St. Creuzberger: Das deutsch-russische Jahrhundert

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Title
Das deutsch-russische Jahrhundert. Geschichte einer besonderen Beziehung


Author(s)
Creuzberger, Stefan
Published
Hamburg 2022: Rowohlt Verlag
Extent
512 S.
Price
€ 34,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Dietmar Neutatz, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Ein Rückblick auf das „deutsch-russische Jahrhundert“

Die destruktive Politik Russlands unter Präsident Putin gegenüber der Ukraine, die mit der Annexion der Krim 2014 und der Unterstützung separatistischer Bestrebungen im Donbass ihre ersten Höhepunkte erlebte, hat in Deutschland Diskussionen über eine Neubestimmung des deutsch-russischen Verhältnisses ausgelöst. Unter dem Eindruck dieser Entwicklungen hat der Rostocker Zeithistoriker Stefan Creuzberger nun ein Buch über das „deutsch-russische Jahrhundert“ vorgelegt. Sein Anliegen ist es, der aktuellen Diskussion eine historische Tiefe zu verleihen, sich auf das Verstehen russischer Politik einzulassen, ohne in die Rolle eines Putins Politik billigenden „Russland-Verstehers“ zu schlüpfen.

Das Buch beginnt mit einer originellen „Spurensuche“, die ihren Anfang nicht etwa bei einem politischen Schlüsselereignis nimmt, sondern bei der bis heute bestehenden Süßwarenfabrik, die der Württemberger Ferdinand Theodor von Einem 1851 in Moskau gegründet hatte. Sie führt über Klaus Mehnert, der 1906 im Milieu der moskaudeutschen Unternehmer geboren wurde und in den folgenden Jahrzehnten zu einem führenden und enorm einflussreichen Sowjetunionexperten wurde, bis zur russischen Annexion der Krim 2014. Damit spannt der Verfasser einen weiten Bogen, nicht zur zeitlich, sondern auch thematisch. Man ist gespannt, wie er mit den Herausforderungen umgeht, die ein solches Unterfangen im Hinblick auf die Perspektivenvielfalt deutsch-russischer Beziehungen, aber auch vor dem Hintergrund der russisch-ukrainischen Konfrontation birgt.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel, die den Untersuchungszeitraum jeweils aus einer thematischen Perspektive durchmessen: „Revolution und Umbruch“, „Terror und Gewalt“, „Abgrenzung und Verständigung“. Diese Begriffspaare möchte der Verfasser als Analysekategorien benutzen, um der Komplexität der deutsch-russischen Beziehungen gerecht zu werden.

„Revolution und Umbruch“ beginnt mit der engen verwandtschaftlichen Verschränkung zwischen dem russischen und dem deutschen Kaiserhaus und den gescheiterten Bemühungen Wilhelms II., seinen Vetter Nikolaus II. für ein strategisches Bündnis zu gewinnen, um die für Deutschland bedrohliche französisch-russische Allianz zu sprengen. Flankierend werden die weitreichenden wirtschaftlichen Verflechtungen der beiden Länder vor dem Ersten Weltkrieg erläutert, die allerdings von russischen Nationalisten als Teil einer deutschen Dominanz angeprangert wurden, die sich nicht auf die Wirtschaft beschränkte, sondern auch deutsche Siedler, hohe Staatsbeamte und selbst Regierungsmitglieder mit einschloss. Spiegelbildlich dazu geht der Verfasser auf die zwischen Russophilie und Russophobie oszillierenden Russlandbilder in Deutschland ein und bringt sie mit dem Wirken deutschbaltischer Emigranten, der Rezeption russischer Schriftsteller und der brüchigen Kooperation zwischen den Sozialdemokraten beider Länder in Zusammenhang.

Indem die revolutionäre Schiene das Erkenntnisinteresse des Kapitels bestimmt, wird der Erste Weltkrieg vor allem als Treiber des Umbruchs von 1917 behandelt. Über die Umstände des Kriegsausbruchs erfährt der Leser nichts. Der Verfasser springt vielmehr von Lenins Verhältnis zu den deutschen Sozialdemokraten direkt zu den während des Krieges von der deutschen Reichsleitung unternommenen Versuchen, Russland durch subversive Maßnahmen zu destabilisieren, um recht ausführlich auf die von den Deutschen unterstützten Aktivitäten der Revolutionäre einzugehen.

