I. Grewal u.a. (Hgg.): An introduction to Womans Studies

Title
An Introduction to Womens Studies. Gender in a Transnational World


Author(s)
Grewal, Inderpal; Kaplan, Caren
Published
Extent
Price
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Katrin Berndt, Leipzig

Die Frauen- und Geschlechterforschung hat in den vergangenen drei Dekaden die weltweiten Universitätslandschaften wie kaum ein anderer Forschungsansatz verändert. Lehrstühle und Studiengänge in diesem Bereich gehören zunehmend zum Standard jeder größeren Bildungseinrichtung. Die Einbeziehung feministischer und geschlechtsspezifischer Forschungsansätze nicht nur in die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, sondern auch in die Naturwissenschaften dürfte die gegenwärtigen Diskurse jedoch noch nachhaltiger verändert haben. Parallel zu ihrer Implementierung in soziales, politisches, kulturelles und ökonomisches Wissen und Bewusstsein erfuhr die Frauen- und Geschlechterforschung eine enorme Diversifizierung und Erweiterung ihrer Themenfelder. Ihrem nunmehr multi- und interdisziplinären Anspruch eine Plattform zu bieten hat sich das vorliegende Buch zum Ziel gesetzt.

Die Herausgeberinnen – Grewal ist Kulturwissenschaftlerin, Kaplan Historikerin – halten Lehrstühle im Bereich women's studies an der San Francisco State bzw. der University of Berkeley Sie haben bereits gemeinsam einen Sammelband über transnationalen Feminismus (Scattered Hegemonies: Postmodernity and Transnational Feminist Practices) sowie diverse Artikel veröffentlicht.

Der vorliegende Band versammelt 114 Auszüge aus Monographien, Sammelbänden, Artikeln, Pamphleten, Aktionspapieren, Interviews, Autobiographien, Vorträgen, sowie verschiedene Illustrationen. Die überwiegende Zahl der Beiträge wurde erstmals in den 1990ern publiziert. Das Buch ist in vier Teile untergliedert, die jeweils aus fünf bis sieben Sektionen bestehen, welche wiederum zwischen drei und sieben Textbeiträgen enthalten. Kaum einer dieser Textausschnitte ist länger als vier Seiten, jeder Beitrag wurde jedoch sorgfältig editiert: In einem kurzen Absatz zu Beginn des Textes wird dieser zusammengefasst, theoretisch verortet, der Beruf der Autorin bzw. des Autors genannt (die Mehrzahl der Beitragenden sind Gesellschaftswissenschaftlerinnen) sowie die Erstveröffentlichung des kompletten Textes zitiert. Zusätzliche Information bieten eine beinahe jedem Text beigegebene Spalte, die dessen Schlüsselbegriffe – wie z.B. Homophobie, sexuelle Differenz, oder Strukturanpassungsprogramm – erläutert, und eine ausführliche Bibliographie. Jeder der vier Teile des Bandes wird mit einem separaten Kapitel eingeleitet, welches seine zentralen Ansätze, Konzepte und Termini wie auch sein Ziel vorstellt und thematische Querverbindungen zu den anderen Teilen etabliert. Der erste Beitrag einer Sektion bietet einen thematischen Überblick über deren Thema, welches dann aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und mit Beispielen aus der feministischen Praxis illustriert wird. Am Ende erfahren die Schwerpunkte der jeweiligen Sektion eine kurze Zusammenfassung, in der auch die zentralen Fragen für die Verwendung im Unterricht formuliert werden.

Denn genau diese ist der Zweck des Buches: Es soll eine möglichst breit gefächerte und umfassende Grundlage für die Einführungskurse in women's studies an Colleges und Universitäten bieten. Die Struktur des Buches spiegelt die Schwerpunkte und den Ablauf der Lehrveranstaltungen der Herausgeberinnen wider. Der transnationale Anspruch der gegenwärtigen Frauen- und Geschlechterforschung zieht sich als roter Faden durch alle Beiträge und erfährt dabei interdisziplinäre Anwendungen und Bedeutungszuschreibungen. Die Herausgeberinnen selbst definieren 'transnational' als nationale Grenzen überblickend, überschreitend und transformierend. Sie rücken ab von einer Beschwörung weltweiter Frauensolidarität und suchen die Ungleichheiten und Differenzen in den Lebenswelten von Frauen zu betonen, um die allen gemeinsame Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen in ihrer politischen, historischen, kulturellen und sozialen Vielfalt begreifen zu können. Obwohl die sog. 'westliche' Perspektive die Mehrzahl der Beiträge prägt, wird afrikanischen, asiatischen, und lateinamerikanischen Ansätzen und Themen breiter Raum gegeben. Der überholte Universalvertretungsanspruch des westlichen Feminismus wird somit von einem bewussten Partikularismus abgelöst, der transnationale Perspektiven als selbstverständliche Arbeitsgrundlage der women's studies im Zeitalter der Globalisierung versteht. Die kontextabhängige Bedeutung und Ausprägung der Kategorie 'Geschlecht' wird durch diverse Beispiele aus den Anwendungs- und Forschungsbereichen der women's studies verdeutlicht.

