H. Paul u.a. (Hrsg.): The Comeback of Populism

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Title
The Comeback of Populism. Transatlantic Perspectives


Editor(s)
Paul, Heike; Prutsch, Ursula; Gebhardt, Jürgen
Published
Extent
296 S.
Price
€ 38,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Hana Rydza, Nachwuchsgruppe "Ostmitteleuropa im Vergleich", Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig

Seit einigen Jahren genießt der Begriff „Populismus“ eine große Popularität – nicht nur in der Forschung, sondern auch in medialen, politischen sowie Alltagsdiskursen. Sehr häufig werden heute mit Populismus rechtspopulistische Parteien wie die AfD oder Politiker/innen wie Marine Le Pen assoziiert. Dabei stellt der Rechtspopulismus nur eine von vielen Varianten des Populismus dar. Der von Heike Paul, Ursula Prutsch und Jürgen Gebhardt herausgegebene Sammelband demonstriert die Elastizität des Populismus-Begriffs sowie die kontextuelle und historische Variabilität von Populismen.

Der Sammelband soll frische Perspektiven auf die Rückkehr des Populismus als ein transnationales Phänomen eröffnen. Im Zentrum stehen drei Schlüsselbegriffe: Populismus, Rückkehr und transatlantische Perspektiven. Das Ziel der Herausgeber:innen ist, Populismus als ein flexibles, inter- und transnationales sowie gleichzeitig kontextgebundenes Phänomen vorzustellen. Der Begriff Populismus bleibe analytisch unbrauchbar, solange das untersuchte Phänomen nicht seinem Kontext verankert werde. Dass Populismus in einer generischen, universalen Form nicht existiert – so die These der Herausgeber:innen (S. 9) – vermitteln die 15 Beiträge des Bandes sehr eindrücklich. Sie stammen aus verschiedenen Disziplinen – von Politikwissenschaft über die Medien-, Literatur- und Kulturwissenschaften bis hin zu Gender-Studies. Die Autor:innen nutzen unterschiedliche Konzeptionen des Populismus und untersuchen populistische Akteure und Strategien in unterschiedlichen Räumen und zu verschiedenen Zeiten.

Neben den zeitgenössischen Formen werden die historischen Wurzeln und Ausprägungen des Populismus analysiert. Diese Herangehensweise korrespondiert mit der Absicht der Herausgeber:innen, Populismus nicht als eine Pathologie oder politische Anomalie vorzustellen, sondern seine produktive, emanzipative Dimension zu zeigen (S. 4). Dies wird bereits mit dem ersten Beitrag von Hans Vorländer eingelöst. Der Politikwissenschaftler skizziert die historische Genese des Populismus in den USA und Europa und widmet sich dem ambivalenten Verhältnis zwischen Demokratie und Populismus. Vorländer zeigt, dass Populismus auch positive Herausforderungen für demokratische Ordnungen bringen kann, indem er nicht repräsentierten Teilen der Gesellschaft eine Stimme gibt und verkrustete Elitennetzwerke aufbricht. Die revitalisierende Kraft des Populismus erkennt Vorländer zum Beispiel in der People's Party oder in Theodore Roosevelts „Bull Moose Party“ in den USA. Die gegenwärtigen Populismen in Europa, Latein- und Nordamerika wirken sich laut Vorländer jedoch eher destruktiv auf die Institutionen und Grundwerte der liberalen Demokratie aus.

Mit einem genealogischen Ansatz untersucht Jürgen Gebhardt die Ursprünge, Formen und Inhalte des Populismus in den USA und Europa. Im Fokus stehen dabei die grundlegenden Ideen der demokratischen Ordnung, die zugleich Kernkonzepte des Populismus darstellen: Nation und Volk. Am Beispiel der amerikanischen und französischen Revolutionen und des Bonapartismus führt Gebhardt die historische Metamorphose der Idee der Volkssouveränität und ihre Verankerung im demokratischen Prinzip vor.

Dem Populismus von Donald Trump widmen sich mit unterschiedlichen methodischen und theoretischen Zugänge mehrere Autoren. Laura Vorberg untersucht die populistische Twitter-Kampagne von Donald Trump am Beispiel des Diskurses um den basket of deplorables. Mit einem innovativen und empirisch fundierten Ansatz enthüllt sie die kniffligen Wechselwirkungen zwischen sozialen Medien und Politik. Vorberg zeigt, wie die medienüberschreitende kollektive Identität von „deplorables“ generiert wurde, indem die performative Kommunikationsdynamik auf Twitter das Umfeld der sozialen Medien überschritt und in die breite öffentliche Sphäre diffundierte. Das paradigmatische Beispiel demonstriert die Macht sowie die Gefahren, die die diskursiven Strategien der In- und Exklusion in den sozialen Medien darstellen.

Mit der rechtspopulistischen Rhetorik befasst sich auch Heike Paul, die eine Rückkehr der Volkskörper-Logik im Rechtspopulismus an aktuellen Beispielen aus den USA und Deutschland aufzeigt. Paul macht in ihrem Beitrag auf die paradoxe und bisher wenig erforschte Verbindung der Volkskörper-Logik mit der Gender-Politik im rechtspopulistischen Volkskörper-Sentimentalismus aufmerksam. Am Beispiel der femonationalistischen Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht (2015/2016) [1] veranschaulicht sie, wie sich Gruppierungen wie die #120dB feministische Theorien, Rhetorik oder Initiativen wie meToo für nationalistische, xenophobe und rassistische politische Propaganda aneignen.

