M. Reinkowski u. a. (Hrsg.): Helpless Imperialists

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Malte Fuhrmann, Türkisch-Deutsche Universität, Istanbul

Nachdem sich die Forschung zu Imperialismus und Kolonialismus bis Ende der 1980er-Jahre meist auf die Großmachtkonkurrenz und weltwirtschaftliche Dynamiken konzentriert hatte, kam es zu einer deutlichen Erweiterung der Thematik, die nun ausgehend von den Anregungen Frantz Fanons, Edward Saids oder Michel Foucaults nationale, rassische oder geschlechtliche Identitätsbildung, moderne Herrschaftstechniken und die Verstrickung von Kunst und Wissenschaft umfasste. Auf diese Konjunktur, die die Bedeutung der europäischen Expansion für die Moderne betonte, folgte eine spätere Welle der Ermahnung, den Kolonialismus nicht überzubetonen, sondern als Teil einer vielseitigen Erfahrung der Welt des 19. Jahrhunderts zu relativieren.[1] Angesichts der Fülle der Publikationen äußern viele Rezensent/innen eine gewisse Skepsis, ob neue Themenbänden zu Kolonialismus/Imperialismus unbedingt notwendig sind.[2]

Die Herausgeber des vorliegenden Bandes, Maurus Reinkowksi und Gregor Thum, meiden diese gängigen Generaldebatten und konzentrieren sich auf einen Aspekt, der ihrer Meinung nach nicht genügend Beachtung gefunden hat: das Phänomen der „hilflosen“ oder „glücklosen Imperialisten“ (helpless/hapless imperialists). Während der Gedanke der europäischen Zivilisierungsmissionen und die militärischen, wirtschaftlichen und bürokratischen Herrschaftsmethoden sicherlich die Grundlage für Europas Dominanz des Globus im 19. Jahrhundert boten, führten sie anderseits dazu, dass dort, wo Anspruch und Durchsetzung dieser Ideologien und Praktiken am Weitesten auseinanderklafften, erheblicher Druck auf die Akteure (Akteurinnen sind hier nur am Rande Thema) entstand, der sich in psychischen Problemen der Verantwortungsträger, Gewaltexzessen gegen die Untertanen, einer glücklosen Suche nach Systemkompromissen mit den Beherrschten oder auch im kompletten Systemversagen niederschlagen konnte.

Die Fallbeispiele nennen zahlreiche unterschiedliche Konstellationen, in denen „hilflose Imperialisten“ aktenkundig oder Gegenstand der öffentlichen Debatte wurden. So weist Jaine Chemmachery sie als häufiges Sujet in der Literatur Rudyard Kiplings und Somerset Maughams nach. Trotz Kiplings Ruf als literarischer Prediger der weißen Überlegenheit findet Chemmachery bei ihm und Maugham zahlreiche Stellen, in denen Akteure des Kolonialismus durch Einsamkeit, Angst und Wahnsinn geprägt sind. Die Autorin schließt hieraus, dass in diesem Genre der koloniale Raum ein Ort der Verwirrung darstellt, in dem Grenzen und Regeln ins Wanken geraten und in dem letztendlich die der modernen Welt inhärenten Spannungen thematisiert werden. Sandra Maß nähert sich dem Thema „Tropenkoller“ vor allem über die Diskussion in tropenmedizinischen Kreisen vom späten 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts und stellt die These auf, dass dieser Topos im Kontext des „Inneren Afrikas“ (Jean Paul), also der Überschneidung zwischen bedrohlicher Fremde und bedrohlichem eigenen Unterbewusstsein, zu verstehen ist. Das vom medizinischen Establishment nie mehrheitlich akzeptierte Krankenbild diente dazu, durch negative Abgrenzung die Figur des europäischen männlichen rationalen Imperialisten zu retten. Eva Bischoff, die sich mit der Schilderung des „Tropenkollers“ in der breiteren medialen Debatte auseinandersetzt, betont hingegen, dass seine wesentliche Funktion die Individualisierung und Pathologisierung der inhärenten Gewalt des Kolonialismus sei; entsprechend sieht sie den Topos des „hilflosen Imperialisten“ kritisch.

