: Das Britische Empire. Geschichte eines Weltreichs. München 2008: C.H. Beck Verlag , ISBN 978-3-406-57073-5, 367 S. € 24,90.

: The British Empire. Themes and Perspectives. Malden, MA/Oxford 2008: Wiley-Blackwell , ISBN 978-1405125345, 355 S. € 19,99.

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Torsten Loschke, Global and European Studies Institute i.G., Universität Leipzig

Der Boom der Literatur zur Imperialgeschichte der Neuzeit scheint ungebrochen. In Zeiten verstärkter Aufmerksamkeit für Globalisierungsprozesse in Geschichte und Gegenwart und unter dem Eindruck der sich wandelnden politischen Weltordnung am Beginn des 21. Jahrhunderts ist insbesondere das Britische Weltreich wieder in den Blickpunkt des Interesses der Geschichtswissenschaft gerückt. Während in den letzten Jahren eine Vielzahl von Arbeiten erschien, die einzelne thematische Aspekte seiner Geschichte beleuchten, gibt es nur wenige Gesamtdarstellungen zum British Empire.[1] Mit Peter Wende legt nun einer der wichtigsten deutschen Großbritannien-Historiker seine Deutung der Geschichte des Weltreiches vor. Im Werk Wendes, der zunächst 1985 eine Geschichte Englands sowie im Jahr 2001 eine Geschichte Großbritanniens verfasste und sich nun dem ganzen weltumspannenden Imperium der Briten zuwendet, lässt sich eine globalgeschichtliche Perspektiverweiterung beobachten, die symbolhaft für die Entwicklung der deutschsprachigen Großbritannien-Geschichtsschreibung insgesamt steht.[2] Während in den 1970er- und 1980er-Jahren vor allem die sozial- und politikgeschichtliche Analyse der politischen und industriellen Revolution in England im Zentrum der Historiographie stand, haben etwa die Diskussion über Globalgeschichte und Postkolonialismus in den vergangenen Jahren den Blick auf neue Themen gelenkt und gezeigt, dass englische bzw. britische Geschichte nicht losgelöst von ihrem globalen und imperialen Zusammenhang geschrieben und erklärt werden kann.

Vor diesem Kontext breitet Peter Wende eine gelungene und ausgewogene Gesamtdarstellung aus, die die neuere Literatur synthetisiert und die Geschichte des Empire für einen breiten, historisch interessierten Leserkreis aufbereitet. Der Autor verzichtet auf das Verfechten einer starken These, betont aber die Bedeutung seines Gegenstandes für heutige Leser und die zentrale Rolle des British Empire innerhalb der Globalgeschichte: „Wer in dieser Welt Orientierung sucht, ist auf die Geschichte ihrer Entstehung verwiesen, die nicht von der Geschichte des Britischen Empire getrennt werden kann.“ (S. 11)

In einer kurzen Vorgeschichte umreißt Wende zunächst den zögerlichen Beginn englischer Handels- und Siedlungsaktivitäten jenseits Europas im Kontext der europäischen Expansion des 15 und 16. Jahrhunderts. Der erste Hauptteil erzählt anschließend die Geschichte des „Älteren Empire“ von der ersten dauerhaften Kolonisierung in Nordamerika bis zur Krise des Imperiums nach Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges 1783. Wende sieht das Reich in dieser Phase durch die Dimensionen Kolonien, Schifffahrt und Seemacht und vor allem Handel gekennzeichnet und verortet den Aufstieg zur politischen, wirtschaftlichen und militärischen Weltmacht im hundertjährigen, global geführten Krieg gegen Frankreich zwischen 1689 und 1815. Die drei genannten Dimensionen bestimmen ebenso, wenn auch mit anderer Gewichtung, Wendes Verständnis und Darstellung der Geschichte des „klassischen Empire“ zwischen 1784 und 1914 im zweiten Hauptteil und werden ergänzt durch die neue Bedeutung der globalen (christlichen, zivilisatorischen, kulturellen) Mission der Briten und das wachsende Empire-Bewusstsein der britischen Öffentlichkeit. Gegenstand eines dritten Abschnitts sind schließlich die Epoche des dauerhaften Krisenmanagements zwischen 1914 und 1945, die Phase der Dekolonisierung sowie die parallel ablaufende Transformation des Empire zum Commonwealth. In einem bilanzierenden Schlusskapitel versucht Wende den Ort des British Empire in der Weltgeschichte zu bestimmen und, insbesondere im Vergleich mit dem Römischen Reich, Besonderheiten seiner Geschichte herauszuarbeiten. Die Welt sei vor allem durch die politischen Grenzen und Systeme sowie die Migrationsströme des Empire geprägt worden, wohingegen sich die Rückwirkung der imperialen Erfahrung auf Großbritannien in der Identitätsstiftung und der Lebensführung zeige. Im Gegensatz zu anderen Imperien sei Großbritannien aber weniger ein Weltreich „gewesen“, vielmehr habe es lediglich ein Weltreich „besessen“. Dies werde einerseits deutlich durch den andauernden Status Großbritanniens als politische, militärische und finanzielle Großmacht auch nach Untergang des Empire, andererseits in der nie überwundenen Differenz zwischen Metropole und kolonialen Peripherien (S. 327). Wobei hier zu fragen wäre, ob Wende übersieht, dass gerade diese Differenz ein wesentliches Merkmal aller Imperien ist. Zum Schluss beleuchtet der Autor unter Verweis auf mehrere Forschungskontroversen die Schwierigkeiten und Dimensionen einer Bewertung der Geschichte des Britischen Empire nach Gewinn und Verlust und betont, dass die Komplexität des Gegenstandes ein Pauschalurteil verbiete. Doch ist ein solches Werturteil überhaupt sinnvoll und notwendig?

