Indigene Begleiter und Träger

: Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender. Berlin  2018. ISBN 978-3-86153-989-6

Malzner, Sonja; Peiter, Anne D. (Hrsg.): Der Träger. Zu einer "tragenden" Figur der Kolonialgeschichte. Bielefeld  2018. ISBN 978-3-8376-3753-3

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Eva Berger, Archiv, Dokumentation & Recherche, taz, die tageszeitung, Berlin

„Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Mit diesen „Fragen eines lesenden Arbeiters“, die Bertolt Brecht 1935 in Zeitläufe überdauernde Gedichtform goss, eröffnet der Hamburger Historiker Volker Matthies seine Untersuchung über indigene Begleiter/innen „Im Schatten der Entdecker“ (S. 8). Sie könnten ebenso treffend das Vorhaben der von Sonja Malzner und Anne Peiter herausgegebenen Aufsatzsammlung „Der Träger“ einleiten. Denn beide Arbeiten verfolgen auf verschiedenen Wegen ein vergleichbares Anliegen: Es geht ihnen darum, eurozentrische Wahrnehmungsmuster und Heroennarrative zu brechen und den subalternen indigenen Träger/innen des westlichen kolonialen und imperialen Welterschließungsprozesses Stimmen von historischem Gewicht zu verleihen. Denn, so schreiben es Malzner und Peiter einleitend, die „Geschichte der europäischen Expansion und Kolonialisierung kann ohne den Rückgriff auf bestimmte tragende Figuren nicht vorgestellt werden: Die Träger – im Wortsinn verstanden – gehörten zu ihnen. Sie waren es, die in unterschiedlichen Kontexten das räumliche Vordringen europäischer Entdecker überhaupt ermöglichten – durch ihre Kenntnisse des Landes, das erkundet oder beherrschbar gemacht werden sollte, aber natürlich auch durch die schiere Muskelkraft, die sie, freiwillig oder erzwungen, in den Dienst der Fremden stellten.“ (S. 11)

Während Matthies sich auf einzelne indigene, selbst schon wieder heroisch erscheinende Führungsfiguren berühmter Forschungsexpeditionen konzentriert, steht bei Malzner und Peiter das, flapsig gesprochen, tragende „Fußvolk“ im Zentrum des Interesses. Diejenigen, deren Gesichter und Geschichten im homogenen Karawanen-Kollektiv europäischer Explorationsunternehmen zum Verschwinden gebracht wurden und die in den Quellen der Eroberer kaum individuelle Spuren hinterließen. Und während sich „Der Träger“ eher an ein Fachpublikum wendet, adressiert Matthies mit seiner leicht lesbaren Monographie ein breiteres Publikum, das den Forschungsdebatten zum Thema nicht folge, dafür aber der populären, eurozentrischen Entdecker-Helden-Erzählung noch weitgehend ungebrochen verhaftet sei (S. 23f.). Dabei kreiert der Autor, den damaligen Heroennarrativen nicht ganz unähnlich, einleitend eine Art Terra Incognita-Erzählung im Blick auf das Forschungsgeschehen zum Thema. Die Geschichte der Entdeckungen müsse „in einer neuen Sichtweise und Interpretation als ein ‚kollaboratives Unternehmen‘ bzw. als ein ‚gemeinsames Projekt‘ von Europäern und Indigenen betrachtet werden, an dem die Letzteren einen gewichtigen, manchmal sogar entscheidenden Anteil hatten, der allerdings immer noch sowohl in der historischen Forschung und populärwissenschaftlichen Literatur als auch im öffentlichen Bewusstsein weithin unterbelichtet geblieben ist.“ (S. 23) Hier gleitet der Populärwissenschaftler ins Populistische ab, wenn er seiner Leserschaft die Fachwissenschaft dümmer präsentiert, als sie ist. Denn zumindest hinsichtlich des Forschungsgeschehens in der Historiographie rennt er mit seinem Vorhaben offene Türen ein. Seit drei bis vier Jahrzehnten entwickeln sich in diesem Feld transnationale, globalisierungshistorische und postkoloniale Forschungs- und Aufklärungstraditionen, die sich genau darum bemühen, eurozentrische Meistererzählungen der älteren Kolonialhistoriographie zu überwinden, andere Stimmen und agencies ins Spiel zu bringen und damit auch zu einem realistischeren Verständnis des europäischen Expansionsprozesses in der Moderne beizutragen. Eurozentrismuskritik gehört also inzwischen längst zum (wenn auch niemals unangefochtenen) guten wissenschaftlichen Ton.[1] Dies festzustellen macht sein Buch im Blick auf das anvisierte Publikum jedoch nicht obsolet.

