D. Rodogno u.a. (Hrsg.): Shaping the Transnational Sphere

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Christopher Landes, Tübingen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung von Expertenwissen rasant zu. Sozial- und Rechtswissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Beamte, Pädagogen und viele andere Spezialisten schlossen sich zu „epistemischen Gemeinschaften“ zusammen, um über die Herausforderungen der Industriegesellschaft zu beraten und soziale Reformen anzustoßen. Auch wenn das Betätigungsfeld dieser Akteure meistens auf die lokale oder nationale Ebene begrenzt war, haben die Projekte der Sozialreformbewegungen eine spezifische transnationale Dimension. Der Besuch internationaler Kongresse und Ausstellungen, die grenzübergreifende Verbreitung von Fachpublikationen und die Durchführung von Studienreisen gehörten zum Handlungsrepertoire der hier untersuchten Expertenkreise. Sie bewegten sich in einer „transnational sphere as the space where encounters across national borders took place“ (S. 2).

Der Sammelband erweist der Forschung zu Sozialreformbewegungen einen großen Dienst. Wie alle beitragenden Autoren zu Recht feststellen, gab es bislang in den angesprochenen Bereichen keine Falluntersuchungen, die einen konsequenten transnationalen Ansatz verfolgen. Mehr noch als bei der vielzitierten Studie von Daniel Rodgers, bei der vor allem die internationalen Einflüsse in amerikanischen Expertengruppen im Vordergrund stehen, wird in den Beträgen deutlich, dass es sich bei der Entstehung und Entwicklung von Expertise um eine grenzüberschreitend vernetzte und eine sich gegenseitig anstoßende Dynamik handelte.[1]

Die von den Herausgebern Davide Rodogno, Bernhard Struck und Jakob Vogel verfasste Einleitung umreißt die Eckpunkte der transnationalen Geschichtsschreibung. Der Leitbegriff „shaping“ soll auf „changing configurations and dynamics“ (S. 5) hindeuten. In vorsichtiger Abgrenzung von der Idee einer „global civil society“ (S. 3) loten die Autoren eine auf unterschiedlichen (lokalen, nationalen und internationalen) Ebenen anzusiedelnde „transnationale Sphäre“ aus. In ihr würden Nationalstaaten, internationale und zwischenstaatliche Organisationen sowie grenzüberschreitende Expertennetzwerke koexistieren. Das Verhältnis zwischen transnationalen Verflechtungen und gleichzeitig ablaufenden Prozessen der Nationalstaatsbildung und Nationalisierung wird in den einzelnen Beiträgen immer wieder aufgegriffen und als nur vermeintlich widersprüchlich entschlüsselt.

Die Artikel sind gut in die Forschungsdebatten eingebunden, ohne dass daraus eine theoretische Engführung resultieren würde. Als konzeptuelles Rüstzeug werden unter anderem die Arbeiten von Madelaine Herren, Michael Werner und Bénédicte Zimmermann sowie Akira Iriye herangezogen und kritisch überdacht.[2] Auf Pierre-Yves Saunier wird am häufigsten Bezug genommen. Seine Konzeption der „zirkulierenden Regime“ ist als methodischer roter Faden erkennbar.[3] In der Einleitung werden die Beiträge zunächst drei „transnational Chronologies“ (1840–1870, 1880–1914 und 1914/18 bis in die 1930er-Jahre, S. 7ff.) zugeordnet. Die eigentliche Gliederung des Buches folgt dann allerdings nicht dieser chronologischen, sondern der themenbezogenen Einteilung, die der Untertitel des Bandes bereits vorwegnimmt: „Experts, Networks and Issues“. Tatsächlich werden diese drei thematischen Schwerpunkte jedoch in allen Beiträgen gleichermaßen ausgewogen behandelt, so dass es überzeugender gewesen wäre, die chronologische Einteilung beizubehalten.