Wende unterstreicht mehrmals die räumliche und strukturelle Vielgestaltigkeit wie auch den ständigen Wandel des britischen Imperiums im Laufe der Jahrhunderte. Auch wenn er dies im Rahmen einer Gesamtdarstellung natürlich nicht vollständig abbilden kann, versucht er mit Abschnitten zu den jeweiligen Schwerpunktregionen des Reiches wie Nordamerika (17. und 18. Jahrhundert) sowie den Dominions, Indien, Afrika und dem Nahen Osten (19. und 20. Jahrhundert) der imperialen Vielfalt gerecht zu werden. Trotzdem behält der Autor immer den Blick auf das Gesamtreich bei und verfolgt die Imperialgeschichte meist aus Perspektive der englischen Metropole. In den zahlreichen Zitaten kommen leider fast ausschließlich die Vertreter der politischen Elite Großbritanniens und der Peripherien zu Wort. Der Autor bekennt, dass die Fülle allein der neueren Literatur zur Geschichte des Empire eine komplette Bestandsaufnahme und eine Berücksichtigung aller thematischen Aspekte unmöglich mache (S. 12). Obwohl die Darstellung recht ausgewogen ist, liegen die Schwerpunkte des Buches auf den Bereichen Politik-, Wirtschafts- sowie Rechts- und Verfassungsgeschichte. Zur Sprache kommen aber auch Themen wie Migration, Mission oder die wissenschaftliche Erfassung des imperialen Raumes. Trotzdem ist die Integration neuerer postkolonialer Perspektiven insgesamt etwas kurz geraten. Zudem verzichtet Wende (mit Ausnahme des Schlusskapitels) weitgehend auf die Darstellung historiographischer Positionen und Debatten. Das Buch zeichnet sich durch eine klare Sprache und einen gut lesbaren, narrativen Stil aus, der gleichwohl von analysierenden und zusammenfassenden Passagen unterbrochen wird. Zugleich ist das Werk außerordentlich informationsgeladen, der Autor scheut weder Zahlen noch Namen und gibt damit dem Leser die nötige Orientierung und Anschaulichkeit. Mehrere übersichtliche Karten, ein kommentiertes, knapp gehaltenes Literaturverzeichnis, eine Zeittafel sowie ein Verzeichnis der verschiedenen Kolonien, Protektorate und Dominions des Imperiums runden den Band hilfreich ab und machen ihn zu einem gelungenen Überblickswerk zur Geschichte des britischen Weltreichs.