Neben diesen drei spannenden Kapiteln mit diskursanalytischem Zugang, die sich den klassischen Schauplätzen des Kolonialismus Indien und Afrika widmen, stehen drei ebenfalls höchst anregende Fallstudien, die sich mit Orten auseinandersetzen, die trotz der einschlägigen Forschung der letzten Jahre noch immer als exotisch in Kolonialismusdebatten gelten – die reichsdeutschen Ostprovinzen, das späte Osmanische Reich und das sowjetische Zentralasien. Gregor Thum behandelt die Versuche des Kaiserreichs und Preußens, in Regierungsbezirken wie Posen, Oppeln und Bromberg eine deutsche nationale Hegemonie zulasten der polnischsprachigen Bevölkerung zu etablieren. Obwohl dieser Konflikt an sich aus der Eigendynamik des Nationalstaats mit seinem Ideal der homogenen Bevölkerung entstand, überzeugt letztlich Thums Diskussion des Phänomens im Rahmen der „hilflosen Imperialisten“, da er auf die Rückwirkung des Diskurses über die wilhelminischen Überseekolonien auf den innerpreußischen Konflikt verweist. Gerade da preußische Polinnen und Polen anders als die Bevölkerung Kameruns oder Togos auf (wenn auch eingeschränkte) Rechte auf Eigentum, rechtsstaatliche Verfahren und parlamentarische Repräsentanz zurückgreifen konnten, vermochten sie sich erfolgreich gegen die Germanisierung durch die Königliche Ansiedlungskommission zu wehren. Während der wilhelminische Staat nach dem Scheitern der Siedlungspolitik zunächst lediglich auf eine aufwendig inszenierte, aber inhaltsleere (hilflose) Kulturpolitik im Osten zurückgriff, reagierte die deutsche rechte Szene mit einer zunehmend aggressiveren Rhetorik der Gleichsetzung der polnischen Bevölkerung mit den Kolonialuntertanen, und forderte schließlich die Aberkennung ihrer Bürgerrechte. Diese Rhetorik bildete laut Thum eine Voraussetzung für die Radikalisierung im deutschen Verhältnis zu Polen im 20. Jahrhundert.

Im Gegensatz betont Maurus Reinkowski im osmanischen Fall nicht so sehr die unglückliche Koppelung von Nationalstaat- und Imperialanspruch als Grundlage für die menschenverachtende Gewalt des 20. Jahrhunderts, sondern die Modernisierung des osmanischen imperialen Ordnungsprinzips gekoppelt mit der Unfähigkeit, dieses durchzusetzen. Während die herkömmliche Historiographie den Versuch des Osmanischen Reichs, sich während der Tanzimat-Ära (wörtlich etwa „Neuordnung“, 1839–1876) zu reformieren, meist positiv einschätzt [3], beurteilt Reinkowski die Reformperiode kritisch, da sie die Aufgabe des Osmanischen Staats nicht länger nach dem klassischen Prinzip einer zyklischen Wiederherstellung von Ordnung nach temporärer Unordnung definierte, sondern eine permanente Ordnung herzustellen versuchte. Dieser aggressivere Anspruch verprellte jedoch die Unterstützung von an sich loyalen, aber an ein hohes Maß an Freiheit gewöhnten Untertanen in den Randgebieten; gleichzeitig verfügte der Staat nicht über die Mittel, eine reichsweite permanente Ordnung zu etablieren. Deshalb beschleunigte das Tanzimat nur die zentrifugalen Kräfte und vergrößerte die Lücke zwischen osmanischem Geltungsanspruch und Machtverhältnissen. Dies wiederum trug zur Frustration und schließlich zur Radikalisierung der Generation bei, die um 1900 als militärische oder zivile Verantwortliche in den Provinzen Dienst versahen und zur Zeit um den Ersten Weltkrieg in Schlüsselstellungen in der Regierung oder im Militär aufgerückt waren.

