Traditionen und Revolutionen: Zum Welthistorikerkongress in China

Place
Jinan
Host/Organizer
Comité international des sciences historique (CISH/ International Committee of Historical Sciences (ICHS)
Date
23.09.2015 - 29.09.2015
By
Norbert Fabian

Der deutsch-chinesische Politologe X. Gu sieht bei Kontakten zwischen dem Westen und China weiterhin eine „Große Mauer in den Köpfen“, die es durch gegenseitiges voneinander Lernen zu überwinden gilt.[1] Einen Beitrag auch hierzu leisten sollte der 22. Internationale Kongress der Geschichtswissenschaften (ICHS), der vom 23.-29. August 2015 in Jinan und damit erstmals in China tagte. Über 2000 Historikerinnen und Historiker aus allen fünf Erdteilen informierten über ihre Forschungen und diskutierten untereinander und mit einer Vielzahl von chinesischen Kolleginnen und Kollegen. Große Themen waren die Geschichte China aus globaler Perspektive und Vergleiche von Revolutionen in der Weltgeschichte sowie deren Beziehungen untereinander. Neu erörtert wurde zudem ein neuer ‚digital turn’ in den Geschichtswissenschaften und wie sich Gefühle und Erwartungshaltungen etwa von Konsumentinnen und Konsumenten auch methodologisch angemessen analysieren und historisieren lassen.[2]

Die chinesische Historikerin M. Wan zeigte auf, wie sich China durch den Zufluss von Silber aus Lateinamerika im 17. und 18. Jahrhundert verstärkt in den Welthandel einschaltete und zumindest den Silberhandel dominierte. Weiter diskutiert wurde allerdings weniger die Frage, warum die quantitativ im 18. Jahrhundert weltweit noch führende chinesische Wirtschaft mit ihrem großen Potential an Konsumenten im 19. Jahrhundert anders als Japan einen Niedergang erlebte. Auch der US-Historiker K. Pomeranz stellte als Kommentator der Sektion dieses zentrale historische Forschungsproblem nicht in den Focus, obwohl vor allem er die global vergleichende Forschung hierzu vorangebracht hat.[3]

Bei dem ‚großen Thema’ Revolutionen standen nicht nur die atlantische, französische und amerikanische Revolution im Zentrum von Fallstudie und vergleichenden Analysen. Erörtert wurde auch der Stellenwert von Revolutionen in kleineren europäischen Ländern im ausgehenden 18. Jahrhundert und von Revolutionen weltweit im 20. Jahrhundert. Der Leipziger Globalhistoriker M. Middell nahm das Revolutionsjahr 1989 als Ausgangspunkt für ein auch geschichtstheoretisch neues Verständnis von Revolutionen, die vorrangig von aufkommenden Zivilgesellschaften ausgehen. NGOs und internationale, neue Medien spielten dabei eine entscheidende Rolle, sie inspirierten und ermutigten Proteste gegen undemokratische und korrupte Regimes.[4] Im Mittelpunkt der Diskussion standen dann Fragen nach der Möglichkeit oder Notwendigkeit von eher gewaltarmen Revolutionen und von revolutionären Reformen über Demonstrationen und Parlamente. P. Serna von der Pariser Sorbonne betonte, dass Gewaltausübung und Bürgerkriege bereits in der Vergangenheit Instrumente autokratischer Regime und gegenrevolutionärer, antidemokratischer Bestrebungen gewesen seien. - Ausführlicher analysiert wurde von dem Pekinger Historiker Q. Wang die von Sun Yat-sen inspirierte Revolution in China ab 1911 und das mit ihr verbundene Ende der alten Kaiserherrschaft, weniger die sich 1945-49 durchsetzende Mao-Revolution. Hierzu vertrat der japanische Historiker H. Fukamachi die These, dass in der Folgezeit ein bereits zuvor von der Kuomintang unter Chiang Kai-shek praktizierte Modell einer Einparteienherrschaft auch von der KPCh weitergeführt wurde. Immerhin stellte sich für Wang doch die „Schlüsselfrage“, warum chinesische Revolutionen im 20. Jahrhundert zwar dabei erfolgreich waren ältere Regimes zu stürzen, nicht allerdings neue politische Institutionen aufzubauen.[5] - Anders als M. G. Berhe bei ihrer Analyse der tunesischen Revolution ab 2010 versuchte J. de Groote bei der iranischen Revolution ab 1978 vorrangig zwischen säkularen und religiösen Bestrebungen zu unterscheiden. Weniger im Blick hatte sie dabei Reformtendenzen auch innerhalb des Islam. - Die tschechische Akademie der Wissenschaften organisierte zudem 600 Jahre nach der Verbrennung von Jan Hus einen runden Tisch zum Thema ‚Reformation und Revolution’. E. Dolezalová zog vergleichend Parallelen zum Aufbegehren junger kritischer Intellektueller im arabischen Frühling. Deutlich wurde die Bedeutung von gesellschafts- und kirchenkritischer Sozialethik und von Bewusstseinswandel für weitergehende Reformen und für Revolutionen in der Geschichte und in der Gegenwart.