Um sich tiefer gehend zu einzelnen Themenbereichen der Geschichte des British Empire sowie zur Entwicklung der Imperialhistoriographie zu informieren, ist ein Rückgriff auf die vielfältige, vor allem angelsächsische Spezialliteratur unumgänglich. Orientierung kann dabei der gleichfalls neu erschienene Sammelband von Sarah Stockwell bieten. Dieses Werk enthält keine Aufsehen erregenden, neuen Erkenntnisse zum Verständnis der Geschichte des britischen Imperiums. Vielmehr führen darin ausgewiesene Experten der britischen Imperialgeschichte in zentrale Problembereiche ein und geben einen Überblick über den jeweiligen Forschungsstand. Die Herausgeberin schreibt, dass ein solcher „Companion“ für Studierende und Wissenschaftler notwendig geworden sei, weil der Aufschwung der Imperialhistoriographie in den letzten Jahren zu einer Vervielfachung der Perspektiven und Debatten und damit zu einer Unübersichtlichkeit geführt habe, die nicht zuletzt Kontinuitäten zwischen etablierten Feldern der Geschichtsschreibung und neuen Zugängen verdecke (S. 12). Wie Peter Wende ist Sarah Stockwell von der zentralen Bedeutung des British Empire für die Geschichte der modernen Welt überzeugt. Sie fügt hinzu, dass aus diesem Grund die Erforschung britischer Imperialhistorie einen Eigenwert habe und nicht angewiesen sei auf die Bezugnahme zur gegenwärtigen Globalisierungsdiskussion oder historiographische Tendenzen, Lokal- oder Globalgeschichten aus der Perspektive von Imperialgeschichte zu lesen (S. 11ff.).

Der Band vereint erfreulicherweise sowohl klassische Forschungsfelder als auch neuere, vor allem sozial- und kulturgeschichtliche Themen. John Darwin gibt einen souveränen Überblick über die strukturelle Vielfalt und den Wandel des Empire im Verlauf seiner Existenz, während Sarah Stockwell das derzeit überaus vitale Feld der Forschungen zur Dekolonisation beleuchtet. Die Beiträge zur Politik- und Wirtschaftsgeschichte machen deutlich, dass Imperialgeschichte trotz des Aufschwungs der Kulturgeschichte nicht ohne diese Dimensionen verstanden werden kann. Der „Staat“ sei in der britischen Imperialhistoriographie zwar oft allgegenwärtig gewesen, jedoch selten Gegenstand systematischer Reflektion geworden, kritisiert Andrew Thompson. Er untersucht im Folgenden den Einfluss der imperialen Dimension auf die verschiedenen Ausprägungen von britischer Staatlichkeit vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, zeigt aber auch, wie der Staat zur Projektionsfläche partikularer Wünsche, Interessen und Ideologien wurde. Gelungen ist der klar strukturierte Beitrag, in dem A. R. Dilley drei zentrale Fragen der Wirtschaftsgeschichte des britischen Weltreichs diskutiert („How far do economic motives explain imperial expansion? What were the consequences of imperial rule for the economic development of the colonies? Did the colonising power itself benefit from the relationship?” (S. 102)) und eine gute Einführung in die wichtigsten Positionen in der Historiographie gibt. Abschließend geht er der Frage nach, ob das Konzept der Globalisierung tatsächlich neue Forschungsperspektiven eröffnen kann. Dilley sieht einen Vorteil darin, dass Globalisierung sowohl ökonomische als auch kulturelle Prozesse umfasst und damit in der Wirtschaftsgeschichte beispielsweise die Konsumgeschichte stärker in den Fokus rückt. Zudem verhindere der Begriff Globalisierung einerseits die fälschliche Vermischung von „Imperialismus“ mit anderen transnationalen Prozessen und schärfe andererseits den Blick für das Ausmaß, in dem Imperialismen solche globalen Interaktionsprozesse geprägt haben (S. 122).

Die kulturgeschichtlichen Beiträge des Bandes erstrecken sich von Themen wie dem Zusammenhang von Britischem Empire mit Religion (Elizabeth Elbourne) und Ideologie (Stephen Howe), über die Forschungen zu imperialen Identitäten in Großbritannien (Catherine Hall) und in Übersee (Stuart Ward) bis hin zu den zentralen Fragen von „Colonial Knowledge“ (Tony Ballantyne) und „Agency, Narrative, and Resistance“ (Jon E. Wilson). Gerade die beiden letztgenannten Beiträge verdeutlichen, wie sehr die Imperialhistoriographie von den Anregungen des Postkolonialismus profitiert und sich zugleich als ein fruchtbares Feld für die Anwendung und Überprüfung dieser Perspektiven erwiesen hat. Jon E. Wilson betrachtet die Entdeckung der „Agency“ außereuropäischer Völker als eines der wichtigsten, wenn auch überaus uneinheitlichen Felder der Kolonialgeschichte der letzten Jahre, weist aber darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit dieser Thematik bereits auf eine jahrzehntelange historiographische Tradition der „history from below“ zurückblicken kann (S. 246). Zugleich kritisiert er, dass die ethisch motivierten Versuche „agency“ sichtbar zu machen, auf einer Reihe fragwürdiger Annahmen beruhen, die sich beispielsweise im hochproblematischen Konzept des „native“ widerspiegeln, das etwa die historische Bedeutung von Migration und transkulturellen Einflüssen unsichtbar mache, aber die wichtigen Fragen nach Machtbeziehungen verhindere (S. 259-264).