Auf knappen 250 Seiten reicht Matthies’ Forschungsreise zeitlich vom frühen 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert und greift räumlich ins Globale aus, von der Arktis bis nach Ozeanien. Die dementsprechend breit gestreuten Quellen und Beispiele wählt er nach Kriterien aus wie dem der guten Verfügbarkeit von Informationen (primär wie sekundär); der tragenden Bedeutung der indigenen Begleiter/innen für die westlichen Explorationen; und der Prominenz der jeweiligen Forschungsreisen(den) (S. 25f.). Illustriert durch Expeditionsbeispiele aus aller Welt werden zunächst in systematisierender Absicht die vielfältigen, auf überlegenem Insider-Wissen basierenden Leistungen der indigenen Begleiter/innen aufgeführt, dank derer die europäischen Forschungsreisen in Gang gesetzt und getragen wurden. Sie waren nicht nur „Lehrmeister in der Kunst des Reisens“ (S. 36), die basalste Reisetechniken vermittelten (Ernährung, Kleidung, Transportmittel zu Lande und zu Wasser), intime Landeskenntnisse und geo- und kartographisches Wissen lieferten und die lokalsprachliche Expertise mitbrachten, um als Übersetzer und Mediatoren in der Begegnung der Europäer mit den ihnen fremden Gesellschaften zu fungieren. Darüber hinaus wuchs bei diesen monatelang währenden Reisegemeinschaften die Bedeutung der Indigenen nicht selten über die reisetechnische Vermittlungsebene hinaus ins umfassend Existentielle, bewährten sie sich als Krankenpfleger, Lebensretter und Familienersatz, aber auch als wissenschaftliche Assistenten, wenn sie nicht gar zu Dialogpartnern und Forschern von eigenem Rang aufstiegen (S. 63–115).

Im zweiten Abschnitt des Buches greift Matthies neun europäische und amerikanische Expeditionsbeispiele seit der Frühen Neuzeit auf, anhand derer er diese tragenden Leistungen der Indigenen skizzenhaft ins konkret Biographische überführt. Wir begegnen unter anderem der Shoshonin Sacagawea, die schwanger und im zarten Alter von ca. 16 Jahren die amerikanischen Offiziere Meriwether Lewis und William Clark bei ihrer Querung Nordamerikas Richtung Pazifik (1804–1806) begleitete (S. 124–134); dem Inuit Jørgen Brønlund, der zwischen 1902 und 1907 verschiedene dänische Grönland-Expeditionen unterstützte und im ewigen Eis den Tod fand (S. 134–141); der Aztekin Malinche, die sich aus kriegerischer Gefangenschaft zur Chefdolmetscherin und -beraterin des Konquistadors Hernán Cortés hocharbeitete, dessen Geliebte wurde und als kulturelle Mittlerin ab 1519 die brutale Eroberung Mexikos durch die Spanier mittrug (S. 141–147); dem Polynesier Tupia, dank dessen navigatorischer Fähigkeiten der britische Seefahrer James Cook 1769 sicher durch die südpazifische Inselwelt von Tahiti nach Neuseeland gelangte (S. 172–179); und dem ehemaligen Sklaven Sidi Mubarak Bombay, der als Karawanenführer und Dolmetscher ab 1857 gleich mehrere westliche „Entdecker“ in Ost- und Zentralafrika begleitete, die mal die Nilquellen suchten, mal den zeitweilig verloren gegangenen Forscher David Livingstone (S. 147–154).

