J. Arend: Russlands Bodenkunde in der Welt

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Title
Russlands Bodenkunde in der Welt. Eine ost-westliche Transfergeschichte 1880–1945


Author(s)
Arend, Jan
Published on
Göttingen 2017: Vandenhoeck & Ruprecht
Extent
314 S.
Price
€ 65,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Timm Schönfelder, SFB 923: Bedrohte Ordnungen, Eberhard Karls Universität Tübingen

In Deutschland und den USA ist Vasilij Dokučaev (1846–1903) heute fast in Vergessenheit geraten. Ganz anders verhält es sich in Russland, wo seiner noch auf hagiographische Weise gedacht wird.[1] Ende des 19. Jahrhunderts schuf der studierte Geograph und Geologe die neue Disziplin der Bodenkunde, indem er Erkenntnisse aus bereits existierenden Fächern geschickt kombinierte. Jan Arend zeichnet in seiner Dissertation nicht nur die Genese, sondern auch die Verbreitung der Ideen russischer und sowjetischer Bodenkundler bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nach. Bemerkenswert ist, dass es sich hier um einen Wissenstransfer von Ost nach West handelt, was dem gängigen Topos von Russlands ewiger Rückständigkeit erfrischend entgegensteht. Damit reiht sich Arend in einen wissenschaftshistorischen Diskurs ein, der momentan besonders von einer jüngeren Generation an Forschern mit dem Ziel geführt wird, genuine Entwicklungen in Russland und der Sowjetunion zu identifizieren, um sie dann in einen internationalen Kontext einzuordnen.[2] Solche Arbeiten haben wiederholt gezeigt, wie fremd uns viele dieser Denkschulen nach wie vor sind.

Arends Darstellung ist vorwiegend chronologisch geordnet. Nachdem er eingangs das Setting und relevante Wissenschaftstraditionen skizziert, beschreibt er im zweiten Kapitel konkrete bodenkundliche Praktiken (Klassifikation, Kartierung, Feldforschung), bevor er im dritten Kapitel die Entstehung der Bodenkunde im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts nachzeichnet. Die der Arbeit vorangestellte These, dass es sich bei der Bodenkunde um eine Transfergeschichte handle, „die exemplarisch zeigt, wie eine zunächst tief in russischen Kontexten verwurzelte Wissenschaft schließlich internationale Geltung erlangte“ (S. 7), verfolgt Arend konsequent. Dabei entstand die russische Bodenkunde freilich nicht im luftleeren Raum – vielmehr stützte sich ihr Stammvater Dokučaev auf zahlreiche Vorarbeiten auch deutscher und englischsprachiger Agrarwissenschaftler, Geographen und Geologen, sowie auf die Arbeiten Charles Darwins zur Evolutionstheorie und Alexander von Humboldts zur Vegetationsgeographie (S. 73) und Naturphilosophie (S. 76).

Schon zum Ende des 19. Jahrhunderts knüpften Schüler Dokučaevs enge Kontakte ins Ausland (S. 99–101). Diesem Austausch an Ideen wendet sich Arend in den folgenden drei Kapiteln zu. Exemplarisch verweist er dazu auf die Rezeption des 1914 auf Deutsch erschienenen und 1927 von dem einflussreichen US-Pedologen Curtis F. Marbut (1863–1935) ins Englische übersetzten Lehrbuchs „Die Typen der Bodenbildung“ („The great soil groups of the world and their development”) des Dokučaev-Schülers Konstantin Glinka (1867–1927). Dieses Buch fungierte als „Sender“ (S. 109), besonders auf den bodenkundlichen Weltkongressen der 1924 gegründeten Internationalen Bodenkundlichen Gesellschaft (IBG) in Washington (1927) und Leningrad/Moskau (1930) sowie im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er-Jahre. Die Lehren Dokučaevs wurden, wenn auch nicht ohne Kritik, so doch mit großem Interesse aufgenommen. Um das zu zeigen hat Arend neben Tagungsprotokollen und -berichten auch Korrespondenzen führender Wissenschaftler sowie eine Vielzahl an Fachpublikationen ausgewertet. Wenngleich sein Modell von „Sender“ und „Empfänger“ (S. 14f.) auf den ersten Blick simplifizierend wirkt, so hat es doch seinen Vorteil in der klaren Veranschaulichung des wissenschaftlichen Transfers.

In den USA war die neu vermittelte bodenkundliche Expertise besonders zur Zeit des Dust Bowl in den 1930er-Jahren gefragt, um leicht verständliche Bodenkarten für Farmer zu erstellen (S. 179–206). Marbut, der seit 1913 bis zu seinem Tod die Soil Survey des United States Department of Agriculture leitete, institutionalisierte hier „ein auf den russischen Arbeiten beruhendes Bodenverständnis“ (S. 185), das auf die Praxis einwirkte. Im NS-Staat wiederum war der Geologe Hermann Stremme (1879–1961), der Glinka bereits 1914 bei der Übersetzung seines Lehrwerkes unterstützt hatte, der wichtigste Vermittler der russischen Schule. Ironischerweise befeuerte Stremme nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten den Kolonisationsdiskurs zur Osterweiterung (S. 210–212), stellte sich aber auch gegen das „Mammutprojekt“ der Reichsbodenschätzung zur genaueren Besteuerung von Ackerland (S. 220), dessen Methoden er für unwissenschaftlich hielt. Die Analyse der Expertendiskurse in den USA und Deutschland eröffnet eine interessante Vergleichsperspektive, die Arend detailfreudig unterfüttert.