Die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk im Winter 1917/18 sind das erste große zwischenstaatliche Ereignis, das ausführlich behandelt wird – allerdings ohne auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker einzugehen, mit dessen Verkündung die Bolschewiki den Mittelmächten den willkommenen Hebel geliefert hatten, um das Russländische Reich in seine Bestandteile zu zerlegen. Die Ukraine, die damals ihre erste Gründung als unabhängiger Staat erfuhr, wird en passant in einem Halbsatz erwähnt. Der Friedensvertrag wird als eine russische Verlusterfahrung präsentiert, ohne den Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen, Ukrainer, Finnen und Balten auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Lässt sich eine deutsch-russische Beziehungsgeschichte nach 2014 noch so schreiben? Der Verfasser hat hier die Chance vergeben, anhand der deutschen Ukrainepolitik des Jahres 1918 Grundprobleme der Russlandpolitik zu diskutieren, die heute mehr denn je virulent sind. An einschlägiger Literatur mangelt es nicht – die Thematik ist seit den 1960er-Jahren mehrfach fundiert behandelt worden.[1]

Das Schwergewicht liegt im Folgenden auf dem sicherlich wichtigen, aber in jeder Gesamtdarstellung sowjetischer Außenpolitik anzutreffenden Paradigma von der Zweigleisigkeit klassischer Diplomatie und Weltrevolution. Immerhin wählt der Verfasser einen originellen Zugriff, in dem er die sowjetrussische Gesandtschaft in Berlin als eine Schaltzentrale revolutionärer Umtriebe beschreibt und die Hoffnungen und Aktivitäten der Bolschewiki mit den Ereignissen in Deutschland rückkoppelt. Er arbeitet plastisch heraus, wie die sowjetische Führung noch 1923, als sie – durch den 1922 in Rapallo geschlossenen Vertrag – schon in eine offizielle Kooperation mit der Weimarer Republik getreten war, weiterhin systematisch auf einen kommunistischen Umsturz in Deutschland hinarbeitete, militärische Angriffsvorbereitungen auf und durch Polen hindurch mit eingeschlossen.

Vom gescheiterten KPD-Putsch lenkt Creuzberger den Blick auf die Jahre 1932/33, als sich auf beiden Seiten tiefgreifende Wandlungen vollzogen: die Wahlerfolge der NSDAP mit der anschließenden Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, der Bedeutungsverlust der deutsch-sowjetischen Sonderbeziehungen infolge der zunehmend prowestlichen Weimarer Außenpolitik, sowie die Umbrüche in der Sowjetunion im Zuge von Stalins Kollektivierungs- und Industrialisierungskampagnen. Der Fokus liegt auf den sowjetischen Einschätzungen und Lagebeurteilungen und hier auf dem Aufrechterhalten der Hoffnung auf eine Fortsetzung der Kooperation im ‚Geiste von Rapallo‘. Damit korrespondierend streift die Darstellung die Jahre 1934 bis 1938 nur kurz, um sich schnell dem Hitler-Stalin-Pakt zuzuwenden.

Von 1939 springt der Text kühn in die Nachkriegszeit zum „Aufbau des Sozialismus“ im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands. Mit dem Vormarsch über die ehemaligen Grenzen Russlands von 1914 hinaus nach Mitteleuropa bot sich der sowjetischen Führung erstmals die Möglichkeit, ihr Gesellschaftsmodell in anderen Ländern zu implementieren. Einen starren Masterplan zur Sowjetisierung gab es zwar nicht, wie der Verfasser eigene Forschungen zutreffend resümiert.[2] Er schildert aber, wie die Politik in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands schon 1945/46 den Weg in Richtung eines von den Kommunisten dominierten Systems beschritt. Dabei konzentriert er sich – analog zu seinen eigenen Detailstudien – auf die Innenpolitik und das politische System in der Sowjetischen Besatzungszone und behandelt die Frage der Staatlichkeit Deutschlands deutlich weniger ausführlich. Die DDR sei keineswegs „Stalins ungeliebtes Kind“ (Winfried Loth) gewesen, so positioniert Creuzberger sich in der Forschungsdebatte, ohne aber näher auf die deutschlandpolitischen Konzeptionen der Sowjetunion in der Nachkriegszeit einzugehen. Dies bleibt, um es vorwegzunehmen, im gesamten Buch merkwürdig unterbelichtet – im Kontrast zu der Fülle an Forschung, die zu diesem Komplex in den vergangenen dreißig Jahren unternommen wurde und im Literaturverzeichnis durchaus repräsentativ abgebildet ist.[3]

