M. Sikosek: Die neutrale Sprache

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Title
Die neutrale Sprache. Eine politische Geschichte des Esperanto-Weltbundes


Author(s)
Sikosek, Marcus
Published on
Bydgoszcz 2006: Skonpres
Extent
459 S.
Price
€ 36,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Martin C. Wald, Humboldt-Universität, Berlin

Eigentlich kam diese Publikation zwei Jahre zu früh: Der 100. Geburtstag des Esperanto-Weltbundes (UEA), dessen Geschichte der deutsch-holländische Historiker Marcus Sikosek (der seit seiner Hochzeit Ziko van Dijk heißt) nachzeichnet, steht erst im Jahr 2008 an. Auch wenn der Autor nicht ganz unkritisch an seine Aufgabe herantritt, liegt durchaus ein Odeur von Festschrift über der konzentrierten, streng chronologisch gegliederten verbandsgeschichtlichen Studie.

Wie könnte es auch anders sein: Sikosek ist selbst ein „samideano“, wie sich die Anhänger der Idee von der Verbreitung des Esperanto, die Esperantisten, selber nennen. Andernfalls hätte er die zum großen Teil in dieser erfolgreichsten aller Plansprachen verfassten Quellen, hauptsächlich aus dem „Esperanto“, dem Presseorgan des Weltbundes, sowie aus dem erst durch ihn erschlossenen historischen Archiv des Weltbundes in Rotterdam, nicht im erforderlichen Umfange auswerten können. So gesehen ist es erklärbar und entschuldbar, dass es sich hier auch um einen Beitrag zum historischen Gedächtnis der Sprachbewegung handelt. Gespräche mit Zeitzeugen und schriftliche Mitteilungen derselben sind für die letzten zwei Jahrzehnte der Untersuchung – sie endet mit dem Wendejahr 1989 – nämlich ein wichtiger Baustein der Arbeit.

Sikosek beschäftigt sich mit der Innenseite des Verbandslebens, mit den Vorstandsgenerationen, den Weltkongressen, dem Verhältnis zu den Konkurrenzgründungen, zu den nationalen Verbänden und zu den assoziierten Fachverbänden, sowie mit allen Problemen, die sich für die internationalistische Arbeit im Zusammenhang mit den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts ergaben. Eine nur kurze, aber unverzichtbare historische Einleitung schildert das Wirken des aus dem Völkergemisch im polnischen Bia?ystok stammenden Juden Ludwik Lejzer Zamenhof, der 1887 zum Schöpfer des Esperanto wurde. Innerhalb seiner Globalgeschichte, die ihn bis nach Brasilien, China und in die USA führt, schaut Sikosek für die Zwischenkriegszeit und für den Kalten Krieg besonders genau auf Osteuropa. Hingegen bleiben auch nach dieser Studie die Öffentlichkeitsarbeit, das Selbstverständnis und die Außenbeziehungen des Weltbundes – vor allem in der Zusammenarbeit mit nichtneutralen nicht-esperantistischen Verbänden – ein Desiderat der Forschung.

Zentrales Anliegen der Arbeit ist es zu zeigen, dass politische Beweggründe und ideologische Prägungen in den Geschicken des Weltbundes eine kleinere Rolle spielten als in der einschlägigen Forschung behauptet [1]. Als 1934 auf dem Weltkongress in Stockholm die alte Vorstandselite überraschend abgewählt wurde, war das weniger Indiz für einen „neuen Geist“ als für die sich verbreitende Auffassung, mit der richtigen Organisation und mit neuem Führungspersonal sei eine erfolgreichere Geschäftsführung möglich. Auch der unrühmliche Abgang des charismatischen Ivo Lapenna, eines ehemals kommunistischen, dann aber emigrierten Jugoslawen, seit 1955 Generalsekretär und seit 1964 Vorsitzender, war auf dem Hamburger Kongress 1974 weniger auf den Gegensatz zwischen ihm und dem neuen Konzept der „aktiven Neutralität“ als auf Unmut gegen seine eitle und autoritäre Amtsführung zurückzuführen.

Dieses Ergebnis enttäuscht vielleicht etwas, verspricht Sikosek im Titel doch gerade eine „politische Geschichte“. Und gerade die Idee, mittels der Geschichte des Weltbundes eine Neutralitätsgeschichte im Zeitalter der Extreme zu schreiben, macht ja einen Großteil des Reizes des Buches aus. Doch hier und da wird der suchende Leser fündig: Wie der Vorstoß des stellvertretenden Vorsitzenden Rousseau 1913, die Mitglieder auf eine Bekämpfung des Chauvinismus zu verpflichten und Verstöße dagegen mit dem Ausschluss zu ahnden, an dem strikten Neutralitätsgebot scheiterte; wie zu einer Zeit, als sich Faschisten und Kommunisten in Europa erbittert bekriegten, die Esperanto-Gemeinde eher durch das seit 1936 bestehende (und bis 1947 andauernde) Schisma zwischen zwei Hauptverbänden in London und in Genf in Atem gehalten wurde; wie Deutschland im selben Monat des Jahres 1955 wieder Weltverbands- und NATO-Mitglied wurde; wie der US-Verbandsvorsitzende Connor in den 50er Jahren eine Art McCarthy-Regime etablierte, das aber, wie Sikosek entsprechend seiner Hauptthese erklärt, weniger auf ideologischen Furor als auf finanzielle Interessen zurückzuführen gewesen sei; wie schließlich die wenigen unabhängigen DDR-Esperantisten am Bezug von Jahrbuch und Zeitschrift gehindert wurden. In der Arbeit fehlt hier ein roter Faden der Argumentation, was besonders bei den leicht ins Beliebige abschweifenden Ausführungen zu den Weltkongressen in Osteuropa in der Ära Lapenna auffällt.

