A. Stephan (Hrsg.): The Americanization of Europe

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Title
The Americanization of Europe. Culture, Diplomacy, and Anti-Americanism after 1945


Editor(s)
Stephan, Alexander
Published
New York 2006: Berghahn Books
Extent
432 S.
Price
$ 75.00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Helke Rausch, Institut für Kulturwissenschaften/ Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig

Im Rahmen eines mehrbändigen Publikationsunterfangens legt der an der Ohio State University, Columbus/USA, lehrende Literaturwissenschaftler Alexander Stephan einen weiteren Sammelband zur „Amerikanisierung“ Europas nach 1945 vor. Elf Einzelstudien illustrieren die „Americanization“ in Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik (Teil 1), Schweden Dänemark und Österreich (Teil 2), der UdSSR bzw. Russland und Polen (Teil 3) sowie Italien, Griechenland und Spanien (Teil 4) zwischen 1945 und der Gegenwart. Die Autoren der Beiträge halten sich dabei bemerkenswert diszipliniert an Stephans stark auf den kulturellen Einfluss der USA zielende Kriterienliste und beachten dann 1. die Rolle der US-amerikanischen Diplomatie als ‚soft power’ , 2. Transfer und Einfluss amerikanischer Hochkultur, 3. die Verbreitung amerikanischer Massenkultur und 4. Formen des „Anti-Americanism“, der hier eng als Zurückweisung amerikanischer „cultural products“ (S. 6) definiert wird.

Den lokalen und chronologischen Radius des Projekts steckt Stephan einleuchtend ab: Mit der Länderauswahl werden europäische Gesellschaften möglichst unterschiedlicher Größe und Region auf beiden Seiten des Ost-West-Konflikts bzw. in dessen ‚neutraler’ Grauzone berücksichtigt (S. 6). Das Jahr 1945 soll nicht für alle europäischen Nachkriegsgesellschaften in gleicher Weise als Zäsur firmieren, sondern hat für die elf Länder eine im Einzelfall noch zu bestimmende unterschiedliche Valenz (S. 13). Begriffliche Parameter werden indessen nicht ausführlicher erörtert: Die nach wie vor kursierenden Konkurrenzbegriffe „(Anti)Americanization“, „Westernization“, „Modernization“ und „Globalization“ erscheinen unkommentiert nebeneinander (S. 6).

Die ersten Studien behandeln die größeren Akteure des westlichen Nachkriegseuropas. Hugh Wilford bestätigt die „special relationship“ als Grundtenor britisch-amerikanischer Beziehungen und misst der britischen Kultur das höchste Potenzial zum punktuellen Rücktransfer eigener Hervorbringungen nach Nordamerika bei. Richard J. Golsan beschreibt die ambivalenten Amerikabezüge Nachkriegsfrankreichs und Stephan schildert den deutschen Weg im Kontext von Totalzusammenbruch und geostrategischer Bedeutung in der Ost-West-Konstellation vom okkupierten Territorium zur allmählichen Selbstkonsolidierung des westdeutschen Teilstaats. In der zweiten Ländergruppe wird Schweden (Dag Blanck) und Österreich (Günter Bischof) eine eher verhaltene Offenheit gegenüber amerikanischen Einflüssen bescheinigt, während beide zugleich während der Phase des „Kalten Krieges“ als „neutrale“ Brückenbauer in Richtung Osten gelten. Im dänischen Fall (Nils Arne Sørensen und Klaus Petersen) rivalisiert der amerikanische offenbar am stärksten mit dem britischen Kultureinfluss. Als Beispiel für die erheblich schwierigere Beziehung der ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten zu den USA zeigt Marsha Siefert zu Beginn des dritten Länderblocks, wie weite Teile der sowjetischen Öffentlichkeit der amerikafeindlichen gouvernementalen Infiltration bis 1990 zum Trotz nach Möglichkeit amerikanische Literatur, Filme und Musik rezipierten, während nach dem Ende der Blockkonfrontation nicht zuletzt eine globalisierungskritische „Russian Idea“ verhindert hat, dass der russische Markt mit amerikanischen Produkten überschwemmt wurde. Polen steht im Beitrag von Andrzej Antoszek und Kate Delaney als Exempel für eine besonders aufmerksame Rezeption verschiedener Amerikana schon vor und einmal mehr seit den frühen 1990er-Jahren. Die amerikanische Massenkultur stieß dabei im sowjetischen wie im polnischen Fall nach 1990 nicht zuletzt unter markant schlechteren ökonomischen Voraussetzungen tendenziell früher auf Rezeptionsgrenzen, als dies für die Hochphase kultureller „Amerikanisierung“ Westeuropas nach 1945 galt. In der letzten Ländergruppe wird gezeigt, wie sich die italienische Nachkriegsgesellschaft einigermaßen flexibel auf die amerikanische Kultur einstellte (David W. Ellwood) und in Griechenland Emigranten-communities zu einer besonderen USA-Affinität nach 1945 beitrugen (Konstantina E. Botsiou). Von beiden Tendenzen wird Spanien durch eine amerikakritischere Haltung weiter Gesellschaftsteile abgehoben, die nicht zuletzt einer weitverbreiteten politischen Priorität zugunsten Lateinamerikas geschuldet scheint (Dorothy Noyes).