Nach der Rolle von Historikern, die vor faschistischen und stalinistischen Regimes im Exil überleben und arbeiten mussten, fragten der Bochumer S. Berger und der Groninger A. de Baets (‚Writing History in Exile: Structures, Agendas, Personalities’). Teils gab es Karrierebrüche, teils konnten Exilanten jedoch nicht unerheblich zum verstärkten wissenschaftlichen Austausch und, soweit sie zurückkehrten, zum demokratischen Aufbau beitragen.[6] - T. Haydn von der East Anglia Universität organisierte erstmals auf einem Welthistorikerkongress eine Sektion zum Konzept der „Veracity“ (Wahrheitstreue), wobei deren Bedeutung für die Geschichtsdidaktik und Erziehung im Mittelpunkt stand. Aufgegriffen wurde dies auch in einer international besetzten Abenddiskussion über ‚Geschichte und Ethik’, welche vor allem die Notwendigkeit herausstellte, geschichtspolitisch ‚unbequeme’ und ‚ungelegen’ kommende Fakten, Zusammenhänge und Erkenntnisse nicht zu unterschlagen. Von den Menschenrechten her seien dann ethische Standards für historische Bewertungen und Urteile heranzuziehen und weiter zu entwickeln.

Beim runden Tisch zur Weltgeschichte verdeutlichten die Leipziger K. Naumann und M. Middell, dass sich die Globalgeschichte seit dem Osloer Welthistorikertag 2000 international gegen Widerstände weitgehend durchgesetzt hat. Insbesondere gilt dies für transnational angelegte historische Vergleiche. Weiterhin zu führen bleiben allerdings geschichtstheoretische Diskussionen über unterschiedliche Versionen von Globalgeschichte.[7] Die wachsende Bedeutung von Globalgeschichte machte zudem die Verleihung des internationalen Historikerpreises an den Franzosen und Lateinamerikaexperten S. Gruzinski für sein Lebenswerk deutlich.[8]

In einer von M. van der Linden und D. Hoerder geleiteten, mehrtägigen Sektion zur Sozialgeschichte präsentierte K. Hofmeister vom Amsterdamer Institut umfangreiche, zur weiteren Auswertung bereitstehende Datensammlungen zu weltweit recht unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen. Den ganz erheblichen Umfang prekärer Arbeit nicht zuletzt bei Migrantinnen und Migranten verdeutlichten darüber hinaus Statistiken von A. Kaur aus Singapur. Mit aufbauend auf einem resümierenden Rückblick des ungarischen Sozialhistorikers B. Tomka stellte J. Kocka (Berlin) dann drei neue Herausforderungen für die Sozial- und Gesellschaftsgeschichte zur Diskussion: (a) Sozialgeschichte ist verstärkt zu internationalisieren und in neue Trends zur Globalgeschichte mit einzubringen. (b) In einem pluralistischen Rahmen bleiben partielle, weiterhin hinterfragbare historiographische Synthesen notwendig. (c) Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sind wieder zusammenzuführen, bei Einbeziehung neuer ökologischer Fragestellungen.

