Élysée. Dass dieser Transfer von Fragestellungen auf einen nicht vergleichbaren historischen Sachverhalt nur bedingt möglich ist, hätten die Herausgeber noch stärker betonen sollen. Der multilaterale Kontext erschließt neue Fragestellungen, die in den Artikeln verfolgt werden, teils gerade deshalb, weil sich die Autoren vom unmittelbaren Kontext des Élysée-Vertrages lösen.

Der Sammelband vereint Artikel, die methodisch unterschiedlich ausgerichtet sind. Die Mischung aus ideen-, sozial-, diplomatie-, global- und kulturgeschichtlichen Herangehensweisen macht den Band auch zu einem Plädoyer für eine interdisziplinäre Betrachtung historischer Gegebenheiten. In dieser Hinsicht ist auch positiv hervorzuheben, dass sowohl historische Makro- als auch Mikroperspektiven Eingang in die Publikation fanden. Beiträge, die schwerpunktmäßig größere historische Rahmenbedingungen und deren Wandel nachzeichnen (siehe Artikel von Rainer Marcowitz oder Andreas Lutsch), knüpfen an Beiträge mit historischen Details zur Sozialisation wichtiger politischer Persönlichkeiten und Auswirkungen internationaler Entscheidungen auf individuelle politische Schicksale an.

Bedauerlich ist, dass sich die Artikel fast ausschließlich auf die BRD konzentrieren und mit der Ausblendung der Rolle der DDR in diesem transatlantischen Dreieck eine wichtige, erkenntnisbringende Perspektive ausgespart bleibt.

Dieser Sammelband bleibt gleichwohl lesenswert, da er bekannte historische Narrative aufbricht. Als Absolvent eines deutsch-französischen Bachelorstudiengangs halte ich diese Publikation für den Gebrauch in der universitären Lehre für sehr wertvoll, da sie nicht nur methodisch verschiedene Artikel zusammenbringt, sondern durch den Einbezug der USA das Beziehungsgeflecht einer Ménage à trois oder gar einer Ménage à quatre (Rainer Marcowitz) schafft. Diese Konstellation und ihre Betrachtungsweise haben einen erheblichen Mehrwert, denn sie räumen mit Stereotypen und tendenziell teleologischen Narrativen der älteren deutsch-französischen Studien auf. Es zeigt sich, dass diplomatische Uneinigkeiten und persönliche Animositäten innerhalb der transatlantischen Beziehungen existierten und es ergo genug Anlass für kritische Auseinandersetzungen im ‚sakrosankten‘ deutsch-französischen Verhältnis gab. Nach der Lektüre erscheinen heutige Lobeshymnen auf die historischen deutsch-französischen Beziehungen als Teil politischer Kommunikation. Der Band stimmt jedoch zuversichtlich, da er im Detail verdeutlicht, dass sich trotz fortwährenden Potentials für Dissens und Kontroversen in internationalen Gemengelagen am Ende oftmals politische und diplomatische Lösungen zur Krisenbewältigung auftun.

Anmerkung:
[1] Hélène Miard-Delacroix / Rainer Hudemann (Hrsg.), Deutsch-französische Wandlungs- und Integrationsprozesse in den 1950er Jahren. Annäherungen – Differenzen – Konzepte, München 2005.

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08.03.2019
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