Die breite Gesamtschau, die der Band eröffnet[1], muss beeindrucken, auch wenn die Bildung der Ländergruppen (etwa die Gruppierung Dänemarks als Gründungsmitglied der NATO mit den neutralen Staaten Schweden und Österreich) nicht immer unmittelbar einleuchtet. Zu Beginn irritiert Stephans Eingangsdiagnose eines scheinbar „[surprising] lack of interest in the transfer of culture ‚Made in the USA’ across the Atlantic“ (S. 1), selbst dann, wenn sie mutmaßlich zunächst einem amerikanischen Publikum vorgetragen wird. Weniger das mangelnde Interesse am Thema als der Umstand, dass die europäische Dimension der „Amerikanisierung“ bisher noch kaum im systematischen Mehrländervergleich angegangen worden ist, und stattdessen überwiegend parzelliert im Rahmen nationaler Fallstudien behandelt wird, stellt das eigentliche Forschungsproblem dar. Eine – für das Weiterstudium sehr wertvolle – umfangreiche Literaturliste im Anhang dokumentiert aber die anhaltende Prominenz der Frage nach der kulturellen Präsenz der USA in Europa.

Wie eine Geschichte der „influence of American culture on Europe, the reception of hybridization of U.S. cultural imports, and the phenomenon of Anti-Americanism“ (S. 5) analytisch oder methodisch zu schreiben ist, wird nicht eigens diskutiert. Die Serie nationaler Fallstudien erweist sich aber als hilfreicher Schritt in diese Richtung. Das Forschungsdesiderat, ein europäisches Panorama auf das Transfergeschehen zu eröffnen, wird damit grundlegend anders angegangen als etwa in der parallel vorgelegten Publikation von Chantal Metzger und Hartmut Kaelble zum Vergleich deutscher und französischer Amerikabezüge. [2] Hat man sich dort um der Beibehaltung einer historisch vergleichenden europäischen Perspektive in den Einzelbeiträgen willen konsequent auf einen Zweiervergleich konzentriert, vervielfacht Stephans Band die Zahl von Untersuchungsfällen erheblich, verzichtet dafür aber auf den systematischen Vergleich, so dass die europäische Dimension des Themas eher punktuell durchscheint.

Europäisch vergleichende Assoziationen finden sich gleichwohl in Passagen von Stephans Einleitung ebenso wie kursorisch im Schlusskapitel von Rob Kroes. In beiden Fällen wird – im Einklang mit bisherigen Forschungsergebnissen – unter anderem als Ähnlichkeit im europäischen Umgang mit der „American culture“ festgehalten, dass unter den Rahmenbedingungen wachsenden europäischen Wohlstands häufig eine Art Osmose von vormaliger Hoch- und Massenkultur stattfand und die „‚Made in U.S.A.’-culture“ in keinem europäischen Land absolut über den heimischen Konsum dominierte, sondern eher partiell angeeignet wurde. Unterschiede zwischen den Vergleichsfällen lesen sich hier eher wie Binnendifferenzierungen zu einer großen Ähnlichkeitserzählung. Die komparatistische Forschung wird aber weiter sehen müssen, ob eine präzisere Unterscheidung nach historischen Entwicklungsphasen auch vor 1945 (wie vor allem von Bischof und Noyes überzeugend berücksichtigt), nach Transferakteuren, -gegenständen und -inhalten sowie nach den Feldern Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur noch deutlich mehr binneneuropäische Divergenzen unterschiedlicher Amerikabezüge zutage fördert, und dies nicht nur zwischen den verschiedenen europäischen Regionen, sondern durchaus auch gleich innerhalb der ersten Ländergruppe in diesem Band. Stephans Fallstudiensammlung leistet für eine solche europäisch ambitionierte „Amerikanisierungs“-Geschichte materialreiche Schützenhilfe.

Anmerkungen:
[1] Einen beachtlichen Untersuchungsradius hat bereits der Band von Wagnleitner, Reinhold; Tyler May, Elaine (Hrsg.), „Here, there and everywhere“. The Foreign Politics of American Popular Culture, Hanover/NH 2000, u. a. mit kulturwissenschaftlichen Fallstudien zu Japan, Südafrika, Nigeria, Frankreich, Bundesrepublik und DDR, England und Irland, Spanien, Italien, Russland und der Türkei.
[2] Metzger, Chantal; Kaelble, Hartmut (Hrsg.), Deutschland – Frankreich – Nordamerika. Transfer, Imaginationen, Beziehungen (= Schriftenreihe des Deutsch-französischen Historikerkomitees 3), München 2006.

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14.06.2007
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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