Matthies‘ zweifelloses Verdienst liegt in der deskriptiven, sammelnd-panoramatischen Zusammenschau dieser verschiedenen indigenen Leben aus aller Welt, deren Konturen und Reisemotivationen aufgrund fehlender Selbstzeugnisse jedoch immer nur schemenhaft bleiben können. Diesen indigenen Leben ist bei aller zeitlichen und räumlichen Divergenz gemeinsam, dass sie sich durch ein hohes Maß an (in der Expeditionssituation nicht erzwingbarer) Kooperationsbereitschaft und Loyalität gegenüber ihren europäischen Arbeitgebern auszeichneten. Ohne diese indigene Loyalität und Bereitschaft, machtvolles Überlebenswissen zu teilen, so die einfache Pointe, auf die Matthies abzielt, hätten viele dieser Reisebegegnungen nicht gelingen und die westlichen Forschungsreisenden kaum tiefer in ihre terrae incognitae vordringen können. Bei einigen der angeführten Beispiele sei es denn auch angemessener, die Indigenen als die eigentlichen Führer/innen dieser Forschungsreisen zu bezeichnen, während die Europäer auf nominale Leitungsfunktionen beschränkt blieben (S. 23, S. 63–83).

Es ist eine bedingte, recht wohltemperierte Eurozentrismuskritik, die dieses Buch entfaltet. Wie an einer Perlenschnur reiht Matthies seine Expeditionsbeispiele auf, die bis heute als ausgesprochene Erfolgsgeschichten abendländischen Wissens- und Aufklärungsdranges gefeiert werden und die nach wie vor hohe Strahlkraft im öffentlichen Bewusstsein besitzen. Der Autor zielt weniger darauf, an der Strahlkraft dieser westlichen Entdeckungsgeschichte zu kratzen oder deren Erfolgsmaßstäbe und -kriterien grundlegend zu befragen, als das sie begleitende Heroennarrativ zu ergänzen. Expeditionen, die lange Zeit als Paradebeispiele der alteurozentrischen Erfolgserzählung vom einsam-souveränen, ebenso selbstbeherrscht wie fremdbeherrschenden westlichen Forschersubjekt galten, werden nun zu ebenso strahlenden Beispielen europäisch-indigener Entdeckungskooperationen und gemeinsamer Forschungsanstrengungen. Und solitäre Entdeckerheroen schrumpfen auf ein menschlich realistischeres Normalmaß herunter, das sie als Wesen zeigt, die zumindest soweit von den Indigenen abhängig erscheinen, wie es in den Sagbarkeits- und Erkenntnisgrenzen der europäischen Zeugenschaften schreibbar ist.

Dass hier jedoch nur diejenigen Indigenen als Leistungsträger/innen eigenen Rechts auftauchen, die sich den westlichen Forschungsunternehmen gegenüber loyal verhielten, und dass der Autor in seinen Charakterskizzen der Indigenen dazu tendiert, diese Loyalitätsmaßstäbe seiner Quellen zu spiegeln und fortzuschreiben, ist die große Schwachstelle von „Im Schatten der Entdecker“. Matthies erwähnt zwar die realiter weite Spannbreite möglicher Beziehungsmuster zwischen Europäern und Indigenen, die von Verrat und Betrug über ungleiche, aber effektive Arbeitspartnerschaften bis hin zu „Kameradschafts“-ähnlichen Verhältnissen reichten (S. 65); und er weist auch darauf hin, dass es in diesen Verhältnissen zu Konflikten, Desertion und Widerstand der Indigenen kommen konnte (S. 76). Doch werden diese Konflikt-Fälle nicht durch eigenständige Beispiele näher beleuchtet, wie auch das Thema der Zwangsrekrutierung zwar erwähnt wird, aber nicht ausführlicher in den Blick kommt. Aufgrund dieser Aussparungen erscheint die abendländischen Welterschließung hier als relativ komplikationsfreie Idylle „interkultureller“ Kommunikation und Verständigung, getragen von freundlichen, dem Fremden relativ aufgeschlossenen Europäern und ebenso freundlichen, den Forschungsreisenden loyal gesonnenen Indigenen. Man sieht in diesem Idyll zwar die Quellenabhängigkeit gespiegelt, in der sich Matthies‘ Aufklärungsunternehmen gefangen findet – ist doch die Bereitschaft der Indigenen, kooperationsbereit zum Fortschritt der westlichen Forschungsexpeditionen beizutragen, Voraussetzung dafür, dass sie von diesen einer ausführlicheren und individualisierten Erwähnung für Wert befunden werden. In diesen eher seltenen Fällen ist dann auch die Informationsdichte am größten, von der wiederum Matthies in seiner Darstellung indigenen Wirkens abhängig bleibt.

