R. Cârstocea: Modern Antisemitisms in the Peripheries

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Title
Modern Antisemitisms in the Peripheries. Europe and its Colonies 1880-1945


Editor(s)
Cârstocea, Raul; Kovács, Éva
Series
Beiträge zur Holocaustforschung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI)
Published
Extent
464 S.
Price
35,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Ozan Zakariya Keskinkilic, Diversity Studies/ Rassismus und Migration, Alice Salomon Hochschule Berlin

Zweiundvierzig Jahre ist es her, dass Edward W. Said (1978 [1]) den europäischen Orientalismus als „a strange, secret sharer of Western anti-Semitism“ (S. 27) bezeichnete. Seither greifen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen den Gedankengang einer strukturellen Verwandtschaft auf und untersuchen Überschneidungen zwischen Antisemitismus, Orientalismus, Kolonialismus und Rassismus.[2] In diese komparative Forschungsperspektive gesellt sich auch der 2019 im _new academic press _erschienene Sammelband „Modern Antisemitisms in the Peripheries. Europe and its Colonies 1880-1945“, herausgegeben von Raul Cârstocea und Éva Kovács, der die Kolonialgeschichte für eine intersektionale, globalhistorische Antisemitismusforschung berücksichtigt.

Das Band gliedert sich in fünf Kapitel: Conceptual Approaches, Antisemitic Radicalisation, Colonial Encounters, Perceptions of Centres and Peripherie und Social-Economic Factors. In zwanzig Beiträgen widmen sich Autorinnen und Autoren dem Transfer antisemitischer Ideen zwischen Metropole und Peripherie ebenso wie Verbindungen zum Antifeminismus (Stögner) und Antikommunismus (Kende). Neben länderspezifischen Fallbeispielen wie dem Antisemitismus in Spanien (Aragoneses), Ungarn (Szele; Szabó), Transilvanien (Biliuță), Habsburg und Russisch-Ukraine (Rossoliński-Liebe), Griechenland (Varvaritis; Carabot) und Rumänien (Marin), behandeln mehrere Artikel die Schnittstelle zur Kolonial- und Rassismusforschung.

Bereits im ersten Beitrag rückt Christian S. Davis die rhetorische Überlappung antisemitischer und kolonialrassistischer Rhetorik im imperialen Deutschland ins Licht. Davis untersucht den Gebrauch kolonialrassistischen Vokabulars unter deutschen Antisemiten im ausgehenden 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts. Jüdinnen und Juden mit Schwarzen und Araberinnen und Arabern zu vergleichen, gehörte zum antisemitischen Repertoire, um rassistische Stereotypen auf die inneren Anderen zu übertragen, gegen die jüdische Emanzipation zu argumentieren und die Gefahr einer Unterwanderung heraufzubeschwören (S. 54). Mit dem Bild des Arabers in deutschen Kolonien sollte die vermeintlich ‚semitische‘ Natur der Juden und Jüdinnen in Deutschland als angeblich korrupt, hinterlistig, sexistisch, parasitär und anfällig für Geschlechtskrankheiten wie der Syphilis am Beispiel des externen Anderen vorgeführt werden (S. 59).

Auch Lukas Bormann behandelt in seinem Beitrag „Das Judentum als inneres Kolonialvolk“ den Einfluss kolonialer Diskurse auf den deutschen Antisemitismus. Er fokussiert auf die Rolle der Kolonialwissenschaften für die sogenannte ‚Judenfrage‘ und zeigt u.a., wie koloniale Begriffe und Methoden auf das Judentum in Deutschland übertragen und in Debatten über „kulturelle und ‚rassische‘ Vermischung“ als Gefahr (S. 251) und Forderungen nach Segregation und dem Verbot sogenannter „Mischehen“ (S. 253) eingesetzt wurden.

Das Zusammenspiel kolonialer und antisemitischer Diskurse tritt auch im US-Süden auf, bis in den Bürgerkrieg und dem Sprechen über den „Carpetbegger“, jener Figur, die für den vermeintlichen Niedergang der Südstaatenmetropolen verantwortlich gemacht wurde, wie Kristoff Kerl erklärt. Ausbeutung, Gier und konspiratives Wirken gehörten zu gängigen Assoziationen, die mit Konstruktionen rassifizierter Männlichkeit und Bildern von Naturkatastrophen und Tieren verknüpft wurden.

Ähnliche Motive identifiziert Timm Ebner in der NS-Kolonialliteratur. In propagandistischen Film- und Literaturproduktionen verquicken koloniale und antisemitische Bilder im Motiv eines „inneren, geheimen Feindes“, der mit einer „präventiven Aufstandsbekämpfung“ (S. 269) begegnet wird. Ebner listet die „paranoische Täter-Opfer-Umkehr“ (S. 271), Verschwörungstheorien (S. 272) und „Kannibalismus“ (S. 273) und Verrat wie Täuschung (S. 278) als zentrale Motive in den Werken des Kolonialautors Freyberg auf.

Dass Jüdinnen und Juden zudem auch in europäischen Kolonien Antisemitismus erfuhren, thematisiert Katharina Hey in ihrem Beitrag über die jüdische Situation unter französischer Kolonialherrschaft in Nordafrika. In ihrem Beitrag „Vom Colonisé zum Juif“ unterzieht die Autorin Albert Memmis autobiographische Texte einer Analyse zur maghrebinischen Antisemitismuserfahrung. Sie spricht von einer „Parallelisierung der Mechanismen von Kolonialismus und Antisemitismus“ (S. 211), sodass sich die jüdische mit der kolonialen Frage überlappte. „Juden im Maghreb führen somit ein doppelt unterdrücktes Dasein“ (S. 211), schlussfolgert Hey und hebt die „double oppression“ (S. 214) als Zeichen eine „Sonderrolle des Juif colonisé“ (S. 207) hervor.