Ab Mitte der 1930er-Jahre ist schließlich der schrittweise „Zusammenbruch der internationalen Austauschbeziehungen“ (S. 245) zu beobachten. In der Sowjetunion war das der wachsenden Paranoia des Stalinismus geschuldet, während in Deutschland eine zunehmend rassistische Weltsicht der Zusammenarbeit mit ausländischen Experten entgegenstand. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kamen die Interaktionen vorerst zum Erliegen. Erst ab den späten 1950er-Jahren wurden wieder festere Kontakte zwischen Ost und West geknüpft.[3] Bis dahin sei die russische Bodenkunde, so das Fazit, im doppelten Sinne „klassisch“ geworden (S. 266) – wegen ihrer wegweisenden Erkenntnisse, aber auch aufgrund der offensichtlichen Innovationsschwäche unter den Bolschewiki, durch die sie angestaubt wirkte.

Arends kenntnisreiche, klar geschriebene und im Urteil ausgewogene Darstellung profitiert davon, dass er jedem größeren Kapitel ein Zwischenfazit nachstellt, welches die zentralen Erkenntnisse zusammenfasst. So ist die Arbeit auch für diejenigen Leser interessant, die nicht unbedingt jedes Detail über die Entwicklung und Verbreitung der russischen Bodenkunde erfahren wollen, sondern vielmehr eine Vergleichsperspektive zu anderen Themengebieten suchen. Ein wohlgeordnetes Personen- und Sachregister erleichtert diesen Zugang.

Spitzfindig kann man Arend vorwerfen, dass er zwar viele interessante Thesen aufstellt, diese aber allzu schnell relativiert oder schlicht nicht weiter verfolgt, wodurch sie für seine Arbeit kaum konstitutiv sind. Beispielhaft hierfür wäre die (durchaus gerechtfertigte) Bemerkung, dass sich die Bodenkunde in Ost und West nach den jeweiligen naturräumlichen Gegebenheiten recht unterschiedlich entwickelte, weshalb andere Schwerpunkte in der Forschung gesetzt wurden (S. 21–28). Dass man sich nun in der russischen Pedologie verhältnismäßig lange mit der Schwarzerde als „sol fétiche“ (Marc Elie) beschäftigte, ist mit dieser Naturraumthese nicht endgültig zu begründen. Hier spielten ebenso Besonderheiten des Wissenschaftssystems eine zentrale Rolle, wie eben die erhebliche Innovationsschwäche und eine zunehmende Ideologisierung des wissenschaftlichen Betriebs in der Sowjetzeit, was Forscher wie Ivan Mičurin samt seiner absurden Lehre von der Veränderung des genetischen Materials durch Propfen kanonisierte, Denunzianten wie Vasilij Vil'jams förderte, und schließlich den Aufstieg des Hochstaplers Trofim Lysenko Ende der 1940er Jahre erst möglich machte. Die rein wirtschaftliche Notwendigkeit der Erforschung der Schwarzerde für die Landwirtschaft (S. 40) ist für die frühe Ausgestaltung des Faches zwar ausschlaggebend, erklärt aber noch nicht die relative Vernachlässigung der so genannten Nicht-Schwarzerde-Regionen der Sowjetunion in späteren Jahrzehnten. Hier können weitere Arbeiten anschließen, die besonders die sowjetische Bodenkunde nach 1945 in den Blick nehmen.

Im Ganzen ist Jan Arend eine informative Geschichte der russisch-sowjetischen Bodenkunde und ihres Wirkens in der Welt gelungen, die fernab von Mythenbildung und steilen Thesen den Transfer aus der anderen Richtung betrachtet. Das ist nicht nur stimulierend, sondern auch für die weitere Erforschung der russisch-sowjetischen Wissenschaftsgeschichte von besonderer Relevanz.

Anmerkungen:
[1] Zuletzt am 30. und 31. Mai 2016 an der Russischen Geographischen Gesellschaft in Moskau in Form des internationalen Seminars „Naučnoe nasledie V.V. Dokučaeva: tradicii i razvitie idej“ [Das wissenschaftliche Vermächtnis V.V. Dokučaevs: Traditionen und Entwicklung von Ideen]. Ein Tagungsbericht findet sich in: Istoriko-biologičeskie issledovanija 9 (2017), 1, S. 130–134.
[2] Jonathan D. Oldfield / David J. B. Shaw, The Development of Russian Environmental Thought. Russian Geographical Perspectives on the Natural Environment 1880s–1960s, London 2016; Marc Elie, Formulating the Global Environment. Soviet Soil Scientists and the International Desertification Discussion 1968–91, in: The Slavonic and East European Review 93 (2015), 1, S. 181–204; Marc Elie, La Biosphère dans l'écologie globale. Viktor Kovda et l'héritage scientifique de Vernadsky lors du 'tournant ecologique' des années 1970 en URSS [im Druck]. Grundlegend: David Moon, The Plough that Broke the Steppes. Agriculture and Environment on Russia's Grasslands 1700–1914, Oxford 2013.
[3] Einführend: Klaus Gestwa / Stefan Rohdewald / Manfred Sapper / Volker Weichsel (Hrsg.), Kooperation trotz Konfrontation. Wissenschaft und Technik im Kalten Krieg, in: OSTEUROPA 59 (2009), 10.

Citation
Timm Schönfelder: Rezension zu: Arend, Jan: Russlands Bodenkunde in der Welt. Eine ost-westliche Transfergeschichte 1880–1945. Göttingen 2017 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 02.10.2017, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-27395>.
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Published on
02.10.2017
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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