Aus dem Jahr 1949 wird der Leser unvermittelt zu Adenauers Moskaubesuch 1955 geführt. Aufschlussreiche Zitate aus den Notizen von Herbert Blankenhorn, einem Berater Adenauers rahmen die anregende Beschreibung und Einordnung von Adenauers Reise, die zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion führte – sicherlich einer der analytischen Höhepunkte des Buches. Ausführlich behandelt der Verfasser die Kalküle auf beiden Seiten, den Verlauf der Verhandlungen und die auf die Akteure nachwirkenden Eindrücke. Es wird deutlich, welch wichtige Weichenstellung die Reise bewirkte, dass sie letztlich die Grundlage für alles Folgende bildete.

Die nächste Station auf dem Parforceritt durch das Jahrhundert ist der Moskauer Vertrag von 1970. Sein Zustandekommen wird souverän in einen globalen außenpolitischen Kontext eingebettet und aus bundesdeutscher wie sowjetischer Perspektive analysiert. Die Darstellung der unmittelbaren Vorgeschichte des Vertrags mit der mehrgleisigen Kommunikation zwischen Bonn und Moskau hat beeindruckenden Tiefgang. Rätselhaft bleibt allerdings, warum die Verhandlungen von 1955 und 1970 in das Kapitel „Revolutionen und Umbrüche“ gepackt wurden, statt sie im Kapitel „Abgrenzung und Verständigung“, wo die Brandtsche Ostpolitik noch einmal aus anderer Perspektive thematisiert wird, zusammenhängend zu behandeln.

Die Ereignisse, die zur deutschen Wiedervereinigung führten, werden mit interessanten Einblicken in die Meinungsunterschiede innerhalb der sowjetischen Führung dargelegt. „Falken“ und „Reformer“ versuchten jeweils Gorbatschow in ihrem Sinne zu beeinflussen. Aufschlussreiche Informationen erhält der Leser auch über das Agieren von Egon Bahr, der sich mit Valentin Falin, dem Leiter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, einig war, eine NATO-Mitgliedschaft Gesamtdeutschlands zu verhindern.

Mit dem zweiten Kapitel „Terror und Gewalt“ beginnt ein neuerlicher Gang durch das Jahrhundert. Zunächst wird das Aufeinandertreffen von Deutschen und Russen im August 1914 in Ostpreußen behandelt. Der Schwerpunkt liegt auf der beiderseitigen Gewaltausübung im Kontext des Ersten Weltkriegs und den wechselseitigen Wahrnehmungen. Dabei stellt der Verfasser mehrfach Vergleiche zum Zweiten Weltkrieg an und hebt die Unterschiede hervor. Die Ereignisse in der Ukraine in der Endphase des Krieges kommen nun immerhin vor, werden aber auf den Aspekt der Gewalt reduziert. Eine kohärente Darstellung der russisch-ukrainisch-deutschen Beziehungsgeschichte 1917/18, die sich gerade aus der gegenwärtigen Perspektive aufgedrängt hätte, kommt durch diese Verengung des Blicks nicht zustande. Ähnlich ist es mit den Kämpfen im Baltikum nach Kriegsende.

