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Title
Kaffeewelten. Historische Perspektiven auf eine globale Ware im 20. Jh.


Editor(s)
Berth, Christiane; Dorothee Wierling, Volker Wünderich
Published
Göttingen 2015: V&R unipress
Extent
284 S.
Price
49,99€
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Immanuel R. Harisch, Plattform Mobile Kulturen und Gesellschaften, Universität Wien

Der vorzustellende Sammelband ist das Ergebnis einer Konferenz aus dem Jahr 2012 an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH). Ausgehend von der hanseatischen Tradition im Kaffeesektor nahm sich die Tagung zum Ziel, Lokal- und Regionalstudien mit weltweiten Zusammenhängen zu verflechten. Die auf knapp 300 Seiten versammelten elf Beiträge führen dies Leser von deutschen Kontexten ausgehend (Hamburg, Deutsches Reich, „Drittes Reich“, Bundesrepublik Deutschland, DDR) hauptsächlich nach Lateinamerika (Mexiko, Costa Rica, Guatemala) und einmal nach Indien, wobei mehrere AutorInnen die Netzwerke multinationaler Handelsfirmen und international agierender KaffeehändlerInnen untersuchen. Im Folgenden greife ich fünf Aufsätze aus dem Band heraus, um die aufschlussreiche Bandbreite der Beiträge zu verdeutlichen.

Steven Topiks einleitender Beitrag behandelt „Produktbiografien, Warenketten und Kaffeegeschichten“. Die mit der Globalisierung einhergehende Kommodifizierung und das Wachstum der internationalen Konzerne befeuerten das Genre der Produktbiographien u.a. zu Salz, Kokain, Baumwolle oder eben Kaffee, einem Produkt, das sich laut Topik als lange Jahre wertmäßig zweitwichtigste globale Handelsware wunderbar dazu eignet, die mannigfaltigen Aspekte einer sich in den letzten 500 Jahren globalisierenden Welt zu verdeutlichen. Das beinhaltet auch das Gefälle zwischen Erzeuger- und Konsumentenländern, die Bedeutung von afrikanischer Sklavenarbeit und die Rolle des Kaffees als „Kraftstoff“ für eine „fleißige“ (industrious) Revolution (S. 29). Eine zentrale Erkenntnis der Produktbiografien weist Märkte als „formbare, instabile Institutionen [aus], die von Akteuren geprägt werden, die in ihrem Handeln ökonomische, soziale, politische und manchmal auch religiöse Ziele zugleich verfolgen“ (S. 23). Mit dieser Einsicht und einem Credo über die Erklärungspotenz der Warenketten-Analyse bereitet Topik den Boden für die nachfolgenden Beiträge, die sich mit unterschiedlichen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren, Akteursgruppen und Unternehmen beschäftigen, und dabei versuchen, „die verschiedenen Teile des Kaffee-Elefanten als Zusammenhang zu begreifen“ (S. 33) – was ihnen auch durchwegs gelingt.

Julia Laura Rischbieters Beitrag zeigt anhand von Innovations- und Spezialisierungsprozessen von Unternehmern im Deutschen Kaiserreich, wie lokale Akteure auf globale Marktintegration reagierten. Zwischen 1890 und 1910 verdrängte der Röstkaffee den Rohkaffee fast vollständig, und die Wertschöpfungskette diversifizierte sich weiter mit neuen Akteursgruppen aus. Mit Blick auch auf heutige Unternehmensstrategien sehr spannend zu lesen sind die von der Autorin betonten Verkaufsstrategien von Massenfilialisten wie Kaiser, die bereits um 1900 auf ein homogenes Angebot bei gleichbleibender Qualität und festgesetzten Preisen in allen Filialen setzten und durch Wiedererkennungswert und Rabattmarkensystemen Kunden zu ködern suchten.

