J. Heyden u.a. (Hrsg.): Dekonstruieren und doch erzählen

Title
Dekonstruieren und doch erzählen. Polnische und andere Geschichten


Ed.
Heyde, Jürgen; Holste, Karsten; Hüchtker, Dietlind; Kleinmann, Yvonne; Steffen, Katrin
Published on
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Extent
360 S.
Price
€ 39,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Zofia Wóycicka, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften

„Geschichte ist eine Konstruktion – und doch: Geschichte muss erzählt werden!” So das Credo der HerausgeberInnen des Buches. In insgesamt 43 kurzen Essays versuchen die AutorInnen, vor allem Historiker, Literaturwissenschaftler, Ethnologen aus Deutschland und Polen, aber auch aus anderen Ländern Europas, etablierte Meisternarrative zu hinterfragen und neue Forschungsansätze und Perspektiven zu bieten. Unter den VerfasserInnen findet man sowohl arrivierte WissenschaftlerInnen, wie z.B. – um nur einige wenige Namen zu nennen – den Münchener Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel, den Warschauer Mediävisten Henryk Samsonowicz, die an der University Aberdeen arbeitende Neuzeithistorikerin Karin Friedrich oder den Zeithistoriker und Direktor des Deutschen Historischen Instituts Warschau Miloš Řezník, als auch etwas jüngere ForscherInnen, wie etwa Christine Bovermann, Jill Gossmann oder Stephan Stach.

Das Buch ist eine nur leicht getarnte Festschrift für den Hallenser Neuzeit- und Osteuropahistoriker Michael G. Müller. Deswegen wohl liegt der geographische Schwerpunkt des Bandes in Polen, bzw. im Gebiet des ehemaligen Polen-Litauens. Ein wichtiges Motiv ist auch die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte im Sinne von Klaus Zernack, also nicht die Geschichte politischer und diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern, sondern vielmehr der gegenseitigen Beeinflussung auf kultureller, wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Ebene. In dem Band findet man aber auch Texte zur Geschichte Russlands, bzw. der Sowjetunion, Tschechiens, der Europäischen Union und sogar einen Text zu den Vereinigten Staaten. Auch chronologisch haben die Beiträge eine große Spannbreite, vom Mittelalter, über die Neuzeit und Zeitgeschichte bis hin zur Gegenwart.

Die Beiträge wurden in fünf Kapitel unterteilt. Im ersten Kapitel, Erzählungen überdenken soll anhand konkreter Beispiele geprüft werden, wie bereits existierende Meistererzählungen hinterfragt und demontiert werden können. Thema des zweiten Kapitels des Bandes, Erinnerungen historisieren, ist die Erinnerungsgeschichte, also die „Geschichte zweiten Grades“ (histoire au second degré), wie es Pierre Nora nennen würde. Hier wurden Texte zusammengetragen, die anhand verschiedener Medien – Filme, Museen, Denkmäler, Dokumente – analysieren, wie öffentliche Geschichtsbilder konstruiert werden und umgekehrt, wie individuelle Erinnerungen in historische Darstellungen einfließen. Im Kapitel drei, _Wahrnehmungen kontextualisieren, soll an Fallbeispielen gezeigt werden, wie historische Zeugnisse – seien es schriftliche Dokumente, visuelle Quellen oder auch Denkmäler – aus dem Kontext der Zeit, in der sie entstanden sind, neu gelesen und interpretiert werden können. Das Kapitel Räume und Zeiten vermessen widmet sich der Frage, wie geographische Räume, historische Epochen und Begriffe im wissenschaftlichen Diskurs konstruiert werden und welchen Einfluss dies auf die Forschungsergebnisse haben kann. Schließlich werden im letzten Kapitel die Wissenschaft selbst und die Forschungspraktiken zum Objekt der Reflexion.

Anstatt alle Beiträge des Bandes kurz zu besprechen, werde ich hier nur auf einige besonders spannende Texte eingehen.