Die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit von 1939/40 und anschließende Konfrontation ab 1941 bereitet der Verfasser mit Ausführungen über die wechselseitigen (Fehl-)Wahrnehmungen, Konzepte, Unterschiede und Gemeinsamkeiten Hitlers und Stalins vor. Das ist gut gelungen, aber der Sprung von den allgemeinen Ausführungen zum vollzogenen Hitler-Stalin-Pakt und der Aufteilung Polens lässt den Leser doch wieder mit einer empfindlichen Lücke zurück. Über die konkrete Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1933 und 1939 hätte man hier schon gerne etwas erfahren. Entsprechend dem Gewalt-Schwerpunkt des Kapitels wird stattdessen die beiderseitige Terrorausübung im besetzten und zerstückelten Polen eingehend beschrieben und miteinander verglichen.

Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die sowjetische Antwort darauf werden eindrücklich und zugleich differenziert behandelt – die brutalen stalinistischen Methoden der Disziplinierung und Bestrafung der eigenen Soldaten und Bevölkerung mit eingeschlossen. Bei der Schilderung der deutschen Mord- und Ausbeutungspolitik werden auch die Ukraine und Weißrussland (im Buch wird durchgängig diese eigentlich heute nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung verwendet) sichtbar. Unberücksichtigt bleibt die Komplexität, die sich durch die gegeneinander kämpfenden kommunistischen und nationalistischen Partisanenverbände in der Ukraine und in Belarus sowie durch Kollaboration ergab. Insbesondere vor dem Hintergrund der heutigen russisch-ukrainischen Kontroversen um die Organisation Ukrainischer Nationalisten und ihren Anführer Stepan Bandera ist es schade, dass hier die einschlägige Forschung nicht mit eingeflossen ist.[4] Am Ende des Kapitels stehen Racheakte, Plünderungen und Vergewaltigungen von Rotarmisten beim Einmarsch in Deutschland, die Umstände der Flucht der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten und der stalinistische Terror in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands.

Das dritte Kapitel über „Abgrenzung und Verständigung“ beginnt mit dem Vertrag von Rapallo, auf den sich Deutschland und Sowjetrussland am Ostersonntag des Jahres 1922 am Rande der Konferenz von Genua bilateral verständigten und mit diesem Alleingang bei den Westmächten großes Misstrauen auslösten. Auf den „Rapallo-Komplex“ hatte der Verfasser schon in den vorangegangenen Kapiteln mehrmals Bezug genommen – im Nachhinein werden nun die Informationen geliefert, die diese Bezüge erst verständlich machen. Der Verfasser erklärt, warum der Vertrag so großes Aufsehen erregte, erläutert die dahinter stehenden Interessen, relativiert aber zu Recht seine hinter den Zuschreibungen zurückbleibende reale politische Bedeutung. Gemessen daran taucht das Stichwort „Rapallo“ im Buch erstaunlich häufig auf. Es zieht sich geradezu als Leitmotiv durch alle Kapitel.

Die Entwicklungen rund um den Vertrag von Rapallo benutzt der Verfasser geschickt, um das beteiligte Personal im Sinne einer Kulturgeschichte der Diplomatie vorzuführen, ähnlich, wie er dem Text auch schon bei anderen Episoden zuvor lebendige Gesichter verliehen hatte. In der Folge behandelt er das stets auf der Kippe zwischen gutem Einvernehmen, Konflikten und Misstrauen balancierende deutsch-sowjetische Verhältnis der 1920er-Jahre. Trotz aller Probleme obsiegte, wie Creuzberger festhält, meist die Bereitschaft zum Kompromiss jenseits der vorhandenen Gegensätze. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Nutzen, den beide Seiten aus den Wirtschaftsbeziehungen und aus der geheimen militärischen Zusammenarbeit zogen.

Gebührender Raum wird nun auch der Entwicklung in den 1930er-Jahren gewidmet. Der deutsch-polnische Nichtangriffspakt von 1934 entzog dem sowjetischen Kalkül, die antipolnischen Ressentiments Deutschlands auszunutzen, um Deutschland vom potenziell gegen die Sowjetunion gerichteten gemeinsamen Agieren mit anderen kapitalistischen Mächten abzuhalten, die Grundlage. Die Sowjetunion antwortete mit ihrem Konzept der kollektiven Sicherheit und den Beistandspakten mit Frankreich und der Tschechoslowakei. Wie Creuzberger herausarbeitet, versuchte Stalin aber parallel unter Ausnutzung der wirtschaftlichen Beziehungen mit Hitler ins Gespräch zu kommen und beschritt unter dem Eindruck des Münchner Abkommens von 1938 den Weg in Richtung eines Pakts mit Deutschland.

