U. Wyrwa: Juden in der Toskana und in Preußen im Vergleich

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Title
Juden in der Toskana und in Preußen im Vergleich. Aufklärung und Emanzipation in Florenz, Livorno, Berlin und Königsberg i. Pr.


Author(s)
Wyrwa, Ulrich
Series
Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts 67
Published
London 2004: Mohr Siebeck
Extent
491 S.
Price
€ 54,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Brigitte Meier, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina

Shulamit Volkov schlug 1994 in dem von ihr heraus gegebenen Band „Deutsche Juden und die Moderne“ vor, neue Weg der deutsch-jüdischen Forschung zu gehen, um der Gefahr der zu einseitigen „jüdischen“ Geschichte aber auch den Risiken einer „Deutsch-Jüdischen Geschichte“ zu entgehen. Eben jener angemahnte europäische Blick auf die jüdische Geschichte liegt der hier zu besprechenden Habilitationsschrift von Ulrich Wywra, die 2003 von der philosophischen Fakultät der Universität Potsdam angenommen und für den Druck gekürzt und überarbeitet wurde, zu Grunde. Natürlich gab es auch schon in den älteren jüdischen Geschichtsdarstellungen (H. Graetz, S. Dubnow oder M. Philippson) europäisch vergleichende Ansätze, wie Wyrwa einleitend betont. (S. 2) Dennoch forderte Volkov zu Recht, eine europäisch vergleichende Gewichtung von regionalen Forschungsergebnissen deutsch-jüdischer Geschichte.

Ein deutsch-italienischer Vergleich, wie ihn der Verf. anstrebte, könnte „die spezifischen Errungenschaften der Juden im Zeitalter der Emanzipation und die besonderen Behinderungen und Hemmnisse in beiden Ländern herausarbeiten.“ (S. 7) „Die Fragestellung richtet sich mithin nicht auf innerjüdische und religionsgeschichtliche Aspekte, sondern auf die beziehungsgeschichtlichen Seiten jüdischen Lebens zu ihrer Umwelt.“ (S. 7) Nun ist die Zeit der Emanzipation der Juden in Deutschland nicht gerade ein Stiefkind der bisherigen Forschung gewesen. (R. Rürup, T. van Rahden, J. H. Schoeps, A. Herzig, S. Lässig usw.) Dennoch sind die Inhalte, Formen und Ergebnisse dieser Emanzipation nach wie vor umstritten. Wyrwa wollte daher durch einen interstaatlichen Vergleich der Geschichte der sozialen Beziehungen von Juden und Christen auf politischer Ebene kulturelle Deutungsmuster herausfiltern und deren Entwicklung über Generationen verfolgen. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Entstehung, Durchsetzung und Krise der Zivilgesellschaft. (J. Kocka). (S. 13) Anders als Simone Lässig, die unlängst den einzigartigen sozialen Aufstieg der jüdischen Minderheit während des Verbürgerlichungsprozesses in Deutschland mittels der Kapitaltheorie Pierre Bourdieus untersuchte, wollte Wyrwa auf politikgeschichtlicher Ebene die jüdisch-christlichen Beziehungen im langen 19. Jahrhundert erhellen und damit „auch das Scheitern der bürgerlichen Utopie analysieren“. (S. 14) Gemeint ist hier die Utopie von der klassenlosen Bürgergesellschaft (L. Gall), die bekanntlich schon der Realität der 1848er Revolution nicht Stand gehalten hatte. Dieter Langewiesche hatte vor einigen Jahren diese „Zäsur“ im deutsch-jüdischen Verhältnis diskutiert und spannende Verhaltsmuster herausgearbeitet.

Kann nun ein systematischer deutsch-italienischer Vergleich auf der Basis der kritischen Textanalyse neue Einblicke in das Verhalten von Juden und Christen und vor allem in die Erfahrungen der jüdischen Einwohner mit ihren christlichen „Nachbarn“ gewähren? Wer sich auf dieses gut geschriebene Buch einlässt, wird erfahren, dass es erstaunliche Parallelen im Denken und Verhalten der verschiedenen sozialen Schichten in Italien (Florenz und Livorna) und in Preußen (Berlin und Königsberg i. Pr.) gab, dass der mühsame Prozesse der rechtlichen Angleichung der jüdischen Minderheit an die Mehrheitsgesellschaft ähnlich verlief, dass die öffentliche Debatten diesen Prozess begleitete und dass sich auch die Widerstände und Rückschläge ähnelten. Als markanten Unterschied arbeitete Wyrwa sowohl im bilateralen Ländergleich als auch im europäischen Kontext die Kontinuität der intellektuellen Judenfeindschaft in Preußen heraus, die so - wenn auch mit einem anderen politischen Profil - nur in Frankreich existierte.

In drei chronologisch gegliederten Kapiteln (Aufklärung und bürgerliche Öffentlichkeit; Von der Französischen Revolution zu Napoleon und Politische Partizipation; Liberalismus und Nationalstaat) und somit in drei großen Schritten beschreibt der Verf. den allmählichen Wandel der christlich-jüdischen Beziehungen auf politischer Ebene und ihre regionalen Besonderheiten. Im Schlusskapitel werden die Ergebnisse im europäischen Kontext diskutiert und für den europäischen Emanzipationsprozess fünf Entwicklungsphasen herausgearbeitet. Dem folgen vier zeitgenössische Abbildungen, ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister.