Justus Fenner präsentiert mit seinem Beitrag zur Arbeiteranwerbung und Wanderarbeit im mexikanischen Chiapas eine Neuinterpretation der Mechanismen zur Arbeiteranwerbung (enganche) auf den häufig in deutschem Besitz befindlichen Kaffeeplantagen. Weiter gefasst beschreibt enganche die Folgen des Anwerbesystems für ArbeiterInnen wie Gewalt und Ausbeutung. Aufgrund von chronischem Arbeitskräftemangel auf den Kaffeefincas ab den 1880er-Jahren versuchten die PlantagenbesitzerInnen ArbeiterInnen aus dem chiapanekischen Hochland mit Vorschüssen anzuwerben; konnten die PlantagenbesitzerInnen trotz der Vorschüsse keine erträgliche Ernte einfahren, drohten sie ihre Plantage an Hamburger KapitalistInnen zu verlieren. Angesichts dessen hat die Studie, wie der Autor auch einräumt, „notgedrungen einen stark revisionistischen Einschlag. Trotzdem ist es nicht meine Absicht, die der klassischen Gewaltthese zugrundeliegenden Fakten zu leugnen oder die Schwere der individuellen Erfahrung zu relativieren.“ Es geht Fenner darum, ein „differenzierteres Bild der Arbeits- und Lebenssituationen auf den Kaffeeplantagen […] zu zeichnen“. Den Anfang sollen Akten über Verfahren in Gerichts- und Verwaltungsarchiven darstellen. Hier wurden im „Ausnahmefall“ zwischen 50 und 100 Verfahren pro Jahr gegen die PlantagenbesitzerInnen wegen Gewaltanwendung o.Ä. eingeleitet (S. 67), jedoch, wie der Autor feststellt, hätten die sozialen Machtverhältnisse und mangelnde Sprachkenntnisse Klagen vielfach verhindert. Eher eine Vermutung bleibt, „dass die Zahl der nichtangezeigten [sic!] Fälle drei- bis viermal so hoch liegt“ und dass es bei rund 20.000 jährlichen Anwerbungen „problematisch [wäre] davon auszugehen, dass der Regelverstoß den Regelfall darstellte. Anscheinend war die Wanderarbeit nicht derart von menschlicher Gewalt und Ausbeutung geprägt“. (S. 67) Diese Einschätzung des Autors erfolgt ohne jeden Beleg — warum nicht der halbe, zehnfache, fünfzigfache oder hundertfache Wert ebenso plausibel wäre wie des Autors Schätzung, bleibt ein Rätsel. Die nächsten Seiten beschreiben „Integrationsprozesse“ in eine kapitalistische Plantagenwirtschaft, wie sie in vielen Peripherien vorkamen: Landnahme, Einführung einer Hüttensteuer, Schuldenspirale und Landmangel bereiteten den Boden für Wanderarbeit. Gleichwohl gelingt es dem Autor durch bislang wenig genutzte lokale Archivalien durchaus, die bis dato vorherrschende binäre Darstellung zu durchbrechen und mit Hinweis auf die spezifische Handlungsmacht der Wanderarbeiter (Streiks, gewerkschaftliche Organisation, „Ausspielen“ verschiedener Fincas gegeneinander), „die diversen Grautöne zwischen den Extremen“ (S. 66) herauszuarbeiten.

Dorothee Wierlings Darstellung der Hamburger Kaffeeimporteure im 20. Jahrhundert ist eine gelungene Verschränkung von Makro- und Mikrohistorie, die gekonnt sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Aspekte anhand der Geschichte dieser Akteursgruppe, die in der Warenkette des Kaffees eine wichtige Rolle einnahmen, miteinander verknüpft. Die Autorin bettet die Handlungsoptionen der Akteure in ein Bourdieu‘sches „Kräftefeld“ unterschiedlicher Kapitalsorten ein und zeigt so die darauf einwirkenden externen und internen Faktoren wie auch radikale Brüche während des 20. Jahrhunderts auf. Die Gefahr einer zu romantisierenden Darstellung aufgrund der Logik der Vereinsarchivalien wird von der Autorin durch eine kritische Betrachtung der Vereinsaktivitäten und individuellen Handlungen von HändlerInnen während der NS-Zeit zerstreut. Insgesamt gelingt Wierling mit dem Beitrag eine dynamische und intime — geht es hier vor allem um den Verlust von Ehre und Würde nach Enteignungen jüdischer HändlerInnen — Darstellung des exklusiven und „ehrbaren“ „Standes“ der Hamburger Kaffeeimporteure.