Doch sind die Explorationsnarrative auch voll von Beschimpfungen „unbotmäßiger“ Indigener, die den Wünschen und Erwartungen ihrer Reiseleiter nicht entsprachen und die damit das Fortschreiten der westlichen Entdeckungs- und Eroberungsmissionen bewusst oder unbewusst, zielgerichtet oder nicht intendiert behinderten und blockierten.

Im Sinne der vom Autor anvisierten Eurozentrismus-Kritik wäre es ein wichtiger Schritt gewesen, diesen negativen Diskursen in der Analyse Platz einzuräumen und damit das Augenmerk auch stärker auf das realitätsmächtige Problem des (Nicht-)Verstehens zwischen den Zivilisationen zu richten, die in diesen Forschungsunternehmungen aufeinandertrafen. Denn ohne die Sichtbarmachung solcher erfolgsbremsender Widerhaken im Räderwerk der westlichen Explorationsmaschine kann es letztendlich auch nicht gelingen, mit den eurozentrischen Prämissen der Entdecker(narrative) zu brechen, wer in dieser Welterschließungsgeschichte als „guter“ Indigener denkmalswürdig erscheint und wer nicht.

Der Indigene als Entdeckungs-Verantwortung tragender Held, den Matties mit seiner klassisch biographiegeschichtlichen Untersuchung Anerkennung zollt, ist historisch die Ausnahme. Der Regel, den Indigenen als (Karawanen-)Trägern und Bewegern von Dingen und Menschen, wendet sich dagegen „Der Träger“ zu.

Es handelt sich bei der Geschichte kolonialen Trägerwesens um eine komplexe, von Gewalt, aber auch von kulturtransferierendem Austausch geprägte Situation, zu deren vertiefender Erforschung das Buch anstoßen möchte (Peiter, S. 47). Basierend auf einem Kongress, der 2016 auf der nach wie vor zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion stattfand, lotet der Sammelband verschiedene Phänomene und Bedeutungsebenen kolonialen Tragens aus der Perspektive ihrer literarischen, visuellen und künstlerischen Rezeption aus. Von zwei lateinamerikanischen Beispielen abgesehen liegt der räumlich-zeitliche Schwerpunkt der Aufsätze (mit stark frankophonem und germanistischem Einschlag) nicht zufällig in einzelnen Regionen hauptsächlich des östlichen, westlichen und zentralen Afrikas von der Hoch-Zeit des Imperialismus bis zur ins Gegenwärtige voranschreitenden Dekolonialisierung. Nicht zufällig, denn kein Kontinent wurde so stark durch die Praxis kolonialen Tragens geprägt wie Afrika. Ohne Trägerkarawanen hätte weder die abendländisch-moderne Erforschung des Kontinents und seine infrastrukturelle Erschließung gelingen können, noch wären die Kriege, die die europäischen Kolonialmächte dort austrugen, ohne Träger-Korps, die „Füße und Hände der Kolonialarmeen“ (Rudyard Kipling), denkbar gewesen (Malzner und Peiter einleitend, S. 11).

Aufgrund der Vielfältigkeit der Quellen, die zur Analyse herangezogen werden, gelingt es dem Buch, einen schlaglichtartigen Eindruck der komplexen Träger-Realitäten im 19. und 20. Jahrhundert zu vermitteln. Es kommen obskure Romane zur Sprache, genauso wie europäische Entdecker- und Forschungsberichte, die von der strapaziösen und spannungsreichen Wirklichkeit des Karawanenreisens zeugen. Es werden imperiale Bildregime sichtbar gemacht, wie sie durch koloniale und postkoloniale Fotografie und Spielfilme konstituiert und in Szene gesetzt wurden. In einem eher metaphysischen Schlenker wendet sich der Blick dem Masken-Tragen im Rahmen festlicher wie auch heiliger Rituale im gegenwärtigen Benin und der Elfenbeinküste zu, wobei es nicht nur um Träger von Masken, sondern auch um Masken als vielschichtige (Bedeutungs-)Träger geht – womit nebenbei auch deutlich wird, dass es sich beim Thema kolonialen Tragens um ein im Wort- und Bedeutungssinne sehr er-trag-reiches handelt.