Wyrwa beschreibt in seinem ersten Kapitel, wie im 18. Jahrhundert ausgehend von der rechtlichen Lage der Juden in beiden Ländern die vielfältigen Aufklärungsprozesse und -gesellschaften und ihre Vertreter im Bezug auf die Juden agierten. Neben den Intellektuellen, den regierenden Fürsten und Beamten als „Meinungsbildner“ berücksichtigt er auch das Verhalten der Unterschichten und die für den Umgang der verschiedenen Konfessionen miteinander so wichtigen sozialen Erfahrungen im jeweiligen Alltag. Er betont zu Recht die große Bedeutung der weltlichen Bildung in dieser Entwicklungsphase, die in Preußen weniger von den Rabbinern als vielmehr von erfolgreichen jüdischen Wirtschaftsakteuren und Intellektuellen forciert wurde. Während sich in der Toskana zwar der „Philosophenfürst“ (S. 86) Peter Leopold (1747-1792) für eine verfassungsrechtliche Gleichstellung der Juden einsetzte und sich damit völlig anders verhielt als der preußische König Friedrich II. (1712-1786), der aus merkantilistischer Sicht und aus seinem Verständnis von Staatsräson heraus die Juden meist nur als Konkurrenten seiner christlichen Einwohner sah und sie nur dort duldete, wo sie ihm nützlich erschienen, konnte der Verf. keine Anzeichen einer Haskala unter den jüdischen Intellektuellen oder Kaufleuten in Florenz oder Livorno finden. Vielmehr war die weltliche Öffnung der jüdischen Bildung, die in den Jahrhunderten davor in der Toskana vorhanden war, nunmehr zurückgenommen worden.

Angesichts dieser ungleichen Ausgangsbedingungen überrascht die Entwicklung der christlich-jüdischen Beziehungen infolge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Invasionen. Die christliche und jüdische Aufklärung, das Bemühen aufgeklärter Beamten um die Gleichstellung der Juden, die dann 1812 in Preußen erfolgte, sowie innerjüdischen und staatliche Reformbemühungen veränderten das Verhältnis von Juden und Christen in Preußen offenbar nur kurzzeitig. In den Befreiungskriegen engagierten sich Juden und Christen entsprechend ihren Möglichkeiten für die nationale Bewegung und sie feierten in ihren Gotteshäusern gleichermaßen andächtig die Jahrestage der Völkerschlacht von Leipzig. Eine Akzeptanz der emanzipierten Juden von der christlichen Mehrheitsgesellschaft schien auch mit Blick auf die ihnen 1808 gegebenen stadtbürgerlichen Rechte und Pflichten möglich. Ausgenommen ist hier lediglich eine kleine intellektuelle Minderheit, die auf Grund ihrer christlich-deutschen Ideologie den Juden bürgerliches Verhalten und bürgerliche Kultur generell absprach. Viele christliche Stadtbürger hatten aber längst anderen, positive Erfahrungen im Umgang mit den Juden sammeln können.

In der Toskana ging das Ende der napoleonischen Herrschaft mit judenfeindlichen Ausschreitungen einher. Schon nach 1789 war es zu massiven Ausschreitungen der Unterschichten gegen Juden gekommen, die in der „Viva-Maria-Bewegung“ 1799 einen traurigen Höhepunkt erreichte. Eingedenk des nicht unwichtigen Generationswechsels in jener Zeit, der ja auch mit neuen Erfahrungen einher ging, wurden die Juden zwar vom „Pöbel“ angefeindet, sie konnten sich aber als Intellektuelle im Staatsbildungsprozess einbringen, was wiederum in Preußen vorerst noch nicht möglich war. Inwieweit diese Unterschiede auch aus den alltäglichen Lebenserfahrungen von Christen und Juden resultierten und welche Rolle die Pfarrer vor Ort hierbei spielten, bliebe noch zu diskutieren.

Im letzten Kapitel beschreibt der Verf. den vielschichtigen Prozess des Liberalismus und des Nationalismus, an dem Juden in Italien und Deutschland aktiv beteiligt waren. Die Emanzipation der Juden, die in Preußen durch die Judenfeindlichkeit von bürgerlichen Intellektuellen (Junges Deutschland) und in der Toskana von judenfeindlichen Aktionen der Unterschichten begleitet wurde, schien auf Grund der Verfassungen der neuen Nationalstaaten und der darin verankerten Gleichstellung der Juden und der Anerkennung, die Juden in der Gesellschaft erfahren hatten, durchaus gelungen. Dennoch resümierte Wyrwa:“ Die Emanzipation der Juden scheiterte insofern, als das Projekt der Nation als einer an den Menschenrechten orientierten zivilen und liberalen Bürgergesellschaft scheiterte.“ (S. 431)

Schon Johann Wolfgang Goethe meinte: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ [1] War die Anerkennung der Juden vielleicht im Zeitalter der Emanzipation noch regional zu sehr von einzelnen jüdischen Persönlichkeiten und deren gesellschaftliches Engagement abhängig gewesen und damit weniger als Verhaltensmuster, also verinnerlichte Denk- und Handlungsweise der christlichen Mehrheitsgesellschaft zu deuten?

Sowohl für die jüdischen Emanzipation in Deutschland als auch in Italien, wo Wyrwa insbesondere überzeugende Pionierarbeit für die Geschichte des italienischen Risorgimento leistet, werden in diesem Buch wichtige Erkenntnisse vorgestellt und systematisch im europäischen Kontext diskutiert. Wer sich für die deutsch-jüdischen Beziehungen in Europa des Emanzipationszeitalters interessiert, wird an diesem Buch nicht vorbei kommen.

Anmerkung:
[1] Johann Wolfgang Goethe, Maximen und Reflexionen. Nr. 151, in: Goethes Werke, hrsg. v. Erich Trunz, Bd. 12, S. 385.

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14.12.2006
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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