Wiederkehrende Motive vieler der im Band enthaltenen Artikel sind Ethnizität, der Prozess der Nationsbildung und die Entwicklung des nationalen Bewusstseins. Obwohl diese Texte unterschiedliche Epochen und auch geographische Räume behandeln, scheinen sie doch in einem Dialog zu stehen. So analysiert Jürgen Heyde am Beispiel der armenischen Gemeinde in Lemberg, wie sich zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert der Begriff der Ethnizität gewandelt hat. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist eine im Jahre 1440 vom polnischen König Władysław III ausgestellte Urkunde, die armenischen Kaufleuten in Lemberg gewährte, sich dem Magdeburger Recht zu unterstellen. Dieses Dokument sprengte die bis dahin existierende gesellschaftliche Ordnung, in der Religion und Ethnizität gleichgesetzt wurden und die Bürger der Stadt je nach Gruppenangehörigkeit jeweils einem eigenen Recht unterlagen. Indem sich die armenischen Kaufleute der Obhut der armenischen Selbstverwaltung entzogen, stellten sie dieses grundlegende Prinzip infrage. Dieser Prozess führte zu einer tiefen Krise der armenischen Gemeinde, die sich nun neu definieren musste. Erst Anfang des 16. Jahrhunderts, nach einer misslungenen Integration der Armenier in den „bürgerlichen Rechtsraum“ und der daraus folgenden sozialen und wirtschaftlichen Marginalisierung, gewann die armenische Gemeinde an neuer Bedeutung. Nun aber wurde die Angehörigkeit zu ihr nicht mehr als eine von außen aufgezwungene Form sozialer Organisation verstanden, sondern als ein Schutz gegen die Willkür des Stadtrates. Mit der Verabschiedung des „Armenischen Statuts“ im Jahre 1519 etablierte sich die Gemeinde von neuem unter anderen Voraussetzungen. Dieses Beispiel zeigt, dass der Begriff der Ethnie zwar schon im späten Mittelalter gebräuchlich war und auch in die Rechtssprache Eingang fand, dass sich aber seine Bedeutung im Zuge der Jahrhunderte stark wandelte, sodass man kaum von einer Kontinuität sprechen kann. Der Text ist also ein Plädoyer dafür, „Ethnizität (zumindest auch) als ein historisches Phänomen und nicht (nur) als außerhistorische Konstanze zu begreifen.“

Ethnizität und Nationsbildung sind auch die Themen des bemerkenswerten Beitrags von Hans-Jürgen Bömelburg zum „Thorner Blutgericht“ von 1724. In diesem Jahr kam es in Thorn nach der Fronleichnamsprozession zu Ausschreitungen gegen Katholiken. Daraufhin wurden neun protestantische Bürger der Stadt, darunter der Bürgermeister, von einem vom polnischen König berufenen Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Ereignisse wurden von polnischer und deutscher Seite verschiedentlich bewertet: als willkürlicher und brutaler Racheakt oder als strenge, aber doch gerechte und zumindest für die Zeit nicht unübliche Strafe für die Verhöhnung der katholischen Bevölkerungsmehrheit durch die Protestanten. Sowohl in der deutschen wie auch in der polnischen Historiographie setzte man jedoch lange die Existenz eines nationalen Bewusstseins unter der deutschsprachigen Thorner Bevölkerung als etwas Gegebenes voraus. So wurden das „Thorner Blutgericht“ und der vorhergehende Tumult als Ausdruck und Höhepunkt eines langen Prozesses der Festigung nationaler Identitäten in Königlich-Preußen gedeutet. Liest man aber die protestantischen Quellen im Kontext der Zeit, zeigt sich, so Bömelburg, dass die Ereignisse von 1724 nicht als Klimax, sondern vielmehr als Ausgangspunkt und wichtiger Faktor nationaler Polarisierung der Thorner Stadtbevölkerung und der Entstehung eines deutschen Frühnationalismus in der Region zu interpretieren seien. Die Bedeutung des „Thorner Blutgerichts“ war aber nicht so sehr dem Geschehen selbst geschuldet, sondern vielmehr der Art und Weise, wie es von den Bürgern Thorns wahrgenommen und im Nachhinein gedeutet wurde. Deshalb plädiert Bömelburg dafür, sich nicht nur auf die Ereignisgeschichte zu konzentrieren, sondern sich stärker als bisher auch auf „Wahrnehmungen, Einschätzungen und Kontexte“ einzulassen.

