J. Obertreis: Imperial Desert Dreams

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Title
Imperial Desert Dreams. Cotton Growing and Irrigation in Central Asia, 1860–1991


Author(s)
Obertreis, Julia
Series
Kultur- und Sozialgeschichte Osteuropas 8
Published
Göttingen 2017: V&R unipress
Extent
536 S.
Price
€ 70,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Ulrich Hofmeister, Institut für Osteuropäische Geschichte, Universität Wien

Mehr als 120 Jahre russischer und sowjetischer Herrschaft untersucht Julia Obertreis in ihrem sehr lesenswerten Buch zu Baumwollanbau und Bewässerung in Zentralasien. Unter den zahlreichen neueren Monographien zur Geschichte dieser Region sticht diese Studie daher bereits durch den langen Zeitraum hervor, den sie abdeckt. Das zentrale Konzept des Buchs ist der Ansatz der sogenannten Hochmoderne nach James C. Scott.[1] So zielt die Autorin darauf ab, die Geschichte des Zarenreichs und der Sowjetunion stärker in die Diskussionen über die Moderne einzubringen, und zudem das Konzept der Hochmoderne anhand der Bewässerungsprojekte in Zentralasien zu historisieren und zu überprüfen (S. 38f., 464). Es sei gleich vorweggeschickt, dass das Buch diesen Anspruch überzeugend einlöst.

Geographisch konzentriert sich die Studie auf das Gebiet von Usbekistan und Turkmenistan, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Usbekistan. Das Buch ist chronologisch in vier Kapitel gegliedert, angesichts des langen Untersuchungszeitraums hat sich die Autorin aber zurecht dafür entschieden, die Zeitspanne nicht gleichmäßig abzudecken, sondern den Fokus auf die Zeit nach 1945 zu legen. Während die Ausführungen zu den ersten sechzig Jahren der russischen und sowjetischen Herrschaft überwiegend auf Sekundärliteratur beruhen, werden ab den 1930er-Jahren Archivquellen systematisch eingebunden, vor allem Bestände aus dem Usbekischen Staatsarchiv, sowie zu den späteren Passagen auch Erinnerungsschriften und Oral-History-Interviews. Das Buch ist durch den häufigen Wechsel von Makro- und Mikroperspektive geprägt. So zoomt die Erzählung immer wieder näher an einzelne Kanalprojekte, Institutionen oder auch Einzelpersonen heran, die exemplarisch ausführlich vorgestellt und analysiert werden; weniger prägende Phasen werden hingegen nur kursorisch behandelt. Auf diese Weise gelingt es der Autorin, trotz des langen Untersuchungszeitraums immer wieder auch detailliertere Einblicke in das Geschehen zu geben.

Im Gegensatz zu Christian Teichmann, der in seinem vor drei Jahren erschienenen Buch Baumwollanbau und Bewässerung in Zentralasien als Instrumente spezifisch Stalinscher Machtpolitik betrachtet[2], verbindet Obertreis wirtschaftsgeschichtliche, umweltgeschichtliche und vor allem kulturgeschichtliche Ansätze miteinander. Dabei untersucht sie die Baumwolle und die mit ihr verbundenen Bewässerungsanlagen als identitätsstiftende Faktoren für russische und zentralasiatische Eliten. Denn es sind diese Eliten – die überwiegend männlichen Bewässerungsspezialisten, Ökonomen, Agrarwissenschaftler, Verwaltungsbeamte und Politiker –, die im Zentrum der Untersuchungen stehen. Ausdrücklich nicht im Fokus stehen die zentralasiatischen Bauern, über deren Lebensweise man nur wenig erfährt. Auch die Angaben zu Kanalkilometern, Anbauflächen und Erträgen sind nicht systematisch zusammengestellt – eine nachvollziehbare Entscheidung, da diese Zahlen angesichts der weitverbreiteten Fälschungen ohnehin nur beschränkte Aussagekraft hätten, wie die Autorin immer wieder deutlich macht.