Die einzelnen Beiträge beleuchten ein breites Spektrum international vernetzter Expertengruppen. Vincent Viaenes verdeutlicht, dass zu ihnen keineswegs nur bürgerliche Sozialreformer zu zählen sind. Am Beispiel der Gefängnisreformbewegung wird veranschaulicht, wie die katholischen Internationalisten in fruchtbarer Interaktion mit säkularen Expertengemeinschaften standen. Gleichzeitig sei der Konflikt zwischen „professionalism“ und „proselytism“ ein Grundelement geblieben, durch welches diese Internationalisten sich von denen anderer epistemischer Gemeinschaften unterscheiden würden. Der von Stéphane Frioux untersuchte Fall der Sanitärtechniker, die sich mit der Einrichtung von Sanitär- und Abwasseranlagen in französischen Städten beschäftigten, illustriert, dass eine Stoßrichtung der internationalen Beziehungen darin bestand, Handlungsbedarf aufzuzeigen und den Modernisierungsdruck zu verstärken.

Julia Moses nähert sich in ihrer Untersuchung den transnationalen Beziehungen unter denjenigen regierungsnahen Expertenkreisen, die sich um die Jahrhundertwende mit der Prävention von Unfällen am Arbeitsplatz beschäftigten. Unter ganz anderen Vorzeichen konnten sich Spezialistenvereinigungen der 1920er-Jahre entwickeln. Institutionell eingebunden in den Völkerbund vermochte das von Dominique Marshall untersuchte „Child Welfare Committee“ unterschiedliche Strömungen und Traditionen des Kinder- und Jugendschutzes zusammenzuführen. Geschäftsleute, Philanthropen, Sozialarbeiter und Beamte verfolgten dabei ein gemeinsames Ziel: die Internationalisierung ihrer Aktivitäten.

Sauniers Konzept der „zirkulierenden Regime“ findet sich auch in der Untersuchung Chris Leonards und Nico Randeraads über sozialreformerische Expertennetzwerke in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Typisch für diese frühe Phase transnationaler Vernetzung seien der „enzyklopädische Charakter“ und die fehlende politische Macht der Akteure. Die internationalen Aktivitäten konnten bei der Bekämpfung der Kinderarbeit zwar durchaus legislatorische Erfolge erzielen, allerdings erst mit zeitlicher Verzögerung und unter dem Vorzeichen des sich ausbreitenden staatsinterventionistischen Modells.

Ebenfalls eine frühe Form transnationaler Interessenvereinigung ist die von Christian Müller untersuchte „International Social Science Association“. Sie sei als Bindeglied zwischen den Friedens- und philanthropischen Kongressen der späten 1840er- und 1850er-Jahre sowie den Friedensbewegungen und den Netzwerken der Rechtsexperten der späten 1860er- und 1870er-Jahre zu verstehen. Auch die folgenden beiden Aufsätze behandeln philanthropische Netzwerke. Tobias Brinkmann zeigt in seinem Beitrag über transnationale jüdische Philanthropie, wie auf beiden Seiten des Atlantiks Hilfs- und Fürsorgestrukturen für jüdische Migranten aufgebaut wurden und sich zu einem legitimen und zunehmend auch unverzichtbaren Sozialpartner der Nationalstaaten entwickelten. Der Grund für den Erfolg der „Carnegie Endowment for International Peace“ ist nach Katharina Rietzlers weniger in der Größe der Stiftung zu suchen als vielmehr in der Fähigkeit ihrer Protagonisten, sich mittels persönlicher Kontakte grenzüberschreitend zu vernetzen.

