V. Berghahn: Transatlantische Kulturkriege

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Title
Transatlantische Kulturkriege. Shepard Stone, die Ford-Stiftung und der europäische Antiamerikanismus


Author(s)
Berghahn, Volker
Series
Transatlantische Historische Studien 21
Published
Stuttgart 2004: Franz Steiner Verlag
Extent
392 S.
Price
48,00 Euro
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Helke Rausch, Zentrum für Höhere Studien/ Frankreichzentrum, Universität Leipzig

Die Geschichte der transatlantischen Beziehungen und des Kulturaustauschs quer über den Atlantik in der Nachkriegsmoderne behält eine ungebrochene Popularität. Summarische Darstellungen zum Kulturkontakt im westeuropäischen Maßstab bleiben allerdings im Detail vielerorts vage.[1] Meist im Sinne einer dominanten Prägekraft amerikanischer Kultur- „Importe“, werden Transfers als „Amerikanisierung“ gehandelt oder, unter stärkerer Einbeziehung paralleler innereuropäischer Beeinflussungen, als „Westernisierung“ gefaßt.[2] Ist durchaus beiden Begriffskonzepten die eine oder andere analytische Auslassung unterstellt worden, so gilt dies umso mehr für des Etikett des „Antiamerikanismus“. Seine Verwendung in einer europäisch vergleichenden Perspektive steht mindestens ebensosehr am Anfang, wie dies für die vergleichende „Amerikanisierungs“-Forschung zu gelten hat.[3]

In dieser durchaus ambivalenten Forschungslandschaft, in der manche Themenpfade schon mehrfach abgelaufen erscheinen (so im Falle des bundesdeutsch-amerikanischen Kulturaustauschs), während an größeren Abzweigungen bislang eher verbeigesteuert wird (so v.a. an einem systematisch-detaillierten europäischen Vergleich von Transfers), kommt nun Berghahns Studie zu stehen: Drei Jahre nach der englischsprachigen Erstvorlage seines Buches [4] hat das DHI Washington jetzt eine deutsche Version herausgebracht. Eine ganze Serie von sehr guten Gründen wird dazu bewogen haben.

Berghahns Titel kündigt sein Darstellungskonzept pointiert an: als Themenhorizont erscheint der doppelte Kulturkrieg der Vereinigten Staaten nach 1945 und bis in die 1960er Jahre, in dessen Verlauf man nicht nur um eine ideologische Ächtung des sowjetischen Kommunismus und um die machtpolitische Behauptung gegenüber dem weltpolitischen Antipoden im Ost-West-Konflikt bemüht war. Zugleich ging es um eine kaum minder energische, freilich subtilere Zurückweisung amerikakritischer Vorbehalte in (West)Europa, die, längst schon im vorausgehenden Jahrhundert entwickelt, nach 1945 nurmehr unter neuen Vorzeichen zum Vorschein gekommen waren.

Berghahn spitzt nun sein Thema auf das transatlantisch aktive Netzwerk der Ford-Stiftung, besonders aber auf den Direktor ihres internationalen Programms, Shepard Stone (1908-1990) zu. Dessen Vita als Sohn jüdischer Emigranten aus Litauen und bis zum Aufstieg in die internationalistische Ostküstenelite bildet den eigentlichen „Fluchtpunkt“ (S. 9) der Studie: Nach einem bis kurz vor der Machtergreifung phasenweise auch in Berlin absolvierten Studium kam Stone wiederholt als Journalist nach Westeuropa und 1944 bis 1946 als Besatzungsoffizier nach Deutschland, wohin er 1949 an der Seite des U.S. High Commissioner John McCloy zurückkehrte (Kap. 1 bis 3). Seit 1952 zurück in den Vereinigten Staaten, reüssierte Stone zügig in der Ford Foundation (Kap. 6) und wurde 1954 zum Assistant Director of International Programs mit dem Aufgabenschwerpunkt Europa berufen. Inzwischen war Stone nicht nur fest in die während der europäischen Jahre etablierten Netzwerke integriert, sondern jetzt auch verstärkt mit den politischen Eliten im amerikanischen State Department vernetzt. Dank seiner ausgezeichneten Kontakte konnte Stone in den folgenden Jahren sein Konzept einer transatlantischen Kultur-Kooperation v.a. im Rahmen von Stipendienprogrammen und von Aktivitäten des Congress for Cultural Freedom geltend machen. Noch bis in die 1960er Jahre hinein und damit fast schon am Haupttrend der Förderungspolitik vorbei, der die Ford Foundation zu diesem Zeitpunkt schon ganz auf Osteuropa und verschiedene Drittweltregionen orientierte, verstand sich Stone auf die Durchsetzung umfangreicher Westeuropaförderungen. In Gestalt internationaler Forschungszusammenarbeit warb man hier nicht zuletzt um europäischen Respekt vor den amerikanischen Kultur- und Wissenschaftsleistungen (Kap. 7). Damit stand Stone für eine ganze Gruppe von amerikanischen Entscheidern, die vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen nicht nur mit dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch mit den europäischen Vorkriegsgesellschaften, nach 1945 im US-Supermachtstatus eine Gestaltungsverantwortung sahen, die sie im Zuge ihres philanthropischen Engagements unmittelbar wahrnehmen wollten.