Der von Hey beschriebe Fall kann insgesamt als Indiz einer von kolonisierten Subjekten erlebten Mehrfachdiskriminierung in jeweils unterschiedlichen Kombinationen (u.a. mit antischwarzem, antiasiatischem, antiarabischem, antimuslimischem Rassismus) beobachtet werden. Entsprechend drückt sich die intersektionale Unterdrückung auch in mehrdimensionalen Schwarzen, arabischen, muslimischen, amazighischen, indigenen und asiatischen Erfahrungen mit dem Kolonialismus aus. Die Annäherung an die jüdische Erfahrung wird bereits in Frantz Fanons Schriften früh deutlich. So behandelte der Psychologe und antikoloniale Denker Fanon die von Memmi beschriebenen „mimikryhaften Assimilationsversuche“ (S. 211), die Selbst- und Fremdwahrnehmungen sowie die sprachlichen und kulturellen Entfremdungen für den Fall des antischwarzen Rassismus an der Schnittstelle zum Antisemitismus.

Die gegenseitige Rezeption der Antisemitismus- und Rassismuskritik ist also vielversprechend und produktiv, wie auch der vorliegende Band beweist. Eine intersektionale und komparative Perspektive erlaubt es, die globale Dimension des Antisemitismus zu erfassen und zugleich das Wechselspiel mit kolonial-rassistischen Denktraditionen offen zu legen. Dass auch andersherum nicht-weiße Gruppen, darunter Schwarze und Araberinnen und Araber, mit antisemitischen Sprachbildern bedacht wurden, erwähnen Davis und Ebner in ihren Beiträgen. Selbst Chinesinnen und Chinesen wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert mit Jüdinnen und Juden verglichen, sie würden die Liebe zum Geld teilen und zudem eine politische Gefahr darstellen, wie Davis erwähnt (S. 63).

Der antiasiatische Rassismus kommt in der komparativen Kritik jedoch insgesamt zu kurz, während der antimuslimische Rassismus nicht berücksichtigt wird. Dabei werden aus dem Antisemitismus bekannte Tropen, darunter Verschwörungstheorien und Anschuldigungen der Lüge, List und Unterwanderung im Topos der ‚Islamisierung' bereits in deutschen Kolonialverhandlungen Anfang des 20. Jahrhunderts heraufbeschworen und explizit auf in deutschen Kolonien lebende Musliminnen und Muslime projiziert [3], ohne dass Davis den Fall berücksichtigt. Auch die Ära um 1492 auf der iberischen Halbinsel als gemeinsamer historischer Knotenpunkt hätte sich für Aragoneses Beitrag „Judaism and Spanish Identities“ angeboten, um intersektionale Überlappungen beider Phänomene und ihre Kontinuität heute aufzugreifen. Im Zuge der reconquista waren Conversos bzw. Moriscos (wie zum Christentum zwangskonvertierte Jüdinnen und Juden bzw. Musliminnen und Muslime und ihre Nachfahren genannt wurden) einer Reihe von Disziplinierungs- und Kontrollmaßnahmen ausgesetzt, die unter den von der Inquisition eingeführten ‚Statuten zur Blutreinheit‘, der limpieza de sangre, in eine Vertreibung nach Nordafrika kulminierte.[4] Zwar gehen Cârstocea und Kovács (S. 26) in der Einleitung des Bandes beim Antisemitismus u.a. von einer „common ground (…) with racism (or present-day Islamophobia)“ aus, ohne jedoch hegemoniale Islamdiskurse in ihren Intersektionen zum Antisemitismus im Sammelband zu berücksichtigen. So steht die wissenschaftliche Praxis weiterhin vor der Herausforderung, den Schnittpunkt aus nebenläufigen Erwähnungen und vorsichtigen Klammern zu lösen und den Austausch mit Studien zum antimuslimischen Rassismus zu intensivieren.

Anmerkungen:
[1] E. W. Said, Orientalism, New York 1978.
[2] G. Anidjar, Semites. Race, Religion, Literature, Palo Alto 2008; I. Attia, Unzumutbare Koexistenz. Rassialisierungsprozesse von Muslimen und Musliminnen in historischer Perspektive, in: B. Uçar/ W. Kassis (Hrsg.), Antimuslimischer Rassismus und Islamfeindlichkeit, Göttingen 2019, S. 125–140; C. S. Davis, Colonialism, Antisemitism, and Germans of Jewish Descent, Ann Arbor 2012; A. Rohde, Der innere Orient. Orientalismus, Antisemitismus und Geschlecht im Deutschland des 18. bis 20. Jahrhunderts, in: Die Welt des Islams 45 (2005) 4, S. 370-411; Y. Shooman, Zur Debatte über das Verhältnis von Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Antisemitismus und andere Feindseligkeiten, Frankfurt a.M. 2016, S.125-156.
[3] O. Z. Keskinkılıç, Die Islamdebatte gehört zu Deutschland. Rechtspopulismus und antimuslimischer Rassismus im (post-)kolonialen Kontext, Berlin 2019.
[4] I. Attila, Den Rassismus gibt es nicht. Zum Verhältnis von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus, in: O. Z. Keskinkılıç / A. Langer (Hrsg.), Fremdgemacht & Reorientiert. Jüdisch-muslimische Verflechtungen, Berlin 2018, S. 21-44.

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Published on
06.11.2020
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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