Der Verfasser schildert die Verunsicherung, die diese radikale Wende in der Sowjetunion und in der Komintern, aber auch in Deutschland auslöste. In beiden Ländern wurde die Berichterstattung umgepolt, in der Sowjetunion radikaler als in Deutschland. Er beschreibt die einvernehmliche Zerstückelung Polens und geht auch auf die wirtschaftliche und wissenschaftliche Kooperation ein. Der wirtschaftlichen Zusammenarbeit räumte Stalin höchste Priorität ein. Der sowjetische Beitrag zur ökonomischen Unterstützung der deutschen Kriegführung war beträchtlich, Deutschland war allerdings nur für kurze Zeit darauf angewiesen und erfüllte umgekehrt seine Lieferungen im Frühjahr 1941 nur noch, um über die Angriffsabsichten hinwegzutäuschen.

Vom 22. Juni 1941, mit dem das Zwischenspiel der Zusammenarbeit abrupt endete, springt die Darstellung abermals in die Nachkriegszeit. Plünderungen, Reparationen, Verschleppung von Arbeitskräften und Demontagen werden unter der Überschrift „erzwungene Kooperation“ behandelt – unter der Maßgabe, dass die Besatzungsmacht bei der praktischen Umsetzung insbesondere der Demontagen auf deutsche Arbeitskräfte und Fachleute angewiesen war. Die erniedrigenden Umstände, unter denen die Demontagen (und mutwilligen Zerstörungen) abliefen, trugen ihr Scherflein zu einer Negativwahrnehmung der sowjetischen Besatzer bei. Weitere Aspekte, die im Kapitel über die erzwungene Kooperation zur Sprache kommen, sind die Verbringung deutscher Atom- und Raketenforscher in die Sowjetunion und der Raub von Kunst- und Kulturgütern.

Die nächste Station ist Adenauers dritte Regierungserklärung von 1957 mit ihren sowjetfeindlichen Positionierungen, gefolgt von ersten Bemühungen, das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion neu zu denken. Wirtschaftsbeziehungen hatten schon bemerkenswert früh, nämlich 1950 begonnen. Als Brückenbauer fungierte der 1952 gegründete „Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft“. Dessen Vorsitzender Otto Wolff von Amerongen bereitete zusammen mit anderen Industriellen den Boden für sich intensivierende bilaterale Geschäfte, die das Klima auch für politische Weichenstellungen verbesserten. Hier ist nun auch wieder Platz für Klaus Mehnert, und seinen 1958 erschienenen Bestseller „Der Sowjetmensch“, der jenseits der Kalten-Kriegs-Propaganda ein differenziertes Bild von der Sowjetunion vermittelte. In diesem Kontext geht der Verfasser auch auf die damals beginnende Berichterstattung von Korrespondenten wie Hermann Pörzgen oder Gerd Ruge ein und zeigt, wie umgekehrt sowjetische Journalisten in die Bundesrepublik eingeladen wurden, um sich ein objektiveres Bild zu verschaffen.

Nach diesem Exkurs in die Wissensgeschichte wird zum wiederholten Mal die Brandtsche Ostpolitik thematisiert. Diesmal geht es um die persönlichen Begegnungen mit Breschnew, die Entspannungspolitik und die Wirtschaftsbeziehungen. Nach einer kleinen Lücke setzt sich die Darstellung dann mit der Ära Gorbatschow fort. Creuzberger schildert die mühsamen Anfänge eines neuerlichen Dialogs nach der durch den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 verursachten Verhärtung bis hin zur Gorbatschow-Euphorie in der Bundesrepublik im Frühjahr 1989. Die schon im ersten Kapitel behandelte Wendezeit überspringend setzt die Darstellung 1992 mit der Neubestimmung deutsch-russischer Beziehungen nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder ein. Im Eiltempo werden im letzten Unterkapitel dreißig Jahre unter den Kanzlern Kohl, Schröder und Merkel durchmessen. Darin wird das zusammenhängend beschrieben, was seit der Krim-Annexion in zahlreichen Artikeln und Analysen über die Veränderungen der russischen Politik und das Verhältnis zu Deutschland und zur NATO ausgebreitet wurde. Dabei steht die „Große Politik“ klar im Vordergrund, flankiert von Seitenblicken auf die Wirtschaft und die Wirkung der russischen Informationspolitik auf die deutsche Gesellschaft. Der Text wirkt in diesem Überblick etwas hastig und hat mehr den Charakter einer tagespolitischen Reportage.

