M. Bellabarba: Das Habsburgerreich 1765-1918

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Title
Das Habsburgerreich 1765-1918.


Author(s)
Bellabarba, Marco
Series
Transfer
Published
Berlin 2020: de Gruyter
Extent
193 S.
Price
€ 29,95
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Jana Osterkamp, Collegium Carolinum, An-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität

Die Geschichte der Habsburgermonarchie von anderthalb Jahrhunderten auf etwas mehr als 160 Seiten zu erzählen, ist ein spannendes Unterfangen. Der Trientiner Historiker Marco Bellabarba hat mit seinem Buch diese Herausforderung gemeistert. Leichthändig und luzide beschreibt er die notorische Komplexität dieser europäischen (Groß)Macht.

Die Leichthändigkeit seiner Darstellung verdankt sich einer gelungenen Kombination von chronologischer Gliederung, klarer Schwerpunktsetzung sowie einem kurzweiligen Stil. In fünf Kapiteln – 1. zum Josephinismus, 2. zum krisenhaften Herrschaftsmodus des Vormärz, 3. zur Märzrevolution 1848/49 und der neoabsolutistischen „Restauration“ der 1850er Jahre, 4. zu Konstitutionalismus und Machtverlust der Monarchie im Europa der 1860er Jahre sowie 5. zum Nationalismus von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg - lässt Bellabarba die epochemachenden Ereignisse Revue passieren.

Bellabarba beginnt seine Geschichte mit einer Niederlage und endet mit einer Niederlage. Er setzt am 28. Januar 1790 ein, als der außen- und innenpolitisch unter Druck stehende Kaiser Joseph II. den Großteil seiner für Ungarn erlassenen Reformmaßnahmen zurücknimmt, und schließt mit den nationalistischen Verwerfungen vor und im Ersten Weltkrieg. Die Gründe für den Zerfall des habsburgischen Reichs sind ein Hauptinteresse dieses Buchs und es ist ein Verdienst, das sich Bellabarba hier mit eindeutigen Schwarz-Weiß-Deutungen zurückhält. Stattdessen interessiert ihn das stete Schwanken der politischen Reformen zwischen Staatswerdung und imperialem Machterhalt, zwischen Zukunftsweisendem und Verhaftet-Sein im Alten. Die prägenden Gegensätze des 19. Jahrhunderts werden nicht als unauflösliche Dichotomien verstanden, sondern als fließende Übergänge und hybride Formen. Dieser verflechtungshistorische Ansatz, das Imperiale und das Nationale bzw. Nationalstaatliche zusammenzuführen, hat die Forschungen zur Habsburgermonarchie bereits verschiedentlich beflügelt und dazu beigetragen, diese aus ihrer relativen Marginalität in der Historiografie herauszuführen. [1]

Den historiografischen Blick von Bellabarba prägen dabei seine verfassungs- und verwaltungshistorischen Interessen. Wer die Geschichte von Verfassung, Recht und Verwaltung für eine trockene Materie hält, kann sich hier eines Besseren belehren lassen. Bellabarba ist ein ausgewiesener Spezialist für die Geschichte von Verwaltung und Bürokratie im habsburgischen Reich und es gelingt ihm auf kleinem Raum, eine gut verständliche Synthese von den wichtigsten Reformen und von deren Scheitern zu liefern, vor allem für das ausgehende 18. Jahrhundert und die Mitte des 19. Jahrhunderts. Sein Vergleich der Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen in Lombardo-Venetien, Ungarn, Illyrien und Galizien setzt hierbei wichtige Akzente. Die Reformen misst er dabei nicht an einem abstrakten Herrschaftsideal, sondern zeigt die Mannigfaltigkeit der zeitgenössischen Vorstellungen von Reich, Österreichidee, Nation, Staat, Elite und Herrschaft auf, die im Grunde nie auf einen gemeinsamen Begriff gebracht wurden. Regionale Unterschiede – seien diese konfessioneller, wirtschaftlicher, nationaler oder sozialer Natur - erscheinen dabei als der eigentliche Maßstab, an dem sich die habsburgische Politik mittels ihrer Bürokratie mit mal mehr und mal weniger Erfolg abarbeitete.

Das letzte Kapitel zum Nationalismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, das im Vergleich zur italienischen Originalausgabe deutlich erweitert wurde, widmet sich den politischen und gesellschaftlichen Antagonismen im habsburgischen Reich. Prägnant zeichnet Bellabarba die zunehmenden Gegensätze zwischen Österreich und Ungarn, zwischen Adel und Bürgertum, zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Bevölkerungsgruppen unter nationalistischen Vorzeichen nach. Bellabarbas Geschichte von diesen vielschichtigen Konflikten und von der Unfähigkeit, eine einheitliche imperiale Kultur und Identität zu schaffen, geschweige denn, Reformen tatkräftig umzusetzen, führt wie selbstverständlich zur Auflösung des Reichs nach dem Ersten Weltkrieg. Gerade in den Passagen über die letzten Jahrzehnte und den Zerfall hätte man sich allerdings mitunter eine stärkere Berücksichtigung jener Kräfte gewünscht, die die Monarchie so lange zusammenhielten. Wie jüngere Forschungen gezeigt haben, wurde ein nicht zu unterschätzender Zusammenhalt durch Verwaltungsnetzwerke der imperialen Eliten und durch jene administrativen Schnittstellen zwischen Staat und Gesellschaft wie Schulräte, Landeskulturräte oder sozialpolitische Institutionen geschaffen.[2]
Bellabarba ironisiert an einer Stelle einmal die Faszination der Historiker, für die Habsburgermonarchie eine „regelrechte ‚Phänomenologie des Zusammenbruchs‘“ zu erschaffen (S. 7). Zwar steht auch bei ihm die Suche nach den Gründen für den Zerfall der Monarchie im Vordergrund, dennoch ist er nicht der Versuchung erlegen, „die Geschichte des Reichs rückswärts zu lesen“ (S. 4) und macht die Offenheit der Entwicklung immer wieder deutlich. So ist ein lesenswertes, auch für ein breiteres Publikum geeignetes Werk entstanden.

Anmerkungen:
[1] Als Überblickswerke seien insbesondere genannt Pieter Judson, The Habsburg Empire. A New History, Cambridge MA 2016; Steven Beller, The Habsburg Monarchy 1815-1918, Cambridge 2018; John Deak, Forging a Multinational State. State Making in Imperial Austria from the Enlightenment to the First World War, Stanford 2015.
[2] Zum imperialen Zusammenhalt durch Eliten vgl. die Beiträge in Martin Aust/ Benjamin Schenk (Hrsg.): Imperial Subjects. Autobiographische Praxis in den Vielvölkerreichen der Habsburger, Romanovs und Osmanen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Köln 2015; Tim Buchen/ Malte Roolf (Hrsg.): Eliten im Vielvölkerreich. Imperiale Biographien in Russland und Österreich-Ungarn (1850-1918) [= Elites and empire: Imperial biographies in Russia and Austria-Hungary (1850-1918], Berlin 2015. Zur Zusammenarbeit über politische Gräben hinweg vgl. auch die Beiträge in Jana Osterkamp (Hrsg.), Das kooperative Imperium. Politische Zusammenarbeit in der späten Habsburgermonarchie, Göttingen 2018.

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Published on
12.03.2021
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