Die auf den langen Zeitraum zwischen 1820 und 1950 ausgerichtete Untersuchung Marina Henzes zur Gefängnisreformbewegung verdeutlicht, dass „grenzüberschreitende Prozesse anderen Raum- und Zeitkonzepten als die Geschichte der Nation“ folgen.[4] In diesem wie auch in folgenden Beitrag wird außerdem betont, dass Expertengemeinschaften des 19. Jahrhunderts elitäre und exklusive Gebilde waren. Damiano Matasci legt dar, wie Bildungsexperten aus diesem Selbstverständnis heraus eine dezidiert transnationale Kultur der Schulbildung propagiert und gepflegt hätten. Es wird hervorgehoben, dass das „principle of universalization“ (S. 230), wie von Professoren, Pädagogen und Lehrern beschworen, zur Entwicklung eines gemeinsamen Reformverständnisses geführt und die nationalstaatliche Bildungspolitik an vielen Stellen beeinflusst hätte.

Die Kontinuitätslinien und das komplexe Zusammenspiel zwischen Nichtregierungs- und Regierungsorganisationen, zwischen transnationalen und internationalen Logiken und zwischen nationalen Gesellschaften und internationalen Organisationen stehen bei Sandrine Kotts Beitrat zur Geschichte der „International Association for Labour Legislation“ und der „International Labour Organization“ im Vordergrund. Der letzte Beitrag ist von Davide Rodogno, Francesca Piana und Shaloma Gauthier. Er behandelt internationale Hilfsprogramme und Hilfsorganisationen in Polen in den Krisenjahren 1918–1922. Internationale Organisationen und transnational vernetzte Expertennetzwerke werden hier erneut unter Rückgriff auf Saunier als „Konfigurationen“ enttarnt, die – unter amerikanischer Dominanz – starken Einfluss auf die Bildung nationaler Institutionen ausübten.

Man kann festhalten, dass der Sammelband ein gelungener Beitrag zur transnationalen Geschichtsschreibung auf dem Gebiet der epistemischen Gemeinschaften und der Sozialreformbewegungen ist. Künftigen Forschenden wird die umfangreiche und vom Geist der internationalen Zusammenarbeit durchdrungene Bibliographie ebenso nützlich sein wie die gut geschriebenen, knappen Darstellungen, deren Qualität und Plausibilität trotz stark kondensierter Form hoch ist. Einer möglichen Gefahr der transnationalen Geschichtsschreibung – sich einen Gegenstand selbst zu erschaffen und ihn argumentativ zu umkreisen – wird durch eine Vielzahl anschaulicher Beispiele und „hard facts“ entgegnet. Konkrete Rückwirkungen werden ebenso dargestellt wie die Grenzen grenzüberschreitender Kooperationsabsichten. Die Kernaussage bleibt dabei griffig: Transnationale Prozesse sind inhärenter Bestandteil epistemischer Gemeinschaften. Sie gilt es, in der Forschung zur Sozialreform in Betracht zu ziehen, ohne sie einseitig überzubewerten oder determinierende und beeinflussende Parameter wie die Nationalstaaten außer Acht zu lassen.

Anmerkungen:
[1] Daniel T. Rodgers, Atlantiküberquerungen. Die Politik der Sozialreform, 1870–1945, Stuttgart 2010.
[2] Madeleine Herren, Internationale Organisationen seit 1865. Eine Globalgeschichte der internationalen Ordnung, Darmstadt 2009; Akira Iriye, Global Community: The Role of International Organizations in the Making of the Contemporary World, Berkeley 2002; Dies. / Pierre-Yves Saunier, The Palgrave Dictionary of Transnational History. From the Mid-19th Century to the Present Day, Basingstoke 2009; Michael Werner / Bénédicte Zimmermann, Beyond Comparision. Histoire croisée and the Challenge of Reflexivity, History and Theory 45 (2006), S. 30–50.
[3] Pierre-Yves Saunier, Circulations, connexions et espaces transnationaux, Genèses 57 (4) (2004), S. 110–126; Ders., Trajectoires, projets et ingéniérie de la convergence et de la différence. les régimes circulatoires du domaine social 1800–1940, in: Genèses 71 (2) (2008), S. 4–25.
[4] Herren, Internationale Organisationen, S. 4.

Editors Information
Published on
n.a.
Classification
Temporal Classification
Regional Classification
Subject - Topic
Additional Informations