Am Ende steht ein resümierendes Bilanzkapitel über das „deutsch-russische Jahrhundert“, in dem der Verfasser die Bedeutung Deutschlands für die russische Geschichte noch einmal akzentuiert: Deutschland sei 1917 Geburtshelfer der Oktoberrevolution gewesen, es habe maßgeblichen Anteil an der Stabilisierung der Sowjetmacht gehabt, indem es 1922 als erstes westliches Land das weithin geächtete Regime anerkannte, mit dem Hitler-Stalin-Pakt habe 1939 der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht begonnen, unterbrochen durch den deutschen Überfall von 1941, aber vollendet mit dem Sieg über Deutschland 1945. Umgekehrt habe Stalins repressive Politik in der DDR die Westintegration der Bundesrepublik gefördert. In den 1970er- und 1980er-Jahren seien westdeutsche Kanzler zwischen Washington und Moskau gependelt und hätten die Positionen des jeweils anderen erklärt. Am Ende mündet das Resümee in Ratschlägen, wie die deutsche Politik mit Putin umgehen solle, nämlich Festigkeit zu demonstrieren und wehrhaft zu bleiben, gleichzeitig aber auch aus dem 20. Jahrhundert die Konsequenz zu ziehen, dass nichts ewig währe und auf bessere Zeiten zu hoffen.

Die Lektüre hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Jeder, der selbst schon einmal eine große Synthese geschrieben hat, weiß, dass es unmöglich ist, alles zu behandeln, allen Leserinnen und Lesern gerecht zu werden, und dass sich grundsätzliche Fragen der Komposition und Anordnung des Materials stellen, für die es keine Ideallösung gibt. Creuzbergers Werk enthält eine Fülle von lesenswerten Informationen und Gedanken, ist gut und überwiegend auf der Höhe des Forschungsstandes geschrieben, es ist klar in der Diktion, wenn auch mit wenig stilistischer Würze, und auch für ein Nicht-Fachpublikum gut verständlich. Den im Vorwort geweckten Erwartungen wird es allerdings nicht vollständig gerecht: Einerseits konzentriert es sich entgegen der anfangs ausgebreiteten Vielfalt der Zugänge ganz überwiegend auf die klassische „Große Politik“, ein wenig angereichert durch Kulturgeschichte der Diplomatie. Die Wirtschaftsbeziehungen werden schon deutlich weniger konturiert, die Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen erhalten nur wenig Raum. Die Deutschen in Russland blitzen nur an wenigen Stellen kurz auf.