Im Kapitel zur Zarenzeit stellt Obertreis im Einklang mit der neueren Forschung klar, dass Russlands Bedarf an Baumwolle nicht ausschlaggebend für die Eroberung Zentralasiens war. Die Kolonialverwaltung beließ die bestehenden Bewässerungssysteme weitgehend in einheimischen Händen, und es sollte bis in die Jahre direkt vor dem Ersten Weltkrieg dauern, bis die neuen Herren nach mehreren spektakulären Fehlschlägen in der Lage waren, selbst funktionierende Kanäle zu bauen. Zudem verfolgten staatliche Stellen und Privatunternehmen zwar beide das Ziel, den Baumwollanbau auszuweiten, doch arbeiteten sie in der Regel nicht koordiniert, sondern eher gegeneinander. Ausführlich geht Obertreis auch auf die Wahrnehmung Zentralasiens durch die imperialen Eliten ein. Sie argumentiert, dass beim angestrebten Ausbau der Bewässerungssysteme ökonomische und zivilisatorische Motive Hand in Hand gingen: Die neuen Bewässerungskanäle sollten sich von den angeblich primitiven einheimischen Einrichtungen abheben, so die technologische Überlegenheit des Zarenreichs demonstrieren und damit auch die russische Herrschaft legitimieren. Dass derartige Zivilisierungsmissionsideen aber auch bereits „ein wichtiger Stimulus“ für die Eroberung der Region gewesen sein sollen, wie Obertreis argumentiert (S. 54), überzeugt angesichts des geringen Stellenwerts, den die Zivilisierungsmission dann in der tatsächlichen Herrschaftspraxis hatte, nicht unbedingt.

Überzeugend weist Obertreis hingegen auf die Kontinuitäten zwischen der zarischen und der sowjetischen Herrschaft in Zentralasien hin: Beide Regime verfolgten das Ziel der „Baumwollautonomie“, also der vollständigen Substitution von Baumwollimporten durch Ausweitung des Anbaus im eigenen Land. Beide Regime setzten dafür vor allem auf den Ausbau der künstlichen Bewässerung mithilfe „moderner“ Ingenieursmethoden, deren symbolische Bedeutung ebenfalls beiden Regimen bewusst war. Und schließlich gingen sowohl zarische als auch sowjetische Ingenieure von der Prämisse aus, dass die Natur vom Menschen unterworfen und rücksichtslos umgestaltet werden müsse. So wurde die Austrocknung des Aralsees, eine der großen ökologischen Katastrophen unserer Zeit, bereits in den 1880er-Jahren von russischen Offiziellen nicht nur vorhergesehen, sondern auch billigend in Kauf genommen. Die Kontinuität über die Epochengrenze von 1917 hinweg macht Obertreis auch anhand von Ingenieurs-Biographien deutlich. Einen entscheidenden Bruch mit der zarischen Praxis sieht die Autorin hingegen darin, dass die Bolschewiki radikal in die Landverteilung und Landnutzung intervenierten, um so ihrem Ziel einer neuen Gesellschaft näher zu kommen. Auch die Indigenisierungspolitik seit den 1920er-Jahren hebt die sowjetische Herrschaft vom Zarenreich ab. Es überrascht daher, dass Obertreis ausgerechnet die 1920er- und frühen 1930er-Jahre, als sich das Zentrum am aktivsten um die Einbindung von Einheimischen und um den Aufbau einer lokalen Industrie bemühte, als „kolonialste“ Periode der sowjetischen Herrschaft charakterisiert (S. 475). Obertreis begründet dies damit, dass das Zentrum in dieser Zeit am intensivsten in Zentralasien eingriff und damit dort den größten Widerstand hervorrief. Für die Periode nach 1937, als der große Terror abgeklungen war, stellt sie hingegen größere Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten fest. Der unausgesprochene „Vertrag“, der das Verhältnis zwischen Moskau und den zentralasiatischen Republiken für die kommenden Jahrzehnte prägte, schrieb zwar die Rolle Usbekistans als Rohstofflieferant fest, er ermöglichte es der Republikführung aber auch, auf die Einhaltung der Verpflichtungen des Zentrums zu pochen – also die Bereitstellung von technischer, landwirtschaftlicher und sozialer Infrastruktur. Obertreis beleuchtet auch die Handlungsmacht der Akteure auf lokaler Ebene, etwa der Kolchosvorsitzenden oder der Bewässerungsfunktionäre. Entgegen der offiziellen Technikbegeisterung hielten diese häufig noch lange an überlieferten landwirtschaftlichen Praktiken fest, weil die Vorgaben aus Moskau ebenso wie die gelieferten Maschinen für die lokalen Bedingungen nicht geeignet waren.

