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Title
Deutsch-amerikanischer Kulturaustausch im 20. Jahrhundert.


Author(s)
Füssel, Karl-Heinz
Published
Frankfurt am Main 2004: Campus Verlag
Extent
328 S.
Price
€ 37,90
Reviewed for H-Soz-Kult by
Thomas Koinzer, Institut für Erziehungswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

„Fremde Freunde“ oder „Ungeliebte Freundschaft“ sind nur zwei der Überschriften, die sich finden, wenn über die deutsch-amerikanischen Beziehungen in Geschichte und Gegenwart des 20. und 21. Jahrhunderts geschrieben wird.1 Karl-Heinz Füssl überschreibt sein Buch schlichter und weniger prosaisch, dafür nennt er dem Leser klar die Eck- und Referenzpunkte seiner Studie: Kulturaustausch, und das auf den großen Feldern der Bildung, der Wissenschaft und der Politik. In der Einleitung konkretisiert er sein Erkenntnisinteresse auf die „wechselseitigen Einflüsse im Bildungswesen [...] und die sie umrahmende Kulturpolitik“ (S. 10). Die Parameter zur Beschreibung und Analyse dieser Begegnungen sind die personalen und institutionellen Kontakte, die sich in Migration, Studienaufenthalten und Wissenschaftskontakten ausdrückten, an denen vor allem deutsche „Amerikafahrer“ unterschiedlicher Zeiten Anteil hatten. Die Darstellung dieser Kontakte und die Bedeutung der Akteure sowie die Untersuchung der institutionellen und wirkungsgeschichtlichen Konsequenzen stehen im Mittelpunkt der Arbeit.

Auch mit der genannten Einschränkung auf das Bildungswesen handelt es sich hierbei um ein Vorhaben von schier unvorstellbarem Ausmaß, bedenkt man zum einen allein die dem 20. Jahrhundert und den deutsch-amerikanischen Beziehungen innewohnenden Zäsuren. Zum anderen ist der Umgang und die analytische Auseinandersetzung mit Begriffen wie Transfer, Austausch und Beziehung eine theoretisch wie methodisch herausfordernde Anstrengung. Die erste Herausforderung nahm Füssl an, um Verlauf und Dynamik dieser Beziehung zu zeigen sowie den die Epochen und politischen Systeme übergreifenden Charakter zu deuten, der in diesen Beziehungen, in ihrer Austauschdimension zu finden ist. Die zweite Herausforderung stellte er sich nicht, sodass Fragen nach den „diskursiven Mustern“ 2 des Transfers und des Einbaus bzw. der Umformung von Perzipiertem und Rezipiertem sowie des personalen Anteils lediglich hypothetisch beantwortet wurden. 3 Am Ende, in einer Art Fazit, nimmt er hierzu kurz Stellung, indem er auf die Logiken des Transfers verweist und als These festhält, dass die „deutsch-amerikanischen Kulturbeziehungen [...] in ihrem historischen Wachstum [...] das Suchkriterium einer assortierten Partnerwahl [aufdecken], dass nämlich die Offenheit für Rezeptionsleistungen in einem Maße zunimmt, wie elitäre Kulturkonzepte randständige Bedeutung erlangen und gesellschaftlich marginalisiert werden“ (S. 277). Auf eine Anknüpfung an bekannte Forschungsfelder (Amerikanisierung, Internationalisierung oder Globalisierung) und deren korrespondierende Paradigmen verzichtet er allerdings völlig.

Die Arbeit ist in die Einleitung und sieben Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel werden die Bildungsbegegnungen vor dem Ersten Weltkrieg beschrieben: deutsche Auswanderung, deutsche Schulen, „Kindergarten“, die amerikanische Beachtung der deutschen höheren Bildung und ihrer Institutionen. Das zweite Kapitel erfasst für die Jahre zwischen 1918 und 1933 die Entwicklung des Wissenschaftsaustausches, vor allem auf personaler Ebene, und einzelne deutsche sowie amerikanische kulturpolitische Entwicklungen. Es folgen zwei Kapitel zur Zeit von 1933 bis 1945. In beiden nimmt die deutschsprachige Emigration in die USA viel Raum ein, vor allem mittels Fallstudien als „originäre Forschung“ unter bildungshistorischen Fragestellungen, die wie der Verfasser herausstellt, bisher zu „stiefmütterlich“ behandelt worden seien (S. 17).4 Aber auch jenen amerikanischen sozialwissenschaftlichen Überlegungen zur Gestaltung Nachkriegsdeutschlands und der Rolle der beteiligten Personen an diesen widmet er größere Aufmerksamkeit. Die folgenden drei Kapitel spannen den Bogen von der amerikanischen Re-education- und Re-Orientation-Politik bis hin zur bundesdeutschen Bildungsreformära der späten 1960er und 1970er-Jahre mit einem starken Akzent auf der Beschreibung der Reisen Deutscher in die USA. Diese Studienreisen wurden, anfangs ausschließlich vonseiten der Amerikaner, mit dem Ziel veranstaltet, vor Ort einen demokratischen Lebensstil und (demokratische) Institutionen im Bildungsbereich kennen zu lernen und beispielhaft nach Deutschland zu übertragen. Für die langen 1960er-Jahre der Bundesrepublik konstatiert Füssl dabei, dass der Austausch „intentional und funktional als Medium der Reformen“ in verschiedenen Feldern des Bildungssystems wirkte (S. 21).