Das Hauptproblem des Buches liegt aber in der Gliederung. In dem verständlichen Bemühen, einer chronologischen Anordnung etwas Originelleres entgegenzusetzen, hat Creuzberger ein Kompositionsprinzip gewählt, das dann doch nicht so recht überzeugen kann. Sein Postulat, die Überschriften der drei Kapitel hätten erkenntnisleitend und aufschließend gewirkt, lässt sich nur ansatzweise bestätigen. Wirklich Neues ist durch die modifizierte Anordnung des Stoffes nicht herausgekommen. Das Ergebnis ist vielmehr dem Ziehen von längeren kohärenten Argumentationslinien eher abträglich. Zentrale Themen und Erklärungskontexte mussten zerrissen und ihre Bestandteile auf die drei Kapitel verteilt werden. Auf diese Weise entstanden Redundanzen, aber vor allem merkwürdige Lückentexte, die man beim Lesen gedanklich übereinander legen muss, um wieder ein geschlossenes Bild zu erhalten. Das funktioniert am Ende zwar (weitgehend), aber zwischendurch beschleicht einen ständig das Gefühl, dass wichtige Dinge fehlen, und auch nach der Lektüre des gesamten Buches bleiben empfindliche Leerstellen übrig: Die in den Krieg mündende Entwicklung des deutsch-russischen Verhältnisses in der Julikrise 1914 wird nicht behandelt. Das Terrorregime der Bolschewiki und der von ihnen vom Zaun gebrochene Bürgerkrieg mit 8 bis 14 Millionen Toten wären als Hintergrundfolie notwendig gewesen, um die in Europa zu Beginn der 1920er-Jahre verbreitete Angst vor dem Bolschewismus zu verstehen und das deutsche Vorpreschen beim Übergang zu scheinbar normalen Beziehungen einzuordnen. Die sowjetische Deutschlandpolitik zwischen 1941 und 1955 bleibt unterbelichtet. Man vermisst die Sondierungen über einen Separatfrieden, das Nationalkomitee Freies Deutschland, die Hintergründe der „Gruppe Ulbricht“, die sowjetischen Abwägungen zwischen Gesamtstaat und Zweistaatlichkeit. Die erste Berlinkrise von 1948/49 und die vieldiskutierte Stalin-Note vom März 1952 werden nur nebenbei erwähnt. Die Niederschlagung des Volksaufstands von 1953 kommt nicht vor, das Kulturabkommen von 1959 wird nicht erwähnt, die zweite Berlin-Krise und der Mauerbau werden auf wenig mehr als einer halben Seite abgehandelt. Daneben hätte dem Buch eine stärkere Einbettung in größere internationale Zusammenhänge gut getan. Die Relevanz Deutschlands für Russland und umgekehrt, mit der Creuzberger das „deutsch-russische Jahrhundert“ begründet, überzeugt an sich schon, aber der Fokus auf die bilateralen Beziehungen hätte an manchen Stellen durch mehr Kontextualisierung an Aussagekraft gewonnen.

Gleichwohl würde man dem Buch nicht gerecht, die Rezension mit Monita enden zu lassen. Dem Verfasser gebührt Respekt vor einer beeindruckenden Syntheseleistung, die sich nicht im Zusammentragen von Einzelforschungen erschöpft, sondern auch eigene Quellenauswertungen enthält, was für ein Werk dieses Zuschnitts nicht selbstverständlich ist. Dem Buch sind ausdauernde Leserinnen und Leser zu wünschen, die sich nicht auf ein Kapitel beschränken, sondern der Gesamtkomposition gerecht werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Borislav Chernev, Twilight of Empire. The Brest-Litovsk Conference and the Remaking of East-Central Europe, 1917-1918, Toronto 2017; Frank Golczewski, Deutsche und Ukrainer 1914-1939, Paderborn 2010; Caroline Milow, Die ukrainische Frage 1917-1923 im Spannungsfeld der europäischen Diplomatie, Wiesbaden 2002.
[2] Stefan Creuzberger, Masterplan zur Sowjetisierung Osteuropas? Stalinismus und das Problem des Revolutionsexports, in: Jörg Ganzenmüller/Franz-Josef Schlichting (Hrsg.), Kommunistische Machtübernahmen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg – ein Rückblick nach 70 Jahren Zwangsvereinigung von KPD und SPD, Erfurt 2017, S. 13-37.
[3] Aus der Fülle der Literatur seien ergänzend exemplarisch genannt: Bernd Bonwetsch, Die Stalin-Note 1952 – kein Ende der Debatte, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2008), S. 106–113; Winfried Loth, Die Sowjetunion und die deutsche Frage. Studien zur sowjetischen Deutschlandpolitik, Göttingen 2007; Jürgen Zarusky (Hrsg.), Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung, München 2006.
[4] Vgl. in Ergänzung zu den im Literaturverzeichnis aufgeführten Werken von Chiari, Gogun und Penter: Karel Cornelis Berkhoff, Harvest of Despair. Life and Death in Ukraine under Nazi Rule, Cambridge, Mass. 2004; Frank M. Grelka, Die ukrainische Nationalbewegung unter deutscher Besatzungsherrschaft. 1918 und 1941/42, Wiesbaden 2005; Kai Struve, Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine, Berlin, Boston 2015.

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25.05.2022
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