Last but not least finden sich hier aber auch Texte klassisch historiographischen Zuschnitts, die imperiale Macht-, Verwaltungs- und Arbeitsregime in den Blick nehmen, innerhalb derer sich koloniales Tragen realisierte. Dabei geht es nicht nur darum, Zwang und Gewalt sichtbar zu machen, mit der diese Regime die zum Tragen verpflichteten Afrikaner/innen zu unterwerfen versuchten, die Konsequenzen dieser Interventionen für das Sozialgefüge der jeweiligen Gesellschaften zu verfolgen und zivilisierungsmissionierende Diskurse zu beleuchten, durch die sich diese Zwangsregime als Fortschritts- und Heilsbringer legitimierten (Esaïe Djomo, S. 229–247; Harouna Barka, S. 269–281). Sondern auch darum, die Frage nach der afrikanischen agency, den widerständigen Praktiken und eigenmächtigen Handlungsspielräumen zu stellen, die sich afrikanische Träger/innen in der Auseinandersetzung mit diesen imperialen abendländischen Mächten zu erkämpfen vermochten (Andreas Greiner, S. 181–203, und Barka).

Nicht nur hier, sondern auch insgesamt wird das Buch von dieser Einsicht in die grundlegende Dialektik kolonialer und imperialer Machtverhältnisse getragen: „Die Geschichte des Trägerwesens“, schreiben Malzner und Peiter einleitend, könne „nur in einem Wechselspiel geschrieben werden: Die Unterdrückung der Träger und ihre Eigenmacht sind zwei gleichermaßen wichtige Aspekte ihrer Geschichte.“ (S. 14) Diese Einsicht in die Dialektik imperialer Macht ist zwar nicht ganz neu, bleibt aber fundamental. Und es sind hier mindestens zwei Monographien zum Thema zu nennen, die auch für den „Träger“ erkenntnisleitend sind: Stephen J. Rockels „Carriers of Culture“ und Beatrix Heintzes „Afrikanische Pioniere“.[2] Beide Bücher beschäftigen sich mit afrikanischen Trägerkarawanen und Machtrealitäten im (vor)kolonialen Ostafrika (Rockel) und westlichen Zentralafrika (Heintze) im 19. Jahrhundert und machen neben vielem vor allem sichtbar, dass es sich beim Afrika der (prä)imperialen Moderne nicht um eine dunkle und unberührte tabula rasa handelte, die nur darauf wartete, von europäischen Forschungsreisenden entdeckt und von abendländisch-imperialer Macht regiert zu werden. Vielmehr hatten sich hier längst rege und eigenständige Karawanennetzwerke und Trägerwesen mit spezifischer Berufsethik und Macht etabliert, die von den Europäern nicht ignoriert werden konnten, sondern von denen sie vielmehr abhängig waren und die sich dementsprechend durch Zwang und bloße Gewalt nicht einfach und reibungslos unterwerfen ließen. Ohne die Möglichkeiten afrikanischer Eigenmacht zu überschätzen oder gar zu romantisieren, wird in diesen Arbeiten die schlichte Diskrepanz sichtbar, die zwischen den widerspenstigen Karawanen-Machtrealitäten (Ursprung latenter Verunsicherung auf Seiten der abendländischen Eroberer) einerseits, und der imperialen Ideologie und den Omnipotenz behauptenden Explorations- und Eroberernarrativen andererseits lagen, in denen diese Realitäten, die tatsächliche Fragilität imperialer Macht, zum Verschwinden gebracht wurden.

Im Anschluss an diese Forschungsimpulse liest man vor allem diejenigen Texte des Sammelbandes mit Gewinn, die die Bildgewalt des Themas fokussieren und die die elementare Bedeutung kolonialen Tragens im Rahmen visueller Inszenierungen imperialer Macht lesbar machen.