Meist offen und frei diskutiert werden konnte mit führenden Mitgliedern der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, die u.a. eine englische Version ihrer Publikation zur Chinesischen Historiographie von 1978-2008 vorstellten (ed. H. Zhang). Die Sozialgeschichte gewinnt, wie mehrfach versichert wurde, für chinesische Historikerinnen und Historiker zunehmend an Relevanz, wobei ein Theorienpluralismus indessen akzeptiert wird. Ein entscheidendes Kriterium für die Wissenschaftlichkeit historischen Arbeitens sei die Übereinstimmung mit historischen Fakten - zusammen mit einer Ausrichtung auf gesellschaftliche Praxis.[10] So habe Marktwirtschaft zur Modernisierung und zum Aufstieg der chinesischen Wirtschaft beigetragen. Weniger deutlich beantwortet wurden allerdings Fragen nach einer schrittweisen auch politischen Modernisierung und Demokratisierung Chinas. - Hierzu verweist der Politologe Gu darauf, dass mit den Dorfeinwohnern immerhin schon über zwei Drittel der Chinesen ihre Dorfvorsteher frei wählen dürfen. Für ein asiatisches Demokratiemodell liefere auch der Konfuzius-Schüler Mengzi Argumente.[11]

Insgesamt waren die Chinesen freundliche und hervorragende Gastgeber, die zudem mit einem Kulturabend zum ‚Großen Konfuzius’ musikalisch-tänzerisch begeisterten - abschließend nochmals mit ‚An die Freude’ (F. Schiller, L. v. Beethoven) durch den Chor und das Orchester der Shandong Universität in Jinan auf Chinesisch. Als Generalsekretär des ICHS betonte R. Frank (Paris) den vielfach gelungenen internationalen Austausch nicht zuletzt mit jüngeren chinesischen Historikerinnen und Historikern über neuere Zugänge in den Geschichtswissenschaften.

Anmerkungen:
[1] Vgl. X. Gu, Die Große Mauer in den Köpfen. China, der Westen und die Suche nach Verständigung, Bonn 2014, S. 61ff.
[2] Einen Gesamtüberblick vermitteln das Program, ICHS, 22nd International Congress of Historical Sciences (mit einer beigefügten CD-ROM zu den Papers) sowie Berichte des Secretariat of the Organizing Commitee, Bulletin I-VI.
[3] Kenneth Pomeranz, The Great Divergence. China, Europe and the Making of the Modern World Economy, Princeton 2000; Peer Vries, Ursprünge des modernen Wirtschaftswachstums. England, China und die Welt in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2013.
[4] Matthias Middell, The Revolutions in Eastern Europe - What is New since 1989? (Vortrag); Ulf Engel/ Frank Halder/ Matthias Middell (Hrsg.), 1989 in a Global Perspective, Leipzig 2015.
[5] Q. Wang, The Continuity and Progress of the Chinese Revolution in the Twentieth Century (Vortrag)
[6] Vgl. v.a. den Vortrag von Aonton de Baets, Plutarch’s Thesis. The Contribution of Refugee Historians to Historical Writing in the 20th and 21st Centuries.
[7] Beachte hierzu zudem Patrick Manning, International Congresses and World History: CISH and NOGWHISTO, August 2015, in: geschichte.transnational, URL: http://geschichte-transnational.clio-online.net/tagungsberichte/id=6200 (Zugriff 26.09.2015)
[8] Serge Gruzinski, Drache und Federschlange. Europas Griff nach Amerika und China 1519/20, Frankfurt am Main 2014.
[9] H. Zhang (Hrsg.) Thirty Years of Chinese History Studies, Beijing / Chicago 2015.
[10] H. Zhang, A Bird’s-Eye View of Contemporary Chinese Historical Studies, in: ders., Thirty Years, S. 1-21, u.a. S. 3: „Any understanding and conclusion that has been obtained in violation of historical reality is not scientific in any sense.“
[11] Vgl. X. Gu, Die Große Mauer in den Köpfen, S. 78, 141 - auch unter Berufung auf den ehemaligen Präsidenten Südkoreas und Friedensnobelpreisträger von 2000, Kim Dae-jung.

Besprochene Sektionen und ‚Round Tables’
- China from Global Perspectives
- Revolutions in World History: Comparisons and Connections
- European Reformation as a Model for Revolutions and Crises for Today’s World
- Writing History in Exile: Structures, Agendas, Personalities
- The Importance of the Concept of Veracity in History Education History and Ethics
- The International Commission of Historical Sciences and World History
- Social History Worldwide: Decline and Revival
- Chinese Historiography 1978-2008

Kontakt

Norbert Fabian
Institut für soziale Bewegungen, Ruhruniversität Bochum
e-mail: nobfabian@t-online.de

Citation
Tagungsbericht: Traditionen und Revolutionen: Zum Welthistorikerkongress in China, 23.09.2015 – 29.09.2015 Jinan, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 17.10.2015, <www.connections.clio-online.net/conferencereport/id/tagungsberichte-6224>.
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Published on
17.10.2015
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