Bhaswati Bhattacharyas Beitrag stellt eine wohltuende Abwechslung insofern dar, als er die dominanten westlichen (deutschen) Kaffeewelten verlässt und Kaffeekonsum und Kaffeevermarktung in Indien (1935-2010) in den Blick nimmt. Dass Erzeugerländer ihre Handelswaren auch konsumieren, zeigen Beispiele wie indischer Tee- (größte Produktion, höchster Verbrauch weltweit) oder Brasiliens Kaffeeanbau (größte Produktion, zweithöchster Verbrauch weltweit). Bis zu den staatlichen Eingriffen Mitte der 1930er-Jahre, die sowohl die Produktion als auch den Konsum massiv zu fördern suchten, war Kaffee hauptsächlich ein Konsumgut der Mittelklasse in südindischen Anbauregionen. Ähnlich wie in Produzentenländern Lateinamerikas regulierten die staatlichen Zentralbehörden die Produktion, interne Preise als auch Ausfuhr des Kaffees in Kontrollstrukturen, die, wenngleich zu keiner Zeit absolut, „bis zum Beginn der 1990er-Jahre mehr oder weniger intakt“ blieben, wie die Autorin betont (S. 184). Die Maßnahmen des staatlichen Coffee Board führten zwischen 1940 und 1960 zu einer Vervierfachung des Kaffeeverbrauchs, obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch noch immer vergleichsweise niedrig lag. Mit der Umstellung auf ein offenes Vermarktungssystem im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung Anfang der 1990er-Jahre setzten sich einige wenige Firmen am indischen Markt durch, auf den nun vermehrt auch ausländische Investoren strömten, ist doch das Kaffeegeschäft in Indien rund 170 Millionen US-Dollar wert — bei jährlichen Wachstumsraten von 40 Prozent. Wie Bhattacharya aufzeigt, ist Kaffee damit in rezenter Zeit zum Lifestyle-Attribut der jungen indischen Generation geworden (S. 196).

Die HerausgeberInnen haben sich in dem Sammelband zum Ziel gesetzt, Aspekte der Kaffee-Warenkette wie Produktion, Handel und Konsum nicht isoliert sondern verschränkt zu betrachten — was auch durch die Kombination von sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Ansätzen zweifelsohne gelungen ist. Trotz der Erkenntnis, dass der Nationalstaat ein beträchtliche Rolle bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen spielte, wollen sie sich mit dem Autoren von nationalistischen Narrativen abheben, indem sie zu einer „kritische[n] Produktgeschichte“ (S. 12) im globalen Zusammenhang beitragen. Auch dieses Versprechen kann der Band einlösen, obgleich die Hintergründe imperialer deutscher Landnahme oder systemische Machtasymmetrien m.E. insgesamt zu kurz kommen. So würde ich als Afrikahistoriker z.B. gerne die genauen Hintergründe der deutschen Landnahme in Guatemala erfahren, bevor die Enteignung deutscher Ländereien und Vermögen diskutiert wird (S. 153). Als weiteres Alleinstellungsmerkmal weisen die HerausgeberInnen die vielfältigen Rückbezüge der Einzelstudien aufeinander aus, was in der Tat den auch optisch gelungenen Sammelband abrundet; als kohärente Sammlung „glokal“ orientierter Kaffeestudien mit deutschem Ausgangspunkt empfiehlt sich die Lektüre des Bandes für all diejenigen, die über diese vielschichtigen Kaffeewelten mehr erfahren möchten.

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14.09.2019
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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