A. Badenoch u.a. (Hrsg.): Materializing Europe

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Title
Materializing Europe. Transnational Infrastructures and the Project of Europe


Editor(s)
Badenoch, Alexander; Fickers, Andreas
Published
Basingstoke 2010: Palgrave Macmillan
Extent
X, 333 S.
Price
£ 65.00 / $ 85.00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Ralf Roth, Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Das Buch hat eine klare Fragestellung: Wie haben grenzüberschreitende Infrastrukturnetze zur Integration Europas beigetragen? Der Band geht zurück auf zwei Workshops des Projekts „Transnational Infrastructures and the Rise of Contemporary Europe“[1] der Universität Eindhoven in den Jahren 2006/07. Darüber hinaus sehen die beiden Herausgeber ihre Überlegungen als einen grundsätzlichen Beitrag zur transnationalen Geschichte, und in diesem Zusammenhang ist es ihr Ziel, die Technik- und Verkehrsgeschichte mit einem „overarching model for explanation of the complex dynamic of infrastructure“ aufzurollen (S. 11).

Das Buch teilt sich in drei große Abschnitte. Im ersten sollen die Zusammenhänge zwischen grenzübergreifenden Verkehrs- und Kommunikationsinfrastrukturen sowie der Idee der europäischen Integration problematisiert werden. Der zweite Teil („Mediating Europe“) erkundet stärker die Bedingungen für die Ausbildung von Infrastrukturnetzwerken. Im letzten Teil wird ein Europa vorgestellt, das zwischen „Projekten und Projektionen“ befangen sei. Unter diesen Großthemen finden sich insgesamt zehn Aufsätze und sieben „Biographien“ genannte kurze Einschübe zu Personen und anderen Dingen.

Zuerst widmet sich Dirk van Laak infrastrukturellen Großprojekten im Zeitalter der Weltpolitik, mit denen die Weiten Afrikas von Europa aus erschlossen werden sollten, und zieht eine Linie bis zu den Infrastrukturprojekten zur Integration Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Alexander Badenoch untersucht im Anschluss die Überzeugungskraft von Karten der europäischen Verkehrsnetze. Er betrachtet sie nicht nur „as a means of creating standardized knowledge“, sondern ist analog zur Einleitung des Bandes auch der Meinung, dass sich an diesen Karten zeige, „[how] networks and territories mythically construct each other“ (Badenoch / Fickers, S. 17).

Der erste Teil des Buches schließt mit einem Beitrag von Johan Schot über „Transnational Infrastructures and the Origins of European Integration“. Es geht dem Autor in erster Linie um die Rolle der „Internationale der technokratischen Experten“ und um die Frage, welche Bedeutung diese Experten dem Transport- und Energiesektor in der Gründungsphase der ersten supranationalen europäischen Organisationen beimaßen. Schot arbeitet dabei eine entscheidende Differenz zwischen Transport- und Energiesektor heraus: Während im Bereich der Energie starke europäische Institutionen entstanden seien, habe sich der Transportsektor kaum aus seiner nationalen Organisation erheben können. Die institutionellen Grundlagen für eine europäische Vereinheitlichung seien nur schwach ausgebildet worden und vielfach über Absichtserklärungen nicht hinausgekommen (S. 94f.). Dabei konzentriert sich der Verfasser auf die Gründung und den Einfluss von Institutionen wie der „European Conference of Ministers of Transport“ (ECMT), lässt aber rechtliche Rahmenfestlegungen, Programme, Projekte und vor allem die Netze selbst außen vor. Dennoch kommt er zu der Überzeugung, die Hoffnungen der „Experten“, dass Europa mit Hilfe gut funktionierender Verkehrsinfrastrukturen zusammenwachse, hätten sich nicht erfüllt.

Daraus zieht Schot weitreichende Schlüsse: Die meisten Vorstellungen über den Prozess der europäischen Integration würden nicht stimmen; der Autor fordert deshalb eine verstärkte Berücksichtigung des infrastrukturellen Ausbaus und seiner institutionellen Rahmenbedingungen. Das wäre sicher hilfreich, doch richtet sich der Blick in dem Beitrag gar nicht auf die Infrastrukturen selbst, sondern nur eingeschränkt auf grenzüberschreitend wirkende Institutionen, die bestenfalls die Rahmenbedingungen der Infrastruktur gestalten sollten und dies mehr oder weniger erfolgreich bewerkstelligt haben. Eine transnationale Wirkung der Netze ergibt sich jedoch nicht erst, wenn sie von transnationalen Einrichtungen verwaltet werden, sondern sie entfalten ihre Wirkung, sobald sie grenzüberschreitend zusammengeschaltet werden. In Schots Argumentation fehlen die Nutzer der Infrastruktur.