Spannend und zugleich politisch aktuell ist auch der Beitrag von Martin Schulze Wessel zur Identität und Loyalität im Zeitalter (neo)imperialer Politik. Ausgangspunkt für den kurzen Text ist die Aufsehen erregende Aussage Wolfgang Schäubles vom März 2014, in der der Bundesfinanzministers einen Vergleich zwischen der Annexion der Krim durch Russland und dem Anschluss Sudetendeutschlands durch das Dritte Reich 1938 wagte. Schulze Wessel fragt, inwieweit ein derartiger Vergleich zwischen der aktuellen Politik Vladimir Putins gegenüber den Russen auf der Krim und auch in Donezk und Lugansk und Hitlers Politik gegenüber den Sudetendeutschen in den 1930er Jahren historisch gerechtfertigt sei. Zwar unterstreicht der Münchener Historiker, dass die Aussage Schäubles zu Recht skandalisiert wurde, denn „pauschale Vergleiche implizieren eine Vergleichbarkeit des gesamten Kontextes, also auch der Hauptakteure und ihrer langfristigen Masterpläne“, es sei aber wissenschaftlich durchaus legitim und auch einleuchtend, „bestimmte Aspekte wie Loyalitätsstrategien zu identifizieren und dabei Unterschiede und Ähnlichkeiten herauszuarbeiten.“ Auf dieser Ebene ließen sich tatsächlich viele Parallelen zwischen der damaligen Politik NS-Deutschlands und der heutigen Politik Russlands ziehen. Wie die Autoren der oben erwähnten Texte warnt auch Schulze Wessel davor, Nationalität und Nationalbewusstsein essentialistisch zu begreifen. Nationale Identitäten und Loyalitätsgefühle sind nicht stabil, sie wandeln sich mit der Zeit und sind politisch stark beeinflussbar. So waren der sudetendeutsche Nationalismus und die Entfremdung seiner Träger dem eigenen Staat gegenüber nicht eine Voraussetzung, sondern vielmehr ein Resultat nationalsozialistischer Minderheitenpolitik. Auch auf der Krim – so Schulze Wessel – und in Teilen der Ostukraine versucht Russland zurzeit mit Erfolg, Nationalismus und Separatismus zu schüren um dies für eigene machpolitische Zwecke zu instrumentalisieren.

„Dekonstruieren und doch Erzählen“ ist keine Sammlung monografischer Studien. Es ist eine Auswahl kurzer, zum Denken anregender Essays. Allerdings bilden die Texte, trotz der nachvollziehbaren Bemühungen der HerausgeberInnen, kein kohärentes Ganzes, sie sind auch von unterschiedlichem Gewicht und variierender Qualität. Darüber hinaus hat man gerade bei den interessantesten Beiträgen am Ende der Lektüre oft ein unbefriedigendes Gefühl, da der Wunsch nach einem tieferen Einblick in die thematischen Hintergründe verwehrt bleibt.

Citation
Zofia Wóycicka: Rezension zu: Heyde, Jürgen; Holste, Karsten; Hüchtker, Dietlind; Kleinmann, Yvonne; Steffen, Katrin (Hrsg.): Dekonstruieren und doch erzählen. Polnische und andere Geschichten. Göttingen  2015 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 30.09.2016, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-25327>.
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30.09.2016
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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