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Title
Wa(h)re Fakten. Wissenproduktion globaler Nachrichtenagenturen 1835–1939


Author(s)
Barth, Volker
Series
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft (233)
Published
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Extent
384 S.
Price
€ 65,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Christian Oggolder, Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung (CMC), Österreichische Akademie der Wissenschaften / Universität Klagenfurt

In seiner 2017 als Habilitationsschrift vorgelegten Publikation präzisiert Volker Barth gleich in den ersten beiden Sätzen Niklas Luhmanns Diktum von der medialen Konstruktion von Wirklichkeit [1], wenn er schreibt: „Nachrichtenagenturen strukturieren die Wahrnehmung der Welt. Sie bestimmen, wie wir unsere Umwelt erfahren“ (S. 9). Noch vor den Massenmedien stehen also die Nachrichtenagenturen.

Gerade in Zeiten von Lügenpresse [2] und Faktencheckern [3], in einer Umgebung, in der dem Wahren keine philosophische Dimension mehr innewohnt, sondern als etwas real Existierendes, ausschließlich empirisch Ergründbares kommuniziert wird, etwas, das man von der Imitation von Wahrheit (Fake) nur unterscheiden müsse, ist der wissenschaftliche (!) Beitrag von Volker Barth im Sinne einer ökonomisch begründeten Dekonstruktion der absoluten Setzung von Fakten äußerst bedeutsam. Dabei legt schon die Etymologie des deutschen Lehnwortes (vom Lateinischen facere) nahe, Fakten als etwas Gemachtes, etwas Konstruiertes zu begreifen.

Unter diesem Aspekt ist der Zugang von Volker Barth im Rahmen einer Geschichte der vier größten und wichtigsten Nachrichtenagenturen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – Havas, Reuters, Wolff's Telegraphisches Bureau und die Associated Press ¬– mehr als nur Unternehmensgeschichte. Schon durch den Titel weist der Autor darauf hin, dass mit Industrialisierung und Automatisierung auch Information und Wissen zur Ware und zum Produkt geworden sind. Gekaufte Fakten hatten – und haben – auch Auswirkungen auf die journalistische Praxis. Durch die Produktion von „‘objektive[n]‘“ Nachrichten als eine spezifische Form von Wissen“ trugen die Agenturen „maßgeblich zur Entstehung des journalistischen Ideals der Objektivität bei“ (S. 26). Gleichzeitig ermöglichten „Beglaubigungsstrategien“ (S. 113) wie Interviews, das Markieren von Zitaten oder die Angabe von Quellen dem Journalismus effizienteres und somit kostengünstigeres Arbeiten. Entscheidend wurden damit in erster Linie die Quellen von Informationen, die einer Prüfung unterzogen werden mussten und nicht die Inhalte der Informationen selbst. Die Glaubwürdigkeit von Informationen wurde dadurch primär von der Quelle abhängig, die konkrete Aussage spielt(e) nun auch im Hinblick auf Erkenntnisgewinn eine untergeordnete Rolle.

In neun Kapiteln bearbeitet Barth historisch chronologisch jene Bereiche, die für die Geschichte der Nachrichtenagenturen zur jeweiligen Zeit als wesentlich erkannt wurden. So misst der Autor im ersten Kapitel, das die Anfangsjahre der Nachrichtenagenturen (1835–1871) behandelt, der Telegrafie als Nachrichtentechnik eine zentrale Bedeutung im Hinblick auf die Entstehung und insbesondere für die globale Ausrichtung der Nachrichtenagenturen bei. Die beiden folgenden Zeitabschnitte widmen sich den Jahren der Etablierung des Geschäftsmodells „Nachricht“ (1871–1889) sowie der zunehmenden globalen Vernetzung (1889-1898). Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts sind gekennzeichnet durch „Kriegsnachrichten“ (1898–1903) und in der Folge von politischen Ereignissen geleitet. Wenngleich im Laufe der Lektüre die Gliederung inhaltlich schlüssig erscheint, bilden das Inhaltsverzeichnis mit den jeweiligen Kapitelüberschriften diese Schlüssigkeit nicht wirklich überzeugend ab. Zu vielfältig sind die Blicke, zu breit die Perspektive, um diese in ein historisch chronologisches Korsett zu pressen. Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen die gewählte perspektivische Breite, die im Gegenteil beeindruckend und faszinierend ist, sondern gegen den gewählten Zugang der Darstellung im Zeitverlauf. Eine weniger lineare, sondern mehr thematisch orientierte Gliederung der Inhalte wäre möglicherweise der Lektüre dienlicher.