Der erste Teil des Buches widmet sich 'Frauenkörpern in Wissenschaft und Kultur'. Er fragt nach Entstehung und Entwicklung von Konzepten wie Körper, Rasse, und Geschlecht aus medizinhistorischer Perspektive. Die einzelnen Sektionen untersuchen die Geschichte medizinischen Wissens primär (aber nicht ausschließlich) der westlichen Hemisphäre, die Verknüpfungen geschlechtlicher und rassischer Kategorisierungen, aktuelle Entwicklungen der Biotechnologie, sowie Geschichte und Bedeutungswandel von Themen wie Bevölkerungswachstum, Empfängnisverhütung, und Abtreibung in verschiedenen regionalen Kontexten. Eine eigene Sektion widmet sich der Gesundheitserziehung, hier steht der Zugang von Frauen zu Informationen über ihren Körper, sexuell übertragbare Krankheiten, Schwangerschaft und Empfängnisverhütung im Mittelpunkt der Texte. Die scheinbare Objektivität naturwissenschaftlicher Erkenntisse wird feministisch dekonstruiert, indem die Texte z.B. aufzeigen, wie Gameten eine kulturelle Persönlichkeit aufgezwungen wird die den gängigen Geschlechterstereotypen entspricht.

Der zweite Teil fokussiert 'Geschlechteridentitäten' und ihre Ausprägungen in 'Individuen, Gemeinschaften, Nationen, Welten'. Die Beiträge untersuchen die Wechselwirkungen nationaler und geschlechtlicher Identitätsbildung im 19. und 20. Jahrhundert aus historischer, politik- und rechtswissenschaftlicher Perspektive. Regionale Beispiele umfassen die Entwicklung des Konzeptes des (männlichen) mündigen Subjekts in Europa, die symbolische Einbindung des Konzeptes 'Frau' in die Nation parallel zur realpolitischen Ausgrenzung von Frauen, die Emanzipationsbemühungen des Staates in Ägypten, die auf die Widerstände der patriarchalen Familienstruktur stießen, das Engagement Weißer Frauen im Ku Klux Klan, und neue soziale Bewegungen wie die 'Queer Nation' oder die grenzübergreifende Organisation behinderter Frauen im Nahen Osten. Die Texte zeigen dass die Kategorie 'Geschlecht' stets nur in Verbindung mit anderen Identitätskomponenten gesehen werden kann, und dass feministische Bewegungen immer in Wechselwirkung mit anderen sozialen Entwicklungen wie z.B. der Friedensbewegung entstanden.

Der dritte Teil widmet sich 'Darstellungen, Kulturen, Medien, und Märkten' und verbirgt hinter dieser eher allgemein gehalteten Überschrift feministische Dekonstruktionen von Ideen, Symbolen und Bildern, die über Kunst, Medien und Kommunikation transportiert werden. 'Kultur' ist hier politisches Konstrukt, d.h. Kunst und Medien reflektieren die in den ersten beiden Teilen des Buches dargestellten Prozesse. Die Grundfrage lautet: Wie werden kulturelle Bedeutungen, Symbole, Zuschreibungen – und damit auch Geschlechterkonzepte – geschaffen, verbreitet, und letztlich transformiert? Die Texte stellen die weibliche Partizipation an der kulturellen Produktion in den Kontext des Zugangs von Frauen zu Bildung, hinterfragen koloniale Konstruktionen der nicht-europäischen Frau, verfolgen die Etablierung der Weißen Mittelklassehausfrau als ideale Konsumentin, und kritisieren die Darstellung des weiblichen Körpers als Konsumgut.