Zwischen die biographische Rekonstruktion und historische Analyse der Stone-Figur lagert Berghahn in einer Art Montageverfahren kontextuierende Kapitel. Hier werden die innereuropäischen wie -amerikanischen Diskurse zur gegenseitigen transatlantischen Wahrnehmung hergeleitet (Kap. 4) und die internationale Philantropietätigkeit der Ford-Stiftung umrissen (Kap. 6/7). Insbesondere wird im Spiegel des stark von der Ford Foundation subventionierten Congress for Cultural Freedom [5] noch einmal ausführlich einer der wichtigsten institutionellen Orte beleuchtet, an dem sich seit 1950 aus amerikanischer Perspektive die beiden transatlantischen Kulturkriege gegen den Kommunismus und für eine kulturelle Rehabilitierung der USA in Europa recht eigentlich verbanden. Dennoch mündete nicht zuletzt die strategische Verquickung von staatsoffizieller Cultural Diplomacy und privater Philantropie 1967 direkt in den Kollaps des Kongresses (Kap. 5, 8).

Der argumentative Kreis schließt sich, wenn Stone zuletzt erneut als transatlantischer Kulturkrieger par excellence ausgemacht wird, der sich selbst in einer tiefen Krise der amerikanischen Philanthropie just an der Diskursfront gegen die amerikakritischen westeuropäischen Intellektuellen betätigte. Mit dem abschließenden Blick zum einen auf Stones Unvermögen, die Liquidation der Kongreß-Nachfolgeeinrichtung 1977 zu verhindern und zum anderen auf seine gleichzeitig erfolgreiche Umtriebigkeit bei der Gründung des Berliner Aspen-Instituts 1973/4 (Kap. 9) gelingt es Berghahn am Ende, die prekäre und gelegentlich fast paradoxe Spannung zwischen restriktiven historischen „Zwangslagen“ und individuellen „Handlungsspielräumen“ (S.16/7) auszuloten, deren Ausgleich zuletzt über die Reichweite jedes Kulturtransfers entscheidet. Angesichts dieses analytischen Zugriffs erweist sich der hier von Berghahn erstmals ausgewertete Stone-Nachlaß als überaus reicher Quellenfundus.

Berghahns Buch gelingt mindestens dreierlei: Es fängt zum ersten die hochkomplexe „Amerikanisierungs“- und Kulturtransferthematik in einer präzisen Untersuchungsanordnung ein und führt vor, wie sich in der schillernden Hauptfigur, Shepard Stone, gleichermaßen inneramerikanische, innereuropäische wie transatlantische Programmatiken und Diskurse über politische, kulturelle, soziale und ökonomische Selbst- und Fremddefinitionen brechen, die den transatlantischen Kulturkontakt nach 1945 europaweit beherrschten. Zweitens schreibt Berghahn an zentraler Stelle die in den letzten Jahren (freilich kaum in Deutschland) etablierte historische Stiftungsforschung weiter: Am Beispiel der Ford Foundation wird illustriert, wie die Affinität der amerikanischen Philanthropie zum machtpolitischen Establishment den großen Stiftungen im American Century zweifelsohne singuläre Einflußmöglichkeiten eröffnete, während ein umfassendes Westeuropaengagement in diesem Zusammenhang durchaus prekär und umstritten blieb. Drittens und im unmittelbaren Zusammenhang damit werden neben Stone zahlreiche Entscheider auch auf nachgeordneten Rangstufen in der Analyse berücksichtigt und Netzwerkverflechtungen im institutionellen Rahmen der Ford Foundation geklärt. Damit stößt die Analyse weit in das programmatische und entscheidungspolitische Innenleben der amerikanischen Philantropie vor.

Jenseits des Untersuchungsprogramms, mit dem Berghahn angetreten ist, zeichnet sich nun umso deutlicher ab, worauf künftige Forschungen verstärkt hinzuarbeiten haben: auf eine exaktere Analyse der Akteurskonstellationen und Entscheidungszuammenhänge erstens im amerikanischen Rahmen auch jenseits der Ford-Foundation und zweitens zusätzlich nach der (west)europäischen Seite hin. Daß die westeuropäischen Akteure den amerikanischen Stiftungsvertretern mit spezifischen Erwartungshaltungen und Erfahrungshintergründen begegneten, die über die Qualität der Transfers substantiell mitentschieden, deutet Berghahn bereits an (S. 363).

Mit seinem Buch ankert Berghahn gleich in mehreren Themenhäfen. Dabei verläuft die Fahrtroute nicht nur wohlkalkuliert und übersichtlich, sie eröffnet an den argumentativen Anlegestellen auch Ausblicke auf thematisches Neuland. Wo Berghahn dieses noch weithin unbekannte Terrain einer nuancierten westeuropäisch-amerikanischen Kulturkontakt-Analyse im Horizont der amerikanischen Philantropie nicht mehrfach selbst schon betritt, sichert seine Studie wichtigen Grund für entsprechende Schritte. Zu weiterführenden Erkundungen lädt sie allemal ein.

[1] Vgl. u.v.a. Richard Pells, Not like U.S. How Europeans have loved, hated, and transformed American Culture since World War II, New York 1997, 42002; Dominique Barjot, L’américanisation en Europe au XXe siècle: économie, culture, politique, Lille 2002.
[2] Vgl. immer noch Alf Lüdtke; Inge Marßolek; Adelheid von Saldern (Hgg.), Amerikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996 (Transatlantische Historische Studien, 6); Anselm Döring-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.
[3] Vgl. z.B. Russel A. Berman, Anti-Americanism in Europe: a Cultural Problem, S. California 2004.
[4] U.d.T.: America and the Intellectual Cold Wars in Europe. Shepard Stone between Philanthropy, Academy and Diplomacy, Princeton und Oxford: Princeton University Press 2001.
[5] Vgl. zuletzt Giles Scott-Smith, The Politics of Apolitical Culture: The Congress for Cultural Freedom, the CIA, and Post-War American Hegemony, London 2002.

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07.10.2005
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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