Dieser breiten Perspektive entsprechend, kann Volker Barths Geschichte der Nachrichtenagenturen als Mediengeschichte, Wissensgeschichte aber auch als eine Geschichte globaler Vernetzung gelesen werden. Der Autor beschreibt die Rolle der Nachrichtenagenturen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zum einen als „zentrale Akteure der Globalisierung“ (S. 283), schreibt ihnen aber gleichzeitig auch eine wesentliche Bedeutung im Hinblick auf die Verbreitung und den Aufbau der damals neuen Kommunikationstechnologien wie Telegrafie und Telefon sowie der Institutionalisierung von Funkverbindungen zu.

Barth spricht in diesem Zusammenhang von einer „Formierungsphase des globalen Nachrichtenwesens“, die von diesen vier Agenturen nachhaltig geprägt wurde (S. 283). Wenngleich diese sich selbst als global agierende Unternehmen präsentierten und die globale „Erschließung und Beherrschung von (Nachrichten)Räumen durch die Agenturen“ auch als ein Teil des europäischen, US-amerikanischen und japanischen Imperialismus gesehen werden muss, waren bis weit ins 20. Jahrhundert weiterhin „große Teile der Welt nachrichtentechnisches Niemandsland“ (S. 284f). Die von Barth konstatierte symbiotische Verbindung unternehmerischer Strategien und staatlicher Machtpolitik gingen einher mit „Staatsnähe und Regimetreue“, die sich für die Agenturen „durchgängig als lukrativ“ erwiesen (S. 285).

Nichtsdestotrotz weist Barth nachdrücklich darauf hin, dass für die Agenturen weniger machtpolitische Interessen im Sinne des Kolonialismus im Vordergrund standen, sondern vielmehr ökonomische. Er belegt dies durch den Hinweis auf die zeitliche Koinzidenz von Agenturgründungen und der Entwicklung der modernen Massenpresse während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, deutlich vor der Zeit des Imperialismus.

Barth berücksichtig in seiner Geschichte der Nachrichtenagenturen nicht nur die technikgeschichtlichen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, sondern versucht ebenso geistesgeschichtliche und wissenschaftshistorische Voraussetzungen und Folgen derartiger neuer Formen von Wissensproduktion und -distribution zu reflektieren, wenn er im Fazit etwa anregt, der Frage nachzugehen, wie "Vorstellungen von objektiven Nachrichten mit der Philosophie des Positivismus oder der Herausbildung moderner Geistesgeschichte und Sozialwissenschaften zusammen[hängen]“ (S. 292f). Die Geschichte der Nachrichtenagenturen ist somit auch eine Entwicklungsgeschichte des Ideals von Objektivität, eine Geschichte des Strebens nach realistischer Weltbeschreibung und empirischer Wissenschaft – und den damit verbundenen Krisenerscheinungen.

Der historische Blick auf Nachrichtenagenturen und die schiere Fülle an Ergebnissen, die Volker Barth in der vorliegenden Publikation präsentiert, machen einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, die Geschichte von Medien und deren Wandel nicht eindimensional bzw. aus nur einer Perspektive zu betrachten. Barth beleuchtet im Rahmen seiner Geschichte der Nachrichtenagenturen auf beeindruckende Weise das Zusammenspiel von medialen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, eingebettet in die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen.

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich nicht nur um die Veröffentlichung einer akribisch gearbeiteten Studie eines erfolgreichen, jungen Wissenschaftlers, vielmehr ist sie aufgrund des traurigen, allzu frühen Todes von Volker Barth auch als sein wissenschaftliches Vermächtnis zu lesen.

Anmerkungen:
[1] Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, 5. Aufl., Wiesbaden 2017.
[2] Renate Hackel-de Latour, „Lügenpresse“!? Über den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien, in: Communicatio Socialis 48 (2015) 2, S. 123–125.
[3] Roger Blum, Fakten, Fake News und Wahrheitssuche. Wer checkt die Faktenchecker?, in: Marlies Prinzing / Bernhard Debatin / Nina Köberer (Hrsg.), Kommunikations- und Medienethik reloaded? Wegmarken für eine Orientierungssuche im Digitalen, Baden-Baden 2020, S. 251–269, https://doi.org/10.5771/9783748905158-1

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23.10.2021
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