Hunger aus Not wird hier dem freiwilligen Hungern von Frauen in den wohlhabenderen Nationen gegenüberstellt, wobei die These formuliert wird, dass das gegenwärtige Ideal extremer Schlankheit eine Abscheu vor menschlichem Fleisch und Angst vor Macht und Kompetenz symbolisiert. Die Zunahme an sexueller Freiheit, Macht und Selbstbestimmung gerade für Frauen wird konterkariert durch die Idealisierung eines weiblichen Körpers der Fragilität, Keuschheit, und sexuelle Unreife ausstrahlt.

Der vierte Teil dieses Sammelbandes betrachtet 'Globalisierung und Migrationsprozesse' aus geschlechtsspezifischer Perspektive. Der Beginn der Globalisierung wird historisch Ende des 15. Jahrhunderts verortet, die europäischen Expansionen und Entdeckungsreisen markieren somit den Anfang einer weltumspannenden Mobilisierung, die in der Moderne z.B. in multinationalen Identitäten, geschlechtsspezifischer Ausbeutung und Migration, Diasporakulturen, oder einer globalisierten Nahrungsmittelindustrie resultiert. Diese Entwicklungen werden entweder aus feministischer Perspektive analysiert, oder aber die Texte berücksichtigen den Faktor 'Geschlecht' als gleichberechtigten Aspekt neben 'Rasse', Ethnie, und Nation. Wie widersprüchlich die Überlagerung dieser Komponenten ausfallen konnte, zeigt z.B. das Schicksal afrikanisch-amerikanischer Missionarinnen, die zwischen 1880 und 1920 die westliche Vorstellung von Zivilisation zu verbreiten suchten, aber von ihre Weißen Glaubensschwestern und –brüdern der Kollaboration mit afrikanischen Aufständischen verdächtigt wurden. Die Komplexität moderner Identitätskonstruktionen wird erläutert am Beispiel des nahezu unmöglichen Unterfangens, eine in sich intakte Diasporaidentität als arabische Jüdin gegen äußere Anfeindungen zu verteidigen, wie anhand des Schicksals weiblicher muslimischer Flüchtlinge, die sowohl religiöser (von Nicht-Muslimen) als auch geschlechtsspezifischer Diskriminierung (durch Männer der eigenen Kultur und Familie) ausgesetzt sind.

Die größte Stärke des Bandes – seine thematische Vielfalt – ist gleichzeitig seine größte Schwäche. Die Herausgeberinnen planten möglichst viele Forschungsrichtungen und Anwendungsgebiete der women's studies zu vereinen, beleuchten aber so manchen Aspekt – z.B. Arbeitsmigration oder Formationen kultureller Identität – aus unterschiedlichsten Perspektiven, während wirtschafts- oder literaturwissenschaftliche Ansätze dagegen gänzlich fehlen. Ökonomische Prozesse werden ausschließlich aus kulturpolitischem oder journalistischem Blickwinkel betrachtet; Literatur wird weder durch Textbeispiele noch durch Interpretationen repräsentiert. Dies ist nur als mutwilliges Auslassen zu bezeichnen, da die Wiederentdeckung einer weiblichen Literaturgeschichte und die feministischen Analysen weiblicher Rollenstereotype in den kanonisierten Texten männlicher Autoren eine herausragende Rolle bei der diskursiven Etablierung der women's studies gespielt hat.

Ebenso vermisst wurden Darstellungen der Frauen, die trotz patriarchaler Machtstrukturen Herrscherpositionen übernahmen und ausfüllten. Sicher, der Ehrgeiz des Werkes ist praktisch nicht einzulösen, und die Herausgeberinnen räumen die zwangsläufige Unvollständigkeit ihres Bandes im Vorfeld ein und ermuntern ihre LeserInnen, die versammelten Beiträge – die unbestritten ausgezeichnet editiert wurden – als Anregungen zum Weiterlesen zu verstehen. Generell hätte dem Buch eine geringere Anzahl von Beiträgen gut getan, vielleicht im Austausch für eine klarere Struktur, die sich an den einzelnen Forschungs- und Praxisfeldern der women's studies orientiert. Die Themen der vier Hauptteile sind so umfassend formuliert, dass sie schon fast wieder beliebig wirken. Die Textauswahl der einzelnen Sektionen wirkt dagegen kohärent. Das Buch wäre DozentInnen der Geschlechterforschung als Unterrichtsgrundlage, Materialsammlung, sowie Lesebuch zu empfehlen, StudentInnen kann es als Recherchegrundlage und allgemeine gesellschaftswissenschaftliche Einführung in das Thema von Nutzen sein.

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13.10.2004
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