Ein weiteres beeindruckendes Beispiel für die Wechselwirkung zwischen „hilflosen Imperialisten“ vor Ort und der mangelnden Funktionalität des imperialen Systems bietet die Studie von Botakoz Kassymbekova und Christian Teichmann. Laut ihnen weist die Entsendung europäischer Funktionäre zur Etablierung moderner Strukturen in Zentralasien während der 1920er- und 1930er-Jahre trotz der sowjetischen antikolonialen Rhetorik die typischen Züge des europäischen Sendungsbewusstseins auf. Jedoch bedeuteten die Distanz der örtlichen Bevölkerung und vor allem die unzureichende Ausstattung der Stellen für entsandte Verwaltungsspezialisten, Ingenieure und Arbeiter erhebliche Belastungen, die zu Fluchtversuchen, Gewaltexzessen oder Suizid durch die Entsandten aus dem Westen der Sowjetunion führen konnten. Als ab den 1930er-Jahren Moskau eine vollkommen unrealistische Steigerung der Baumwollproduktion verlangte, führte dies nicht nur zu maßlosen Repressionen durch die entsandten Experten gegenüber der Landbevölkerung, wenn diese weiterhin Grundnahrungsmittel anbaute oder die Normen nicht erfüllte, sondern auch zu Verhaftungen und Hinrichtungen unter den Funktionären, da ihr Versagen nicht als Systemfehler, sondern gemäß der aus den Zeiten des kommunistischen Untergrunds stammenden Logik als persönlicher Verrat an den Idealen der Sowjetunion gewertet wurde.

Die beiden vergleichenden Beiträge von Jörn Leonhard und Martin Shipway, von denen ersterer versucht, Transfers von nationalstaatlichen Herrschaftspraktiken auf Imperien zu identifizieren und letzterer die gescheiterten Strategien schildert, nach der japanischen Besatzung 1945 die lokale Bevölkerung in Südostasien wieder an die respektiven Kolonialmächte zu binden, haben hingegen nur losen Bezug zum thematischen Fokus.

Insgesamt schafft es „Helpless Imperialists“, jenseits der ausgetretenen Debatten über Kolonialismus und Imperialismus eine interessante Diskussion anzuregen, die sowohl für das Feld als Ganzes relevant ist als auch bezüglich der jeweiligen Regionen neue Anregungen bietet. Neben der weitgehenden Stringenz des Bandes ist vor allem die gelungene Verflechtung zwischen Akteurs- und Systemebene besonders bemerkenswert. Insofern ist das Buch trotz der bescheidenen Selbsteinstufung der Herausgeber durchaus ein Beitrag zur Fortentwicklung der Theorien zu Imperialismus und Kolonialismus.

Anmerkungen:
[1] Unter vielen anderen: Jürgen Osterhammel / Sebastian Conrad, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914, Göttingen 2004, S. 7–27; Birthe Kundrus, German Colonialism: Some Reflections on Reassessments, Specificities, and Constellations, in: Volker Langbehn / Mohammad Salawa (Hrsg.), German Colonialism. Race, the Holocaust, and Postwar Germany, New York 2011, S. 29–47.
[2] Beispielsweise Jonas Kreienbaum: Rezension zu: Langbehn, Volker; Salama, Mohammad (Hrsg.): German Colonialism. Race, the Holocaust, and Postwar Germany. New York 2011, in: H-Soz-u-Kult, 09.12.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-Berlin.de/rezensionen/id=15862> (21.07.2014).
[3] Für eine Historiographie der Tanzimat-Rezeption siehe Bülent Özdemir, Ottoman Reforms and Social Change. Reflections from Salonica 1830–1850, Istanbul 2003, 21–51.