Zum Teil äußerst detailliert beschreibt Füssl Institutionen und Akteure. Deren transferrelevantes Wirken hingegen bleibt bisweilen hypothetisch. Da werden Walter A. Friedländers und Josef Albers’ Leben und Wirken im amerikanischen Exil z.B. sehr ausführlich beschrieben; Theodor W. Adornos und Max Horkheimers Exilzeit nicht. Dies ist möglicherweise unterblieben, da entsprechende Forschungen bereits an anderer Stelle veröffentlicht wurden. 5 Die Trennung der Kapitel ist nicht in jedem Fall nachzuvollziehen. Das gilt sowohl für die beiden Kapitel über die Zeit zwischen 1933 und 1945 als auch für die drei Kapitel zur Zeit nach 1945. Vor allem letztere, schließt man die amerikanische Re-education- und Re-Orientation-Politik aus, weisen häufig wechselseitige Bezüge auf und lassen erst zusammengenommen die von Füssl apostrophierte Dynamik deutscher Amerikaerkundungen und deren Bedeutung für die deutsche gesellschaftliche und besonders bildungssystemische Entwicklung gewahr werden. Der überbordende Detailreichtum hat zur Folge, dass sich die innere Geschlossenheit einzelner Kapitel verwischt. Ausführungen über Austauschorganisationen oder austauschbezogene, jeweils nationale (Bildungs-)Politiken werden unterbrochen von biografischen Notizen über beteiligte Personen. Dabei werden organisatorische und personale Ebenen mitunter lediglich lose verknüpft. Der analytische Raum ist dafür oft zu knapp bemessen oder nahezu vollständig zurück getreten. Die Offenlegung einer dezidierten Austauschdimension und ihres wirkungsgeschichtlichen Horizontes erfolgte eingeschränkt. Karl-Heinz Füssl zeigt aber vor allem den hohen Wert der personalen Struktur des Austauschs, weist den Akteuren eine wichtige Rolle zu und stellt nicht zuletzt damit ein enormes Anregungspotential für weiterführende, sich auf ausgewählte Aspekte und Bereiche des Austauschs konzentrierende Arbeiten bereit.

Anmerkungen:
1 Vgl. Schmiese, Wulf, Fremde Freunde. Deutschland und die USA zwischen Mauerfall und Golfkrieg, Paderborn 2000; Thomas Schmid in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Nr. 23 vom 6. Juni 2004.
2 Steiner-Khamsi, Gita, Transferring Education, Displacing Reforms, in: Schriewer, Jürgen (Hg.), Discourse Formation in Comparative Education, Frankfurt am Main 2000, S. 155-187.
3 Vgl. die quellenkritischen Bemerkungen zu den „Amerikafahrern“ des Studienbüros für Politische Bildung in Albrecht, Clemens u.a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999, S. 425f.
4 Über die deutschen Emigranten am Black Mountain College, eine hier vorgestellte Fallstudie, vgl. auch Füssl, Karl-Heinz, Kreative Pädagogen am Black Mountain College. 1933-1949. Bauhausmeister Josef Albers – Ein Pestalozzianer im amerikanischen Exil, Bildung und Erziehung 56 (2003), S. 3-22; Füssl, Karl-Heinz, Alice in Wonderland. Deutschsprachige Künstler am amerikanischen Black Mountain College (1933-1956), in: Spalek, John; Feilchenfeld, Konrad; Hawrylchak, Sandra (Hgg.), Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, Bd. 3: USA, Teil 4, Zürich 2003, S. 532-557.
5 Vgl. Wiggershaus, Rolf, Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, Bedeutung. München 1986; Homann, Harald, Die Frankfurter Schule im Exil, in: Albrecht u.a. (wie Anm. 3), S. 57-77.

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08.12.2004
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