M. Waechter: Geschichte Frankreichs

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Title
Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert.


Author(s)
Waechter, Matthias
Published
München 2019: C.H. Beck Verlag
Extent
608 S.
Price
€ 34,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Kathleen Schlütter, Leipzig/Saarbrücken

Erstaunlicherweise hat der französischen Geschichte im 20. Jahrhundert seit über 20 Jahren niemand mehr im deutschsprachigen Raum eine eigene Monographie gewidmet.[1] Der Historiker Matthias Waechter hat diese Lücke nun mit „Die Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert“ umfassend und zeitgemäß gefüllt.

Der Band ist in der C.H.Beck-Reihe „Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert“ erschienen. Ihr Herausgeber Ulrich Herbert verfolgt das Ziel, die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts sowohl anhand nationaler Eigenheiten als auch „regionenübergreifende[r] historische[r] Erscheinungen“ (S. 7) in den Blick zu nehmen und dafür Nationalgeschichte im „Kontext der europäischen Entwicklung und der globalen Verflechtungen“ (S. 8) zu erzählen. Er geht hierfür von einem langen 20. Jahrhundert von den 1890er-Jahren bis 2000 aus (S. 9). Das passt für Waechter zur französischen Geschichte, deren „wichtigste Tendenzen“ alle in der Gründungsphase der Dritten Republik entstanden seien: Verbreitung eines einheitlichen Nationalbewusstseins, Konsolidierung der Republik und koloniale Expansion (S. 13). Daher datiert er den Auftakt für das französische 20. Jahrhundert auf die Jahre 1875–1880 und sieht dessen Ende im Jahr 2002 erreicht. Waechter periodisiert innerhalb dessen die nationalen Ereignisse in fünf große Abschnitte: 1880–1914 (Republik der Widersprüche), 1914–1940 (Gewonnener Krieg, Verlorener Frieden), 1940–1962 (Vom Zusammenbruch zur Dekolonialisierung), 1962–1981 (Vom Boom zur Krise) und schließlich 1981–2002 (Die verunsicherte Nation). Dies erfolgt gut argumentiert: So wählt er beispielsweise den Sommer 1940, da das Land nach dem Waffenstillstand mit Deutschland im „wortwörtlichen Sinne“ zusammengebrochen sei (S. 114) oder das Jahr 1962, weil der Algerienkrieg und sein Ende tiefgreifende Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft der folgenden Jahrzehnte hatten (S. 363-366).

Zeitgemäß macht das Buch neben dem Schreibstil insbesondere, dass Waechter nicht nur die historischen Ereignisse allein wiedergibt. Vielmehr ordnet er sie kontinuierlich ein und zeigt, wie die republik-konstituierenden Ideale einer unteilbaren Nation und die Devise von „Freiheit, Einheit und Brüderlichkeit“ in Konfrontation mit der Realität bis heute spürbare Konflikte verursachten. Da erfreulicherweise zudem neben der politischen Geschichte konsequent auch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in den Blick genommen werden[2], lesen sich die historischen Ereignisse in ihrer Komplexität deutlich anschaulicher. So zeigt Waechter beispielsweise, wie zu Beginn des Ersten Weltkriegs zumindest für eine begrenzte Zeit auch gesellschaftlich eine „nationale Geschlossenheit“ herrschte (S. 127) und wie unterschiedlich dann aber die individuellen Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger im Zweiten Weltkrieg „zwischen Abwarten, Anpassung, williger Zusammenarbeit, Denunziation, Widerstand, Verfolgung und Deportation“ waren (S. 274). Und dass sich folglich nicht ganz Frankreich seit 1914, wie von Charles de Gaulle zum Zwecke der nationalen Einheit propagiert, in einem „30jährigen Krieg“ gegen Deutschland befunden hatte. In schmerzhaften erinnerungskulturellen Auseinandersetzungen musste sich die Republik dann in den 1980er und 1990er Jahren die Verbrechen im Vichy-Regime und auch in der Kolonialherrschaft, und hier vor allem in Algerien, eingestehen (S. 492-502). Wie Waechter zeigt, gelang es den politischen und gesellschaftlichen Akteuren nicht, im Umgang mit der „Erbsünde“ (S. 501) Kolonialisierung und der französischen Beteiligung am Nationalsozialismus parallel andere, identitätsstiftende Ideen für und mit den Bürgerinnen und Bürger zu entwickeln, die bei der Bewältigung der Traumata hätten helfen können.

In seinen Ausführungen zu den gesellschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Zeitabschnitte zieht er immer wieder auch Vergleiche zur deutschen oder britischen (und punktuell auch US-amerikanischen) Entwicklung im gleichen Zeitraum. So seien beispielsweise die französischen Regionen im 19. Jahrhundert gesellschaftlich deutlich heterogener gewesen als die Großbritanniens oder Deutschlands (S. 21f). Unter anderem damit löst er das Versprechen ein, Frankreichs Geschichte im „Kontext der europäischen Entwicklung“ (S. 8) zu erzählen. Darüber hinaus wird überzeugend geschildert, welche aktive Rolle Frankreich im europäischen Einigungsprozess spielte und wo es diesen Weg auch scheinbar entgegen nationaler Interessen ging. Hier sieht Waechter einen zumindest besonderen Aspekt französischer Geschichte im europäischen Vergleich: Dass Frankreich einerseits die europäische Integration maßgeblich mit vorantrieb, andererseits dann aber wichtige europäische Projekte wie die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (1954) und den EU-Verfassungsvertrag (2005) blockierte (S. 15).