Der Band verzichtet auf Artikel zu den Fragen von Gender sowie „Rasse“ und anderen Differenzierungskategorien, diese Themen werden in einigen der Beiträge aber zumindest angeschnitten. Trotz der insgesamt breiten Auswahl wäre eine Auseinandersetzung mit anderen, in der jüngeren Forschung verstärkt diskutierten Themen wie Umwelt oder Arbeit durchaus wünschenswert gewesen. Ein Problem aller Beiträge ist natürlich, auf begrenztem Raum der Vielfalt und Komplexität der behandelten Themen wie auch der jeweiligen Historiographie gerecht zu werden. Dies gelingt oft recht gut, zum Teil aber zugunsten von Verkürzungen, die dem Leser einiges Vorwissen abverlangen, oder zugunsten einer Einengung des untersuchten Gegenstandes oder Zeitraumes, bei dem der Einführungs- und Überblickscharakter des Beitrages verloren geht. Deplaziert wirkt insbesondere Eliga Goulds interessantes, allerdings zu spezifisches Kapitel zu rechtlichen Debatten im Empire in der Zeit zwischen 1763 und 1783. Kent Fedorowichs Beitrag über das „British Empire on the Move“ zwischen 1760 und 1914 ist so lang und detailliert geraten, dass dem Leser mit einem knapperen, problemorientierten Überblick über die Migrationsbewegungen (nicht zuletzt den Sklavenhandel) während der gesamten Empire-Geschichte vielleicht besser gedient gewesen wäre.

Während alle Beiträge eine kurze kommentierte Bibliographie enthalten, wird der Band von einem reichhaltigen Verzeichnis der in den vergangenen Jahrzehnten erschienenen, englischsprachigen Literatur zur britischen Imperialgeschichte abgeschlossen. All dies macht das Werk zu einem nützlichen Einstieg in die wichtigsten Felder der Geschichte des British Empire sowie der damit zusammenhängenden historiographischen Debatten. Der thematische Zugriff des Bandes macht es allerdings etwas schwierig die Entwicklung der britischen Imperialhistoriographie in ihrer Gesamtheit zu überblicken, weshalb ein zusätzlicher Blick in die neuere Spezialliteratur anzuraten ist.[3] Das Buch zeigt, dass sich das Feld der britischen Imperialgeschichtsschreibung einer andauernden Vitalität erfreut und die heute erreichte Multiperspektivität im Idealfall zu einem integrativen Blick auf das British Empire und damit zu einem besseren Verständnis seiner Geschichte führt. Die Gesamtdarstellung von Peter Wende ist da ein beachtlicher Schritt, doch auch der Vergleich mit anderen Imperien und die Einordnung der Imperialgeschichte in die Globalgeschichte sollten das Ziel sein.[4]

Anmerkungen:
[1] Zu den neueren Gesamtdarstellungen gehören: Bill Nasson, Das britische Empire. Ein Weltreich unterm Union Jack, Essen 2007; Niall Ferguson, Empire. How Britain made the modern world, London 2004.
[2] Peter Wende, Geschichte Englands, Stuttgart 1985; Peter Wende, Großbritannien 1500-2000, München 2001.
[3] Roger Louis (Hrsg.), The Oxford History of the British Empire, Bd. 5, Robin W. Winks (Hrsg.), Historiography, Oxford 1999; Anthony Webster, The Debate on the Rise of the British Empire. Issues in Historiography, Manchester 2006.
[4] Der jüngste monumentale Entwurf ist: John Darwin, After Tamerlane. The Global History of Empire, London 2007.

Editors Information
Published on
12.03.2009
Contributor
Edited by
Classification
Temporal Classification
Regional Classification
Subject - Topic
Book Services
Additional Informations
Language of publication
Country
Language of publication
Language of review