Exemplarisch ist hier der Beitrag von Mareike Vennen zu nennen (Träger-Arbeiten, S. 157–180), in dessen Zentrum ein berühmtes Fossil steht, der Brachiosaurus brancai. Er gilt als das größte aufgestellte Dinosaurierskelett weltweit und lässt, im Lichthof des Berliner Naturkundemuseums installiert, die Besucherin auch heute noch ehrfürchtig staunen. Gestützt auf dokumentarfotografische Quellen macht Vennen sichtbar, was wir in unserem Staunen nicht (mehr) sehen können – die Geschichte der Trägerkarawanen, deren alles bewegendem Einsatz das Museum seine Hauptattraktion verdankt. Wie diese Trägerkarawanen zu Bedeutungs-Trägern in zweifachem Sinne wurden, fächert die Autorin in aller Aufsatzkürze facettenreich und überzeugend auf. Denn während die Indigenen die vom Museum begehrten Knochen ganz praktisch in Bewegung setzten, wurde diese Bewegung gleichzeitig, durch die unsichtbaren Finger unsichtbarer deutscher Reiseleiter am Auslöser, fotografisch stillgestellt. Quasi in Echtzeit wurde so das Fortschreiten der Indigenen und wurden diese als gesichtslose Karawanenglieder zu einem unabdingbaren bildlichen Element, durch das sich die Expedition als wissenschaftliche Fortschritts- und Erfolgserzählung zu inszenieren und öffentlich auszustellen vermochte. Dass diese Erfolgsinszenierung auf indigenem Trägerrücken dabei nicht nur der nationalen und imperialen Selbstüberhöhung diente, sondern auch schnöde materielle Gründe eine Rolle spielten, ist eine Fußnote am Rande der Geschichte. Die Expedition finanzierte sich zumindest in den ersten Jahren ausschließlich über private Spenden. Und so erwiesen die Indigenen sich hier eben auch als Werbe-Träger nützlich.

Was an „Träger“ verärgert, ist weniger die Tatsache, dass das analytische Niveau der Aufsätze erheblich schwankt. Das liegt in der Natur von Aufsatzsammlungen. Schwerer fällt hier ins Gewicht, dass man für eine wissenschaftliche Arbeit zu häufig über falsches, schlechtes und überarbeitungsbedürftiges Deutsch stolpert. Und über Sätze, deren Sinn sich nicht erschließt oder in ungewandter Übersetzung verloren geht. Ein professionelles wissenschaftliches Lektorat hätte dem Band gutgetan, was weniger den Autor/innen anzulasten ist. Eher erweist es sich hier wieder einmal als bedauerlich, dass der transcript-Verlag sich trotz wissenschaftlichen Anspruches solche Arbeiten spart.

Der Gewinn des Buches liegt darin, dass man die Inszenierungen imperialer Macht auf indigenen Träger/innenrücken als ebensolche Inszenierungen präziser zu lesen lernt. Und dass man genauer darauf achtet, was in diesen Inszenierungen sichtbar gemacht wird und was als unsichtbar gemachte Geschichte wieder sichtbar gemacht werden muss. Kehren wir abschließend in den Lichthof des Berliner Naturkundemuseums zurück. Und nennen das Skelett bei seinem Namen: Brachiosaurus brancai. Es handelt sich um einen klassischen Fall imperialer Machtinszenierung. Mit dem Namen setzt man dem Organisator der Tendaguru-Expedition, dem damaligen Museumsleiter, Spenden-Mobilisator und Paläontologen Wilhelm von Branca, ein titulares und für das besuchende Publikum lesbares Denkmal. Und während Branca als „das Gehirn“ und also „eigentlicher“ Beweger hinter dem Brachiosaurus sicht- und erinnerbar wird, verschwindet die tatsächliche Knochen-Arbeit der Indigenen im Unsichtbaren. Reduziert sich auf das Bild eines anonymen Funktionsrädchens in Karawanen-Bewegung. Oder, mit Brecht gesprochen: Wilhelm von Branca verdanken wir den Brachiosaurus im Lichthof des Berliner Naturkundemuseums – hatte er nicht wenigstens ein indigenes Rückgrat dabei?

Anmerkungen:
[1] Vgl. Sebastian Conrad, Die Weltbilder der Historiker: Wege aus dem Eurozentrismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 65 (2015), H. 41–42, S. 16–22, http://www.bpb.de/apuz/212825/die-weltbilder-der-historiker-wege-aus-dem-eurozentrismus? (28.03.2019).
[2] Stephen J. Rockel, Carriers of Culture. Labor on the Road in Nineteenth-Century East Africa, Portsmouth 2006; Beatrix Heintze, Afrikanische Pioniere. Trägerkarawanen im westlichen Zentralafrika (ca. 1850–1890), Frankfurt am Main 2002.

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25.04.2019
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