Weiterführend sind hingegen die Vergleichsperspektiven für die beiden Weltkriege und die beiden Totalitarismen des Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg verbreitete ein „Deutscher Esperanto-Dienst“ die „Gelben Blätter“ an Esperantisten im Ausland; die teilweise feindseligen Reaktionen der Angeschriebenen wurden ungeniert (aber anonymisiert) in der Publikation „Die Wahrheit ins Ausland durch Esperanto“ abgedruckt. Hingegen war der britische Bund überhaupt nicht propagandistisch tätig – stattdessen sammelte man Geld für ein Rotkreuz-Auto. Während im Ersten Weltkrieg die internationalistische Arbeit des Weltbundes gänzlich zusammenbrach, schädigte der Zweite Weltkrieg die neutrale Esperanto-Bewegung insgesamt nicht nachhaltig. Die Weltföderation in London stand in diesen Jahren finanziell sogar außerordentlich gut da, weil sie zwar am Anfang der Jahre 1939, 1940 und 1941 Mitgliedsbeiträge kassiert hatte, dann aber nach den Besetzungen durch die Deutschen seine Publikationen nicht mehr nach Kontinentaleuropa verschicken konnte.

Hitler hatte in „Mein Kampf“ das Esperanto als kulturelle Waffe der jüdischen Welteroberung kurz erwähnt, und dementsprechend waren die letzten Esperanto-Verbände in Deutschland 1936/37 aufgelöst worden. In der Sowjetunion glaubte man zu Unrecht von Stalin, er sei selbst Esperantist. Obwohl es nicht an sozialistischen Theoretikern fehlte, die Esperanto fördern wollten, erwies sich der Widerwillen der Machthaber gegen den moralischen Ansatz, gegen das Problem einer Sprachenpolitik überhaupt und gegen drohende Nischen in der Gesellschaft, die für den Staat unzugänglich wären, in der Realität zunächst als stärker. Erst nach Stalins Tod sahen die Regimes im Esperanto eine Möglichkeit des Prestigegewinns im Westen; die bestbesuchten Weltkongresse fanden dann in Ostmitteleuropa statt.

Zwei große Themenkomplexe durchziehen die Jahre 1908 bis 1989 ohne Unterbrechung: die Dichotomien von Weltverband und nationalen Verbänden einerseits und zwischen dem Engagement für den „Homaranismo“ (wie Zamenhof seine pazifistische Menschheitslehre nannte) und der strikten Neutralität andererseits. Wenigstens bis zum Ende des „Schisma“ waren beide Probleme noch eng verflochten, weil der UEA eher den idealistischen und die nationalen Verbände eher den pragmatischen Flügel repräsentierten. Für ein internationales NGO war die bis heute durchgehaltene Doppelstruktur ziemlich einmalig, nach welcher jeder einzelne (seit 1934) entweder „individuelles“ Mitglied der UEA oder „angeschlossenes“ Mitglied eines Landesverbandes wurde, mit unterschiedlichen Möglichkeiten, als A-, B- oder C-Delegierter in das „Komitato“ zu gelangen und dort zur politischen Willensbildung der Bewegung beizutragen. Mit dem Aufkommen der totalitären Regime in Europa stellte sich ferner die Frage, wie mit Landesverbänden umzugehen sei, die dem Neutralitätsgebot nicht folgen konnten oder wollten. Nur zweimal wurden Landesverbände tatsächlich ausgeschlossen, ansonsten nahm der Weltbund vieles hin und trug der Teilung der Welt 1949 durch die Formulierung Rechnung, jeder Einzelverband dürfe in seiner Satzung dem Begriff von Neutralität folgen, der in seinem Land gelte. 1980 verpflichtete die neue UEA-Satzung noch elastischer nur auf die Respektierung von Zielen und Neutralität des Weltbundes. Ein Landesverband musste lediglich „den Bürgern des Landes weit geöffnet sein“ (Art. 13). Gleichzeitig wurde das „Sprachenproblem in internationalen Beziehungen“ erstmals satzungsgemäß aus der Neutralitätspflicht des Weltbundes herausgenommen.

Sikoseks niederländische Dissertation ist als Standardwerk zu diesem Spezialthema zu gebrauchen. Leider erfährt man sehr wenig über gelebte Kultur und historische Bedeutung des Esperanto. Aber das Thema war ja auch nicht die Geschichte der Bewegung, sondern ihres Weltverbandes.

Anmerkung:
[1] Forster, Peter Glover, The Esperanto Movement, Den Haag 1982; Lins, Ulrich, Die gefährliche Sprache. Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin, Gerlingen 1988.

Citation
Martin C. Wald: Rezension zu: : Die neutrale Sprache. Eine politische Geschichte des Esperanto-Weltbundes. Bydgoszcz  2006 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 12.10.2007, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-9044>.
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12.10.2007
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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