Das Buch ist dezidiert mit dem Ziel verfasst, sich auf für Frankreich typische historische Aspekte zu konzentrieren, die zu einem besseren Verständnis des Landes beitragen (S. 16). Dies gelingt Waechter immer wieder sehr überzeugend, zum Beispiel in seiner über die Jahre 1914 bis 1969 verlaufenden Darstellung der Überfigur Charles de Gaulle[3] oder mit der Widerlegung der weit verbreiteten Ansicht, François Mitterrand und damit die französische Außenpolitik hätten einer deutschen Wiedervereinigung aus Angst vor einem wiedererstarkten Deutschland kritisch gegenüber gestanden.[4] Etwas weniger überzeugend – und das wäre der einzige Kritikpunkt – analysiert er hingegen die jüngsten Entwicklungen in Frankreich. So reproduziert Waechter auf den letzten Seiten den gängigen Diskurs vom Verlust nationaler Souveränität durch Europa und dem französischen Globalisierungsscheitern. Sowohl die Europäische Union als auch Globalisierungsprozesse werden dort als im Wesentlichen externe Kräfte geschildert, die Frankreich nicht mitgestaltet, sondern denen es ausgeliefert ist. Zwar datiert er, gekonnt wie im restlichen Buch, das Ende des französischen 20. Jahrhunderts auf den 21. April 2002, als der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen den zweiten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen erreichte. Dieses Ergebnis habe eine „neue Frontstellung in der französischen politischen Kultur“ und die Teilung der Bevölkerung über die Parteigrenzen hinweg in Befürworter von Globalisierung, europäischer Integration und liberaler Gesellschaft und deren Gegnern angekündigt (S. 491). Am Ende des folgenden Abschnitts stellt er dann aber die etwas seltsam anmutende Frage, ob es weiterhin eine französische Besonderheit gäbe, die sich von der „europäischen Allgemeinheit“ unterscheide oder man sich statt in einer nationalen Identität in den „transnationalen Werten“ der Europäischen Union wiedererkennen solle (S. 502). Es wird nicht ausgeführt, was unter diesen „transnationalen Werten“ – die zudem, wie von ihm beschrieben, von Frankreich selbst maßgeblich mitgestaltet wurden – zu verstehen ist.[5] Im folgenden „Ausblick“ (S. 502-516) hätte man sich als Leser/in zudem eine ausgewogenere Darstellung gewünscht, die über die Erzählung der Jahre bis zur Wahl Emmanuel Macrons als die vom weitestgehenden Scheitern der verschiedenen präsidialen Ambitionen hinaus geht. Denn es bleibt die Frage, warum Frankreich eine insgesamt weiterhin erfolgreich agierende Wirtschaftsmacht ist, die von der Globalisierung profitiert, Bevölkerung und Politik den „globalen Verflechtungen“ aber bis heute angstgeprägter als andere europäische Nationen gegenüberstehen.[6] Das wäre dann zumindest ein Thema für eine Geschichte Frankreichs im 21. Jahrhundert.

Von dieser letzten Anmerkung abgesehen ist dem Autor eine sehr gut lesbare, hervorragend synthetisierte und wissenschaftlich fundierte Darstellung der jüngeren Geschichte unseres wichtigsten Nachbarlandes gelungen. So dürften sowohl die allgemein geschichtlich interessierte Leserschaft als auch das Fachpublikum das Werk mit Interesse und Erkenntnisgewinn lesen. Dem selbst in Frankreich lebenden Historiker ist für seine fundierte Sachkenntnis, aber auch seinen Mut zur Schwerpunktsetzung und zur klaren Einordnung der historischen Ereignisse aus heutiger Sicht zu gratulieren. Waechter wartet zudem mit einer beeindruckenden Bibliographie und umfangreichen Fußnoten auf. Für das Personen-Register werden an einzelnen Aspekten interessierte Leser überaus dankbar sein.

Anmerkungen:
[1] Loth, Wilfried, Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert (Fischer-Taschenbücher, 10860: Geschichte), Aktualis. Ausg, Frankfurt am Main 1995 (1. Ausgabe 1987).
[2] Dies trifft auf die gesamte Reihe zu.
[3] Siehe auch: Waechter, Matthias, Der Mythos des Gaullismus. Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie 1940-1958, Wallstein Verlag, Göttingen 2006.
[4] Vielmehr habe für den Präsidenten im Mittelpunkt gestanden, dass die Wiedervereinigung nicht zu einer Verlangsamung der europäischen Einigung führen möge (S. 450).
[5] Er verweist auf einen kleinen Sammelband der Tageszeitung „Le Monde“ und bezieht die dazu existierende wissenschaftliche Auseinandersetzung aus dem englischsprachigen Raum erstaunlicherweise nicht mit ein. La France, est-elle un pays d'exception? (Monde en cours. Série Intervention, 2), La Tour d'Aigues 2002.; z.B.: Chafer, Tony / Emmanuel Godin (Hrsg), The end of the French exception? Decline and revival of the 'French model' (French politics, society and culture series), Basingstoke 2010.
[6] Meunier, Sophie, France and the Global Economic Order, in: Developments in French politics, hrsg. v. Alistair Cole / Sophie Meunier / Vincent Tiberj, Basingstoke, Hampshire 2013, 233-249.

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Published on
29.01.2021
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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