Simone Strick liefert einen spannenden Einblick in die neuen Modi diskursiver Radikalisierung in den rechten Kulturen. Sie zeigt am Beispiel von YouTube-Vloggern, wie metapolitische Strategien eingesetzt werden, um mittels affektiver Wirkung der sozialen Medien in das Alltagsleben der „gewöhnlichen“ Menschen durchzudringen. Die „alternativen Influencer“ auf YouTube berichten scheinbar harmlos über ihr Alltagsleben und kommentieren politische und kulturelle Ereignisse. Hierin bestehe die perfide Wende in rechten Agitationsstrategien: die Metapolitik der alternative Right verzichte auf offenen Rassismus, Ausgrenzung und Hate Speech. Stattdessen werde ein rechtes Weltbild mittels persönlicher Mitteilungen, Beziehungstipps oder motivierender Parolen generiert und die Opferidentität einer bedrohten weißen Mehrheit konstruiert.

Wieder aus einem anderen Blickwinkel untersuchen den Populismus Akwugo Emejulu und Nicole Anna Schneider. Sie analysieren populistische Ideen und Praktiken, deren sich die sozialen Bewegungen Feminism for the 99% und Black Lives Matter bedienen. Schneider stellt Populismus in Anlehnung an Laclau als radikale demokratische Partizipation vor, die hegemoniale Strukturen aufzubrechen vermöge. Am Beispiel der Black Lives Matter-Bewegung veranschaulicht sie die Offenheit und das emanzipative Potenzial der populistischen „Volks“-Idee.

Besonders anregend sind die kultur- und literaturwissenschaftlichen Beiträge von Sascha Pöhlmann und Donatella Izzo. Letztere untersucht die – auf den ersten Blick kontraintuitive – Verbindung von Populismus, den sie als post-metaphysische Theorie der Politik und Gesellschaft beschreibt, und Katholizismus bzw. der Theologie. Sie beobachtet, dass in den letzten Jahren in der Fernsehkultur Glaube und Wunder zum beliebten Narrativ für die Repräsentation und das Verständnis des zeitgenössischen politischen und gesellschaftlichen Lebens geworden sind. Izzos Beitrag kreist um die übergreifende Frage, inwiefern sich die Popularität dieses Narratives als eine Antwort auf die unkontrollierbare Irrationalität und bedrohliche Unvorhersehbarkeit des Alltaglebens in Zeiten des neoliberalen Kapitalismus interpretieren lässt. Am Beispiel der italienischen Fernsehserie The Young Pope von Paolo Sorrentino illustriert sie die Konvergenz zwischen Politik und Glauben in der Fernsehkultur.

Carlos de la Torre und Ursula Prutsch erweitern den europäischen und US-amerikanischen Schwerpunkt des Bandes um lateinamerikanische Perspektiven auf Populismus. De la Torre skizziert die bis in die 1930er Jahre reichenden Erfahrungen Lateinamerikas mit populistischen Regierungen und setzt bei der Analyse des Trumpschen Populismus ein. Der Autor verfolgt die schrittweise Unterminierung der demokratischen Institutionen unter Populisten wie Juan Perón, Hugo Chávez, Evo Morales oder Rafael Correa. Ausgehend von den lateinamerikanischen Erfahrungen sieht er ernsthafte Herausforderungen für die demokratische Ordnung der USA unter Donald Trump.

Insgesamt bietet der Sammelband anregende und innovative Perspektiven auf das Phänomen Populismus. Die tiefgründigen und fachspezifischen Analysen liefern wertvolle Einblicke in die Vielfalt der empirischen Ausprägungen des Populismus und spiegeln die theoretische Flexibilität des Populismus-Konzeptes. Hiermit leistet der Band einen Beitrag zu einem besseren Verständnis des Phänomens, weil er die weit verbreitete und negativ konnotierte Assoziation des Populismus mit der gegenwärtigen rechtspopulistischen Szene einordnet und auch das produktive, emanzipative Potenzial des Populismus aufzeigt. Der multi-disziplinäre Ansatz erweitert die klassische Vorstellung vom Populismus als ein Element der Politik, weil seine Manifestation und Wirkung in Bereichen wie Popkultur, Literatur oder virtuelle Kommunikation beleuchtet werden.

Es würde sich lohnen, den US-amerikanischen und westeuropäischen Fokus künftig um komparative Perspektiven auf die Populismen innerhalb Europas zu erweitern. Die Herausgeber:innen fokussierten auf transatlantische Perspektiven, nicht auf einen Vergleich innerhalb Europas. Während der Sammelband die Kontextgebundenheit des Populismus in Amerika herausarbeitet, vernachlässigt er die Unterschiede innerhalb Europas und insbesondere der postsozialistischen Länder. Die Analyse westeuropäischer Populismen ist nämlich nicht ohne weiteres auf den postsozialistischen Kontext übertragbar. So lässt sich der semi-autoritäre Populismus von Viktor Orbán, der in Ungarn die liberale in eine illiberale Demokratie verwandelt, nicht mit den Populismen in der Slowakei oder in Tschechien gleichsetzen. In der gegenwärtigen Forschung zum Populismus mangelt es generell an komparativen Ansätzen, die die Unterschiede und Gemeinsamkeiten innerhalb Europas systematisch herausarbeiten würden. Eine stärkere Einbeziehung des östlichen Europas und ein differenzierterer Umgang mit den Populismen in dieser Region wären daher wünschenswert.

Anmerkung:
[1] Während der Silvesternacht (2015/2016) in Köln kam es zu zahlreichen sexuellen Übergriffen auf Frauen durch junge Männer vornehmlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum.

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16.04.2021
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