Den Kern des Buches bilden mehrere äußerst anregende Mikrostudien, die Einblick in die Arbeit und in die Vorstellungswelt von Bewässerungsspezialisten geben. Vor allem im Kapitel zu den 1950er- und 1960er-Jahren werden die wissenschaftlichen Institute vorgestellt, in denen die Kader für die Technisierung der Landwirtschaft ausgebildet wurden. Obertreis berichtet vom Alltag der Studierenden und fragt nach dem Verhältnis von Einheimischen und Russen sowie von Männern und Frauen unter den Beschäftigten. An anderer Stelle wird man direkt auf die Kanalbaustellen in der sogenannten Hungersteppe geführt, wo seit den 1950er-Jahren großangelegte Bewässerungsprojekte verwirklicht wurden. Anhand von publizierten Erinnerungen der beteiligten Ingenieure untersucht Obertreis deren Motivation, in die zentralasiatischen Steppengebiete zu gehen, sie fragt nach Arbeitsalltag, Freizeitgestaltung und der Bedeutung von persönlichen Netzwerken der Ingenieure und Arbeiter. Sie argumentiert mit aller gebotenen Vorsicht, dass die so oft beschworene „Freundschaft der Völker“ hier keine leere Propagandaphrase war, sondern bis zu einem gewissen Grad tatsächlich das Miteinander von Angehörigen unterschiedlicher Nationalitäten prägte.

Die Zeit von der Mitte der 1940er- bis zu den späten 1960er-Jahren sieht Obertreis als Spitzenzeit der Hochmoderne an. Das Ziel der Beherrschung der Natur, verkörpert durch die klaren geometrischen Formen der Kanäle und Felder, sowie der Glaube an Wachstum und an die Macht der Technik verbanden den Baumwollanbau in Zentralasien mit entsprechenden globalen Tendenzen. In Sowjetisch-Zentralasien kumulierte das in einem rücksichtslosen Kult des Planes, der immer neue Anbaurekorde forderte und dafür Quantität vor Qualität stellte. Immer häufiger auftretender Wassermangel sowie Versalzung oder Versumpfung bewässerter Flächen waren das Ergebnis. Auf der Jagd nach höheren Ertragszahlen wurden Rekordmengen an Düngemitteln, Entlaubungsmitteln und Pestiziden eingesetzt, doch letztendlich konnte das Plansoll nur durch massive Fälschungen der Ertragszahlen erreicht werden – eine Praxis, die bereits während des ersten Fünfjahresplans eingesetzt hatte.

Seit den 1970er-Jahren, so zeigt Obertreis im vierten Kapitel des Buchs, gewann die Kritik an den ökologischen Folgen der Baumwollwirtschaft an Fahrt, ausgehend vom ökonomischen Argument der Wasserverschwendung. Dabei sieht die Autorin in diesem Elitendiskurs ausdrücklich keine direkte Entsprechung zur Umweltbewegung im Westen, die zur selben Zeit Massencharakter annahm. Einen weiteren Schwerpunkt des letzten Kapitels bilden die Diskussionen um das Vorhaben, sibirische Flüsse nach Zentralasien umzuleiten, um dort der zunehmenden Wasserknappheit zu begegnen. Dass dieses Projekt 1986 gestoppt wurde, lag laut Obertreis allerdings nicht an ökologischen (oder gar nationalistischen) Überlegungen, sondern ausschließlich an den enormen Kosten, die es verursacht hätte.

Das zusammenfassende Abschlusskapitel ist in seiner Prägnanz sehr nützlich. Die kompakte Rekapitulation der wichtigsten Thesen und Erzählstränge hilft gemeinsam mit dem ausführlichen Register, den einzigen wesentlichen Kritikpunkt an der Studie etwas abzumildern: Denn in den Kapiteln erschweren die zahlreichen Perspektivenwechsel, Exkurse und Rückblenden zuweilen die Orientierung. Die Kapitelüberschriften helfen leider oft auch nur beschränkt, sich in der Fülle des Materials zurechtzufinden. Doch davon abgesehen ist das Buch in jeder Hinsicht gelungen. Zu seinen Stärken gehört die Vielfalt der Quellen und der Zugänge, und dass die Entwicklungen in Zentralasien stets in ihren globalen Kontext eingeordnet werden. Damit ist die Studie von Julia Obertreis ein äußerst begrüßenswerter Beitrag zur Geschichte Zentralasiens, insbesondere zur noch immer viel zu wenig erforschten späten Sowjetzeit.

Anmerkungen:
[1] James C. Scott, Seeing Like a State. How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed, New Haven 1999.
[2] Christian Teichmann, Macht der Unordnung. Stalins Herrschaft in Zentralasien (1920–1950), Hamburg 2016.

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02.04.2019
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