Obwohl im zweiten Abschnitt des Buches die Schaffung und der Bau von Infrastrukturen verfolgt werden sollen, folgen die meisten der dort versammelten Autoren eher Schots Ansatz. Das gilt sowohl für den Beitrag von Frank Schipper, Vincent Lagendijk und Irene Anastasiadou über das „Committee for Communications and Transport“ (OCT) – eine Institution des Völkerbundes, die durchaus Grundlagen für eine internationale Zusammenarbeit in Fragen der Verkehrs- und Energieinfrastrukturen gelegt hat – als auch für Erik van der Vleutens Beitrag „Transnational Food Transportation Infrastructure in the Early Cold War“. Hier zeigt der Autor, wie eine ganze Reihe bestehender transnationaler Einrichtungen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengeführt wurde, um Europa besser mit Lebensmitteln zu versorgen. Auch van der Vleuten konzentriert sich auf die Auseinandersetzung der „technokratischen Experten“, so dass der Leser über die Netzwerke selbst relativ wenig erfährt. Die beiden weiteren Beiträge in diesem Abschnitt, Barbara Bonhages Aufsatz zum bargeldlosen Zahlungsmittel „Eurocheque“ und Patrick Kammerers Ausführungen zum „European Mobile Phone Standard“ (GSM) gehen da schon etwas mehr in die Details. Beides hatte jedoch nur vordergründig mit Europa zu tun und zielte auf Systeme im Bereich des Geldverkehrs und der Telekommunikation, in denen von Europa ausgehend weltweit wirkende Einrichtungen und Standards entwickelt wurden.

Im letzten Abschnitt des Buches finden sich ebenfalls mehr detaillierte und konkrete Abhandlungen zu bestimmten Infrastrukturen. Andreas Fickers und Suzanne Lommers widmen sich der Rolle von Radio und Fernsehen für die Ausbildung eines europäischen Selbstverständnisses, Cornelis Disco untersucht die Wirkung der internationalen Schifffahrtswege auf den europäischen Flüssen am Beispiel von Rhein und Rhône, und Eda Kranakis Beitrag handelt von dem Beginn der zivilen Luftfahrt nach dem Ersten Weltkrieg. Alle drei Beiträge sind kenntnisreich geschrieben. Sie stehen der Annahme einer Europäisierung, die durch diese Infrastrukturen befördert worden sein soll, eher skeptisch gegenüber und verweisen wie Schot auf die anhaltende Dominanz nationaler Institutionen, in denen die zentralen Infrastrukturnetze organisiert und verwaltet wurden. Das betraf nicht nur die Radio- und Fernsehanstalten sowie die Wasserwege, sondern gerade auch die Luftfahrt, die besonders in der Krisenzeit der 1930er-Jahre nicht nur nationalen, sondern ausgesprochen nationalistischen Perspektiven gefolgt ist. Leider wird das Thema nicht über den Zweiten Weltkrieg hinaus fortgesetzt.

Wenn man das Spektrum der Aufsätze insgesamt betrachtet, ist die Liste der untersuchten Themen recht heterogen: Afrikapläne der Europäer, kartographische Darstellungen, fragmentierte und schwache europäische Institutionen im Transportbereich (die den historisch gar nicht so wirkungslosen Institutionen des Völkerbundes gegenüberstehen), Institutionen und Infrastrukturen zur Linderung des Hungers nach dem Krieg, die Erfolgsgeschichten von Eurocheque und GSM, die Bescheidenheit Europas in den Kulturinstitutionen von Radio und Fernsehen. Selbst Wasser und Luft hätten kaum zur Integration Europas beigetragen. Jeder Aufsatz ist für sich ein interessanter Diskussionsbeitrag und hat seinen Wert, indem er kritisch Einblicke in zahlreiche Institutionen Europas gewährt, die sonst nur unter ferner liefen abgehandelt werden. Bisherige Positionen werden quer gebürstet, und es wird mit kritischem Impetus Zweifel an der Wirksamkeit von Infrastruktur für den europäischen Integrationsprozess gesät.

Viele Artikel erscheinen in ihrem Urteil jedoch überzogen, weil der Gegenstand jeweils eng begrenzt vorgestellt wird und die Zeit des europäischen Integrationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg mitunter nur am Rande berührt ist. Vor allem aber werden unter der Überschrift „Materializing Europe“ Ausführungen zusammengebunden, die sich weniger um die materiellen Infrastrukturen und ihre Folgewirkungen drehen als um die weite Welt der Vorstellungen über sie – etwa von Ingenieuren, Kartenzeichnern und der „Internationale der technokratischen Experten“. Das ist eine verkürzte Sicht auf den Zusammenhang von „Transnational Infrastructures and the Project of Europe“. Eisenbahnen, Straßen, Flüsse und Kanäle, Flugrouten und Flughäfen, die Telekommunikationsnetze sowie ihre Derivate Telefon, Radio, Fernsehen und Internet werden nur ausnahmsweise näher beleuchtet. Wenn man zu einem zutreffenden Urteil über den Zusammenhang von Infrastruktur und Europa kommen möchte, müsste dieses Ungleichgewicht korrigiert werden.

Anmerkung:
[1] <http://www.tie-project.nl> (14.12.2011).

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22.12.2011
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